Aufzug des Grauens

Mai 2010

Großstädte haben so ihre Eigenarten. Kennt man in Kleinstädten die Einkaufszentren von der Grünen Wiese, drängen sie sich in der größeren Stadt mitten ins Zentrum. Und dabei nicht nur ins Zentrum, sondern auch im Zentrum, denn wo ein Einkaufszentrum steht, lässt die Neueröffnung eines zweiten oder gar dritten direkt daneben nicht lange auf sich warten.

Wenn dann auch noch die Stadt – wie etwa Berlin – aus mehreren Zentren besteht, dann ist die Metropole auf einmal mit einem dichten Netz aus Einkaufszentren überzogen, noch bevor man Bebauungsplanfestsetzungsbeschlussversammlungeinberäumungsterminzusage buchstabieren kann.
Am Potsdamer Platz etwa hat man neben die „Arcaden“ gleich noch das „Sony Center“ gepflanzt, auf die Spitze treibt es allerdings die Schloßstraße im Südwesten Berlins. Dort gab es seit den 80er Jahren genau ein Einkaufszentrum, das „Forum Steglitz“. Dann riss man das nebenstehende Hertie-Kaufhaus aus den 60ern ab und baute dort auf 3 Etagen das Schlossstraßencenter. Kurz darauf kam auch noch „das Schloß“ hinzu, mit quasi schon wieder denselben Geschäften wie in den anderen beiden Centern auch. Nimmt man noch den Gebäudekomplex am Bierpinsel mit Hugendubel, Saturn und Post hinzu, kommt man auf sage und schreibe vier Einkaufszentren in relativer Nachbarschaft.

An denen man schier verzweifelt, denn man findet die Geschäfte darin einfach nicht mehr. War H&M jetzt im rechten oder linken Center? Die Apotheke im 2. Stock rechts oder nebenan im Untergeschoss links? Hat das Zentrum, in dem ich gerade stehe, nun einen Schreibwarenladen oder doch nicht? Pizzeria, Supermarkt, Aldi, Kaiser’s oder Lidl? Manche Geschäfte scheinen sowas geahnt zu haben und erstrecken sich daher gleich über mehrere Etagen – die Trefferquote wird höher. Ein neues Berufsbild ist im Entstehen: Einkaufszentrennavigator. Bis es soweit ist und die ersten Shoppingführer ihre Ausbildung abgeschlossen haben, kann man vielleicht mal den lamahaardeckenbedeckten Panflötenspieler vor dem Center fragen, ob er auch den Sherpa-Guide gibt.

Doch nicht jede Einkaufsmeile duldet unangemeldete Folkloristen, daher irren Heerscharen von Kaufwilligen verzweifelt über die Rolltreppen und drücken auf gut Glück im Fahrstuhl gleich alle Knöpfe für jede Etage, weil sie ja doch nicht genau wissen, wo sie hinmüssen. Dabei können es gerade die Fahrstühle in sich haben. Mancher fährt nicht in jedes Stockwerk, sondern lässt beispielsweise ein Untergeschoss aus: Zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoss, kein Ausstieg, 2. Untergeschoss. Wer ins erste Untergeschoss will, muss sich einen anderen Aufzug suchen, die es z.B. noch in den Geschäften selbst gibt.

Das merkt man natürlich nicht sofort, sondern erst, nachdem man in einem Anflug von altruistischer Hilfsbereitschaft, welche man tunlichst stets dem professionellen Personal überlassen sollte, ein umherirrendes Pärchen samt Kinderwagen mit dem Fahrstuhl in genau jenes Untergeschoss geschickt hat, in dem man aus dem Lift nicht aussteigen darf. Entweder haben sie’s auch noch gemerkt – oder aber in einem Berliner Einkaufszentrum fährt noch heute im Fahrstuhl eine Zombiefamilie auf und ab.

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