{"id":14,"date":"2012-10-13T23:25:48","date_gmt":"2012-10-13T21:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.knetfeder.de\/dsd\/2012\/der-erste-flaschensammler\/"},"modified":"2012-10-13T23:56:22","modified_gmt":"2012-10-13T21:56:22","slug":"der-erste-flaschensammler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.knetfeder.de\/dsd\/2012\/der-erste-flaschensammler\/","title":{"rendered":"Der erste Flaschensammler"},"content":{"rendered":"<p>Meine eigene Flaschensammlerkarriere begann als Sch\u00fcler Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, nachdem aus den gro\u00dfen Kakaoplastikbechern, mit denen man in der Grundschule immer so gut basteln konnte, im Zuge der \u00d6kowelle kleine Mehrwegflaschen geworden waren \u2013 \u201eDinokakao\u201c als Beginn eines neuen Berufszweiges. <\/p>\n<p>Der Versuch, Plastik-Pfandbons als Ersatz zu etablieren, damit die Sch\u00fcler in den Pausen nicht mit Kleingeld hantieren mussten, schlug grandios fehl, da alle lieber die Chips sammelten und wetteiferten, wer die meisten zusammenbek\u00e4me \u2013 statt wie gedacht einen einzelnen immer wieder in Umlauf zu bringen. So hantierten die milchverkaufenden Hausmeister eben doch wieder mit echtem Geld. Bis dahin und auch sp\u00e4ter bis zur Einf\u00fchrung des Dosenpfandes sammelten in Deutschland nur Umweltsch\u00fctzer in freier Wildbahn ausgesetzte Flaschen wieder auf. Das \u00e4nderte sich nun, monet\u00e4re Motive schafften einen zus\u00e4tzlichen Anreiz.<\/p>\n<p>Das Gymnasium war ein gro\u00dfes Geb\u00e4ude, mit langen Wegen, und die Pfandflaschenr\u00fcckgabestelle in Form des hausmeisterlichen Kabuffs war nur in den gro\u00dfen Pausen ge\u00f6ffnet. Doch in den viel zu kurzen Pausen hatte man anderes zu tun, als Leergut zur\u00fcckzugeben, und nach der 6. Stunde wollten alle schnell nach Hause und sich nicht auch noch die verklebten, mit Milch und Saft restgef\u00fcllten Flaschen in den Schulranzen stopfen. So blieben nach Schulschluss die Flaschen trotz 30 Pfennig Pfandes reihenweise stehen \u2013 unter den Tischen, auf den Tischen \u2013 und in den M\u00fclleimern.<\/p>\n<p>Der Pfandbetrag war genau der richtige, so dass die Mitsch\u00fcler im Zweifel auf ihn verzichteten, sich das Zur\u00fcckbringen f\u00fcr einen selbst aber lohnte. So brauchte man zur sp\u00e4ten Mittagszeit nur durch die verlassenen Klassenr\u00e4ume ziehen und dabei schneller als die Putzkolonne sein, um am n\u00e4chsten Tag eine ganze T\u00fcte voller Pfandflaschen einl\u00f6sen zu k\u00f6nnen. An schlechten Tagen fand man je nach Ausdauer ein oder zwei, an guten Tagen auch schon mal ein halbes Dutzend. Schnellverdiente zwei Mark.<\/p>\n<p>Heute werden nicht l\u00e4nger nur Schulmilchflaschen gesammelt, das Flaschensammeln ist zum gesamtgesellschaftlichen Ph\u00e4nomen geworden, hat teils professionelle Formen angenommen. Doch eine besondere Auff\u00e4lligkeit gibt es  \u2013 es sind nun vor allem die \u00c4lteren, die im Stadtbild die M\u00fclleimer und Altglascontainer nach versehentlich und absichtlich entsorgten Pfandglasbeh\u00e4ltnissen durchforsten, nicht mehr die Halbw\u00fcchsigen.<\/p>\n<p>Dabei ist Flaschensammler nicht gleich Flaschensammler. Drei Typen haben sich herausgebildet. Am unauff\u00e4lligsten ist der Gelegenheitssammler, der in Wirklichkeit nat\u00fcrlich keiner ist, denn Flaschen sammelt niemand aus Gelegenheit, allenfalls gelegentlich. Es sind Damen fortgeschrittenen Alters, die an der Haltestelle stehen, als warteten sie auf den Bus, was wom\u00f6glich sogar stimmt. Doch dann, wenn sie meinen, dass keiner auf sie achtet, schieben sie sich in Richtung des \u00f6ffentlichen Papierkorbes und werfen einen vorsichtigen Blick hinein. Sieht etwas entfernt wie eine Pfandflasche aus, wird vorsichtig mit spitzen Fingern danach gefischt, ganz so, als w\u00e4re aus Versehen der eigene Geldbeutel in den M\u00fcll gefallen. Die erlegten Flaschen und Dosen landen versch\u00e4mt im umgeh\u00e4ngten Jutebeutel.<\/p>\n<p>Die fortgeschrittenen Flaschensammler gehen offensiver zugange, sie haben sich bereits mit dem Sammeln identifiziert. Ohne Umstehende oder auf B\u00e4nken Sitzende nur eines Blickes zu w\u00fcrdigen, werden die Abfalleimer gezielt angesteuert, um sie ausgiebig nach verwertbaren Gef\u00e4\u00dfen zu durchsuchen. Oft kommen diese Flaschensammler mit dem Rad, in dessen Fahrradk\u00f6rben und -taschen sie das Gesammelte zwischenlagern. Oder die Beute landet in gro\u00dfen Plastikt\u00fcten, die b\u00fcndelweise transportiert werden.<\/p>\n<p>Die Grenze zum Berufsflaschensammler ist flie\u00dfend: der durch und durch professionelle Sammler ist mit einer vollst\u00e4ndigen Ausr\u00fcstung ausgestattet, er tr\u00e4gt Arbeitshandschuhe, in seiner orangefarbenen Warnweste hat er eine Taschenlampe griffbereit, in M\u00fclleimer fasst er mit einer Greifzange, f\u00fcr Altglascontainer hat er eine Verl\u00e4ngerungsstange dabei. Auch er kommt mit Fahrrad, Anh\u00e4nger oder Handkarren \u2013 und l\u00e4sst sich in seiner Montur kaum von einem offiziellen M\u00fcllwerker unterscheiden. Nicht nur deshalb f\u00e4llt dieser Typus \u00fcberhaupt nicht mehr auf, zieht keine absch\u00e4tzigen Blicke der Mitmenschen auf sich. <\/p>\n<p>Aber auch in Gegenwart der Gelegenheitssammler f\u00fchlt sich l\u00e4ngst niemand mehr unwohl oder schaut gar irritiert, dass offenbar gut gekleidete, normal aussehende B\u00fcrger Pfandflaschen hamstern. Es ist inzwischen v\u00f6llig normal, dass die nette Oma von nebenan in der Botanik die Flaschen aufsammelt oder der \u00e4ltere Herr von \u00fcbernebenan wie selbstverst\u00e4ndlich die M\u00fclleimer ausr\u00e4umt. F\u00fcr die Flaschensammler von heute ist ihre Arbeit l\u00e4ngst kein Vergn\u00fcgen mehr, wenn man es \u00fcberhaupt je als Vergn\u00fcgen bezeichnen konnte. Die Konkurrenz ist gro\u00df, das Finden einer Dose, auf der das Pfandlogo noch zu entziffern ist, wie ein Sechser im Lotto. Gegebenheiten wie fr\u00fcher, zu Zeiten vor dem Dosenpfand, als Dosen und Flaschen in Parks fast containerweise zur\u00fcckgelassen wurden, davon kann der Sammler nur noch tr\u00e4umen. Um beim Flaschensammeln noch auf seine Kosten zu kommen, braucht es mehr als einen (Park-)Spaziergang. Strenge Selbstdisziplin und Ausdauer sind n\u00f6tig, um in m\u00f6glichst kurzer Zeit m\u00f6glichst viele M\u00fclleimer abklappern zu k\u00f6nnen \u2013 und dabei m\u00f6glichst die lukrativen.<\/p>\n<p>Der Kampf ums Dosenpfand verlagert sich deshalb bereits in die Hinterh\u00f6fe, progressiv vorgehende Sammler verschaffen sich Zutritt und inspizieren die privaten Wertstofftonnen, in denen aber ebenso nur magere Auswahl zu finden ist. Niemand hat etwas zu verschenken, auch kein Flaschenpfand. Flaschensammeln gleicht einem Spiel, einem Gl\u00fccksspiel. Einem, dem in Berlin und anderswo immer mehr Menschen nachgehen. Nicht, um wie einst ihr pr\u00e4pubertierendes Taschengeld aufzubessern. Sondern um zu \u00fcberleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine eigene Flaschensammlerkarriere begann als Sch\u00fcler Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, nachdem aus den gro\u00dfen Kakaoplastikbechern, mit denen man in der Grundschule immer so gut basteln konnte, im Zuge der \u00d6kowelle kleine Mehrwegflaschen geworden waren \u2013 \u201eDinokakao\u201c als Beginn eines neuen Berufszweiges. 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