Weihnachtsmarkt at hell – oder warum der Weihnachtsmann rückwärts einparkt.

Dezember 2012

Weihnachtszeit, dazu gehören traditionell Adventskranz, Gebäck, Lichterglanz – und natürlich der Weihnachtsmarktbesuch. Romantische Büdchen, die sich wie ein kleines mittelalterliches Dorf gruppiert im Schneeglitzern versammelt haben, um die Frierenden mit Glühwein, weihnachtlichen Spezialitäten und kunsthandwerklichen Waren zu verführen.

Der Begriff Weihnachtsmarkt lässt sich jedoch durchaus weit auslegen. Am Alexanderplatz etwa versteht man darunter schlicht einen Rummelplatz, bei dem der Bezug zu Weihnachten dadurch hergestellt wird, dass mit roten LEDs blinkende Filzweihnachtsmannmützen verkauft werden und aus Lautsprechern Weihnachtsmusik vom Band dudelt, die jedoch locker von den Fahrgeschäften überdröhnt wird. Der Weihnachtsmarkt in der Hölle dürfte ähnlich aussehen, der Gegensatz zur Besinnlichkeit könnte größer kaum sein.

Aber es gibt auch noch die klassischen Märkte, die heimlige Atmosphäre erwarten lassen. Diejenigen, die im Untertitel sogar das Schlagwort „traditionell“ führen. Also nichts wie hin zum Weihnachsmarkt am Opernpalais. Dass unter den Linden gerade eine U-Bahn in den Sand gesetzt wird und das eigentlich zum Besuch des Weihnachsmarkts dazugehörende Schlendern zwischen den illuminierten kahlen Bäumen auf der Mittelpromenade ausfällt und die ganze Gegend mit ihren Baustellenabsperrungen und provisorischen Bürgersteigen im schneematschigen Halbdunkel wie ein apokalyptisches Industriegebiet wirkt, dafür kann der Markt ja nichts.

Doch auch der Markt selbst gastiert diesmal nicht am angestammten Areal, im malerischen Gässchen samt Torbogen direkt am Kronprinzenpalais, sondern ist eine Straße weiter näher an die Spree umgezogen. Extra abgestellte Lotsen weisen den Weg. In der Folge liegt der Markt nicht mehr im Schatten der historischen Bauten, sondern quetscht sich auf die Straßen rund um den Schinkelplatz. Nichts für Leute mit Klaustrophobie. In Sichtweite der nicht mehr vorhandene Palast der Republik, der sicherlich noch mehr zum traditionellen Ambiente hätte beitragen können.

Unabhängig von den veränderten topographischen Umständen zeigt sich jedoch hier, dass sich auch der Begriff traditionell weit auslegen lässt. Den Auftakt macht der Peruanische Panflötenspieler, der im indianischen Kitschkostüm die Besucher begrüßt. Dann folgen Miniatur-Riesenrad, XXL-Pommesbude und Wahrsagerzelt. Die Lachsräucherei kann sich unterdessen nicht entscheiden, ob sie Flamlachs, Flammlachs oder Flammenlachs verkauft. Auffällig traditionell auch die afrikanischen Holzschnitzereien mit beliebten Savannenmotiven, die Buddhafiguren und Crêpes-Stände. Die Saxophonsolistin mit Weihnachtsliedern kämpft tapfer dagegen an, vermag die Stimmung jedoch auch nicht mehr zu retten.

Im hart umkämpften Berliner „Weihnachtsmarkt“-Geschäft geht es überdies nicht mehr ohne Attraktionen. Während es am Alex die Fahrgeschäfte sind, in denen bei Pannen die Besucher schon mal in 50 Metern Höhe in der schneidenden Kälte festhängen, der Markt zwischen Französischem und Deutschem Dom Feuerschlucker auftreten lässt und am Potsdamer Platz auf Gummireifen den künstlichen Hang hinuntergerutscht wird, ist man am Prinzenpalaismarkt, der sich bislang durch das Fehlen von solchem Kokolores auszeichnete, nun auch auf den Zug aufgesprungen. Hier ist es ein Stahlseil, das quer über den ganzen Markt gespannt ist – und auf dem der Weihnachtsmann im studentischen Nebenjob zur vollen Stunde den Verbrennungsmotor anwirft, um einmal in der Schlittenattrappe winkend durch die Lüfte zu knattern, angestrahlt von Flak-Scheinwerfern und mit unterlegter Werbedurchsage. Die eigentliche Attraktion ist dabei, dass das Gespann auch irgendwie wieder zur Ausgangsposition zurückfahren muss, was bei einem linear gespannten Seil nur eine Möglichkeit offenlässt: nach getanem Marketing fährt der Weihnachtsmann samt Rentieren wieder rückwärts in die Parkposition. Eine lustigere Szene hat man auf deutschen Weihnachtsmärkten noch nie gesehen.

Einen echten Weihnachtsmoment erlebt man dann doch noch, aber nicht auf dem Weihnachtsmarkt. Plötzlich taucht noch der echte Weihnachtsmann auf, im S-Bahnhof unter den Linden, der nun nach dem Brandenburger Tor benannt ist. Er ruft den Wartenden zu „meine Rentiere sind abgehauen!“ – und steigt zwinkernd in die nächste S-Bahn.

Hoffentlich kommen die Geschenke dieses Jahr nicht mit Verzögerungen im Betriebsablauf.
Fröhliche traditionelle Weihnachten, Berlin!

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