Unterwerfung von Michel Houellebecq

Viel ist über den Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq gesagt und geschrieben worden. Man hatte den Eindruck, das Buch verherrliche den Islam und erzählt von einer Schreckensherrschaft des Islam über Frankreich.

Nichts davon entspricht den Tatsachen. Der Roman ist eigentlich eine Mischung aus Roman und Sachbuch. Anhand des Gedankenaustauschs und verschiedener, nicht in Zusammenhang stehender Gespräche eines kurz vor den Wechseljahren stehenden Literaturwissenschaftlers mit mehreren Personen seines Umfeldes führt Houellebecq hier Gedankenexperimente durch. Dabei wird nicht nur der Islam kritisch betrachtet, sondern auch alle weiteren sogenannten Buchreligionen wie das Christentum, das Judentum oder der Buddhismus.

Die Abhandlung über Joris-Karl Huysmans, der die Hauptfigur seit seiner Jugend beeinflusst hat, über das Verschwinden seiner Freundin, die aus Angst vor Umwälzungen nach einer bevorstehenden Wahl mit ihrer Familie nach Israel auswandert, der Urlaub in einem abgelegenen Örtchen auf dem Land auf der Flucht vor den Unruhen in Paris bis hin zum Besuch eines Klosters auf den Spuren von Huysmans und auf der Suche nach sich selbst sind bereits Zeichen der Veränderungen, die sich in ganz Frankreich langsam bemerkbar machen.

Dabei scheint unausgesprochen immer wieder das Was-wäre-wenn-Gedankenschema durch. Intensiv setzt sich der Literaturwissenschaftler Francois mit den Fragen auseinander, die sich ihm stellen, sollte die islamistische Partei tatsächlich an die Macht kommen

Und tatsächlich: das Unglaubliche geschieht, Frankreich wird zu einem muslimischen Staat. Wer jetzt jedoch eine Schreckensherrschaft erwartet, wird enttäuscht. Abgesehen von ein paar Unruhen vor der Wahl und der Tatsache, dass Juden das Land verlassen und die Frauen weniger Haut zeigen, passiert eigentlich nicht viel. Es stellt sich so dar, als wäre das Konvertieren ein Leichtes und als bestünde der Islam nur aus ein paar Suren, ein paar auswendiggelernten Sprüchen und der Akzeptanz von Polygamie. Es entsteht der Eindruck, der Islam ist nur eine bestimmte Art von Politik.

Trotz aller Aktualität des Themas ist der Roman eine in naher Vergangenheit angesiedelte Utopie. Viele Aspekte wären denkbar, weniger aber tatsächlich realistisch. Man ist von Houellebecq definitiv mehr gewohnt. Allerdings überrascht das Resultat der Überlegungen Francois’ am Ende doch.

Dennoch ist „Unterwerfung“ sehr empfehlenswert. Zusammengefasst lässt sich sagen, der Roman setzt sich manchmal auf ironische, manchmal auf humorvolle, aber auch ernsthafte Weise mit Politik und Religion gleichermaßen auseinander. Andererseits ist er eine leicht melancholische Abrechnung mit dem Älterwerden. Wer so etwas mag, wird auf jeden Fall auf seine Kosten kommen.

Michel Houellebecq
Unterwerfung
DuMont 2015
272 Seiten

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