Abergläubisch.

Oktober 2006

In großen Hotels, so sagt man, gibt es oft keine Stockwerke mit der Nummer 13. Die Fahrstühle halten im 12. Stock – und danach erst wieder im vierzehnten. Wer wollte schon freiwillig ein Zimmer auf der 13. Etage bewohnen? Bei der Deutschen Bahn nimmt man nur teilweise auf abergläubische Kunden Rücksicht. Zwar gibt es auch in ICEs nie einen Wagen mit der „Ordnungsnummer“ 13, dafür hat man aber dem neuen Berliner Hauptbahnhof ein Gleis Nr. 13 spendiert. Der Bahnhof drumherum ist wirklich schön geworden. Ein Palast aus Glas und mattem Stahl, inklusive Parkhaus und Einkaufszentrum. Steht man auf der obersten Ebene der Ladenzeilen und schaut innen am Geländer herunter auf den im Keller liegenden Nord-Süd-Bahnsteig, dann sollte man keine Höhenangst haben. Die ein- und ausfahrenden Züge sehen aus wie Spielzeugeisenbahnen und den umherlaufenden Bahnaufsichtsangestellten meint man genau auf die rote Mütze drücken zu müssen, die von oben aussieht wie ein Not-Aus-Schalter. Wenn man während der Blicke in die Tiefe doch leicht schwindelig wird, dann bleibt als Alternative immer noch besagtes Gleis 13: Das liegt ganz oben direkt unter dem Glasdach und hier zahlt es sich nun aus, dass Herr Mehdorn aus Zeitgründen das eigentlich die Bahnsteige komplett überdachen sollende Glasgewölbe ein paar Meter kürzer bauen ließ. Denn so werden Erste-Klasse-Reisende bei Regen zwar nass, dafür aber bildet Gleis 13 nun eine einzigartige Aussichtsplattform, auf der man einen wunderschönen Blick auf die Silhouette Berlins genießt.

Geht man auf Gleis 13 ganz nach hinten (nach Westen, nicht da, wo die Vattenfall-Leuchtreklame hängt, sondern in Richtung der Berliner-Morgenpost-Plane) und setzt sich auf die letzte der Sitzgruppen, dann hat man den besten Blick in Richtung Süden. Links der Fernsehturm, schräg geradeaus die Schweizer Botschaft und dahinter der Reichstag, ganz rechts kann man besten gegen Abend beim Sonnenuntergang die Siegessäule vor einem atemberaubenden Himmel funkeln sehen und ganz links machen die Züge und S-Bahnen einen herrlich langgezogenen Bogen, bis sie dem Bllickfeld entschwinden und in den Bahnhof ein- bzw. in Richtung Alexanderplatz weiterfahren. Der einzige Nachteil an Gleis 13: wenn auf Gleis 11 oder 12 ein ICE hält, dann hat man nur noch einen Panoramablick auf einen ICE. Das kann einem auf Gleis 11/12 zwar nicht passieren, dafür sieht man von dort dann die Siegessäule nicht mehr. Wie dem auch sei, jedenfalls ist es kein Vergleich mit dem Bahnhof Zoo, von wo man nur ein paar Bäume des Zoologischen Gartens, den Busbahnhof und immerhin auf gleicher Höhe die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bestaunen konnte.

Auffallend ist übrigens erstaunlicherweise, dass sich mit der Verpflanzung des Bahnhofes aus der „City West“ in die Brache um das Regierungsviertel auch die Klientel geändert zu haben scheint. Arme Gestalten, die sich zwischen Stehpizza und Würstchentresen aufwärmen, gibt es nicht mehr. Bestimmt gibt es sie noch, aber nicht im Hauptbahnhof. Diverse Straßenzeitungen bekommt man beim Warten zwar immer noch angeboten, aber selbst hier nicht mehr von sichtlich gekennzeichneten Gestalten, sondern von beinahe elegant gekleideten Herren und Damen, die auch als Verkäufer am Croissant-Stand durchgegangen wären. Oder als „Automaten-Servicekräfte“, die im Zweierteam den überforderten Bahnkunden dabei helfen, die neuen Fahrkartenautomaten zu bedienen. Fahrkartenautomaten, an denen man nach der Wahl der Reiseroute nur noch ein Stück Papier ausgedruckt bekommt, mit dem man an einem weiteren Automaten bezahlen darf und erst dann die eigentliche Fahrkarte bekommt. Es ist letztendlich einfacher, als es klingt, aber ein getrennt arbeitendes Automatensystem aufzustellen, nur damit man dann zusätzliches Personal benötigt, das die Menschen an die Hand nehmen muss, damit diese das System dahinter überhaupt durchschauen… man mag gar nicht wissen, wer und warum sich das jemand ausgedacht hat. Als Kundenservice sollte man es jedoch tunlichst nicht verkaufen. Nur nebenbei erwähnt, von den sechs vorhandenen „echten“ Schaltern, mit „echtem“ Personal sind zur gleichen Zeit nur drei besetzt. Berlin, Bundeshauptstadt, Hauptbahnhof. Wieviele regelmäßig besetzte Schalter haben die „Reisezentren“ in München und Hamburg? Egal, wer zur Berliner „central station“ kommt, der will sowieso nicht Zugfahren, sondern die Atmosphäre atmen, die Perspektiven bestaunen – und einkaufen. Wir sehen uns auf Gleis 13.

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