Start

Archive forJuni, 2005

Das ist wohl nicht bekannt.

dagegen!Man wird nicht nur irre vor orthografischer Inkompetenz. Durch das ständige Jammern der Rechtschreibreformgegner über die schreckliche Auseinanderschreibung weiß man bald stellenweise schon selbst nicht mehr, was denn nun richtig ist und lässt sich in zunehmendem Maße verunsichern.

Verunsichern lassen sich allerdings auch gern die Anhänger der reinen klassischen Lehre und offenbaren immer mal wieder, dass ausgerechnet diejenigen, die am lautesten schreien, den Willen vermissen lassen, sich überhaupt ersteinmal mit den aufgefrischten Regeln zu befassen.

So konnte man kürzlich über einen abgedruckten Leserbrief stolpern, der die Brandmarkung der Reform an dem Wörtchen “wohlbekannt” festmachte. Der Verfasser bemängelte die furchtbare Sinnverfälschung durch die allseits zu erfolgen habenden Worttrennungen und nahm eben jenes “wohlbekannt” als stellvertretendes Horrorbeispiel. Da man dies nun nach den neuen Regeln getrennt schreiben müsse, ginge die klassische Bedeutung als “gut bekannt” verloren, man könne es nicht mehr vom “wahrscheinlich bekannt” unterscheiden – ein Begriff stünde nun für zwei entgegengesetzte, widersprüchliche Bedeutungen.

Die Zeitungen drucken es ab, die Leser lesen und verinnerlichen die Argumente und man führt wilde Diskussionen um die Berechtigung solcher Einwände (“ist die Phrase nicht eh veraltet?”; “aber der Kontext zählt!!!”; “Haarspaltereien!”). Doch niemand wirft einen Blick ins Wörterbuch. Denn – Überraschung! – wohlbekannt ist nicht nur nicht auch als Alternative zur neuen Schreibung erlaubt, nein, es ist nachwievor die einzig gültige Schreibweise. “Wohl bekannt” gibt es zwar auch – aber eben nur in der Bedeutung von anscheinend bekannt. Einen guten Bekannten als wohl bekannt zu bezeichnen – das ist und bleibt erstens unhöflich und zweitens Humbug. Auch nach neuen Regeln.

PS. Ein ganz ähnliches Problem haben Schwerhörige.

PPS. Es gibt tatsächlich eine Initiative, die nicht voreingenommen ist.

Kommentare

Zwei Monate “Alternativbrowser”. Hin- und hergerissen zwischen Opera und Firefox.

Eigentlich muss man ja schon damit rechnen, schief angesehen zu werden wenn man zugibt, sich überhaupt Gedanken um die Feinheiten und Unterschiede zwischen Webbrowsern zu machen. Schlimmer wird’s nur noch, wenn man auch noch darüber schreibt. Egal.

Opera- auf FirefoxlogoFirefox ist ein phantastischer Browser, keine Frage. Das ganze Web scheint nur noch aus Firefox-Sympathisanten zu bestehen, und sie haben ja auch irgendwie recht, wenn sie ihre Begeisterung mit Get-Firefox-Schildchen auf ihren Webseiten bezeugen. Doch auch Firefox ist nicht das Nonplusultra. Der kommerzielle Webbrowser Opera macht vieles anders und erscheint auch gerade dadurch interessant. Angesehen habe ich ihn mir in den letzten Jahren immer mal wieder, aber der gebotene Gegen- bzw. Mehrwert erschien mir nie adäquat im Verhältnis zum regulären Preis; das Surfen mit ständigen Werbeeinblendungen ohnehin indiskutabel. Mit der ct’-Aktion hat sich das geändert: Opera 7.5 gratis und Opera 8 für acht Euro – da lässt man sich nicht lange bitten.

Firefox ist die Neubauwohnung unter den Webbrowsern: frisch gestrichen, leere Zimmer und der Nutzer kann sich die Räume nach seinen Vorlieben ausstatten, indem er sie mit Erweiterungen “einrichtet”. Ein Browser quasi für den ambitionierten Heimwerker, der auch gerne mal selbst schraubt und flexibel sein möchte. Opera dagegen ist die Hotelsuite: eindeutig teurer in der Zimmermiete, dafür bereits komplett eingerichtet, aufpoliert, die Minibar ist gut gefüllt und dem Nutzer wird beinahe jeder Wunsch von den Augen abgelesen – er muss keinen Finger mehr rühren.

Das wirklich Tückische an Opera ist dabei das Luxusphänomen: Opera macht abhängig, ohne dass man es zunächst bemerkt: der Browser steckt voller Funktionen, die man bisher eigentlich nicht vermisst hat und die man zum Überleben im Web auch nicht zwingend braucht, auf die man nach erstmaligem Genuss aber nur ungern wieder verzichtet…

Weiterlesen »

Kommentare

War’s das jetzt mit der Pionierzeit? oder Bitte mehr Werbung!

Man muss Frührentner, arbeitslos oder Schockwellenreiter sein, um ein tägliches und interessantes Privatjournal auf die Beine stellen zu können, das dachte ich immer. Dass auch andere Bevölkerungsgruppen/literarische Figuren anspruchsvolle und regelmäßig erscheinende Ein-Mann/Frau-Magazine publizieren können, hat sich bei fortschreitender Entdeckungsreise durchs Netz schnell herausgestellt – und vor allem die grundsätzliche Frage aufgeworfen, wann man das alles eigentlich lesen soll.

Jedoch bin ich immer wieder erstaunt, mit welcher Qualität und Kontinuität manche Weblogs gefüllt werden, deren Autorinnen und Autoren für ihre Texte nicht bezahlt werden. Wenn man selbst sieht, wieviel Zeit sogar ein kleinerer Text verschlingt, der stimmig sein, recherchiert und nicht zuletzt den eigenen Ansprüchen genügen muss, erscheint es umso erstaunlicher, wenn jemand täglich, oft sogar mehrmals, seine Gedanken mit der Welt teilt. Öffentliches Schreiben kann ein sehr zeitintensives Hobby sein, und will man nicht Gefahr laufen, in absolut Belangloses abzudriften oder zum Privatrezensent SpiegelOnlines zu werden, dann hält man einen konstanten Veröffentlichungsthythmus schwierig durch, möchte man andere Bereiche nicht vernachlässigen. Mehr als zwei, drei Beiträge pro Monat sind daher auch bei unserer Revue in der Regel nicht drin.

Sieht man sich aber mal die Weblogs ohne kommerziellen Charakter der regelmäßigen Schreiber an, dann erklärt sich das Rätsel etwas, denn es wird auffällig, dass es sich dabei wohl um Schreiben als leidenschaftliches Hobby handeln muss, selbiges aber oft auch eng verzahnt mit dem ausgeübten Beruf ist. Da berichten Rechtsanwälte vom Alltag in Kanzlei und Praxis (und werden ganz automatisch bekannter bei potentiellen Mandanten), da lassen Supermarktbesitzer auch virtuelle Kundschaft in den Laden (und machen Appetit auf die in ihrem Laden verkauften Produkte), da schreiben Autoren und Journalisten auch privat (und ziehen so zusätzliche Aufträge an Land) oder gestalten Webdesigner ihr Journal in elegantem Design (und akquirieren dadurch ganz nebenbei Kundschaft) – sie werden nicht bezahlt, aber das Weblogschreiben zahlt sich aus.

Ideal also, wenn man Hobby und Beruf verbinden kann. Noch idealer als ideal ist, wenn man das Hobby gleich ganz zum Beruf macht. Das hat sich dieser Tage bei Spreeblick getan. Vorgestern noch ein privates Weblog mit Breitenwirkung, nun firmierend als Teil der kommerziellen “Spreeblick Verlag KG”. Auffälligste Auswirkung: kommerzielle Werbung im Weblog. Doch dies soll nun plötzlich verwerflich sein. Stimmen werden laut, die sich demonstrativ abwenden und Schreiben zum Zwecke des Gelderwerbs – oder besser: Gelderwerb infolge des Schreibens – verteufeln.

Doch lässt sich das ernsthaft begründen? Sicher, Anzeigen und Werbung auf Seiten, die ihre Leserschaft mit “Du” oder “ihr” ansprechen und auch sonst einen eher familiären Umgangston pflegen, wirkt auf manchen Leser vielleicht schon befremdlich. Gewöhnungsbedürftig ist es jedenfalls, im eben noch privaten Weblog nun mitten im Text Google-Anzeigen vorzufinden. Aber eben nur gewöhnungsbedürftig. Oder wie oft beschwert man sich bei Herrn Kantel über die Werbebanner?

Wenn sich nur dadurch qualitativ hochwertige Inhalte zum kostenlosen Konsum sichern lassen – dann bitte mehr Werbung. Und weshalb man exzellenten Federn einen persönlichen Gewinn nicht gönnen möchte, erschließt sich auch nicht. Die Webloglandschaft kann dadurch nur reicher werden – im doppelten Sinne. Auch werden die werbefreien Alternativen dadurch nicht auf einmal verschwinden.

Eines macht allerdings nachdenklich: Ob eine Story wie die Klingeltongeschichte – im Stile David gegen Goliath – so jetzt nocheinmal funktionieren würde, da David das Etikett “kleiner unabhängiger Weblogger” gegen den Schriftzug einer Kommanditgesellschaft getauscht hat, das steht in den Sternen. Und – welch Ironie – im Text, “mit dem alles begann“, erscheint jetzt Werbung für – genau! -…

Screenshot spreeblick.com

Klingeltöne. Tragischer Nebeneffekt der Kommerzialisierung.

Aber deshalb eine völlige Verkommerzialisierung fürchten, eine Kommerzialisierung des privat gewandeten Webs per se ablehnen? Kaum, denn letztere ist längst da. Warum sollten sich ausgerechnet Weblogs hiervon ausnehmen? Und die Reputation wird bestenfalls nur geringen Schaden nehmen. Denn Spreeblick – und da blitzt das alte Image bereits wieder auf – macht mal wieder keine halben Sachen.

Viel Erfolg, Spreeblick!

Kommentare

MagDriva – neue Linux-Zeitschrift

MagDriva, das ist der Name eines interessanten Projektes: die Erstellung eines Linuxmagazines, das werbefrei und kostenlos als PDF erhältlich ist. Möglich wird dies durch das Engagement der deutschen Mandriva-Community:

PDF-ScreenshotDas Magazin beschäftigt sich naturgemäß stark mit der Mandriva-Distribution (ehemals Mandrake), vergisst darüberhinaus aber auch andere Distributionen nicht und bleibt themenneutral. MagDriva bietet einen umfassenden Überblick auf den aktuellen Distributions-Markt und Entwicklungen im Softwarebereich, enthält Berichte zu allgemeinen Linux- und Internetthemen und bietet Linuxinteressierten, -anfängern und -fortgeschrittenen interessante und hilfreiche Anleitungen sowie Hintergrundwissen in ausführlichen Artikeln.

Von Amateurhaftigkeit ist nichts zu spüren, stilistisch nimmt es MagDriva locker mit am Kiosk verkauften Linuxmagazinen auf. Das “blättern” durch die Rubriken der gelungenen Themenmischung macht Spaß und lässt beinahe vergessen, dass man es hier mit einer Zeitschrift im PDF-Format zu tun hat.

Einzig die “Heftgestaltung” scheint noch an Kinderkrankheiten zu leiden, so enden einzelne Artikelspalten schon mal auf einer ansonsten leeren weißen Seite. Das lässt sich als rein ästhetisches Problem jedoch locker verschmerzen. Das einzige, was MagDriva sonst noch von einer klassischen Linuxzeitschrift unterscheidet, ist das fehlende Titelblatt.

MagDriva – eine Linuxzeitschrift “von der Community für die Community”, Ausgabe Nr. 1 auf 26 Seiten (453 KB). Eine Themenübersicht sowie Download des Magazins bei mandrivauser.de. Lesezeichen setzen!

Kommentare

Crashkurs im Urheberrecht oder Bilderklau für Fortgeschrittene

Eigentlich ist es ganz einfach: man sucht eine originelle Graphik für sein Chat- Forums- oder Gästebuchprofil, wirft die Google-Bildersuche an, fischt sich etwas aus dem reichhaltigen Fundus des Webs und baut die Graphik seiner Wahl mit einem Link direkt auf die eigene Seite ein. Doch ein auf diese Weise benutztes Bild birgt zwei Nachteile: erstens unterliegt es oft einem Urheberrecht und zweitens kann es der Besitzer ohne große Umstände gegen ein anderes Bild seiner Wahl austauschen.

So kommt es, dass man schonmal in Gefahr gerät, eine Abmahnung oder Rechnung wegen unerlaubter Nutzung geschützten Bildmaterials bezahlen zu dürfen oder aber wie aus heiterem Himmel plötzlich Bilder von entkleideten Großmüttern, Aufnahmen vom Liebesspiel gleichgeschlechtlicher Paare oder auch Bunnys in seinem Chatprofil vorfindet.

Sowas würden wir solch armen Forumshäschen natürlich nie antun, stattdessen bieten wir allen, die sich ungefragt aus unserem “Angebot” bedienen, völlig gratis einen Crashkurs im Urheberrecht (haben wir eigenlich schon erwähnt, dass wir Fans horizontaler Scrollbalken sind?), der grundsätzlich geklaute Bilder ersetzt:

ellenlanger Gesetzestext

(verkleinerte Darstellung, Maßstab 100:1)

Schnödes Wissen führt leider nicht grundsätzlich zur Einsicht und fördert auch nicht zwangsläufig die Kreativität, so dass 9 von 10 Ertappten nach dem Entfernen unserer Bilder des Crashkurses gleich wieder woanders billige Bildchen “klauen”, anstatt sich vielleicht mal selbst etwas auszudenken oder wenigstens so clever zu sein, Fremdinhalte nicht nur zu verlinken. Moralische Bedenken? Unrechtsbewusstsein? Keine Spur.

Von Traffickosten hat dieser Typus des Internetnutzers auch noch nie etwas gehört und wenn, dann kann er sich nicht vorstellen, dass 1000 Leute, die das selbe Bild gleichzeitig witzig finden, den unfreiwilligen kleinen Anbieter schon ganz schön in Bedrängnis bringen können. Pech hat man daher, wenn “die Community” zuschlägt: irgendein Mitglied irgendeiner tollen hippen Netzgemeinschaft erweist einem die Ehre der höchsten Form der Anerkennung – und viele, viele andere Mitglieder sehen das und haben die selbe blöde Idee. Unsere einzige Genugtuung in diesem Fall: Ganze Bevölkerungsschichten werden in nullkommanichts Teilnehmer unseres “Fortbildungsseminars”. ;-)

Nachtrag 10.6.2005:

Schnödes Wissen führt leider nicht grundsätzlich zur Einsicht und fördert auch nicht zwangsläufig die Kreativität, [...]

Das kann man so nicht stehen lassen, denn man beweist uns nach Entfernung unseres diskreten Urheberrechtscrashkurses zumindest in letzterem Punkt das Gegenteil – vorausgesetzt, wir sollen uns irgendwie angesprochen fühlen… :)

Kommentare

Rattingen und Deutsch im Großraumwagen

Kennen Sie Ratingen? Ich auch nicht. Aber jemand neben mir im ICE Berlin – Düsseldorf wollte dorthin. Mit einer gebrauchten – sprich bereits abgestempelten – Rückfahrkarte. Nun ist bei der Bahn eine Nachlösung im Versehensfall normalerweise kein Problem, aber es gestaltet sich für eine Schaffnerin, pardon, eine Zugführerin (wer denkt sich eigentlich solche herrlich unsemantischen Bezeichnungen aus?), ausgesprochen schwierig, einen Nichtdeutschsprechenden von einer Nachzahlung zu überzeugen, wenn dieser nicht Deutsch spricht.

Derartige Verständigungsprobleme lassen sich leider auch nicht dadurch lösen, dass man 15 Minuten lang beharrlich wiederholt, dass man mit diesem einen Ticket nicht nach Ratingen (sie spricht es “Rat-t-ingen” aus) fahren dürfe. Das Ende vom Lied: Der Kunde zahlt nach, weiß aber eigentlich immer noch nicht wieso – und der Rest des Waggons wird sein Leben lang die Vokabel “Rattingen” nicht vergessen können.

Apropos Ticket: Beim Blick auf das ausliegende Kundenmagazin “DB Mobil” war ich gleichermaßen überrascht und erstaunt: Die Bahn wirbt auf der Titelseite mit dem Sponsorenlogo der Fußballweltmeisterschaft 2006. Ich bin mir sicher, dass auf dem Logo vor ein paar Jahren noch in feinstem Denglisch “National Sponsor” gestanden hätte. Doch oh Wunder, das Pseudokosmopolitische scheint auf dem Rückzug zu sein:

Nationaler Förderer

Doch zu früh gefreut – die Freude daran, dass Deutsch wieder en vogue ist, verdirbt mir mein Vordermann, der auch nachlösen muss und dabei selbiger Zugführerin – diesmal auf Deutsch – erklärt, warum er keine Fahrkarte am Schalter kaufen konnte:

“Ich hatte zuwenig Zeit und die Schlange war so lang am Counter.”

Kommentare