Süßes oder Saures? – Halloween in West-Berlin

Oktober 2010

Weshalb sich so viele Erwachsene gegen Halloween stemmen („… hör‘ mir bloß auf damit!“) ist unbegreiflich. Dass das (Kinder-)Fest über keltische Umwege aus Amerika kommt („…muss man denn jeden Sch… aus den USA mitmachen?“), kann in heutiger Zeit jedenfalls kein Argument mehr sein. Willkommen im globalen Dorf. Es muss der Neid sein, dass man damals so etwas noch nicht hatte und als Kind nur zum Geburtstag, Weihnachten und Ostern Süßes bekam.

Dabei ist das Schlimmste an Halloween in Deutschland nicht, dass es überhaupt existiert, sondern, wenn hierzulande zu wenig Kinder mitmachen – und man am Ende auf seinen bereitgestellten Süßigkeiten sitzenbleibt. Das wiederum ist ausgleichende Gerechtigkeit für die einst zu kurz gekommenen Erwachsenen, für die es nie ein Halloween gab. So schnell, wie wenn man allen zu verteilenden Zuckerkram einfach selbst behält, hätte man seine Tüte damals nie vollbekommen.

Obwohl jedes Jahr mehr Kinder mit zu füllenden Tüten unterwegs sind, hat sich eine typisch deutsche Halloween-Kultur noch nicht entwickelt. Impulse für Halloween senden vor allem der Lebensmitteleinzelhandel und das von US-Formaten geprägte Privatfernsehen – kein echtes Halloween ohne Simpsons-Halloween-Sonderfolge. Das Treiben am 31. Oktober besteht dann auch aus einem bunten Haufen verkleideter Individualisten: Elfjährige in schwarzen Tarnklamotten mit Scream-Masken, Achtjährige mit Harry-Potter-Zauberhüten, schüchterne Sechsjährige ganz ohne Verkleidung, die an der Hand von Papi nicht so recht wissen, ob sie das alles wirklich gut finden sollen.

Richtig gefährlich, fast lebensgefährlich, wird‘s, wenn man am 31. in der Dämmerung selbst unterwegs ist, zum Beispiel in den Parkanlagen. Man erkennt im Dunkeln, zwischen den mächtigen Bäumen und den ausgefallenen Laternen, erst im letzten Moment, ob die zwielichtigen Typen, die sich da die Kapuzen über den Kopf gezogen haben, nur eine Gruppe von harmlosen Joggern sind, oder doch eine Horde Grundschüler, die höflich nachfragen: „Soll ich Dir die Eier abschneiden?“ Masken machen eben doch mutig.

Doch der Kern von Halloween ist natürlich das Klingeln an den Haustüren unter Verwendung des Zauberspruchs „Süßes oder Saures!“, mit welchem die Opfer bedacht werden, die todesmutig öffnen. In Berlin zählen dabei ganz praktische Gesichtspunkte. Hauptstraßen, Mehrfamilienhäuser und besonders Hochhäuser werden bevorzugt. Diese versprechen hohe Beute bei minimalem Aufwand. Auch Hexen und Monster denken heute ökonomisch.

Im besten Fall haben die Bewohner schon gewartet, tun ob der gruseligen Verkleidungen ganz furchtbar ängstlich, erschrocken und überrascht und halten die begehrten zuckerhaltigen Devotionalien bereit. Im nicht ganz so besten Fall sind sie tatsächlich überrascht, treiben auf die Schnelle aber von irgendwoher doch noch ein paar Bonbons und Schokoriegel auf. Und im wirklich gar nicht mehr guten Fall öffnet ein irritierter Rentner und fragt, ob man Fasching verpasst habe.

Wer gewitzt ist oder Halloween partout nicht ausstehen kann, sieht die ganze makabere Veranstaltung von der praktischen Seite. Es gibt keinen geeigneteren Zeitpunkt, um die ekligen Kekse von Tante Käthe, die zerbröselnden Karamellbonbons, die liegengebliebenen Mini-Ritter-Sport-Täfelchen oder all die anderen Süßwaren, die man selbst nicht mag, aber seit Ostern und Weihnachten noch immer im Küchenschrank rumliegen hat, loszuwerden.

Wer nicht öffnet und Glück hat, bei dem ziehen die Gruselgestalten einfach weiter. Wer Pech hat, findet am nächsten Morgen mit Kleister verklebte Klingelbretter oder Abfälle im Briefkasten vor. Doch was auch immer passiert, festzuhalten ist: In jedem Falle handelt es sich bei Halloween um die legalisierte Form der Klingeljagd. Einmal im Jahr darf man unerkannt auf alle Klingelknöpfe gleichzeitig drücken – und wird dafür sogar noch belohnt.

Happy Halloween!

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