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Rubrik: Hintergrundbeleuchtet

Das Dilemma mit dem Kommentar-E-Mail-Feld

Kommentierende schreiben, sie lesen nicht. So etwa könnte man das Dilemma zusammenfassen. Mit dem Aufkommen von Weblogs vor einigen Jahren änderte sich das Gesicht des Internets völlig. Auf einmal konnte man alles und jedes ohne großen Aufwand kommentieren. Ein Trend, der sich inzwischen bis auf die Artikelseiten konservativster Tageszeitungen auswirkt. Musste man sich zuvor in den typischen Foren wie auch heute noch anmelden, bevor man wie auch immer gearteten Senf dazugeben konnte, reichte fortan die Angabe von Mailadresse und Namen direkt über dem Kommentarfeld. Aber warum eigentlich? Weil die meisten Weblogs mit Wordpress laufen und die Standardeinstellung so aussieht:

Standard-Wordpress-Kommentarfeld

Name und Mailadresse sind Pflichtfelder. Das hat die Internetnutzer im Laufe der Zeit zu gewissenhaften Name-und-E-Mail-Feld-Ausfüllern erzogen. Dabei ist die zwingende Abfrage von Name und E-Mail nicht nur datenschutzrechtlich problematisch, sondern auch lästig. Viele Nutzer haben sich zwar für diesen Zweck eine spezielle Mailadresse, die nur für solche Kommentarfelder verwendet wird, zugelegt oder sie füllen die Felder stattdessen mit Phantasiedaten aus – doch die Frage bleibt, wozu Webseitenbetreiber eigentlich eine Mailadresse zu jedem Kommentar brauchen.

E-Mail- und Namensangabe als Pflichtfelder haben wir bei neuen Knetfeder-Seiten daher schon lange abgeschafft:

vor Kommentarfeld steht: ... es gibt keine Pflichtfelder!

Und nun zeigt sich hier das eigentlich interessante Phänomen: Statt die Felder einfach freizulassen, werden weiterhin typische für Spam-Empfang gedachte Adressen oder Phantasieadressen eingetragen:

nurfuerspam@domain.invalid
nicht@fuer.dich
keine@mail.invalid
no@not.invalid

Die Internetnutzer sind so auf die Eingabe der Pflicht-Mailadresse gedrillt, dass sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass es auch anders ginge. Man müsste wohl das E-Mail- und Namensfeld komplett entfernen, um die Leute zu ihrem Glück zu zwingen … doch dann würden die Besucher wahrscheinlich den Kommentarbereich nicht mehr für einen Kommentarbereich, sondern für eine Maske zum Bestellen eines Newsletters halten.

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Unsoziales Flattr?

Flattr selbst bezeichnet sich als “sozialen Bezahldienst”. Sieht man genauer hin, müsste es eigentlich “unsozialer Bezahldienst” heißen. Denn es profitieren nur “die Großen”: Niggemeier, Lawblog, Chaosradio, Spreeblick, taz. Ein Text oder Beitrag eines unbekannteren Publizierenden kann noch so genial sein, bei Flattr hat er damit so gut wie keine Chance.

Flattr-Fehler-Button

Für den kleinen Blogger rechnet sich Flattr kaum. Um Zahlungen entgegennehmen zu können, muss man jeden Monat mindestens 2 Euro ins System eingezahlt haben. Mit Micropayment hat dieser Dienst also im Grunde nichts zu tun, es ist für die Mehrheit (die selbst Flattr-Buttons verwendet) eine Art Lotterie, wie etwa Robert Basic zutreffend schreibt.

Der “Einsatz” ist die Aufladung des Flattr-Kontos, der Gewinn ist eher vom Zufall abhängig – davon, ob irgendwann durch sekundäre Kanäle wie Twitter, Facebook, klassische Medien (oder eben die großen Blogs) eines Tages schlagartig eine Menge Internetnutzer gleichzeitig auf einen bestimmten Inhalt aufmerksam werden. Der dann hoffentlich einen freigeschalteten, d.h. durch gedecktes Konto verfügbaren, Flattr-Button hat.

Nicht bei den deutschen Blogcharts gelistete Seiten machen bis dahin eher ein Verlustgeschäft, nehmen vielleicht ein paar Cent ein, zahlen pro Jahr aber mindestens 24 Euro ein, wenn sie ihr Konto aktiv halten wollen. Das Perfide daran ist, dass die “Kleinen” durch die Hoffnung, irgendwann auch einmal mehr Geld einnehmen zu können, dazu animiert werden, genau dies zu tun – immer weiter einzahlen. Immerhin, das ist günstiger, als echtes Lotto zu spielen.

Die ersten Flattr-Nutzer springen – aus unterschiedlichen Gründen – bereits wieder ab, z.B. Rainer Bartel und Anke Gröner.

Notiz am Rande: Da hat jemand unsere Denkanstöße zu Flattr aufgegriffen, die komplette Auflistung kopiert, kommentiert – und damit im vergangenen Monat 9,60 Euro verdient. Unsere Kontonummer wollte noch niemand haben. Flattr – Knetfeder: 1:0. :-)

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Erkenntnis: Arbeitsspeicher-Preise explodieren

Schön: RAM bestellen und sich wie ein Schneekönig über die absolut günstigen Preise freuen.
Tragisch: Feststellen, dass man den Katalog von 2009 erwischt hat.

(Preissteigerung um 190%)

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10 Gründe gegen Flattr

Kaum ein bekannteres Weblog, das derzeit keinen Flattr-Button ausprobiert oder sich zumindest darüber Gedanken macht. Sogar Tageszeitungen versuchen sich schon mit diesem alternativen, “sozialen” Bezahlmodell. Die Hoffnungen sind groß, auch mit Belanglosem Kasse machen zu können, solange es den Geschmack der Massen trifft. Die Idee hinter Flattr ist theoretisch gut, praktisch wird es jedoch nicht funktionieren. Es erscheint wie eine Art Paypal für Nerds.

Flattr-Button, überdimensioniert, flatterhaft wirkend verzerrt

Gründe, die gegen die Verwendung von Flattr sprechen können:

1. Im Endeffekt ist es ein Bettel-Button. Und das hat, gerade wenn er nach dem Lesen, am Ende eines Textes auftaucht, einen leichten Beigeschmack.

2. Das Entstehen der Schere im Kopf wird begünstigt – man wird dazu verleitet, das zu veröffentlichen, was der Masse gefallen könnte.

3. Mancher schwärmt schon davon, wie es sein wird, wenn erstmal Otto Normalsurfer “flattrt”. Doch für Otto gibt es überhaupt keinen Anreiz, sich einen Flattr-Account anzulegen.

4. Man kassiert für anderer Leute Arbeit: Blog X gräbt irgendein tolles Video/Text/etc. aus und die unbedarften Leser belohnen den Finder für’s Finden, nicht den Erschaffer für’s Erschaffen des Videos/Textes/etc.

5. Ein Beitrag kann noch so genial sein – er sieht einfach trotzdem schlecht und armselig aus, wenn daneben ein großer “Flattr: 0″-Button pappt.

6. Am Anfang ist “Flattrn” lustig, doch wer denkt schon regelmäßig daran, sein Flattr-Konto wieder aufzuladen oder Internetseiten zu “belohnen”?

7. Ungeklärte Fragen zum Datenschutz.

8. An Flattr verdient hauptsächlich einer: Flattr selbst. (zum Vergleich: Provision Flattr = 10%; Provision Paypal = EU-weit 1,9% plus 35 Cent)

9. Bald gibt es Dutzende solcher Dienste, die dann ebenfalls genau wie schon bereits jetzt Fluten von Buttons sozialer Netzwerke integriert werden wollen.

10. Es gibt preiswertere Möglichkeiten, zu zeigen, dass einem etwas im Netz gefallen hat.

Nachtrag; 6.6.2010:
11. Wenn Flattr ausfällt, laden auch die angeschlossenen Seiten nicht mehr richtig.

Wer für diesen Beitrag unbedingt etwas bezahlen möchte, kann gerne unsere Kontonummer erfragen.


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Hoffnungslos altmodisch.

Facebook, Twitter, und wie die ganzen sozialen Netzwerke und Mikrobloggingdienste noch heißen mögen… das macht doch inzwischen (fast) jeder. Wir haben hingegen noch etwas, das man laut gängiger Ansicht heutzutage zwar “nicht mehr macht”, aber gerade deswegen sind wir stolz auf das bisschen Nostalgie: Das Gästebuch.

Mein Gott, sind wir alt. :-)

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Internettraditionen in der Weihnachtszeit

Das Internet hat sich in vielen Bereichen zu einer Entsprechung der realen Welt entwickelt.
Bankgeschäfte erledigen, einkaufen, arbeiten, Kontakte pflegen (oder nicht pflegen).

Verkehrsschild: Schnee- und EisglätteNatürlich findet auch die Weihnachtszeit ihre Entsprechung in der virtuellen Welt. Forums-Avatare bekommen Weihnachtsmützen aufgesetzt, Standard-Webseiten-Hintergrundbilder werden durch etwas Rötlich-grünlich-goldenes ausgetauscht und an jeder dritten Ecke gibt es einen “Adventskalender”. Auch für die grässlich blinkenden Fenster-Lichterketten, die zwar keine Weihnachtsatmosphäre, sondern nur Rummelplatzfeeling entstehen lassen, gibt es im Netz etwas Vergleichbares: Schneeflocken. Kleine weiße Schneeflocken-Bildchen, die plötzlich überall nicht nur auf privaten Homepages über die Bildschirme rieseln. Ein einziger Flockenfall treibt den Computerprozessor auf 100%, die Stromrechnung auf’s Maximum und die Rechnergeschwindigkeit gegen Null. Stößt man ausversehen gleichzeitig auf zwei oder mehr vereiste Seiten, friert der Browser ein oder hängt sich gleich das ganze System auf.

GIF-Blocker helfen nicht, Rettung vor dem elektronischen Schneegestöber verspricht meist nur das Deaktivieren von Javascript.

Glücklicherweise ist bald Januar. Und ja, wir hatten vor vielen Jahren auch mal animierte Javascript-Schneeflocken auf der Startseite. ‘Tschuldigung. :)

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