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Archive forOktober, 2005

Gallier sind auch nur Menschen…

…und die treffen halt auch schon mal auf Außerirdische, die auch gerne Zaubertrank hätten.

Man soll sich ja immer eine eigene Meinung bilden, dieser ansonsten gute Rat war jedoch diesmal fatal. Ich habe im Vorbeigehen nicht widerstehen können und mir entgegen aller Warnungen den neuen Asterix-Band, “Gallien in Gefahr”, doch noch gekauft. Leider. Gedacht als Hommage an Walt Disney (der in einem Schlusswort explizit von Uderzo gewürdigt wird), ist der Band eine Beleidigung für die Leser geworden. Ein “Kampf der Galaxien”, mit kalifornischen Supermännern, blechernen Heuschrecken, die wohl den vergeblichen Versuch darstellen, Mangas zu karikieren, Mickeymäusen und riesigen metallischen Raumschiffen, die alle in einem aremorikanischen Dorf 50 Jahre v. Chr. landen. Die Bilder haben stellenweise ihren alten Charme und Witz, aber eine Story ist praktisch nicht existent, die Handlung speist sich aus anscheinlich willkürlich zusammengesetzten Elementen der Comickultur. Eine Comickultur, die nicht die von Asterix’ Welt ist.

Warum da auch ein paar Gallier in der Szenerie herumlaufen, wird bis zum Schluss eigentlich nicht richtig klar. Asterix und Obelix haben mit der Handlung etwa soviel zu tun wie Raumschiff Enterprise mit Julius Cäsar. Lachhaft, wenn man sich nun vorstellt, dass man sich zuvor wenigstens ein bisschen Flair der alten Bände gewünscht hätte, ein Flair, das seit dem Tode von René Coscinny nie mehr erreicht, in einigen Bänden, die Uderzo seitdem in Eigenregie verwirklichte, aber wenigstens manchmal durchblitzte. Der große Graben, die Odyssee, Asterix im Morgenland und mit Maestria – das waren Geschichten, die den Titel Asterix zumindest verdienten. Danach wurde es endgültig katastrophal, was im nun aktuellen Band seinen Höhepunkt findet.

Wortwitz, versteckte Anspielungen, eine in sich stimmige und doch detailverliebte Rahmenhandlungen, Gesellschaftskritik, augenzwinkernde Geschichtsstunde, Klischeevölkerkunde oder einfach nur ein Abenteuer auf historisch – nichts von alledem findet man in “Gallien in Gefahr”. Fast schon nicht mehr interessant ist, dass auch der Text nicht mal versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen und sich keinerlei Mühe gibt, sich wenigsten stilistisch an die historische Gegebenheit anzupassen. Römische Legionäre berichten ihrem Vorgesetzten, sie hätten einen “Filmriss”, reden ihren Zentrurio mit “Chef” an, dieser höchstselbst spricht eine Umgangssprache der Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts. In früheren Zeiten wurde das gallische Dorf regelmäßig niedergebrannt, jetzt wird es abgefackelt. Verknappte Schröderzitate (Hol mir mal ‘ne Flasche Bier!) fehlen diesmal, aber der Reigen platter Witzchen wird ebenso fortgesetzt. Diese Details wären es gewesen, die einem dem Spaß an Asterix unter normalen Umständen verleidet hätten, aber diesmal ist das wirklich egal: diese Geschichte ist so wenig Asterix-Comic, dass ihn keine noch so geniale Übersetzung hätte retten können.

Ich wünsche Monsieur Uderzo, dass er noch für lange Zeit viele Asterixe zeichnet. Nur veröffentlichen soll er sie bitte nicht mehr.

Nachtrag: Aufgrund eines Kommentars zu dieser Rezension (“sprechende” URLs sind halt doch was Schönes…) bin ich erst auf die Idee gekommen, mal bei den Amazon-Kundenrezensionen querzulesen. Verheerend.

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Ich war’s. oder Der neue Asterix-Band.

Da kommt man endlich mal auf den Geschmack, Suchmaschinen zu benutzen, um ausschließlich in Weblogs zu recherchieren, sich einfach mal eine zweite, dritte, vierte, fünfte oder auch sechste Meinung einzuholen – in diesem Fall zu der Frage, ob der neue Asterix-Band tatsächlich so “anders” ist, wie man nach dem Schock mit dem letzen Abenteuer “Asterix und Latraviata” schon befürchten musste – ohne über die immergleichen Nachrichtenmeldungen, Feuilletonverrisse (wenn wohl auch zutreffend), Comicforen, Werbematerialien und Ebayangebote zu stolpern. Und was passiert? Man platzt einfach so in Weblogs herein und erzeugt Trafficspitzen. Tschuldigung.

Nachtrag: Ich habe im Vorbeigehen nicht widerstehen können und mir den Band doch noch besorgt. Leider.

Kommentar (1)

Matratzen

Anti-BerlinWie oft haben Sie sich eigentlich schon eine Matratze gekauft im Leben? Einmal? Fünfmal? Wöchentlich? Letzteres muss man annehmen, wenn man durch Berliner Straßen geht. An jeder dritten Ecke – ein Matratzengeschäft. Nein, kein Innenausstatter, kein Bettenzubehör – nur Matratzen. In jedem Ortsteil, jedem Kiez und jeder größeren Straße hat sich mindestens ein Matratzengeschäft niedergelassen. Soviele Läden auf kleinem Raum, wie kann das bloß wirtschaftlich funktionieren? Als meine Bank vor einem Jahr geschlossen hat und in eine andere Filiale umgezogen ist zusammengelegt wurde, was kam wohl rein in die leeren Geschäftsräume? – Natürlich Matratzen. Gekauft habe ich trotzdem keine. Hätte ich vielleicht tun sollen, vielleicht wäre ja Geld drin gewesen.

Das ist auch die einzige Erklärung, die man sich ausmalen kann: Die vielen vielen Matratzenläden leben nicht vom Matratzenverkauf, sondern davon, dass sie auch die alten Matratzen der Kundschaft gleich mit entsorgen. Alte Matratzen, in denen Oma und Opa vorher ihre Ersparnisse versteckt haben. Das muss es sein. Wer sonst sollte soviele angebotene Matratzen kaufen? Dennoch muss Matratzenhändler ein ausgesprochen lukrativer Beruf sein – nicht nur eine Kette beherrscht den hiesigen Markt, gleich mehrere Marken versuchen den Matratzenlosen zu ködern. Es würde mich nicht wundern, wenn mancher schon enttäuscht war, in diesen Läden kein Benzin zu bekommen – oder mit dem Auto in die Fensterscheibe gefahren ist: die meisten Matratzenlager sind beleuchtet wie Tankstellen.

Oder haben wir mal wieder alles falsch verstanden und das sind keine Händler, sondern Hoteliers? Lauter als Matratzenläden getarnte Stundenhotels… in Berlin ist nichts so wie es aussieht.

Kommentare (3)

Revuenovela (Teil 1)

Daniel: Guten Tag Frau Knetfelder. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben, um uns ein Gespräch über Weblogs zu ermöglichen. Okay, genug der Förmlichkeiten, fangen wir an: Wieso war denn von vornherein klar, dass Du diese Revue realisieren würdest?

Melanie: Ich glaube, das war nur DIR von vornherein klar, nachdem Du mich auf den Blogartikel in der c’t hingewiesen hattest – natürlich gänzlich ohne Hintergedanken…

Daniel: Ein Artikel in der c’t war also Auslöser für unser Weblog?! Peinlich. Aber ist Dir eigentlich mal aufgefallen, dass immer weniger Leute nachdem und nach dem nicht auseinanderhalten können?

Melanie: Das kommt davon, wenn Du meine Antworten liest, bevor ich sie fertiggetippt, geschweige denn redigiert habe. Aber zur Sache! Jedenfalls habe ich den Artikel in der c’t gelesen, BEVOR ich in Erwägung zog, auch blogmäßig aktiv zu werden. Wie hieß nochmal das Programm, das ich ursprünglich nach der c’t-Lektüre favorisiert hatte? Und warum ist das dann ausgeschieden?

Daniel: Moveable Type. Letztendlich haben wir’s nicht genommen, weil die Lizenzbedingungen nur einen einzelnen Autor pro Weblog zulassen. Das wäre in unserem Fall natürlich unpraktisch gewesen. Ist Dir darüber hinaus ebenfalls aufgefallen, dass auch immer weniger Leute etwas nicht “auszuhalten” vermögen? Erst heute wieder irgendwo in irgendwelchen Weblogkommentaren gelesen: Da meinte jemand “auszuhalten” und hat dann “aus zuhalten” geschrieben. Hm, wie war nochmal Deine Frage? Achso, ich stelle ja die Fragen. Kann man eigentlich auch “aus zu halten” schreiben?

Melanie: IRRELEVANT!! Nächste Frage?

Daniel: Würde mich aber schon interessieren, ob die neue Rechtschreibung das nun erlaubt oder ob man irrtümlicherweise nur mal wieder denkt, dass das Rechtschreibreform wäre. Aber gut, weiter im Text: Hättest Du Dir vor 4 Jahren, als Du angefangen hast mit Internet, mal vorstellen können, später selbst ein Weblog zu betreiben? Bzw. ab wann wusstest Du eigentlich, was ein Weblog ist?

Melanie: Entschuldige mal, aber Du kommst vom Thema ab… nagut: vor 4 Jahren wusste ich weder was Weblogs sind, noch dass es sie überhaupt gibt (gab’s die da schon?). Ich weiß erst seit ca. 1 Jahr, was das ist, und zwar von Dir. Naturgemäß war meine initiale Reaktion erstmal Ablehnung. Bald kam mir aber aus professionellen Gründen die Idee, mal nach Babyblogs zu schauen, und naja, die waren dann mein Einstieg. Dann wolltest Du ein eigenes Blog für Knetfeder, hast es aber nicht zugeben wollen. Daraus ist dann die Revue entstanden ["wiiiiir sind kein Blog, sowas ist doch blöd, brauch kein Mensch..."]

Daniel: Hehe, ja, das ist typisch. Erstmal konservativ alles innerlich ablehnen, womit man sich bisher noch nicht beschäftigt hat, aber dann relativ schnell etwas Neues ausprobieren… Blogs gab’s damals natürlich schon, ich bin mir aber nicht sicher, ob man sie da schon Blogs genannt hat. Ich finde die Bezeichnung auch nachwievor noch ziemlich dämlich (da hammwas wieder…), ich sage lieber Weblogs. Meine erste Begegnung mit dieser Form des Webs war glaube ich der Schockwellenreiter. Der wurde so oft irgendwo verlinkt, dass man fast zwangsläufig darauf stieß – auf die Idee, das als Weblog wahrzunehmen, bin ich zu diesem Zeitpunkt aber auch noch nicht gekommen. “Klick” gemacht hat es viel später. Dementsprechend verheerend war auch mein allererster Kommentarversuch. Ich habe gottseidank vergessen verdrängt, wo das war, aber es war eine Katastrophe: ich, den spontanen und lockeren Charakter eines Weblogs völlig verkennend, habe jemanden tatsächlich auf einen Rechtschreibfehler aufmerksam gemacht – um dann sogleich gelöscht und als Heise-Troll beschimpft zu werden. Doch selbst was ein Heise-Troll ist, wusste ich da noch nicht.

Melanie: Davon wusste ich ja gar nichts! Ganz toll, die peinlichen Details Deines Weblebens verheimlichst Du mir.
KANNST DU JETZT BITTE MAL DEINER FUNKTION ALS INTERVIEWER NACHKOMMEN (jetzt in Wikipedia nachschlagen: jemanden interviewen: der Interviewer stellt anregende Fragen oder Thesen, der Interviewte gibt Antwort, die günstigstenfalls LÄNGER als die Frage ausfallen sollte). Aber wenn DU das nicht kannst:
Woher kanntest Du denn eigentlich schon WordPress als Managementsystem von Blogs? Das bleibt einem doch normalerweise als Backend verborgen.

Daniel: Naja, wenn man schon eine Weile Weblogs liest, dann ist das unumgänglich, dass man auch etwas über den technischen Hintergrund aufschnappt. Die meisten Blogger haben die Angewohnheit, sobald sie nur irgendwo einen Schalter in ihrer Software umgelegt haben, daraus auch einen Weblogeintrag zu machen. Und wenn dann halt mal wieder jemand schreibt, dass System X scheiße sei oder er mit System Y gerade die oder die Experimente macht, dann eignet man sich ganz automatisch die passenden Vokabeln an. Und letztlich bin ich da wohl dann mal wieder dem Oligopol erlegen: die meisten setzen wohl Wordpress ein und haben sich mehrheitlich positiv darüber geäußert – also konnte man da ruhigen Gewissens mal darauf verzichten, nur aus Prinzip etwas anderes zu nehmen, wenn man seine ersten Schritte auf neuem Terrain macht. Findest Du denn, dass Wordpress die falsche Wahl war?

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Made my day!

In der Bahn. Mutter, Vater, Kind – letzteres ca. 4 Jahre alt – setzen sich in meine Nähe. Das kleine Mädchen leidet ganz offenbar unter einer Sprachentwicklungsverzögerung, kann keine Zischlaute (s, sch, ch) artikulieren, die sie stattdessen durch t- oder d-Laute ersetzt, redet aber viel und auch grammatikalisch richtig und scheint auch ansonsten ein sehr aufgewecktes Kind zu sein. Während die Pädagogin in mir sich Gedanken über die Notwendigkeit einer Sprachtherapie macht, spielt das Mädchen auf dem Sitz vor mir und verliert dabei seine Kastanie, die unter ihren Sitz kullert. Ich stoße die Kastanie mit dem Fuß an, damit das Mädchen sie erreichen kann, und rechne weder damit, dass sie diese kleine Nachhilfe überhaupt realisiert, noch – oder noch viel weniger – mit einer Reaktion ihrerseits. Irrtum!
Mädchen (greift Kastanie) ruft laut: “Danketööön!” [allein, dass Kinder sich in dem Alter freiwillig bedanken, noch dazu bei Fremden, finde ich ziemlich außergewöhnlich]
Ich: “Bittesehr!
Mädchen (guckt um die Ecke ihres Sitzes): “Du wart aber lieb!
:-)

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