Rundumdieuhrshoppen noch nicht im Möbelhaus

November 2007

Der gefährlichste Arbeitsplatz in Berlin ist derzeit nicht S-Bahn-Fahrer, Polizist oder Eisenbärenbändiger im Zoologischen Garten – sondern Möbelhaus-Kassierer in blau-gelb. Nanu, Kassierer in einem schwedischen Möbelhaus soll gefährlich sein? Bestimmt wäre der Job nicht gefährlicher als in der kalten Jahreszeit an anderen Kassen mit Kundenkontakt, doch das Management beim schwedischen Möbelhaus hat sich etwas ganz Neues einfallen lassen, das die armen Kassiererinnen und Kassierer in den Wahnsinn treibt – zumindest, wenn sie an den Kassen kassieren, an denen nur noch mit Karte gezahlt werden kann:

Die Kunden, so offenbar die Idee, stellen sich mit ihren Regalbausätzen, merkwürdigen Küchenutensilien und Alibipflanzen ganz am Ende einer langen Schlange an, warten, bis sie an die erste Stelle vorgerückt sind – und zahlen dann an wenigen Kassen entweder mit Karte oder Bargeld – oder an viel mehr Kassen ausschließlich mit Karte.

Natürlich funktioniert das System in der Praxis mal wieder nicht wie es soll, denn die Schilder, die die ganze Zeit über über den Kassen hängen und diese als Nurkartenzahlerausgang – oder eben nicht – kennzeichnen, sind erst dann zu entziffern, wenn der gutgelaunte Kunde schon gefühlte Stunden in der falschen Kassenschlange gewartet hat. Falls sie nicht sowieso wegen aufdringlicher Hotdogwerbung schon viel eher visuell untergegangen sind. Nicht wenige Einkäufer bemerken die falsche Kassenwahl erst, nachdem sich das Personal weigert, Geldscheine anzunehmen.

Im Gegenzug genießen die Kunden regelrecht die unerwartete Gelegenheit, sich mal so richtig verbal aufregen zu dürfen und freuen such merklich, den ganzen aufgestauten Frust über zuviele andere nervende Menschen, aufgeheizte Ausstellungsflächen, fehlende Artikelnummern oder das ständige Geduztwerden kumulativ an den Kassen abladen zu können.

Dass an jeder einzelnen Kasse auch noch ein Schild klebt, das erklärt, dass man hier selbstverständlich mit allen gängigen Karten – und natürlich Bargeld – zahlen könne, vermag auch nicht zur Deeskalation beizutragen. Den alleingelassenen Kassierern bleibt nichts anderes übrig, als darum zu bitten, sich nocheinmal von vorne woanders anzustellen. Dass es dabei bislang noch keine Toten gegeben hat, ist erstaunlich.

Vielleicht ist dieses erhöhte Gefährdungspotential der Ausgleich dafür, dass woanders nun rund um die Uhr gearbeitet haben muss. Für die Internetgemeinschaft hat zwar ein bloggender Einzelhändler aus Bremen damit angefangen, doch auch in Berlin ist man schnell auf den Trichter gekommen, die Kunden doch auch nach 22 Uhr noch ausnehmen zu können:

Einkaufen um 3 Uhr nachts – kein Problem mehr in vielen größeren Supermärkten. Ein bisschen erinnert das nächtliche Einkaufserlebnis an Flughafenterminalszenerie aus Stephen Kings Langoliers – abgeschaltete Dudelmusik, leere Gänge und ein ganz merkwürdiges Gefühl, als stünde man als der letzte Mensch in einer riesigen Kathedrale, in der jedoch der Teppichboden allen Schall verschluckt – doch dafür wird man mit Gratiskaffee entschädigt. Wahrscheinlich, damit man noch solange wachbleibt, bis man an der Kasse durch ist.

Größere Nebenwirkungen scheint es hier außer der Schaffung von zahlreichen zusätzlichen Studentenjobs aber noch nicht gegeben zu haben, nur eines hat man bei der nahezu völligen Freigabe des Ladenschlusses nicht bedacht: draußen angebundene Hunde bellen auch in der Nacht ungeniert nervzerreißend nach Frauchen, das sich gerade nicht zwischen Thunfisch- oder Mozarellapizza entscheiden kann. Mietminderungen wegen Supermarktnähe dürften bald keine Seltenheit mehr sein.

Egal, eigene Kühlschränke wirken in Berlin nun fast unpraktisch – in die Ladengefriertheken passt einfach mehr rein.

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