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Archive forJuli, 2004

Gemäß EU-Recht gibt es kein EU-Recht!?

§?Dass Ebay-Verkäufer gerne jegliche “Garantie” ausschließen, weil

1.) das ja jeder andere auch macht und

2.) man sonst ja befürchten muss, dass man für einen Kratzer im Versteigerten lebenslang hinter Gitter kommt,

ist hinlänglich bekannt. Einige üble Zeitgnossen nutzen das sicherlich aus, indem sie als Verkäufer die Sachmängelhaftung korrekt ausschließen, bewusst Schrott verkaufen und darauf spekulieren, dass der Käufer sich gedacht hat “ach, das ist ja nur der EU-Recht-Standardspruch, es wird schon seine Richtigkeit haben”. Eigentlich selbst schuld, wer sich auf einen Sachmängelhaftungsverzicht einlässt, aber ohne das Märchen vom EU-Recht wären solche Hinterhältigkeiten wohl schwieriger.

Neu ist allerdings die Sorte Verkäufer, die davon ausgeht, dass sie gar keine Wahl hat, Garantie anzubieten, selbst wenn man wollte, und – schlimmer noch – dass sie schon Ärger vom bösen EU-Recht bekommt, wenn sie nur auf das Verbreiten der EU-Rechts-Verzichtsklausel verzichtet. Dass es da einen klitzekleinen inhaltlichen Widerspruch geben könnte, wird großzügig übersehen. So teilte mir Daniel Fuchs gestern per E-Mail mit, welche Antwort er auf die “Frage an den Verkäufer” erhielt, ob denn eine dreitägige Übernahmegarantie möglich sei:

Der Artikel wird “so wie er ist” von Privat verkauft, dies bedeutet: Mit der
Abgabe eines Gebotes erklären Sie sich ausdrücklich damit einverstanden, auf
die Ihnen nach neuem EU-Recht gesetzlich zustehende Garantie/Gewährleistung
völlig zu verzichten.
Mir gefällt diese Formulierung ebenso nicht, ist aber laut EU-Recht
Vorschrift und muss angegeben werden.

Ich antworte für alle Betroffenen stellvertretend mit einem Zitat von Theodor Fontane: “Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.”

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Rechtschreibreform zurücknehmen? II

dagegen!Auch Bundesminister lesen Knetfeders Revue. Zitat von Kulturstaatsministerin Christina Weiss (ups, ein Doppel-S!), gefunden in der Berliner Zeitung vom 22.7.:

Es gibt Fragestellungen, und dazu gehört die Rechtschreibreform, die nicht für Volksentscheide taugen

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Etwas anderes als Berlin ist Urlaub

Anti-BerlinDas Zitat am Anfang unserer Anti-Berlin-Seiten ist einem Hörspiel entnommen und somit Fiktion. Allerdings begegnen einem mitunter auch echte Zitate:

(…) in Hannover zu leben ist ein einziger Urlaub im Vergleich zu Berlin

(Alexa Hennig von Lange am 20.7. in der Hannoverschen Allgemeinen)

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Rechtschreibreform zurücknehmen?

dagegen!Man kommt manchmal wirklich ins Grübeln, wenn man so die Entwicklung des Schriftbildes seiner Umwelt betrachtet, ob denn die Nebenwirkungen der jüngsten Rechtschreibreform nicht doch zu stark gewesen sind. Stellenweise scheint es, als ob einige Zeitgenossen sich komplett von der Zusammenschreibung verabschiedet haben und dabei bedauerlicherweise auch die Existenz eines Bindestriches leugnen. Diese penetrante Getrenntschreibung tut dem Stilempfinden mehr weh als alle vermeindlich funzenden Standart-Apostroph’s dieser Welt zusammen. Ob das aber plötzlich schlagartig besser würde, wenn die “alten” Regeln von vor 1998 wieder zum Standard würden, kann man sich irgendwie nicht so richtig vorstellen. Falsch geschrieben hat man früher auch schon, ohne dass jemand forderte, man solle die Rechtschreibung aus Kaisers Zeiten reaktivieren. Schreibt jemand heute falsch, dann ist aber plötzlich nicht mehr die entsprechende Person daran schuld, sondern die “neue Rechtschreibung”. Merkwürdig.

Dass die derzeitige Forderung einiger Politiker, die Reform rückgängig zu machen, gerade in die Zeit des sprichwörtlichen Sommerloches fällt, mag da nur ein weiterer Zufall sein. Auf jeden Fall muten auch die Gründe etwas merkwürdig an, die begründen sollen, weshalb man die Reform tilgen sollte: Holzhammerargument ist wieder einmal das “Obrigkeitsdiktat”: “Man könne die Sprache nicht einfach von oben verbiegen“. Wieso verbiegen? Wird der Sinn entstellt, wenn man statt eines Eszetts ein Doppel-S benutzt? Ändert jemand seine Aussprache, wenn eine reformierte Schreibweise gilt? Wieder einmal wird die Schriftsprache mit der Sprache selbst verwechselt, so als wäre die Schriftsprache die primär treibende Kraft des gesprochenen Wortes. Folgte man diesem Argument, könnte man also immer noch in der Schreibweise Martin Luthers seine Worte zu Papier bringen, ohne dass es jemanden stören dürfte. Martin Luther übrigens war der erste, der durch seine Bibelübersetzung im 16. Jahrhundert die Schriftsprache “von oben verbog”. Im 20. Jahrhundert war es der Dudenverlag, nach dem man sich zu richten hatte. Das Volk also soll jetzt über die Rückkehr zu einer Schreibweise abstimmen, die nicht aus dem Volk kam, sondern von “oben diktiert war”. Merkwürdig.

Vielleicht ist es ganz gut, dass manche Regelungsbereiche wirklich den Experten vorbehalten bleiben. Würde man uns, das Volk, tatsächlich über die Schiftsprache selbst abstimmen lassen, dann wäre nächstes Jahr als weltweit einmaliges Kuriosum in Deutschland das apostrophierte Plural-S verbindlich. Bitte nicht.

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Das macht schlussendlich Sinn!

Was macht man, wenn man sich beruflich mit der Aufspürung von sich einschleichendem, fremdsprachigen Vokabular beschäftigt und schon alle Anglizismen entdeckt hat? Richtig, man nimmt die “Germanismen” unter die Lupe, die vielleicht auch das Zeug zum Anglizimus haben könnten: der Zwiebelfisch prangerte einmal mehr die sich in die deutsche Sprache einschleichenden englischen Ausdrücke an und wies wohl zu Recht auf die Grammatikunterwanderung durch das “nicht wirklich” (engl.: “not really”) hin, das unser althergebrachtes “eigentlich nicht” in zunehmendem Maße ersetzt. Ein wenig mehr Differenzierung hätte ich mir hier aber gewünscht. Kann man wirklich eine Verdrängung beobachten? Ich würde eher von einer Erweiterung sprechen: irgendwann vor ein paar Jahren fingen viele an, “nicht wirklich” in einem eher ironischen Zusammenhang zu verwenden. Auch ich. “Nicht wirklich” sage ich normalerweise, wenn ich etwas überspitzt ausdrücken möchte, genau genommen meistens, wenn ich nahezu das Gegenteil meine. “Eigentlich nicht” ist den “seriöseren” Sachverhalten vorbehalten. Und so verstehe ich auch andere. “Nicht wirklich” mag durchaus mit dem englischen Originalausdruck zusammenhängen, der meist auch sehr ausdrucksstark verwendet wird – das “eigentlich nicht” klingt jedenfalls deutlich schwächer als ein hartes “nicht wirklich” und eignet sich anscheinend weniger zur (ironisch klingenden) Betonung. Nichtsdestotrotz wird es das “eigentlich nicht” nicht verdrängen können: Machen wir einfach mal die Probe anhand dieser Sätze:

Dieser Sommer ist nicht wirklich heiß.

- Warum eigentlich nicht?

So, und nun ersetzen wir einfach mal alle Nichtwirklichs durch die Eigentlichnichts und umgekehrt. Klingt merkwürdig, stimmts? Zumindest ergibt sich eine inhaltliche Verfälschung. Beide Varianten haben ihre Daseinsberechtigung. Also: mal wieder alle Aufregung umsonst gewesen. Ein Ausdruck bereichert das Deutsche um eine weitere sprachliche Nuance. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Allerdings muss man zugeben, dass “nicht wirklich” mittlerweile wirklich oft dann verwendet wird, wenn es auch ein “eigentlich nicht” getan hätte. Das Deutschlandradio sprach letzte Woche in einer Sendung richtigerweise vom “Verona-Feldbusch-Prinzip”, demzufolge sich diejenigen Wörter und Redewendungen in der Sprache durchsetzen, die an prominenter Stelle einmal falsch angewendet und dann von der Mehrheit übernommen werden. Dagegen kommt man dann nicht mehr an, weder mit gutem Willen noch mit dem dicksten “Duden”. Genauso, wie man dem “schlussendlich” fast schon nicht mehr ansieht, dass es bis vor kurzem noch übelste Umgangssprache war, rutscht einem auch immer öfter ein “Sinnmachen” heraus (wo doch nun wirklich jeder auf den ersten Blick sehen muss, dass zwar etwas Sinn ergeben, aber man nicht Sinn machen kann…). Deswegen könnte man sich wirklich Sorgen machen. Aber geht dadurch unsere Sprache wirklich komplett den Bach runter? Nicht wirklich.

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