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Die "biologische
Aufklärung" (SCHEUNPFLUG
2001, S. 9) der Geistes- und
Sozialwissenschaften schreitet
zwar allmählich fort, aber noch
stehen der Akzeptanz der Biowissenschaften
als Bezugsdisziplin der Pädagogik
Missverständnisse und Vorurteile
entgegen, die häufig einen erkenntnistheoretisch
fruchtbaren Dialog der Wissensbereiche
verhindern.
Dabei hält beispielsweise
die Hirnforschung aufschlussreiche
neurophysiologische Erkenntnisse
über die menschliche kognitive
und emotionale Entwicklung bereit,
die gerade für die Pädagogik
von Bedeutung sein können. Voraussetzung
für die pädagogische Nutzbarkeit
dieser Erkenntnisse ist allerdings
die geisteswissenschaftliche
Diskussion biologischer Einsichten,
um die Folgen der Einbeziehung
der Neurobiologie in Fragen
der Erziehung und Sozialisation
sowie in das sozialwissenschaftliche
Menschenbild einschätzen und
abwägen zu können.
Nicht nur das geisteswissenschaftliche
Interesse an der Hirnforschung
hat zugenommen, sondern auch
das gesellschaftliche. Gründe
hierfür sind zum einen die medizinischen
Perspektiven, die Heilung von
Geistes- und Gemütskrankheiten
(Schizophrenie, Depression,
Alzheimer u.v.a.) versprechen,
sowie zum anderen das Interesse
an Systemen mit ‚künstlicher
Intelligenz', die z.Z. noch
weit davon entfernt sind, Fähigkeiten
des menschlichen Gehirns erzeugen
zu können (vgl. SINGER 2002,
S. 34 ff.)
Die Hirnforschung bildet
also einen zukunftsweisenden
Wissenschaftsbereich, dem zunehmende
Akzeptanz und Interesse sowohl
in der Wissenschaft als auch
in der Gesellschaft entgegengebracht
werden.
Der angesehene deutsche Hirnforscher
und Direktor des Max-Planck-Instituts
für Hirnforschung in Frankfurt
a. M., Wolf SINGER, führt in
seinem Essay-Band "Der
Beobachter im Gehirn" (SINGER
2002) in die wichtigsten Erkenntnisse
der Hirnforschung ein und zeigt
dabei Schnittstellen auf, an
denen sich Natur- und Geisteswissenschaften
treffen (sollten).
In den vierzehn unabhängig
voneinander entstandenen Beiträgen
des Bandes thematisiert SINGER
insbesondere drei Problemkomplexe
der Hirnforschung. Ein Komplex
behandelt die Frage nach dem
titelgebenden "Beobachter
im Gehirn", d.h. danach,
wie das menschliche Gehirn organisiert
ist, wie es seine Umwelt interpretiert
und wie es auf sie zu reagieren
in der Lage ist. Der zweite
Schwerpunkt des Buches liegt
auf der Bedeutung, die der Interaktion
zwischen Umwelt und Gehirn für
dessen ontogenetische Entwicklung
zukommt. Schließlich tritt SINGER
in einem dritten Themenkomplex
argumentativ für einen interdisziplinären
Dialog zwischen den Natur- und
Geisteswissenschaften ein, der
durch den Entwurf von Brückentheorien
und Metasprachen ermöglicht
werden sollte.
In dieser Arbeit möchte ich
einige der von SINGER in seinem
oben genannten Buch bearbeiteten
Erkenntnisse der Hirnforschung
darlegen sowie ihre Implikationen
für die Pädagogik herausstellen
um mich abschließend mit ihnen
kritisch auseinander zu setzen.
Aufgrund der Komplexität
des Themenbereiches wird an
dieser Stelle auf eine Darstellung
der grundlegenden Kenntnisse
über Aufbau und Funktionsweise
des Gehirns verzichtet, obwohl
diese meinen Ausführungen selbstverständlich
zugrunde liegen.
Zunächst folgt in Kapitel
2 die Zusammenfassung der
oben genannten drei Themenkomplexe
des Buches von Wolf SINGER:
Kapitel 2.1 behandelt das Bindungsproblem,
das sich mit der Frage nach
einem Konvergenzzentrum im Gehirn
befasst. In Kapitel 2.2 werden
die für diese erziehungswissenschaftliche
Seminararbeit besonders bedeutenden
Erkenntnisse über die Erfahrungsabhängigkeit
der Hirnentwicklung referiert.
Kapitel 2.3 beschäftigt sich
mit SINGERS Bearbeitung der
aus seiner Sicht wünschenswerten
Interdisziplinarität von natur-
und geisteswissenschaftlichen
Forschungsgebieten.
Kapitel 3 schließlich
behandelt die Implikationen
der zuvor geschilderten erfahrungsabhängigen
Hirnentwicklung für die Erziehung
und Bildung von Kindern bis
zur Pubertät. Hierbei werden
neben "Der Beobachter im
Gehirn" auch andere einschlägige
Texte von SINGER in die Darstellung
einbezogen.
Den Abschluss dieser Arbeit
bilden die Zusammenfassung der
vorherigen Kapitel sowie meine
Stellungnahme zur pädagogischen
Bedeutsamkeit neurophysiologischer
Einsichten und ihrer Anwendungsmöglichkeiten.
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