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Rubrik: Berlin

Geteilte Meinung

Anti-BerlinEs ist in der Tat erstaunlich – man liest bisweilen viel Positives über Großstädte und man liest bisweilen viel Negatives über Großstädte. In den Blickpunkt des miesepetrigen Feuilletons schafft es jedoch interessanterweise stets nur die Hauptstadt. Oder hat man schonmal Berichte gefunden, warum München so schrecklich ist? Oder Hamburg? Stuttgart? Nein, wenn etwas als belastend empfunden wird, dann spielt es sich mit Vorliebe in Berlin ab.

Das fällt einem sogar selbst beim stichprobenartigen Querlesen auf, so dass es mittlerweile zu einer eigenen Linksammlung reicht. Und was wäre ein geeigneterer Ort, um Anti-Berlin-Links zu bündeln, als die Anti-Berlin-Seiten? Wenn es nun sogar schon Weblogs gibt, die sich stets aktuell und zeitlos (sic!) mit der philosophischen Frage beschäftigen, weshalb Berlin so schrecklich ist, wird es höchste Zeit für einen Pressespiegel.

Daher ab sofort neu in diesem Projekt: Die Anti-Berlin-Linkliste.

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Matratzen

Anti-BerlinWie oft haben Sie sich eigentlich schon eine Matratze gekauft im Leben? Einmal? Fünfmal? Wöchentlich? Letzteres muss man annehmen, wenn man durch Berliner Straßen geht. An jeder dritten Ecke – ein Matratzengeschäft. Nein, kein Innenausstatter, kein Bettenzubehör – nur Matratzen. In jedem Ortsteil, jedem Kiez und jeder größeren Straße hat sich mindestens ein Matratzengeschäft niedergelassen. Soviele Läden auf kleinem Raum, wie kann das bloß wirtschaftlich funktionieren? Als meine Bank vor einem Jahr geschlossen hat und in eine andere Filiale umgezogen ist zusammengelegt wurde, was kam wohl rein in die leeren Geschäftsräume? – Natürlich Matratzen. Gekauft habe ich trotzdem keine. Hätte ich vielleicht tun sollen, vielleicht wäre ja Geld drin gewesen.

Das ist auch die einzige Erklärung, die man sich ausmalen kann: Die vielen vielen Matratzenläden leben nicht vom Matratzenverkauf, sondern davon, dass sie auch die alten Matratzen der Kundschaft gleich mit entsorgen. Alte Matratzen, in denen Oma und Opa vorher ihre Ersparnisse versteckt haben. Das muss es sein. Wer sonst sollte soviele angebotene Matratzen kaufen? Dennoch muss Matratzenhändler ein ausgesprochen lukrativer Beruf sein – nicht nur eine Kette beherrscht den hiesigen Markt, gleich mehrere Marken versuchen den Matratzenlosen zu ködern. Es würde mich nicht wundern, wenn mancher schon enttäuscht war, in diesen Läden kein Benzin zu bekommen – oder mit dem Auto in die Fensterscheibe gefahren ist: die meisten Matratzenlager sind beleuchtet wie Tankstellen.

Oder haben wir mal wieder alles falsch verstanden und das sind keine Händler, sondern Hoteliers? Lauter als Matratzenläden getarnte Stundenhotels… in Berlin ist nichts so wie es aussieht.

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… shoot the whole day down…

Gestern war wieder einer dieser Tage. Tage, an denen man spätestens beim Verlassen des Hauses ganz sicher sein kann, dass von diesem Moment an für die nächsten 14 Stunden rein gar nichts mehr reibungslos laufen wird. Solche Tage spielen sich z.B. so ab:

Aufstehen und sich freuen, dass der erste Blick aus dem Fenster und der Wetterbericht nichts Schlimmes verheißen – die Sonne scheint, ein milder Frühherbsttag kündigt sich an. Entsprechende Klamottenwahl. Einen wichtigen Termin haben, der keine Verspätungen duldet. Sich trotzdem für die spätere von zwei möglichen Busverbindungen entscheiden. An der Bushaltestelle frohlocken: der Bus ist schon in Sicht! Beim Hantieren mit der Geldbörse feststellen, dass die Monatskarte sich ominöserweise nicht an ihrem angestammten Platz befindet. Erster Unmutsanfall – umkehren in die Wohnung, Karte holen??? Sich dagegen entscheiden, weil ansonsten nebst des einmaligen Ereignisses, nicht die maximal auf dem Fahrplan stehende Wartezeit bis zum nächsten Bus überbrücken zu müssen auch der wichtige Termin verpasst würde. [Am Ende des Tages denken: hätte man sich an dieser Stelle des Ereignisablaufs anders entschieden, hätte vielleicht doch noch alles gut werden können…] Folglich: Einzelfahrausweis für 2,10 EUR erstehen (macht mit Rückfahrt 4,20 EUR!). Im Bus auf das Obergeschoss zusteuern und sich im Durchqueren über die höchst ungewohnte Leere wundern. Den normalen Weg des Busses genau kennen und doch ungläubig registrieren müssen, dass nach einer Station ABGEBOGEN wird, wo es laut Fahrplan und eigener Erinnerung bis zum Ziel ausschließlich geradeaus gehen sollte [Gedanken: Oh nein, ich hab nicht auf die Liniennummer des Busses geschaut und so den Falschen erwischt…Moment mal, an unserer Haltestelle hält doch nur EINE Linie…was ist hier los???]. Panisch das Obergeschoss verlassen um schnellstmöglich auszusteigen. Einem Gespräch zwischen Busfahrer und Fahrgast entnehmen, dass der nächste Halt viele Fahrminuten entfernt liegt und ganz und gar in ungünstiger Lage für die Fortsetzung des eigenen Weges zum wichtigen Termin. Fieberhaft planen, wie man vom Ziel des Busses aus doch noch das eigene Ziel erreichen kann. Aufatmend eine Lösung erdenkend sich im hinteren Busbereich erneut niederlassen. Hinter sich eine relativ leise, aber im ruhigen, fast leeren Bus doch gut hörbare Unterhaltung hören und schlussfolgern, dass es sich um ein Mobiltelefonat handeln muss. Sich ob der Themenwahl des Sprechenden (Verfolgung, Mord, Vergewaltigung) sowie der dramatisch ansteigenden Lautstärke und des Sprechtempos doch mal umdrehen und schockiert feststellen, dass kein Handy in Sicht ist. Die folgenden Fahrminuten in Anspannung wie in einem Horrorhörspiel verbringen und das Ende nicht wissen wollen. Auf die Uhr schauen: die Zeit wird äußerst knapp. Es fängt an zu nieseln. Der Bus steht in einer Riesenschlange an einer Ampel an einem Hauptverkehrsknotenpunkt mit Baustelle. Die Ampel wird grün. Rot. Grün. Vorrücken, die Haltestelle kommt in Sicht. Der Bus…fährt vorbei! Natürlich, dieser Bus hält erst um die Ecke. Also noch ein paar Ampelphasen abwarten. Endlich aussteigen können und den soeben über die Ampeln erkämpften Weg zurück durch den inzwischen prasselnden Regen im Pullover laufen. An einer Horde von ca. 1500 lärmenden Schülern und anderen Gestalten vorbei und hindurch zum Fahrplan des gewünschten Busses schieben. Die Wahl haben zwischen Nassregnenlassen oder Unterstellen zwischen Unmengen gedrängt stehenden dampfenden Berlinern. Sich für letzteres entscheiden und für das Wunder des prompt erscheinenden Busses dankbar sein. Mit Blick auf die Uhr doch noch Hoffnung auf pünktliches Erscheinen beim Termin haben…desillusioniert werden durch just in diesem Moment stattfinden Fahrerwechsel (Kasse, Jacke, Schlüssel, Kollegengespräch). Einige Stationen weiter resigniert dem zusteigenden Rollstuhlfahrer zusehen (Rampe ausklappen, Busfahrer aussteigen, Busfahrer schiebt, Busfahrer einsteigen, Rampe einklappen). Endlich das Zwischenziel erreichen und den Anschlussbus von hinten sehen. Es gießt, zu Fuß gehen in Pullover unmöglich. 10 Minuten warten. Erst drei Minuten nach Termin! Schaff ich noch fast! … FAHRERWECHSEL der Zweite. Den Tag abschreiben. Tell me why I don’t like Mondays…

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Kunst & Wissenschaft

Ein Klick auf das nachstehende Bildchen verschafft Einblick in zwei gleichermaßen faszinierende kulturelle Errungenschaften des Menschen: Wissenschaft und Kunst.

Widmen wir uns zunächst der Wissenschaft.
Was sehen Sie auf der seltsam flackernden Fotografie (bitte JETZT obiges Bild zum Öffnen – am besten in neuem Fenster – anklicken)? Richtig, ein Bushhäuschen irgendwo in Berlin (in diesem Stadium unserer Erläuterungen spielt es allerdings noch keine Rolle, in welcher Stadt das Bild entstanden ist; diese Frage wird erst für den Abschnitt „Kunst“ bedeutsam). Wem an dieser Stelle außer des nervigen Flackerns des Bildes nichts Besonderes auffällt, der bestätigt aktuellste Erkenntnisse bezüglich eines Phänomens aus der Wahrnehmungspsychologie: der „Change Blindness“. Die Wahrheit ist, dass sich das Bild mit jedem Flackern verändert. Haben Sie diese Veränderung des Bildes wider Erwarten sofort registriert, dann nur aufgrund unserer stümperhaft verarbeiteten Animation. Im Normalfall ist die Veränderung zunächst nicht wahrnehmbar. Grund: dem Bild werden nicht plötzlich gewisse Details (über die später noch zu reden sein wird) hinzugefügt, was selbstverständlich sofort bemerkt werden würde. Stattdessen erscheint und verschwindet das Bild immer wieder von neuem, so dass die visuelle Aufmerksamkeit nicht fokussiert werden kann. Geschlussfolgert wird aus der Unfähigkeit, den Wechsel im Bild zu bemerken, dass unsere Gehirne keine Abbilder unserer Umwelt speichern:

Wenn uns eine große Veränderung mitten in einem Bild entgeht […], kann es in unserem Kopf kein gespeichertes Bild von der Szene geben – andernfalls müsste der Wechsel bemerkt werden. Unser stabiles visuelles Bewusstsein […] gibt es in Wirklichkeit gar nicht.
(in: Spiegel Online, 1.9.2005)

Ich möchte hier insofern widersprechen, als dass das Phänomen der „Change Blindness“ möglicherweise für das Betrachten von Bildern am Computern zutreffend sein mag, aber nach eigenen Erfahrungen nicht die Wahrnehmungsvorgänge in der dreidimensionalen Realität beschreibt. Denn – zur Kunst kommend – die enorme Veränderung zwischen den Zuständen 1, 2 und 3 des Bushäuschens ist dem Knetfeder-Team alles andere als entgangen – und das, obwohl der Zeitraum zwischen der Wahrnehmung der einzelnen Zustände jeweils einen Tag betrug. Ganz offenbar hatten unsere Gehirne also doch bereits ein ziemlich genaues Abbild des Blickes aus unseren Fenstern gespeichert, als sie mit den verstörenden Veränderungen des Bushäuschens konfrontiert wurden. (Für alle, die die Veränderung noch immer nicht entdecken konnten: man beachte den rechten Dachbereich des Häuschens!) Nachdem nach internen Nachforschungen im Knetfeder-Team eine Involvierung der Beteiligten ausgeschlossen werden konnte, bleibt nur eine Schlussfolgerung: es handelt sich um echte Berliner KUNST (oder wo sonst haben Sie in einem gutbürgerlichen Großstadtrandbezirk schonmal eine so gekonnt auffällig unauffällige Inszenierung des stuhlgewordenen Sitzstreiks gesehen?)!

Für kunsthistorische und sonstige Deutungen der Ausstellung sind wir jedenfalls jederzeit offen und schlagen des weiteren aus völlig uneigennützigen Gründen eine Fortsetzung der Vernissage unter Verwendung eines Liegestuhles vor.

Alle drei Bushäuschen-Zustände in Farbe und sonstiger voller Pracht:

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Berlin hat sein eigenes Internet.

Immer wieder schön: Fundstücke aus der Reihe „wir haben das Internet nicht verstanden“. Diesmal: die Berliner Zeitung anlässlich einer Marketingkampagne der Berliner Ordnungsämter:

...ging ein berlinweiter Internetauftritt online

Quelle: Berliner Zeitung

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Ökologische Tragödien aus Entenperspektive

EntenweltDer Minipark „Lauenburger Platz“ inklusive Teich – die Oase im Berliner Bismarckstraßenkiez für Currywurst-Esser, Wohnungslose und natürlich Enten.

Lauenburger Platz bis Herbst 2004

Zufriedene Launi-Enten bis 2004

Allerdings nur bis zum Herbst 2004, als der Bezirk Steglitz-Zehlendorf beschließt und den Anwohnern in mintgrünen Briefwurfsendungen erfreut mitteilt, „dass trotz geringer Haushaltsmittel der Bezirks (sic!) Steglitz-Zehlendorf entschieden hat, dem weiteren Verfall der denkmalgeschützten Grünanlage am Lauenburger Platz eine investive Baumaßnahme zur Grundinstandsetzung nach historischen Vorgaben entgegenzusetzen.“

Dass zum Zwecke der allseitigen Öffnung des Platzes und der Möglichkeit zur sozialen Kontrolle auch einige Strauchpflanzen und Bäume würden weichen müssen, wurde sogar anhand eines skizzierten Bebauungsplanes verdeutlicht. Diverse unüberhörbare Protestaktionen von engagierten Anwohnern versuchten im Herbst 2004 das Schlimmste zu verhindern – die Bäume jedoch fielen trotzdem.

Trauer um die Hainbuchen

Keine Chance auf angemessenen Protest und Trauer um ihre Heimat erhielten hingegen offenbar die anwohnenden Enten, wie in den vergangenen Nächten deutlich wurde: heimkehrende Entenpärchen auf der Suche nach ihrem angestammten Nistplatz stimmten – zu Recht! – ein empörtes Beschwerdegequake an, als sie weder die zur Brut notwendige üppige Uferböschung noch ihr heimeliges Feuchtbiotop vorfanden. Aus unerfindlichen Gründen scheint das Federvieh keinerlei Verständnis für menschliche Bedürfnisse nach „Offenheit“ und „sozialer Kontrolle“ aufzubringen – wohingegen die bezirksamtliche Menschheit ja geradezu überquoll vor respektvoller Rücksichtnahme auf wohnberechtigte Launi-Enten, wie die grandios einfühlsame Antwort des Gartendenkmalpflegers von Krosigk auf die Frage, warum gesundes Grün für den Denkmalschutz sterben müsse, eindrucksvoll demonstriert: „Weil das Grün in der Stadt nicht nur für Vögel, sondern auch für Menschen da ist.“ (zit. nach: Der Tagesspiegel, 13.10.2004).

Da im Herbst 2004 versäumt wurde, mintgrüne Zettelchen mit gewählter rationaler Argumentation nicht nur an ANwohner, sondern auch an EINwohner des Teiches zu verschicken, sollten sich die Mitarbeiter des Bezirksamts nun auf einen geschnäbelten Proteststurm bezüglich des verunstalteten Platzes gefasst machen – teeren und federn nicht ausgeschlossen.

Welche Ente könnte hier brüten???

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