Das Tempelhofer Feld ist wieder ein Feld.

Oktober 2012

Noch nicht lange her ist es, dass hier, mitten in der Stadt auf dem grünen Kringel, der Berlin auf Stadtplänen wie einen großen Donut aussehen lässt, Flugzeuge landeten. Schon lange nicht mehr die großen Linien- und Passagiermaschinen aus aller Herren Länder, aber doch noch die Learjets der europäischen Geschäftsreisenden, die kleinen Kurzstreckenflugzeuge und die Cessnas der Privatflieger. Reinhard Mey landete hier regelmäßig, wenn er aus den grenzenlosen, freiheitsgarantierenden Wolken wieder hinabstieg in das beschränkende Berliner Häusermeer. Im Jahr 2008 war Schluss. Der Flughafen Berlin-Tempelhof wurde nach Jahren der unwürdigen Nutzung als Regionalflughafen entwidmet und in seinen verdienten Ruhestand geschickt. Nun endlich liegt der Flughafen majestätisch-geruhsam im Dornröschenschlaf und strahlt eine Aura aus, wie sie nur Orte innehaben, die viel erlebt haben, aber in der Gegenwart nicht mehr als Alltagsgegenstand behandelt werden. Jetzt ruht der Flugbetrieb und mit ihm legt sich die Geschichte schlafen – und wird doch dadurch erst erfahrbar. Man spürt den Hauch der Vergangenheit, erahnt die Zeiten, als hier waghalsige Pioniere die ersten Versuche mit Fluggeräten unternahmen oder die großen Luftschiffe landeten.

Das Flugfeld hingegen, die von den beiden Landebahnen gehaltenen Wiesen, bieten nicht länger nur bodenbrütenden Vögeln ein Refugium, sondern der gesamten Stadt. Ein Schritt aus dem Großstadtdschungel hinaus, hinein in das Tempelhofer Feld, offenbart den Berlinern eine Weite, die sie zuvor allenfalls auf dem Fernsehturm erahnen konnten. Im Hintergrund das alte Flughafengebäude mit Vorfeld, am Horizont verschwimmen die Häuser und Bäume. Die S-Bahn fährt sicht-, aber kaum hörbar am Rande vorbei. Ein stetiger, ungewohnter Wind weht einem entgegen, während man weiter ins Feld hineinläuft und sich verwundert in der Entfernung verschätzt. Je länger man läuft, desto kleiner wird das Zurückgelassene, doch die Silhouetten auf der gegenüberliegenden Seite wollen weiterhin einfach keine rechten Konturen annehmen. Man läuft und läuft und läuft, und steht doch immer noch nicht in der Mitte des Feldes, das seine Dimensionen erst jetzt richtig offenbart. Der Himmel scheint die Stadt zu verschlingen, nichts stört den Blick in die Wolken. Die Menschen am Rande sind einfach verschwunden, winzig klein und weit weg wirkt die umgebende große Stadt. Es gibt nur wenige Orte, an denen man das Gefühl bekommt, als wäre man selbst Teil einer Modellbaulandschaft. Berlin hat nun einen mehr.

Der Himmel über Tempelhof

Verwittertes Stoppschild mit Angabe der Tower-Funkfrequenz

Radfahrer und Mülltonne vor stillgelegtem Terminal

Würde jetzt noch ein Flugzeug landen, es müsste sich den Platz teilen mit modellbauautosfahrenden Fernsteuerungsbedienern, gokartfahrenden Kindern, inlineskatenden Eltern, rennradtrainierenden Sportlern und allerlei Spaziergängern und Joggern. Die Betreibergesellschaft nennt das Feld nun euphemistisch angehaucht „Tempelhofer Freiheit“, doch das ist der alte Flugplatz nun tatsächlich: die Chance, mitten im Meer aus Asphalt, Stein und Beton ein Stückchen Unendlichkeit zu erfahren, eine Freiheit, die gerade erst durch den scharfkantigen Kontrast von dichtester urbaner Bebauung und verwahrlosender, sich selbst überlassener Weite zu etwas ganz Eigenem, zu etwas Besonderem wird.

Aber das Schönste ist, dass sich das Flugfeld regelmäßig im Frühjahr und im Herbst wieder in einen richtigen Flughafen verwandelt, als wollte es all jene versöhnlich stimmen, die sich mit dem Ende des alten Tempelhofs nicht abfinden konnten – in einen ganzen Flughafen nur für Lenkdrachen.

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