„Ein Tor könnte dieses Spiel entscheidend verändern.“ Ach.

Juli 2008

Was passiert mit Leuten, die mit Fußball, vorsichtig ausgedrückt, eher weniger anfangen können? Sie leben dummerweise zufällig in Städten, in denen die deutsche Bevölkerung die Schlacht vom Teutoburger Wald vergessen macht, wenn ihre Mannschaft um die Europameisterschaft spielt. Je näher diese Mannschaft Richtung Finale rückt, desto unangenehmer wird es für diese Leute.

Da sitzt man z.B. in der gemütlichen Sommerabendsonne am Potsdamer Platz vor einem kleinen Bistro und hat sich eine Pizza bestellt. Und just in dem Moment, als man den Basilikum aus dem Mozzarella fischt, schaut einem auf einmal die gesamte übrige Gästeschaft, die Bedienung, sowie die restliche Straße direkt ins Essen. Dabei hat man weder etwas Sehenswertes gesagt oder getan, sondern sich sich lediglich mit dem Rücken zum Bistropanoramafenster gesetzt, dummerweise jedoch übersehen, dass in diesem auch ein Großbildmonitor hängt, der dummerweise plötzlich mit der Übertragung des Spiels Russland – Holland begonnen hat. Public Eating. Es lässt sich nicht genau sagen, was unangenehmer ist: für alle Welt erkennbar demonstrativ mit dem Rücken zum Geschehen zu sitzen und in die kindgleich entzückten, in freudiger Erwartung harrenden Gesichter der auf den Schirm Starrenden zu schauen – oder die Starrenden, die bei jeder verpassten Chance Töne von sich geben, als seien sie gerade in eine Seeigel getreten.

So, wie sich die Deutschen nach einem Sieg gebärden, scheint Fußball ein einziger großer Kompensator zu sein, die Garantie dafür, dass Deutschland nicht wieder Polen überfällt: alle Aggression, aller Freudentaumel, die Euphorie, die auf die Straßen getragen wird, der Jubel, die Kriegsgeräusche: bereits verbraucht mit jedem Sieg der Fußballnationalmannschaft. Dann also dem Weltfrieden zuliebe doch lieber Fußballfans ertragen. Doch handelt es sich mitnichten um ein deutsches Phänomen: Kroaten und Türken feiern in der Hauptstadt nicht weniger fanatisch. Doch ganz unabhängig davon, welche Nationalität gerade auf der Straße zelebriert wird – man möchte den frenetisch Feiernden einfach zurufen „Hey Leute, nicht ihr habt gewonnen, sondern die Typen auf dem grünen Rasen da“, alternativ einfach „Helau!“ oder, um es mit Bernd dem Brot zu sagen: „Geht – nach – Hause!“ Egal, halten wir einfach mal fest: Türkische Fans haben die dickeren Autohupen und deutsche Fans investieren mehr Geld in verbotenes Feuerwerk. Und Taxifahrer fahren mit allen Fähnchen gleichzeitig: Deutschland, Türkei, Polen und Kroatien.

In Berlin gibt es also kaum eine Chance, dem Trubel zu entkommen. Da muss doch irgendwas dran sein, dass gefühlte 100 Prozent der Bevölkerung regelmäßig ausflippen, wenn irgendwo auf der Welt Fußball gespielt wird. Sport macht man, aber man schaut doch nicht überbezahlten (hier spricht der Neid) Euromillionären zu, wie sie um die beste schauspielerische Leistung beim Foulen wetteifern (hier spricht die rhetorische Fragestellung). Darum ergibt man sich dieses Mal einfach in sein Schicksal und macht mit: Freunde schleppen einen in den Biergarten mit Großbildleinwand, dorthin, wo man vor lauter Leuten immer nur die Ränder oder den Mittelteil des Spielfeldes gleichzeitig sehen kann – je nachdem, wo gerade Sichtachsen freiwerden. Zum Halbfinale Deutschland – Türkei. Ausgerechnet. Wohlgemerkt: In Berlin. Ausgerechnet. Ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold, nur mitten rein hat sich todesmutig ein Dutzend Halbmondfahnenträger verirrt, das gerade noch rechtzeitig verhindern kann, von ein paar Mädels mit deutschfarbiger Schminke verziert zu werden. So wird das nichts mit Integration und Leitkultur. Triumphiernde Blicke von dort, als die Türkei das erste Tor schießt. Hämische Blicke zurück, als der erste Ausgleichstreffer fällt.

Und schon ist es passiert, Gruppendynamik, Mitfiebern, Taumel, Tore. Unversehens ist man zum Mitläufer geworden, erwischt sich dabei, wie man fasziniert dem Ball folgt, kann man dem Geschehen auf einmal etwas Unterhaltsames abgewinnen. Nicht nur soziologisch motiviert, sondern tatsächlich durch das Hin- und Herschießen eines Stückchen Leders, das heutzutage längst aas synthetischem Hightechmaterial besteht, auf bemitleidenswertem Rasen. Man lässt sich die Abseitsregel und die Bedeutung der Kapitänsbinde erklären. Später ertappt man sich, wie man Informationen zu Spielregeln nachschlägt und Hintergründe zu den Akteuren recherchiert. Verdammt.

Beim Bildausfall sitzen dann wieder alle im selben Boot. Und nach dem Spiel haben überraschend alle gewonnen. Jeder ist guter Laune, es gibt keine sichtbare Enttäuschung. Die Türkinnen und Türken stellen erstaunlich schnell auf deutsche Fähnchen um und feiern nun einfach bei ihrer Wahlheimat mit. Deutsche Geschäfte gehen trotz lange vorbereiteter Pressekampagne nicht in Flammen auf und auch dem in türkisches Tuch gehüllten Cabrio passiert während des Autokorsos nichts. Selbst dem leicht überalkoholisierten blonden Deutschlandfan, der der Gruppe der sechzehnjährigen Türkeifans lautstark „Ihr seid Verlierer! Ihr seid Verlierer!“ entgegenbrüllt, passiert nichts außer dem Ernten mitleidiger Blicke der über den Dingen stehenden Türken. Der Ku’damm muss gesperrt werden, die Straßen sind vor ausgelassenen Menschen nicht mehr zu erkennen. Die U-Bahn-Anzeigetafeln melden statt der üblichen „Richtung Rathaus Steglitz 2 Min“ nur lapidar „Bitte Geduld“, Linienbusse bleiben stecken (einzelne Fahrer zeigen den Fans den Mittelfinger) und Taxis sind sowie gar nicht erst zu bekommen – aufgrund Fahrermangels. Fußball geht vor.

Negativ in Erinnerung bleibt jedoch nur, dass am nächsten Tag der türkischstämmige Busfaher auffallend schlechte Laune hat, allen die Vorfahrt nimmt und gebrechliche Seniorinnen anschnauzt, die ihm nicht schnell genug von der Straße kommen.

War das also schon der Höhepunkt? Oder wird zum Fiiii-naaaa-le doch noch Schlimmeres passieren? Es war der Höhepunkt. Die deutsche Mannschaft war zwar auch im Finale, aber nur die Spanier spielten Fußball. Somit war es eine überaus angenehme, ruhige Nacht. Danke, Spanien! Dass Deutschland nicht Europameister wurde, lag allerdings einzig an den Fans im Wiener Stadion: Wie kann nur, während Ballack und Co. aufs spanische Tor zustürmen, andauernd gröhlen: „Olé, olé, olé-olé-oléeee!!!“?

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