Der erste Flaschensammler

Oktober 2012

Meine eigene Flaschensammlerkarriere begann als Schüler Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, nachdem aus den großen Kakaoplastikbechern, mit denen man in der Grundschule immer so gut basteln konnte, im Zuge der Ökowelle kleine Mehrwegflaschen geworden waren – „Dinokakao“ als Beginn eines neuen Berufszweiges.

Der Versuch, Plastik-Pfandbons als Ersatz zu etablieren, damit die Schüler in den Pausen nicht mit Kleingeld hantieren mussten, schlug grandios fehl, da alle lieber die Chips sammelten und wetteiferten, wer die meisten zusammenbekäme – statt wie gedacht einen einzelnen immer wieder in Umlauf zu bringen. So hantierten die milchverkaufenden Hausmeister eben doch wieder mit echtem Geld. Bis dahin und auch später bis zur Einführung des Dosenpfandes sammelten in Deutschland nur Umweltschützer in freier Wildbahn ausgesetzte Flaschen wieder auf. Das änderte sich nun, monetäre Motive schafften einen zusätzlichen Anreiz.

Das Gymnasium war ein großes Gebäude, mit langen Wegen, und die Pfandflaschenrückgabestelle in Form des hausmeisterlichen Kabuffs war nur in den großen Pausen geöffnet. Doch in den viel zu kurzen Pausen hatte man anderes zu tun, als Leergut zurückzugeben, und nach der 6. Stunde wollten alle schnell nach Hause und sich nicht auch noch die verklebten, mit Milch und Saft restgefüllten Flaschen in den Schulranzen stopfen. So blieben nach Schulschluss die Flaschen trotz 30 Pfennig Pfandes reihenweise stehen – unter den Tischen, auf den Tischen – und in den Mülleimern.

Der Pfandbetrag war genau der richtige, so dass die Mitschüler im Zweifel auf ihn verzichteten, sich das Zurückbringen für einen selbst aber lohnte. So brauchte man zur späten Mittagszeit nur durch die verlassenen Klassenräume ziehen und dabei schneller als die Putzkolonne sein, um am nächsten Tag eine ganze Tüte voller Pfandflaschen einlösen zu können. An schlechten Tagen fand man je nach Ausdauer ein oder zwei, an guten Tagen auch schon mal ein halbes Dutzend. Schnellverdiente zwei Mark.

Heute werden nicht länger nur Schulmilchflaschen gesammelt, das Flaschensammeln ist zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden, hat teils professionelle Formen angenommen. Doch eine besondere Auffälligkeit gibt es – es sind nun vor allem die Älteren, die im Stadtbild die Mülleimer und Altglascontainer nach versehentlich und absichtlich entsorgten Pfandglasbehältnissen durchforsten, nicht mehr die Halbwüchsigen.

Dabei ist Flaschensammler nicht gleich Flaschensammler. Drei Typen haben sich herausgebildet. Am unauffälligsten ist der Gelegenheitssammler, der in Wirklichkeit natürlich keiner ist, denn Flaschen sammelt niemand aus Gelegenheit, allenfalls gelegentlich. Es sind Damen fortgeschrittenen Alters, die an der Haltestelle stehen, als warteten sie auf den Bus, was womöglich sogar stimmt. Doch dann, wenn sie meinen, dass keiner auf sie achtet, schieben sie sich in Richtung des öffentlichen Papierkorbes und werfen einen vorsichtigen Blick hinein. Sieht etwas entfernt wie eine Pfandflasche aus, wird vorsichtig mit spitzen Fingern danach gefischt, ganz so, als wäre aus Versehen der eigene Geldbeutel in den Müll gefallen. Die erlegten Flaschen und Dosen landen verschämt im umgehängten Jutebeutel.

Die fortgeschrittenen Flaschensammler gehen offensiver zugange, sie haben sich bereits mit dem Sammeln identifiziert. Ohne Umstehende oder auf Bänken Sitzende nur eines Blickes zu würdigen, werden die Abfalleimer gezielt angesteuert, um sie ausgiebig nach verwertbaren Gefäßen zu durchsuchen. Oft kommen diese Flaschensammler mit dem Rad, in dessen Fahrradkörben und -taschen sie das Gesammelte zwischenlagern. Oder die Beute landet in großen Plastiktüten, die bündelweise transportiert werden.

Die Grenze zum Berufsflaschensammler ist fließend: der durch und durch professionelle Sammler ist mit einer vollständigen Ausrüstung ausgestattet, er trägt Arbeitshandschuhe, in seiner orangefarbenen Warnweste hat er eine Taschenlampe griffbereit, in Mülleimer fasst er mit einer Greifzange, für Altglascontainer hat er eine Verlängerungsstange dabei. Auch er kommt mit Fahrrad, Anhänger oder Handkarren – und lässt sich in seiner Montur kaum von einem offiziellen Müllwerker unterscheiden. Nicht nur deshalb fällt dieser Typus überhaupt nicht mehr auf, zieht keine abschätzigen Blicke der Mitmenschen auf sich.

Aber auch in Gegenwart der Gelegenheitssammler fühlt sich längst niemand mehr unwohl oder schaut gar irritiert, dass offenbar gut gekleidete, normal aussehende Bürger Pfandflaschen hamstern. Es ist inzwischen völlig normal, dass die nette Oma von nebenan in der Botanik die Flaschen aufsammelt oder der ältere Herr von übernebenan wie selbstverständlich die Mülleimer ausräumt. Für die Flaschensammler von heute ist ihre Arbeit längst kein Vergnügen mehr, wenn man es überhaupt je als Vergnügen bezeichnen konnte. Die Konkurrenz ist groß, das Finden einer Dose, auf der das Pfandlogo noch zu entziffern ist, wie ein Sechser im Lotto. Gegebenheiten wie früher, zu Zeiten vor dem Dosenpfand, als Dosen und Flaschen in Parks fast containerweise zurückgelassen wurden, davon kann der Sammler nur noch träumen. Um beim Flaschensammeln noch auf seine Kosten zu kommen, braucht es mehr als einen (Park-)Spaziergang. Strenge Selbstdisziplin und Ausdauer sind nötig, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Mülleimer abklappern zu können – und dabei möglichst die lukrativen.

Der Kampf ums Dosenpfand verlagert sich deshalb bereits in die Hinterhöfe, progressiv vorgehende Sammler verschaffen sich Zutritt und inspizieren die privaten Wertstofftonnen, in denen aber ebenso nur magere Auswahl zu finden ist. Niemand hat etwas zu verschenken, auch kein Flaschenpfand. Flaschensammeln gleicht einem Spiel, einem Glücksspiel. Einem, dem in Berlin und anderswo immer mehr Menschen nachgehen. Nicht, um wie einst ihr präpubertierendes Taschengeld aufzubessern. Sondern um zu überleben.

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