{"id":11,"date":"2008-07-04T19:08:05","date_gmt":"2008-07-04T17:08:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.knetfeder.de\/dsd\/2008\/%e2%80%9eein-tor-konnte-dieses-spiel-entscheidend-verandern%e2%80%9c-ach\/"},"modified":"2010-03-22T10:16:30","modified_gmt":"2010-03-22T08:16:30","slug":"%e2%80%9eein-tor-konnte-dieses-spiel-entscheidend-verandern%e2%80%9c-ach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.knetfeder.de\/dsd\/2008\/%e2%80%9eein-tor-konnte-dieses-spiel-entscheidend-verandern%e2%80%9c-ach\/","title":{"rendered":"&#8220;Ein Tor k\u00f6nnte dieses Spiel entscheidend ver\u00e4ndern.&#8221; Ach."},"content":{"rendered":"<p>Was passiert mit Leuten, die mit Fu\u00dfball, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, eher weniger anfangen k\u00f6nnen? Sie leben dummerweise zuf\u00e4llig in St\u00e4dten, in denen die deutsche Bev\u00f6lkerung die Schlacht vom Teutoburger Wald vergessen macht, wenn ihre Mannschaft um die Europameisterschaft spielt. Je n\u00e4her diese Mannschaft Richtung Finale r\u00fcckt, desto unangenehmer wird es f\u00fcr diese Leute.<\/p>\n<p>Da sitzt man z.B. in der gem\u00fctlichen Sommerabendsonne am Potsdamer Platz vor einem kleinen Bistro und hat sich eine Pizza bestellt. Und just in dem Moment, als man den Basilikum aus dem Mozzarella fischt, schaut einem auf einmal die gesamte \u00fcbrige G\u00e4steschaft, die Bedienung, sowie die restliche Stra\u00dfe direkt ins Essen. Dabei hat man weder etwas Sehenswertes gesagt oder getan, sondern sich sich lediglich mit dem R\u00fccken zum Bistropanoramafenster gesetzt, dummerweise jedoch \u00fcbersehen, dass in diesem auch ein Gro\u00dfbildmonitor h\u00e4ngt, der dummerweise pl\u00f6tzlich mit der \u00dcbertragung des Spiels Russland &#8211; Holland begonnen hat. Public Eating. Es l\u00e4sst sich nicht genau sagen, was unangenehmer ist: f\u00fcr alle Welt erkennbar demonstrativ mit dem R\u00fccken zum Geschehen zu sitzen und in die kindgleich entz\u00fcckten, in freudiger Erwartung harrenden Gesichter der auf den Schirm Starrenden zu schauen \u2013 oder die Starrenden, die bei jeder verpassten Chance T\u00f6ne von sich geben, als seien sie gerade in eine Seeigel getreten. <\/p>\n<p>So, wie sich die Deutschen nach einem Sieg geb\u00e4rden, scheint Fu\u00dfball ein einziger gro\u00dfer Kompensator zu sein, die Garantie daf\u00fcr, dass Deutschland nicht wieder Polen \u00fcberf\u00e4llt: alle Aggression, aller Freudentaumel, die Euphorie, die auf die Stra\u00dfen getragen wird, der Jubel, die Kriegsger\u00e4usche: bereits verbraucht mit jedem Sieg der Fu\u00dfballnationalmannschaft. Dann also dem Weltfrieden zuliebe doch lieber Fu\u00dfballfans ertragen. Doch handelt es sich mitnichten um ein deutsches Ph\u00e4nomen: Kroaten und T\u00fcrken feiern in der Hauptstadt nicht weniger fanatisch. Doch ganz unabh\u00e4ngig davon, welche Nationalit\u00e4t gerade auf der Stra\u00dfe zelebriert wird &#8211; man m\u00f6chte den frenetisch Feiernden einfach zurufen \u201eHey Leute, nicht ihr habt gewonnen, sondern die Typen auf dem gr\u00fcnen Rasen da\u201c, alternativ einfach \u201eHelau!\u201c oder, um es mit Bernd dem Brot zu sagen: \u201eGeht &#8211; nach &#8211; Hause!\u201c Egal, halten wir einfach mal fest: T\u00fcrkische Fans haben die dickeren Autohupen und deutsche Fans investieren mehr Geld in verbotenes Feuerwerk. Und Taxifahrer fahren mit allen F\u00e4hnchen gleichzeitig: Deutschland, T\u00fcrkei, Polen und Kroatien. <\/p>\n<p>In Berlin gibt es also kaum eine Chance, dem Trubel zu entkommen. Da muss doch irgendwas dran sein, dass gef\u00fchlte 100 Prozent der Bev\u00f6lkerung regelm\u00e4\u00dfig ausflippen, wenn irgendwo auf der Welt Fu\u00dfball gespielt wird. Sport macht man, aber man schaut doch nicht \u00fcberbezahlten (hier spricht der Neid) Euromillion\u00e4ren zu, wie sie um die beste schauspielerische Leistung beim Foulen wetteifern (hier spricht die rhetorische Fragestellung). Darum ergibt man sich dieses Mal einfach in sein Schicksal und macht mit: Freunde schleppen einen in den Biergarten mit Gro\u00dfbildleinwand, dorthin, wo man vor lauter Leuten immer nur die R\u00e4nder oder den Mittelteil des Spielfeldes gleichzeitig sehen kann \u2013 je nachdem, wo gerade Sichtachsen freiwerden. Zum Halbfinale Deutschland \u2013 T\u00fcrkei. Ausgerechnet. Wohlgemerkt: In Berlin. Ausgerechnet. Ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold, nur mitten rein hat sich todesmutig ein Dutzend Halbmondfahnentr\u00e4ger verirrt, das gerade noch rechtzeitig verhindern kann, von ein paar M\u00e4dels mit deutschfarbiger Schminke verziert zu werden. So wird das nichts mit Integration und Leitkultur. Triumphiernde Blicke von dort, als die T\u00fcrkei das erste Tor schie\u00dft. H\u00e4mische Blicke zur\u00fcck, als der erste Ausgleichstreffer f\u00e4llt. <\/p>\n<p>Und schon ist es passiert, Gruppendynamik, Mitfiebern, Taumel, Tore. Unversehens ist man zum Mitl\u00e4ufer geworden, erwischt sich dabei, wie man fasziniert dem Ball folgt,  kann man dem Geschehen auf einmal etwas Unterhaltsames abgewinnen. Nicht nur soziologisch motiviert, sondern tats\u00e4chlich durch das Hin- und Herschie\u00dfen eines St\u00fcckchen Leders, das heutzutage l\u00e4ngst aas synthetischem Hightechmaterial besteht, auf bemitleidenswertem Rasen. Man l\u00e4sst sich die Abseitsregel und die Bedeutung der Kapit\u00e4nsbinde erkl\u00e4ren. Sp\u00e4ter ertappt man sich, wie man Informationen zu Spielregeln nachschl\u00e4gt und Hintergr\u00fcnde zu den Akteuren recherchiert. Verdammt.<\/p>\n<p>Beim Bildausfall sitzen dann wieder alle im selben Boot. Und nach dem Spiel haben \u00fcberraschend alle gewonnen. Jeder ist guter Laune, es gibt keine sichtbare Entt\u00e4uschung. Die T\u00fcrkinnen und T\u00fcrken stellen erstaunlich schnell auf deutsche F\u00e4hnchen um und feiern nun einfach bei ihrer Wahlheimat mit. Deutsche Gesch\u00e4fte gehen trotz lange vorbereiteter Pressekampagne nicht in Flammen auf und auch dem in t\u00fcrkisches Tuch geh\u00fcllten Cabrio passiert w\u00e4hrend des Autokorsos nichts. Selbst dem leicht \u00fcberalkoholisierten blonden Deutschlandfan, der der Gruppe der sechzehnj\u00e4hrigen T\u00fcrkeifans lautstark \u201eIhr seid Verlierer! Ihr seid Verlierer!\u201c entgegenbr\u00fcllt, passiert nichts au\u00dfer dem Ernten mitleidiger Blicke der \u00fcber den Dingen stehenden T\u00fcrken. Der Ku&#8217;damm muss gesperrt werden, die Stra\u00dfen sind vor ausgelassenen Menschen nicht mehr zu erkennen. Die U-Bahn-Anzeigetafeln melden statt der \u00fcblichen \u201eRichtung Rathaus Steglitz 2 Min\u201c nur lapidar \u201eBitte Geduld\u201c, Linienbusse bleiben stecken (einzelne Fahrer zeigen den Fans den Mittelfinger) und Taxis sind sowie gar nicht erst zu bekommen \u2013 aufgrund Fahrermangels. Fu\u00dfball geht vor. <\/p>\n<p>Negativ in Erinnerung bleibt jedoch nur, dass am n\u00e4chsten Tag der t\u00fcrkischst\u00e4mmige Busfaher auffallend schlechte Laune hat, allen die Vorfahrt nimmt und gebrechliche Seniorinnen anschnauzt, die ihm nicht schnell genug von der Stra\u00dfe kommen. <\/p>\n<p>War das also schon der H\u00f6hepunkt? Oder wird zum Fiiii-naaaa-le doch noch Schlimmeres passieren? Es war der H\u00f6hepunkt. Die deutsche Mannschaft war zwar auch im Finale, aber nur die Spanier spielten Fu\u00dfball. Somit war es eine \u00fcberaus angenehme, ruhige Nacht. Danke, Spanien! Dass Deutschland nicht Europameister wurde, lag allerdings einzig an den Fans im Wiener Stadion: Wie kann nur, w\u00e4hrend Ballack und Co. aufs spanische Tor zust\u00fcrmen, andauernd gr\u00f6hlen: \u201eOl\u00e9, ol\u00e9, ol\u00e9-ol\u00e9-ol\u00e9eee!!!\u201c?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was passiert mit Leuten, die mit Fu\u00dfball, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, eher weniger anfangen k\u00f6nnen? Sie leben dummerweise zuf\u00e4llig in St\u00e4dten, in denen die deutsche Bev\u00f6lkerung die Schlacht vom Teutoburger Wald vergessen macht, wenn ihre Mannschaft um die Europameisterschaft spielt. Je n\u00e4her diese Mannschaft Richtung Finale r\u00fcckt, desto unangenehmer wird es f\u00fcr diese Leute. 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