Suite francaise von Irène Némirowsky

Der Roman „Suite francaise“ von Irène Némirowsky ist ein Stück Zeitgeschichte. Es ist das Jahr 1940, und die Nazis haben Frankreich besetzt. Der erste Teil des Romans, “Sturm im Juni”, ist eine Art Momentaufnahme der Geschehnisse, als Gerüchte sich breit machen, dass der Krieg nach Paris kommt. Voller Panik verlassen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten die Stadt, und auf den Straßen bröckelt die dünne Schicht der Zivilisation. Jeder ist sich selbst der Nächste, Hilfe und Mitleid erwartet die wenigsten. Doch hier und da gibt es Lichtblicke, wie das Schicksal der Michauds zeigt, einem älteren Ehepaar, das trotz aller Wirren nicht getrennt wird.

Der zweite Teil, “Dolce” strahlt eine gewisse Ruhe vor dem Sturm aus. Ein kleines Dorf wird besetzt, und obwohl den Menschen fast alles genommen wird, Pferde, Lebensmittel, und fast jedes Haus einen dieser Deutschen beherbergen muss und kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Verbote erlassen werden, die mit dem Tod bestraft werden, arrangiert man sich. Am Ende sind es nicht “die Soldaten”, sondern Individuen, die auch Familien haben und auch schon viel durchgemacht haben. Selbst Liebesbeziehungen entwickeln sich gegen jede Vernunft. Fast scheint so etwas wie Hoffnung durch all das Übel.

Wenn man bedenkt, dass Irène Némirowsky diesen Teil des Romans in dem Wissen schrieb, dass ihr als russische Jüdin ohne französische Staatsangehörigkeit nicht mehr viel Zeit bleiben würde, bevor sie selbst gefangen genommen würde, ist das eine enorme Leistung. Woher hat sie wohl die Kraft genommen, die Ereignisse, die zum Teil wohl auf tatsächlichen Geschehnissen basierten, so neutral zu schildern? Wie konnte sie Hoffnung vermitteln, wo sie für sich selbst keine mehr hatte?

In der heutigen Zeit, wo Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus sich in beängstigender Weise ausbreiten, ist dieser Roman bestürzend, berührend und macht doch deutlich, dass ein Feind kein Feind bleiben muss. Unwillkürlich fragt man sich, wie jemand sich allen Ernstes jene Zeit zurückwünschen bzw. alles wiederholen wollen kann. Die Schicksale der einzelnen Charaktere regen zum Nachdenken an, und so kann ich den Roman nur empfehlen, auch wenn das Lesen sicher nicht jedem ganz leichtfallen dürfte.

Im Anhang des Romans finden sich schließlich einige Briefe, die zwischen 1936 und 1945 verfasst wurden. Ein Nachwort schließlich erklärt, was am Ende aus der Autorin und ihrer Familie geworden ist.

Der Kontrast zwischen dem Roman und den Briefen macht das Buch zu etwas wirklich Besonderem.

Irène Némirowsky
Suite francaise
btb 2007
510 Seiten

Druckfehler: 5

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