{"id":4,"date":"2006-10-20T02:13:17","date_gmt":"2006-10-20T00:13:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.danielseiten.de\/2006\/aberglaubisch\/"},"modified":"2007-12-21T10:10:45","modified_gmt":"2007-12-21T08:10:45","slug":"aberglaubisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.knetfeder.de\/dsd\/2006\/aberglaubisch\/","title":{"rendered":"Abergl\u00e4ubisch."},"content":{"rendered":"<p>In gro\u00dfen Hotels, so sagt man, gibt es oft keine Stockwerke mit der Nummer 13. Die Fahrst\u00fchle halten im 12. Stock &#8211; und danach erst wieder im vierzehnten. Wer wollte schon freiwillig ein Zimmer auf der 13. Etage bewohnen? Bei der Deutschen Bahn nimmt man nur teilweise auf abergl\u00e4ubische Kunden R\u00fccksicht. Zwar gibt es auch in ICEs nie einen Wagen mit der &#8220;Ordnungsnummer&#8221; 13, daf\u00fcr hat man aber dem neuen Berliner Hauptbahnhof ein Gleis Nr. 13 spendiert. Der Bahnhof drumherum ist wirklich sch\u00f6n geworden. Ein Palast aus Glas und mattem Stahl, inklusive Parkhaus und Einkaufszentrum. Steht man auf der obersten Ebene der Ladenzeilen und schaut innen am Gel\u00e4nder herunter auf den im Keller liegenden Nord-S\u00fcd-Bahnsteig, dann sollte man keine H\u00f6henangst haben. Die ein- und ausfahrenden Z\u00fcge sehen aus wie Spielzeugeisenbahnen und den umherlaufenden Bahnaufsichtsangestellten meint man genau auf die rote M\u00fctze dr\u00fccken zu m\u00fcssen, die von oben aussieht wie ein Not-Aus-Schalter. Wenn man w\u00e4hrend der Blicke in die Tiefe doch leicht schwindelig wird, dann bleibt als Alternative immer noch besagtes Gleis 13: Das liegt ganz oben direkt unter dem Glasdach und hier zahlt es sich nun aus, dass Herr Mehdorn aus Zeitgr\u00fcnden das eigentlich die Bahnsteige komplett \u00fcberdachen sollende Glasgew\u00f6lbe ein paar Meter k\u00fcrzer bauen lie\u00df. Denn so werden Erste-Klasse-Reisende bei Regen zwar nass, daf\u00fcr aber bildet Gleis 13 nun eine einzigartige Aussichtsplattform, auf der man einen wundersch\u00f6nen Blick auf die Silhouette Berlins genie\u00dft.<\/p>\n<p>Geht man auf Gleis 13 ganz nach hinten (nach Westen, nicht da, wo die Vattenfall-Leuchtreklame h\u00e4ngt, sondern in Richtung der Berliner-Morgenpost-Plane) und setzt sich auf die letzte der Sitzgruppen, dann hat man den besten Blick in Richtung S\u00fcden. Links der Fernsehturm, schr\u00e4g geradeaus die Schweizer Botschaft und dahinter der Reichstag, ganz rechts kann man besten gegen Abend beim Sonnenuntergang die Siegess\u00e4ule vor einem atemberaubenden Himmel funkeln sehen und ganz links machen die Z\u00fcge und S-Bahnen einen herrlich langgezogenen Bogen, bis sie dem Bllickfeld entschwinden und in den Bahnhof ein- bzw. in Richtung Alexanderplatz weiterfahren. Der einzige Nachteil an Gleis 13: wenn auf Gleis 11 oder 12 ein ICE h\u00e4lt, dann hat man nur noch einen Panoramablick auf einen ICE. Das kann einem auf Gleis 11\/12 zwar nicht passieren, daf\u00fcr sieht man von dort dann die Siegess\u00e4ule nicht mehr. Wie dem auch sei, jedenfalls ist es kein Vergleich mit dem Bahnhof Zoo, von wo man nur ein paar B\u00e4ume des Zoologischen Gartens, den Busbahnhof und immerhin auf gleicher H\u00f6he die Kaiser-Wilhelm-Ged\u00e4chtniskirche bestaunen konnte.<\/p>\n<p>Auffallend ist \u00fcbrigens erstaunlicherweise, dass sich mit der Verpflanzung des Bahnhofes aus der &#8220;City West&#8221; in die Brache um das Regierungsviertel auch die Klientel ge\u00e4ndert zu haben scheint. Arme Gestalten, die sich zwischen Stehpizza und W\u00fcrstchentresen aufw\u00e4rmen, gibt es nicht mehr. Bestimmt gibt es sie noch, aber nicht im Hauptbahnhof. Diverse Stra\u00dfenzeitungen bekommt man beim Warten zwar immer noch angeboten, aber selbst hier nicht mehr von sichtlich gekennzeichneten Gestalten, sondern von beinahe elegant gekleideten Herren und Damen, die auch als Verk\u00e4ufer am Croissant-Stand durchgegangen w\u00e4ren. Oder als &#8220;Automaten-Servicekr\u00e4fte&#8221;, die im Zweierteam den \u00fcberforderten Bahnkunden dabei helfen, die neuen Fahrkartenautomaten zu bedienen. Fahrkartenautomaten, an denen man nach der Wahl der Reiseroute nur noch ein St\u00fcck Papier ausgedruckt bekommt, mit dem man an einem weiteren Automaten bezahlen darf und erst dann die eigentliche Fahrkarte bekommt. Es ist letztendlich einfacher, als es klingt, aber ein getrennt arbeitendes Automatensystem aufzustellen, nur damit man dann zus\u00e4tzliches Personal ben\u00f6tigt, das die Menschen an die Hand nehmen muss, damit diese das System dahinter \u00fcberhaupt durchschauen&#8230; man mag gar nicht wissen, wer und warum sich das jemand ausgedacht hat. Als Kundenservice sollte man es jedoch tunlichst nicht verkaufen. Nur nebenbei erw\u00e4hnt, von den sechs vorhandenen &#8220;echten&#8221; Schaltern, mit &#8220;echtem&#8221; Personal sind zur gleichen Zeit nur drei besetzt. Berlin, Bundeshauptstadt, Hauptbahnhof. Wieviele regelm\u00e4\u00dfig besetzte Schalter haben die &#8220;Reisezentren&#8221; in M\u00fcnchen und Hamburg? Egal, wer zur Berliner &#8220;central station&#8221; kommt, der will sowieso nicht Zugfahren, sondern die Atmosph\u00e4re atmen, die Perspektiven bestaunen &#8211; und einkaufen. Wir sehen uns auf Gleis 13.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In gro\u00dfen Hotels, so sagt man, gibt es oft keine Stockwerke mit der Nummer 13. Die Fahrst\u00fchle halten im 12. Stock &#8211; und danach erst wieder im vierzehnten. Wer wollte schon freiwillig ein Zimmer auf der 13. Etage bewohnen? Bei der Deutschen Bahn nimmt man nur teilweise auf abergl\u00e4ubische Kunden R\u00fccksicht. 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