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Tschüss, Bahnhof Zoo!

Anti-BerlinDer neue Berliner Hauptbahnhof wird heute abend eingeweiht. Endlich. Ab nächster Woche beginnt der Berliner seine Fernreisen am ehemaligen Lehrter Bahnhof, der zu einem zentralen Eisenbahnknotenpunkt in der Hauptstadt ausgebaut wurde, den ICEs wie S-Bahnen überirdisch, unterirdisch sowie von Norden bis Süden anfahren.

„Bahnhof der Superlative“, „spektakulär“ schrieb die Berliner Morgenpost, „Kristallpalast im Märkischen Sand“, „grandiose Architektur“ der Tagesspiegel und auch Berlin Online bedient sich nicht nur fremder Bilder, sondern schreibt in der Berliner Zeitung vom „Solitär an der Spree“. Nun ja, die Lage im Regierungsviertel, und umschlossen von wild wucherdem grünem Dickicht, macht ihn zu etwas Besonderem, aber ansonsten – wer Flughafenterminals spektakulär findet, dem wird auch der neue Hauptbahnhof gefallen. Genauso wirkt er nämlich, der neue Prachtbau. Wie ein Zentralflughafen (den gibt es in Berlin zwar auch, dieser soll wegen hoher Verluste demnächst aber dicht gemacht werden – hoffentlich kein schlechtes Omen für das neue Aushängeschild der Deutschen Bahn) – nur die Landebahnen fehlen.

Doch viel wichtiger als das Ereignis der Bahnhofseinweihung ist das Ereignis, das mit ihm einhergeht: die Herabstufung des bis dahin tatsächlichen zentralen Bahnhofs Berlins, den Bahnhof Zoo, zum Regionalbahnhof. Fernzüge halten künftig nicht mehr am ehemaligen Einfallstor West-Berlins, sondern fahren durch bis zum Hauptbahnhof. Wie mit allen Veränderungen tut sich der Mensch auch mit dieser naturgemäß schwer: der Protest und der Unmut gegen die von oben künstlich verordnete Verlagerung des Stadtfernverkehrs waren groß, aber auch sie konnten eines nicht überdecken: der Bahnhof Zoo hatte seine beste Zeit hinter sich. Die einstige Notlösung für West-Berlin war in der wiedervereinten Hauptstadt eine Katastrophe.

Der Bahnhof Zoo ist unbestritten schön, interressant, vertraut geschichtsträchtig und hat Charme – aber das nur für Nostalgiker, Eisenbahnenthusiasten, die Ku’damm-Anrainer und natürlich den örtlichen Einzelhandel. Wer hingegen einfach nur in einen Zug einsteigen wollte, der dachte oftmals, er wäre unbemerkt Statist in einem schlechten Film geworden: vor Menschen überquellende Bahnsteige, laute, unwirtliche Bahnsteige, zudem noch (Achtung, 1a-Wortspiel) zugig, und in die umgebenden Sraßen ging man nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr ohne Begleitung. Auch die Läden und die Gastronomie hatten stets mit der Enge zu kämpfen: Provisorisch anmutende Proviantverkäufer im Zwischendeck litten genauso darunter wie die regulären Geschäfte im Erdgeschoss. Das Betreten der Bahnhofsbuchhandlung (besser: Bahnhofszeitungskiosk) war – mit Koffer – beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Andere mögen es „familiäre Atmosphäre“ nennen, der normale Reisende nennt es stressig, beklemmend und einer Hauptstadt unwürdig. In den letzten Jahren zwar saniert, aber letztendlich durch mangelnden Raum für den Reisenden nach wie vor ein Schock – und alles andere als komfortabel – war der Bahnhof Zoo schon lange an die eigenen Grenzen gestoßen.

Den Kritikern des neuen Hauptbahnhofes ist das alles egal, für sie zählt augenscheinlich nur das Bewährte – egal, woran dieses krankt. Sicher, der Bahnhof Zoo ist hundertmal besser ans Nahverkehrsnetz angebunden und hat sogar schon zwei U-Bahn-Anschlüsse, der Zoo ist ein wirkliches Zentrum und kein künstliches Gebilde in der Pampa, fernab von jedem urbanen Leben. Sicher, es wäre schöner gewesen, wenn man den alten Namen anstelle von „Hauptbahnhof“ behalten hätte (einen Hauptbahnhof hat jedes größere Dorf mit mindestens zwei Bahnhöfen), „Lehrter Bahnhof“ hätte Stil gehabt und weltstädtisch geklungen, aber nun gut, bei den Berlinern wird er sowieso weiterhin so heißen, egal, welche Bezeichnung die Bahn AG dort auf die Schilder malt. Auch die Vollendung des ursprünglich einige Meter länger geplanten Glasdaches wäre praktischer gewesen – aber mal ehrlich: wäre dieses Malheur nicht durch die Medien gegangen, fiele einem das jetzt überhaupt nicht auf; und dass fortan nur die Passagiere der ersten Klasse im Regen stehen werden (es regnet anders als in Hamburg und London in Berlin übrigens nicht durchgehend), könnte man sogar als ausgleichende Gerechtigkeit für Zweiteklassefahrer ansehen.

Man kann froh sein, nun nicht mehr auf den Zoo angewiesen zu sein, wenn man verreisen muss. Oder man kann dem verlorengegangenen Flair des Zoos hinterherweinen. Oder beides. Ein Trost bleibt den Zoo-Anhängern: Der Bahnhof Zoo bleibt bestehen (es halten dort sogar weiterhin Züge!) und wird anders als etwa der Palast der Republik nichteinmal abgerissen.

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