{"id":13,"date":"2010-10-30T00:45:00","date_gmt":"2010-10-29T22:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.knetfeder.de\/dsd\/2010\/suses-oder-saures-%e2%80%93-halloween-in-west-berlin\/"},"modified":"2010-10-30T01:01:59","modified_gmt":"2010-10-29T23:01:59","slug":"suses-oder-saures-%e2%80%93-halloween-in-west-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.knetfeder.de\/dsd\/2010\/suses-oder-saures-%e2%80%93-halloween-in-west-berlin\/","title":{"rendered":"S\u00fc\u00dfes oder Saures? \u2013 Halloween in West-Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Weshalb sich so viele Erwachsene gegen Halloween stemmen (\u201e&#8230; h\u00f6r&#8217; mir blo\u00df auf damit!\u201c) ist unbegreiflich. Dass das (Kinder-)Fest \u00fcber keltische Umwege aus Amerika kommt (\u201e&#8230;muss man denn jeden Sch&#8230; aus den USA mitmachen?\u201c), kann in heutiger Zeit jedenfalls kein Argument mehr sein. Willkommen im globalen Dorf. Es muss der Neid sein, dass man damals so etwas noch nicht hatte und als Kind nur zum Geburtstag, Weihnachten und Ostern S\u00fc\u00dfes bekam. <\/p>\n<p>Dabei ist das Schlimmste an Halloween in Deutschland nicht, dass es \u00fcberhaupt existiert, sondern, wenn hierzulande zu wenig Kinder mitmachen \u2013 und man am Ende auf seinen bereitgestellten S\u00fc\u00dfigkeiten sitzenbleibt. Das wiederum ist ausgleichende Gerechtigkeit f\u00fcr die einst zu kurz gekommenen Erwachsenen, f\u00fcr die es nie ein Halloween gab. So schnell, wie wenn man allen zu verteilenden Zuckerkram einfach selbst beh\u00e4lt, h\u00e4tte man seine T\u00fcte damals nie vollbekommen. <\/p>\n<p>Obwohl jedes Jahr mehr Kinder mit zu f\u00fcllenden T\u00fcten unterwegs sind, hat sich eine typisch deutsche Halloween-Kultur noch nicht entwickelt. Impulse f\u00fcr Halloween senden vor allem der Lebensmitteleinzelhandel und das von US-Formaten gepr\u00e4gte Privatfernsehen \u2013 kein echtes Halloween ohne Simpsons-Halloween-Sonderfolge. Das Treiben am 31. Oktober besteht dann auch aus einem bunten Haufen verkleideter Individualisten: Elfj\u00e4hrige in schwarzen Tarnklamotten mit Scream-Masken, Achtj\u00e4hrige mit Harry-Potter-Zauberh\u00fcten, sch\u00fcchterne Sechsj\u00e4hrige ganz ohne Verkleidung, die an der Hand von Papi nicht so recht wissen, ob sie das alles wirklich gut finden sollen. <\/p>\n<p>Richtig gef\u00e4hrlich, fast lebensgef\u00e4hrlich, wird\u2018s, wenn man am 31. in der D\u00e4mmerung selbst unterwegs ist, zum Beispiel in den Parkanlagen. Man erkennt im Dunkeln, zwischen den m\u00e4chtigen B\u00e4umen und den ausgefallenen Laternen, erst im letzten Moment, ob die zwielichtigen Typen, die sich da die Kapuzen \u00fcber den Kopf gezogen haben, nur eine Gruppe von harmlosen Joggern sind, oder doch eine Horde Grundsch\u00fcler, die h\u00f6flich nachfragen: \u201eSoll ich Dir die Eier abschneiden?\u201c Masken machen eben doch mutig. <\/p>\n<p>Doch der Kern von Halloween ist nat\u00fcrlich das Klingeln an den Haust\u00fcren unter Verwendung des Zauberspruchs \u201eS\u00fc\u00dfes oder Saures!\u201c, mit welchem die Opfer bedacht werden, die todesmutig \u00f6ffnen. In Berlin z\u00e4hlen dabei ganz praktische Gesichtspunkte. Hauptstra\u00dfen, Mehrfamilienh\u00e4user und besonders Hochh\u00e4user werden bevorzugt. Diese versprechen hohe Beute bei minimalem Aufwand. Auch Hexen und Monster denken heute \u00f6konomisch. <\/p>\n<p>Im besten Fall haben die Bewohner schon gewartet, tun ob der gruseligen Verkleidungen ganz furchtbar \u00e4ngstlich, erschrocken und \u00fcberrascht und halten die begehrten zuckerhaltigen Devotionalien bereit. Im nicht ganz so besten Fall sind sie tats\u00e4chlich \u00fcberrascht, treiben auf die Schnelle aber von irgendwoher doch noch ein paar Bonbons und Schokoriegel auf. Und im wirklich gar nicht mehr guten Fall \u00f6ffnet ein irritierter Rentner und fragt, ob man Fasching verpasst habe. <\/p>\n<p>Wer gewitzt ist oder Halloween partout nicht ausstehen kann, sieht die ganze makabere Veranstaltung von der praktischen Seite. Es gibt keinen geeigneteren Zeitpunkt, um die ekligen Kekse von Tante K\u00e4the, die zerbr\u00f6selnden Karamellbonbons, die liegengebliebenen Mini-Ritter-Sport-T\u00e4felchen oder all die anderen S\u00fc\u00dfwaren, die man selbst nicht mag, aber seit Ostern und Weihnachten noch immer im K\u00fcchenschrank rumliegen hat, loszuwerden. <\/p>\n<p>Wer nicht \u00f6ffnet und Gl\u00fcck hat, bei dem ziehen die Gruselgestalten einfach weiter. Wer Pech hat, findet am n\u00e4chsten Morgen mit Kleister verklebte Klingelbretter oder Abf\u00e4lle im Briefkasten vor. Doch was auch immer passiert, festzuhalten ist: In jedem Falle handelt es sich bei Halloween um die legalisierte Form der Klingeljagd. Einmal im Jahr darf man unerkannt auf alle Klingelkn\u00f6pfe gleichzeitig dr\u00fccken \u2013 und wird daf\u00fcr sogar noch belohnt.<\/p>\n<p>Happy Halloween!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weshalb sich so viele Erwachsene gegen Halloween stemmen (\u201e&#8230; h\u00f6r&#8217; mir blo\u00df auf damit!\u201c) ist unbegreiflich. Dass das (Kinder-)Fest \u00fcber keltische Umwege aus Amerika kommt (\u201e&#8230;muss man denn jeden Sch&#8230; aus den USA mitmachen?\u201c), kann in heutiger Zeit jedenfalls kein Argument mehr sein. Willkommen im globalen Dorf. 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