Man hat ein hübsches Mädchen. Aber dann geht man irgendwann auf den Spielplatz. Und hat auf einmal einen hübschen Jungen.
An der kleinen Rutsche kommt sie nicht zum Zuge, weil ein Junge die Abfahrt blockiert. Der Vater des Jungen ruft „Jannis, mach mal Platz, der Junge will auch mal rutschen“. Auf der Schaukel nebenan sagt der nächste Vater zu seinem Kind „schau mal, der Junge da schaukelt auch“. Auf der großen Rutsche bemerkt das nächste Elternteil „der traut sich aber was!“. Zurück bei der kleinen Rutsche bemerkt eine Mutter zu ihrer Tochter, „nicht so schnell, der Junge da ist noch auf der Rutsche“.
Zwischenzeitlich schielt man schon besorgt unter die Baseballcap, um sich zu vergewissern, dass man tatsächlich das richtige Kind darunterhat. Man hat. Und es ist tatsächlich immer noch ein Mädchen. Wieso verflixt wird sie nicht als solches erkannt? Sind es die noch fehlenden langen Haare? Der für ein Mädchen dieses Alters zugegebenermaßen kräftige Körperbau? Der freche Blick?
Der vermeintliche Junge ist ganz in rosa gekleidet, trägt ein schrilles pinkfarbenes Oberteil, eine zartrosa Hose und die Baseballkappe ebenfalls in unübersehbarem Pink. Wenn die Kappe abgesetzt ist, sieht man zudem eine Haarspange und ein zartes Zöpfchen.
Doch die Gesellschaft ist mittlerweile so androgyn, so metrosexuell geworden, dass Rosarot als Erkennungszeichen nicht mehr funktioniert. Jungen mit Ohrringen, Mädchen mit Bart, alles schon dagewesen. Mädchen tragen blau und braun, Jungen rot und lila. Nichtmal ein T-Shirt mit dem Aufdruck „ich bin kein Junge, ich seh’ nur so aus“ würde helfen – denn im Zweifel trägt „er“ ja nur die Sachen seiner älteren Schwester auf.
Ein halbes Dutzend Mal am selben Tag für einen Jungen gehalten zu werden kann kein Zufall mehr sein. Entweder hat die Tochter damit tatsächlich etwas Burschikoses an sich – oder die Jungen sehen heute einfach zu mädchenhaft aus. Gleichwohl, Kinderpsychologen, freut euch: demnächst gibt es neue kleine Patienten, deren Identitätskrisen behandelt werden wollen.
Ist es eigentlich peinlicher für einen selbst, wenn man auf die Frage „wie alt ist er denn“ „sie ist…“ antworten muss – oder für den Fragesteller? Wieso versuchen so Viele das Geschlecht zu erraten und fragen nicht einfach kurz vorher, ob Junge oder Mädchen? Gerade dann, wenn der Junge ganz in rosa herumhüpft. Und wie kommt man aus der Situation wieder heraus? Sich entschuldigen, wenn man „danebengelegen“ hat, wirkt übertrieben. Und betonte Antworten wie „SIE ist…“ auf die Frage, wie alt er denn sei, erscheinen wiederum unhöflich.
Dabei sind die Gegenmaßnahmen so simpel wie genial: Röcke und Kleidchen. Soweit reicht die Metrosexualität dann doch nicht. Hier geht niemand davon aus, dass der Junge die Klamotten seiner Geschwister zweitverwertet.
Und falls das doch nichts helfen sollte, gehen wir zu Plan B über, um das gefühlte emotionale elterliche Gleichgewicht wiederherzustellen: allen Eltern, die mit eindeutigen Jungs unterwegs sind, wird fortan zugerufen: Ach, so ein hübsches Mädchen!


und ist er nun zu einem mädchen umgewandelt
Obwohl eine Geschlechtsumwandlung für Kleinkinder im Sandkastenalter
natürlich das Naheliegendste ist, um solche gravierenden Verwechslungen
in Zukunft zu vermeiden, planen wir einen operativen Eingriff zumindest
in nächster Zeit nicht, nein.
Selbes kleines Mädchen, neuer Tag, wieder Pech:
eine Vierjährige nimmt unsere Kleine mit den Worten an die Hand: “Der ist aber süß!”
Mamma: “Es ist aber ein Mädchen!”
Vierjährige: “Aber es sieht doch aus wie ein Junge?!”
Grmpf. Und sicherlich hatte sie wieder was eindeutig Rosafarbenes angezogen?