Berliner Flughafensterben

Mai 2008

Tempelhof darf sterben. Die „Mutter aller Flughäfen“ wird sich demnächst einreihen dürfen in die Reihe der altehrwürdigen Gebäude, die nicht mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung dienen; ein Schicksal, das bereits viele Stätten einst betriebsamen Verkehrsgewusels ereilte. Ob Hamburger oder Lehrter Bahnhof, ganze Straßenzüge oder Bahnlinien, die seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf liegen – nun ist zum ersten Mal ein ganzer Flughafen an der Reihe, der damit ein weiterer Teil all dieser historisch-morbiden Infrastrukturpuzzleteilchen wird, für die Berlin berühmt ist und die seinen Charme ausmachen.

Endlich, möchte man sagen. Am Zentralflughafen Berlin-Tempelhof hängen viele Erinnerungen und Symbolträchtigkeiten: zunächst unbefestigter Landeplatz für Zeppeline, dann steingewordenes Monument des Weltherrschaftsanspruches des Nationalsozialismus als ein erster Baustein Germanias, später alliierter Militärflughafen und Drehscheibe der Rosinenbomber während der sowjetischen Berlinblockade. Doch zuletzt kam dem ehrfurchtsgebietenden Lufthafen ein Aufgabe zu, die seiner Würde nicht mehr entsprach: Startbahn für Leichtflugzeuge, Sport- und Businessflieger. Ein monumentaler Flugplatz – degradiert zum Provinzlandeplatz, wie man ihn vor jedem größeren Dorf finden könnte. Moderner Flugbetrieb mit Hochglanz-Check-in-Schaltern, geschäftigen Anzugträgern in der Halle und Erfrischungsgetränkereklame – all das zerstörte das einmalige Flair dieses Ortes, an dem man im Stillen hoffte, auf einen Charles Lindbergh oder Reinhard Mey in ledernem Fliegeroutfit zu treffen.

Ein Volksbegehren zum Erhalt des Flugbetriebes ging in die Windhose – kein Wunder, stellten die Flughafenunterstützer doch die riesigen Plakatwände , die den provinziellen Flugbetrieb retten sollten, mit der plakatierten rhetorischen Frage „Provinz oder Weltstadt“ ausgerechnet in den provinziellst wirkenden Teilen der Stadt auf. Tempelhof und sein unmittelbares Umfeld wirkten ohnehin schon seit Jahren nicht mehr weltstädtisch, eher wie ein notgedrungenes Provisorium, ganz so, als hätte man im Ägyptischen Museum weiterhin Nilrundfahrten angeboten. Die Mehrheit der Berliner hat sich durch Fernbleiben von der Abstimmung richtig entschieden: für einen weltstädtischen, modernen Flughafen vor den Toren der Stadt – etwas, was vor knapp 70 Jahren auch Tempelhof einmal war – und dafür, den alten Reichsflughafen endlich die Ruhe zu gönnen, damit er nach seiner Pensionierung endlich wieder zu neuer, glanzvoller Blüte wie zu alten Zeiten gelangen kann. Dass er künftig statt Kurzstreckenreisenden und Freizeitfliegern Event-Gastronomie oder ein Museum im Bauch haben wird, dürfte ihn selbst recht wenig stören, genauso wie die Anwohner, die sich schon jetzt auf die Reduzierung des Fluglärms gen Null freuen. Nur der Privatjetbesitzer und der flüchtige Besucher werden das majestätische, in die Nacht strahlende Leuchtfeuer vom Kontrollturm vermissen. Dafür werden es in Zukunft vermehrt die Wissensreisenden sein, die dem Zentralflughafen einen Besuch abstatten – eine Entwicklung, die Berlin letztendlich wirkliche Weltstadtqualitäten verleiht.

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