Saturday, July 20, 2013

Halten Sie bitte an!

Die Berliner Polizei führte am 17.7. Schwerpunktkontrollen in Charlottenburg, Wilmersdorf und Spandau durch.

Zwischen 11.00 Uhr und 15.00 Uhr überprüften die rund 20 Polizisten an mehreren Kontrollstellen insgesamt 72 Radfahrer und leiteten 40 Ordnungswidrigkeiten-Verfahren ein. In 27 Fällen waren Radler bei Rot gefahren, neun Räder wiesen technische Mängel auf.

(Pressemeldung der Berliner Polizei vom 18.7.)

Stolze Leistung. Ein Drittel der kontrollierten Radfahrer interssiert sich nicht für rote Ampeln, obwohl die Polizei danebensteht. Da kann man sich ausmalen, wie es um die Farbenblindheit bestellt ist, wenn gerade keine Kontrollen durchgeführt werden.

Friday, July 12, 2013

Styroporpflicht

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg bringt in Folge der Rechtsprechung des OLG Schleswig-Holstein einen Beitrag zur Helmpflicht für Radfahrer. Tenor: die Politik will keine Helmpflicht, der ADFC geht davon aus, dass dann wieder mehr Auto gefahren würde, und die meisten Radfahrer selbst sagen, dass sie dann eben einen Helm tragen würden, wenn es vorgeschrieben wäre. Garniert wird das Ganze mit Bildern von Fahrradunfall-Crashtests.

Genau diese jedoch offenbaren den Knackpunkt der Frage, ob Helme sinnvoll sind oder nicht: In allen gezeigten Crashtests hätte ein Helm praktisch überhaupt nicht geholfen: Ein Helm verhindert nicht, dass Radfahrer mit der Wirbelsäule auf die Motorhaube prallen, er schützt nicht davor, auf das Gesicht zu fallen und auch beim gezeigten seitlichen Aufprall auf den Asphalt hätte er so gut wie keine Schutzwirkung.

Wenn man sich als Radfahrer wirksam vor Kopf- und sonstigen Verletzungen besser schützen wollte, müsste man Integralschutzhelme tragen – also Motorradhelme. Normale Fahrradhelme bieten im Vergleich zu geschlossenen Helmen oder selbst halboffenen Motorradhelmen eher begrenzten Schutz. Man trägt sie auf dem Kopf, statt um den Kopf. Gegen die in Berlin häufigste Todesursache für Radfahrer hilft ein Helm übrigens nicht, nämlich von einem Lastwagen überrollt zu werden.

Auf diese essentielle Frage, wie sehr typische Fahrradhelme eigentlich wirklich schützen können, geht der RBB-Beitrag praktisch nicht ein. Ein Mediziner darf vor der Kamera sagen, dass Fahrradhelme definitiv den Kopf schützen, das sei die alltägliche klinische Erfahrung der Unfallchirurgen. Wie stark dieser Schutz ist und in exakt welchem Winkel man aufprallen muss, um diesen Schutz überhaupt zu erzielen, das wird auf eine ganz besondere Weise angesprochen: nämlich gar nicht.

Thursday, July 4, 2013

Berliner Polizei: Fahrradwege sind sicherer

Ende Juni gab die Berliner Polizei im Rahmen ihrer Schwerpunktkontrollen zum Radverkehr eine Pressemitteilung heraus. Darin heißt es u.a.:

Ist ein Radweg mit blauem Schild gekennzeichnet, muss er von Radfahrern benutzt werden. Sofern das entsprechende Schild nicht vorhanden ist, können Radler zwischen der Fahrbahn und dem Radweg frei entscheiden. Die Polizei empfiehlt jedoch, den sichereren Radweg zu nutzen.

Pressemeldung der Berliner Polizei, 28.6.2013

Hieraus ergibt sich der Eindruck, dem Befahren von Radwegen sei generell der Vorzug zu geben, unabhängig von einer etwaigen Benutzungspflicht.

fahrradwegaufgehoben.png
(fiktives Verkehrsschild: Ende der Radwegbenutzungspflicht

Das machte uns stutzig. Denn einerseits gehen Verkehrsplaner nach wie vor davon aus, dass Radfahrer besonders zu schützen und daher von der regulären Fahrbahn mit motorisiertem Verkehr fernzuhalten seien - andererseits wird in zunehmendem Maße deutlich, dass Radfahrer auf Radwegen eben nicht sicherer unterwegs sind als auf der Fahrbahn. Der Paradigmenwechsel weg vom Radweg, hin zum Schutzstreifen auf der Fahrbahn und die Abschaffung der generellen Radwegpflicht sind Ausdruck dieser Erkenntnis. Auch unsere eigenen Statistiken der letzten Zeit (die übrigens auf dem Polizeibericht basieren) zeigen, dass die meisten Unfälle mit Radfahrern in Berlin gerade auf klassischen Radwegen passieren - nicht auf der Fahrbahn.

Auf dem Radweg werden Radfahrer leichter übersehen und angefahren, von kreuzenden Fahrzeugen oder in Einfahrten einbiegenden Wagen; hier kollidieren Radfahrer untereinander, weil keine Möglichkeiten zum sicheren Überholen bestehen, hier öffnen sich Beifahrertüren in geringem Abstand und laufen Fußgänger unvermittelt in alle Richtungen.

Die Aussage der Polizei scheint damit willkürlich zu sein, aus der Luft gegriffen und dem eigenen Polizeibericht zu widersprechen. Die Empfehlung müsste genau andersherum lauten: Wenn Sie zwischen Radweg und Straße wählen können, dann sollten Sie stets die Fahrbahn benutzen.

Wir haben daher bei der Pressestelle der Berliner Polizei mit Bitte um Klarstellung nachgefragt:

1. Weshalb werden Radwege von der Berliner Polizei für Fahrradfahrer als sicherer eingestuft als das Fahren auf der Fahrbahn?

2. Existieren hierzu Erfahrungswerte oder statistische Daten?

3. Schätzt die Berliner Polizei das Befahren der Berliner Straßen für Radfahrer grundsätzlich als gefährlich bzw. gefährlicher ein?

Eine Antwort haben wir nicht erhalten. Stattdessen wurde die Pressemeldung nachträglich ohne weiteren Kommentar geändert. Dort steht nun nur noch:

Ist ein Radweg mit blauem Schild gekennzeichnet, muss er von Radfahrern benutzt werden.

Nachtrag, 5.7.2013: Die Leitung der Pressestelle der Berliner Polizei und der Pressesprecher haben auf unsere Anfrage geantwortet und die betreffende ursprüngliche Aussage der Pressemitteilung als fehlerhaft bestätigt. Die Polizei Berlin stufe Radfahren auf Radwegen grundsätzlich nicht als sicherer ein als das (zulässige) Fahrbahnradeln.

Wednesday, July 3, 2013

Fahrradunfälle im Juni

unfaelle.png

In Charlottenburg-Wilmersdorf läuft ein Fußgänger auf die Straße ohne auf den herannahenden 27-jährigen Radfahrer zu achten. Durch die Kollision prallt der Radler gegen einen Straßenlaternen-Mülleimer und verletzt sich schwer.
#fußgänger #fahrbahn

In Mitte auf der Leipziger Straße Richtung Alex wird eine 27-jährige Radlerin beim baustellenbedingten Verlassen des Radweges und Wechseln auf die Fahrbahn von einem Auto gerammt und schwer verletzt.
#radweg

In Mariendorf wird einem 76-jährigen Radfahrer im Kreuzungsbereich die Vorfahrt von einem linksabbiegenden Autofahrer genommen, der den auf dem Radweg bei Grün fahrenden Radler übersah.
#linksabbieger #radweg

In Lichtenberg wird auf der Lückstraße eine 40-jährige Radfahrerin so dicht von einem Auto überholt, dass sie ins Straucheln gerät, den Bordstein berührt und mitsamt Kind im Kindersitz stürzt. Das Kleinkind wird schwer verletzt, der Autofahrer hielt nicht an.
#sicherheitsabstand

In Reinickendorf fährt ein Fünfjähriger auf dem Radweg der Oranienburger Straße seinem ihn begleitenden Vater ins Vorderrad, wodurch der 47-jährige über den Lenker stürzt.
#radweg

In Mitte wird eine 28-Jährige auf dem Radweg der Leipziger Straße lebensgefährlich verletzt, als ein LKW nach rechts in die Ebertstraße abbiegt.
#rechtsabbieger

In Friedrichshain wird ein 18-jähriger Radfahrer von einer Straßenbahn der Linie M8 überfahren, als er in der Landsberger Allee den Mittelstreifen an der Hausburgstraße über die Fußgängerfurt überquert. Der Radfahrer stirbt einen Tag später im Krankenhaus.
#fußweg

In Mitte fährt eine 25-Jährige auf der Neuen Hochstraße eine Elfjährige an, die plötzlich auf die Straße läuft, und stürzt über den Lenker auf die Fahrbahn.
#fahrbahn #fußgänger

In Lichtenberg auf der Landsberger Allee biegt ein Auto von der Straße in eine Einfahrt ein und fährt dabei einen auf dem Radweg fahrenden 48-Jährigen an.
#radweg #rechtsabbieger

In Lichterfelde West, Unter den Eichen, wird ein 43-jähriger Radler von einem in die Fabeckstraße rechtsabbiegenden LKW auf dem Radweg angefahren und schwer verletzt.
#radweg #rechtsabbieger

In Charlottenburg kollidiert ein auf dem Friedrich-Olbricht-Damm fahrender 37-jähriger E-Bike-Fahrer beim Linksabbiegeversuch mit einem entgegenkommenden Motorroller und verletzt sich schwer.
#linksabbieger

In Reinickendorf wird ein auf der Provinzstraße fahrender 52-jähriger Radler von einem linksabbiegenden LKW überfahren und schwer verletzt.
#fahrbahn #linksabbieger

In Mitte rammt ein aus der Niederkirchner Straße kommender, rechtsabbiegender PKW einen auf der Stresemannstraße geradeausfahrenden 24-jährigen Radfahrer, der gegen 23.30 Uhr ohne Licht auf der Fahrbahn fährt. Der Radfahrer wird schwer verletzt.
#fahrbahn #licht

In Friedrichshain verletzen sich 2 Radfahrer (46 und 36 Jahre alt), als sie sich auf dem Radweg in der Proskauer Straße Richtung Frankfurter Allee mit den Fahrrädern verhaken. Beide Radfahrer stürzen, als der ältere versucht, den jüngeren zu überholen. Der 46-jährige erleidet eine Schädelfraktur und Wirbelsäulenverletzungen, der Überholte Schürfwunden.
#radweg #überholen

Friedrichshain: Ein 34-jähriger Radfahrer verletzt sich am Kopf, als ein Auto auf der Singerstraße nach links in die Lichtenberger Straße abbiegt und mit dem Rad kollidiert. Der Radfahrer stürzt während des Überquerens der Lichtenberger Straße auf die Motorhaube und wird auf die Fahrbahn geschleudert.
#fahrbahn

Kreuzberg: Eine 49-jährige Radfahrerin wartet neben einem LKW auf der Friedrichsstraße an der Kreuzung Kochstraße auf grünes Ampellicht. Als sie geradeaus weiterradelt, überfährt sie der LKW, der rechts abbiegt. Die Radfahrerin wird am Vorderradkasten eingeklemmt und schwer verletzt.
#rechtsabbieger #fahrbahn

In Prenzlauer Berg stirbt eine 28-jährige Radfahrerin, als sie bei Rot auf der Greifswalder Straße Richtung Alexanderplatz über die Kreuzung Grellstraße fährt. Sie wird von einem von rechts kommenden LKW, der bei Grün in die Greifswalder Straße einbiegt, erfasst.
#tod #ampel

Prenzlauer Berg: ein 42-jähriger Radfahrer nimmt auf dem Radweg der Prenzlauer Promenade an der Kreuzung Wisbyer Straße der Straßenbahn die Vorfahrt, macht eine Notbremsung, stürzt über den Lenker und prallt mit dem Kopf gegen die Straßenbahn.
#radweg

Marzahn-Hellersdorf: In Mahlsdorf biegt ein Auto auf dem Hultschiner Damm in eine Grundstückseinfahrt ein und übersieht dabei einen auf dem - in beide Richtungen freigegebenen - Fahrradweg fahrenden 29-Jährigen. Der Fahrradhelm des Radfahrers zerbricht bei dem Aufprall.
#radweg #helm

Mitte: Zwei Radfahrer im Alter von 26 und 27 Jahren stoßen in der Margarete-Steffin-Straße, Ecke Reinhardtstraße, mit den Köpfen zusammen. Der 26-Jährige, der Vorfahrt hat, stürzt zu Boden und ist nicht mehr ansprechbar. Der alkoholisierte Unfallverursacher begeht Fahrerflucht. Der flüchtige 27-Jährige wird kurz darauf von einer Streife gestoppt und festgenommen, da ein Haftbefehl aufgrund von nichtbezahlter Strafe wegen Trunkenheit im Straßenverkehr bestand.
#fahrbahn #alkohol

Lichtenrade: In der Fehlingstraße stirbt ein 73-jähriger Radfahrer, als ein LKW ihn übersieht und nach rechts in den Lichtenrader Damm abbiegt.
#rechtsabbieger #tod

In Neukölln fährt ein alkoholisierter 27-jähriger Radfahrer in der Weserstraße gegen ein geparktes Auto, stürzt und verletzt sich schwer.
#alkohol

Pankow: Ein Motorradfahrer verliert in der Landsberger Allee die Kontrolle über seine Maschine, rammt die Poller am Bordsteinrand, die auf den Radweg geschleudert werden und einen 25-jährigen Radfahrer zu Fall bringen.
#radweg

In Reinickendorf fährt ein 36-jähriger Radfahrer in der Oranienburger Straße auf einen plötzlich in zweiter Reihe haltenden PKW auf.
#fahrbahn

Quelle: Polizeibericht Berlin

Monday, July 1, 2013

Das Ende der Dynamopflicht?

Was als Gesetzesinitiative aus Niedersachsen begann, fand mittlerweile auch den Segen von Verkehrsminister Ramsauer und könnte nun tatsächlich kommen, wenn der Bundesrat zustimmen sollte: die Dynamopflicht bei Fahrrädern könnte demnächst fallen. Statt mit kaputten Lichtanlagen unterwegs zu sein, die, wenn es drauf ankommt, dann doch nicht funktionieren, würde künftig Akkubeleuchtung zulässig sein – die von vielen ambitionierten Radfahrern ohnehin schon längst (gesetzeswidrig oder ergänzend zur Dynamobeleuchtung) verwendet wird, da sie zuverlässiger und heller ist als das klassische Fahrradlicht.

Hier würde die Gesetzesänderung den weitverbreiteten Gebrauch endlich legalisieren – und z.B. Mountainbike- oder Crossrad-Fahrer davor bewahren, ihre Räder mit allerlei wackeligen Anbauteilen nachrüsten zu müssen, um legal am Straßenverkehr teilnehmen zu können. Was für Rennräder möglich ist, sollte auch für andere Räder möglich sein. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Rennräder anders zu behandeln als andere sportliche Räder. Insofern erscheint die Angleichung bzw. generelle Freigabe sinnvoll und überfällig.

Irgendwelche Batterieleuchten würden dann allerdings nicht erlaubt sein – nur Scheinwerfer bzw. Schlussleuchten, die mit Akkus betrieben werden und über eine Ladestandsanzeige verfügen, wären dann legalisiert. Leuchten mit Einwegbatterien will man aus Umweltschutzgründen nicht zulassen, außerdem soll der Radler vor Fahrtantritt erkennen können, ob der noch genug Saft in den Akkus hat. Das offenbart eine gewisse Lebensfremdheit des Gesetzesänderungsentwurfs, denn welcher Radler kontrolliert bei Tageslicht seine Akkurestlaufzeiten? Eher hat er einen Satz Ersatzbatterien dabei, doch deren Verwendung wäre dann legal gar nicht möglich.

Überdies wird man in Zukunft bei Akkuleuchten weiterhin darauf achten müssen, ob sie eine StVZO-Zulassung haben oder nicht – die Abschaffung der Dynamopflicht würde nicht bedeuten, dass man nun einfach irgendwelche Lampen benutzen darf. Sie müssen die Voraussetzungen erfüllen und die Prüfnummer tragen, wenn sie im Straßenverkehr eingesetzt werden sollen. Neu wird nur sein, dass man die Lampen nicht permanent am Fahrrad angebracht haben muss und auf den Dynamo verzichten kann.

Erlaubte Akkubeleuchtung könnte letztlich jedoch dazu führen, dass noch weniger Radfahrer mit Licht unterwegs sind - Stecklampen werden auch schon mal vergessen, gerade Gegenheitsradler werden sich kaum um eine griffbereite, funktionsbereite Beleuchtung kümmern. Andererseits könnte es auch dazu führen, dass mehr mit Licht gefahren wird im Dunkeln, wenn Seitenläuferdynamos nicht mehr bremsen und die kaputte Lichtanlage ohnehin seit Jahren nicht repariert wurde. Das Anbringen und Aufladen von Akkubeleuchtung ist technisch simpler und auch von Nicht-Bastlern leichter zu handhaben als das Reparieren und Warten einer festinstallierten Fahrradbeleuchtungsanlage. Im Zweifel könnte sich Lieschen Müller künftig ein Akkulicht im Supermarkt nachkaufen, statt das Rad zum Reparieren der festen Fahrradbeleuchtung in die Werkstatt zu bringen.

In der Praxis könnte es auch Auswirkungen auf den Fahrradhandel haben. Wo heute als straßenverkehrstauglich angebotene Räder auf jeden Fall eine komplette Beleuchtungsanlage vorweisen müssen, könnten die Hersteller künftig auf diese verzichten und Kosten sparen. Wie im Ausland wird man vielleicht dann auf Dynamo-Rücklicht auch bei Stadträdern verzichten, stattdessen für das Rücklicht die Akkuversion nehmen - und nur noch das Vorderlicht, das mehr Energie benötigt, in einer Dynamofassung anbieten.

Im Endeffekt wird es jedoch beim jetzigen Zustand bleiben: Radfahrer werden sich nicht um Beleuchtungsvorschriften kümmern, und sich einfach irgendwelche Blinklichter ans Fahrrad pappen, ganz gleich, ob es sinnvoll ist oder nicht.

Friday, June 28, 2013

Vater, Mutter und zwei Kinder …

… aber nur ein Fahrradschloss. Gar kein Problem:

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Thursday, June 27, 2013

Fahrradrecht: Ist eine Klingel am Fahrrad Pflicht?

stvo2.png

Eindeutig ja. Sogar Rennräder, die durch eine Ausnahmeregelung nicht mal feste Lampen und Dynamo benötigen, benötigen eine Klingel.

StVZO § 64a sagt:

Fahrräder (…) müssen mit mindestens einer helltönenden Glocke ausgerüstet sein (…) Andere Einrichtungen für Schallzeichen dürfen (…) nicht angebracht sein.

Auf Deutsch heißt das: Eine Klingel muss sein. Hupe, Sirene, Tröte oder sonst was sind nicht nur kein Ersatz, sondern verboten. Mehrere Klingeln sind lustigerweise aber erlaubt.

Mehr zum Thema:
Das verkehrssichere Fahrrad – eine Fahrt durch den Vorschriftendschungel

Sunday, June 23, 2013

Paradigmenwechsel beim Fahrradhelm oder Fehlurteil?

Das Urteil des Oberlandesgerichts Schleswig-Holstein ist das bestimmende Thema für Radfahrer dieser Tage.

Bislang war es so, dass aus dem NIchtvorhandensein von Fahrradhelmen kein Nachteil entstand. Außer, man fiel zufälligerweise auf den Kopf. Rechtlich oder versicherungstechnisch jedoch machte es keinen Unterschied - das Nichttragen eines Helmes konnte dem Radfahrer nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn der Helm ist beim Radfahren eben nicht vorgeschrieben.

Bisher. Nun aber geht das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein in der deutschen Rechtsprechung erstmals davon aus, dass normale Radfahrer eine Mitschuld an ihren Verletzungen tragen, wenn sie aufgrund eines fehlenden Helmes mutmaßlich schwerer verletzt worden sind. Ist der Radfahrer aufgrund eines anderen Verkehrsteilnehmers zu Schaden gekommen, dann muss dieser dann womöglich nicht den vollständigen Schadensersatz oder volles Schmerzensgeld zahlen müssen. Besteht eine Schadensminderungspflicht für Radfahrer in Form des Helmtragens? Das OLG Schleswig-Holstein meint: ja.

VIele empören sich über dieses Urteil. Der Autofahrer, der die Autotür aufreißt, sei der Alleinschuldige, ohne ihn wäre der Unfall schließlich nicht passiert. Doch Recht ist nicht schwarz oder weiß, es ist ein Prozess der Bewertung von Sachverhalten. Alle Faktoren sind dabei zu berücksichtigen. Und dabei sind eben auch Umstände heranzuziehen, die die Folgen eines Unfalles gemildert hätten, nicht nur das verursachende Moment zu betrachten.

Dennoch ist das Urteil sehr kritisch zu sehen, denn es verlangt vom Radfahrer, sich selbst gegen die potentielle Gefährdung zu wappnen - eine Gefährdung, die von anderen ausgeht. Dies erscheint unlogisch und wird daher als ungerecht empfunden.

Die Begründung des Gerichts basiert im Wesentlichen auf fünf Argumenten.

1. Fahrradfahrer sind im Straßenverkehr besonders gefährdet
2. Helmtragen ist verbreitet
3. Helme schützen
4. Ein vernünftiger Mensch wird beim Radfahren einen Helm tragen
5. Helmtragen ist zumutbar

Doch keine dieser Annahmen lässt sich (wissenschaftlich) belegen.

Fahrradfahren ist nicht gefährlicher als andere Fortbewegungsarten - zieht man die Unfallstatistiken heran, ist Autofahren z.B. um ein Vielfaches gefährlicher.

Auch tragen Radfahrer im Allgemeinen keinen Helm. Die Zahl der Helmträger ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, doch noch weit davon entfernt, als Mehrheit gelten zu dürfen. Helmtragende Radler sind meistens Radfahrer, die entweder sehr unsicher fahren - oder Radfahren als Sport betreiben.

Dass Helme einen effektiven Schutz bieten, ist bis heute ebenfalls nicht geklärt - und wird nur vermutet. Physikalisch betrachtet ist der typische Fahrradhelm überhaupt nicht in der Lage, den Fallhöhen und Aufprallgeschwindigkeiten etwas Nennenswertes entgegenzusetzen. Ein Helm kann daher allenfalls leichte Stürze abmildern oder Schürfwunden vermeiden helfen - aber keinen wirklichen Schutz vor schweren Unfällen bieten. Im Gegenteil, er kann neue Gefahren schaffen, z.B. für die Halswirbelsäule.

Ein vernünftiger Mensch wird beim Radfahren daher vorausschauend fahren, um Unfälle erst gar nicht entstehen zu lassen. Aber wird nicht unbedingt einen Helm tragen, der hauptsächlich dekorative Zwecke erfüllt.

Sicherlich ist die Anschaffung eines Helmes wirtschaftlich vertretbar und das Tragen jener Kopfbedeckung zumutbar. Mit dem Wissen um die eher psychologische Schutzfunktion eines Fahrradhelmes ist es jedoch eher eine Zumutung.

Das Urteil aus dem hohen Norden basiert letztlich auf hypothetischen Erwägungen. Es kann nicht bewiesen werden, dass die Verletzungen beim Tragen eines Helmes weniger schwer gewesen wären als ohne diesen. Es kann lediglich für wahrscheinlich erachtet werden. Die Schuld an dem hier zugrundeliegenden Unfall liegt kausal betrachtet beim Unfallverursacher, einem die Autotür unachtsam öffnenden Autofahrer. Diese Schuld zu reduzieren, indem man allgemein einen mangelnden Selbstschutz der Radfahrer unterstellt, wälzt die Verantwortung für Fehlverhalten auf die Opfer ab. Das Gericht hat nicht die alleinige Schuld beim alleinigen Verursacher abgeladen, sondern ein Mitverschulden des Opfers konstruiert. Das ist der eigentliche Skandal an diesem Urteil.

Es wäre in der Tat die Einführung der Helmpflicht durch die Hintertür, sollte diese Rechtsauffassung Bestand haben. Ein Fahrradhelm wäre dann zwar nicht vorgeschrieben, aber sobald etwas passiert, wäre der Radfahrer mit schuld, wenn er sich eine Kopfverletzung zuzieht. Das ist nicht nur verkehrspolitisch bedenklich, es relativiert die Pflicht zum verantwortungsvollen Handeln im Straßenverkehr. Böse formuliert: Wenn die Radfahrer erstmal (scheinbar) besser geschützt sind, ist rabiateres Fahren wieder gefahrloser möglich. Statt Rücksichtnahme für schwächere Verkehrsteilnehmer zu zementieren, dem stetig steigenden Radverkehr Rechnung zu tragen, wird Rücksichtslosigkeit relativiert.