Warum man die Heilsarmee nicht in der S-Bahn trifft

Dezember 2006

Im Berliner Nahverkehr hat man eigentlich nie seine Ruhe. Sei es wegen Straßenzeitungsverkäufern, Fahrkartenkontrollen, berauschten Mitreisenden (die unvermittelt anfangen, ihre nächste Umgebung anzubrüllen, weil sie im zusteigenden Fahrgast nicht einen zusteigenden Fahrgast, sondern Al Capone oder Napoleon zu erkennen glauben, welche gefälligst einen Stadtplan dabeihaben sollten – der Berliner Untergrund kann manchmal der skurrilste Platz der Welt sein). Oder einfach wegen des Kreischens des sich aneinander reibenden Metalls der Räder und Schienen. Städte wie Paris werden schon wissen, weshalb sie ihre Metros auf Gummirädern anstatt auf Stahl fahren lassen.

Besonders die S-Bahn-Musikanten, die inzwischen aus keinem Zug mehr wegzudenken sind, verhindern eine gänzlich ungestörte Fahrt. Man müsste schon in jedem Waggon eine Aufsichtsperson mitfahren lassen, um Violinisten, Gitarristen, Flötisten und ganze Blasorchester aus den Berliner Bahnen fernzuhalten. Da demnächst jedoch sogar die Bahnsteige ohne Personal auskommen, ist mit nachhaltigeer Entfernung von Akustikstörern im Nahverkehr in nächster Zeit nicht zu rechnen.

Außer, es ist Weihnachten. Und außer, Sie sind 12 Jahre alt. Wenn Zwölfjährige sich an Heiligabend in der S-Bahn hinstellen und die Allgemeinheit mit „O du fröhliche“ auf der Trompete zwangsbeschallen erfreuen, ja dann, nur dann traut sich ein einziger S-Bahn-Fahrer ein einziges Mal im Jahr, den Musikschüler anzuschnauzen – erst lautstark durchs Führerhäuschen, dann über die Zuglautsprecher, damit auch ja alle die Demütigung mitbekommen, dass etwas gegen Musizieren im öffentlichen Nahverkehr getan wird. Wir alle können dankbar sein für diesen heldenhaften Serviceeinsatz.

Doch entweder leben wir heute in anderen Zeiten, oder Berliner Kinder sind tatsächlich so kesse und rotzfreche Gören, als die sie uns das Klischee verkaufen will. Oder sie haben bereits mehr Erfahrung mit schlechtgelauntem Personal im Wochenend- und Feiertagseinsatz gesammelt. Denn unser Zwölfjähriger sammelte trotz des waschechten Berliner Anschisses seelenruhig Geld ein, stieg grinsend in den nächsten Wagen – und blies weiter, was die Lungen hergaben. Ein echter Profi. An aufmunternden „Du hast toll gespielt, lass Dir nichts sagen…!“-Zusprüchen der Bahninsassen mangelte es genausowenig wie an deren Spendenbereitschaft, und so sind dieses eine Mal in der S-Bahn wenigstens an Weihnachten doch noch alle glücklich geworden.

Was hätte der „Triebwagenführer“ wohl unternommen, wenn es nicht ein Musikschüler, sondern die Heilsarmee gewesen wäre, die Lärm gemacht hätte? Nichts, denn die hat Armeeangehörige zwar ebenfalls mit Blasinstrumenten im Einsatz, die jedoch nicht in S-Bahnen, sondern in der Adventszeit vor ausgewählten Kaufhäusern mit weihnachtlichem Liedgut zum Einsatz kommen. Zumindest an ausgewählten Tagen. Meistens sieht man jedoch nur den einzelnen Leierkastenmann, der neben dem aufgestellten Spendenkessel die Drehorgel spielt. Nicht weiter auffällig – nicht nur zur Weihnachtszeit kann man in Berlin den ein oder anderen Drehorgelspieler entdecken – wäre da nicht das geänderte Erscheinungsbild. Sah man die Heilsarmee bislang nur Uniformen von gedeckter Farbe tragen, so hat man offensichtlich zwischenzeitlich modernisiert: der orgelnde Soldat trug eine knallige Rettungsweste in gelb und orange, wie man sie von Feuerwehr und Rettungsdienst kennt. Auf der Rückseite in reflektierenden Lettern der Schriftzug: Heilsarmee. Cool.

Fröhliche Weihnachten!

Comments are closed.