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Zwei Monate „Alternativbrowser“. Hin- und hergerissen zwischen Opera und Firefox.

Eigentlich muss man ja schon damit rechnen, schief angesehen zu werden wenn man zugibt, sich überhaupt Gedanken um die Feinheiten und Unterschiede zwischen Webbrowsern zu machen. Schlimmer wird’s nur noch, wenn man auch noch darüber schreibt. Egal.

Opera- auf FirefoxlogoFirefox ist ein phantastischer Browser, keine Frage. Das ganze Web scheint nur noch aus Firefox-Sympathisanten zu bestehen, und sie haben ja auch irgendwie recht, wenn sie ihre Begeisterung mit Get-Firefox-Schildchen auf ihren Webseiten bezeugen. Doch auch Firefox ist nicht das Nonplusultra. Der kommerzielle Webbrowser Opera macht vieles anders und erscheint auch gerade dadurch interessant. Angesehen habe ich ihn mir in den letzten Jahren immer mal wieder, aber der gebotene Gegen- bzw. Mehrwert erschien mir nie adäquat im Verhältnis zum regulären Preis; das Surfen mit ständigen Werbeeinblendungen ohnehin indiskutabel. Mit der ct‘-Aktion hat sich das geändert: Opera 7.5 gratis und Opera 8 für acht Euro – da lässt man sich nicht lange bitten.

Firefox ist die Neubauwohnung unter den Webbrowsern: frisch gestrichen, leere Zimmer und der Nutzer kann sich die Räume nach seinen Vorlieben ausstatten, indem er sie mit Erweiterungen „einrichtet“. Ein Browser quasi für den ambitionierten Heimwerker, der auch gerne mal selbst schraubt und flexibel sein möchte. Opera dagegen ist die Hotelsuite: eindeutig teurer in der Zimmermiete, dafür bereits komplett eingerichtet, aufpoliert, die Minibar ist gut gefüllt und dem Nutzer wird beinahe jeder Wunsch von den Augen abgelesen – er muss keinen Finger mehr rühren.

Das wirklich Tückische an Opera ist dabei das Luxusphänomen: Opera macht abhängig, ohne dass man es zunächst bemerkt: der Browser steckt voller Funktionen, die man bisher eigentlich nicht vermisst hat und die man zum Überleben im Web auch nicht zwingend braucht, auf die man nach erstmaligem Genuss aber nur ungern wieder verzichtet…


Das Programm steckt voller Features und pfiffiger Details, die einem den Weg ins Web wirklich komfortabler machen. Das fängt bei der nutzerfreundlichen Anpassbarkeit der Oberfläche an und hört bei der Lesezeichenverwaltung noch lange nicht auf. Ist z.B. eine Webseite zu breit und passt nicht ins Browserfenster, dann reicht ein Klick, um sie „zusammenschrumpfen“ zu lassen – nerviges seitwärtiges Scrollen gehört der Vergangenheit an. Ein regelrechtes Killerfeature ist die Vergrößer- oder Verkleinerung von Webseiten: Opera verändert mit Tastendruck auf + oder – nicht nur die Schriftgröße, sondern die gesamte Seite inklusive aller Graphiken und Bilder.

Kontextmenü-ScreenshotFür Ebayer interessant ist die automatische Neuladen-Funktion. Anstatt kurz vor Ende einer Auktion immer wieder auf die „Neu laden“-Taste hämmern, wählt man in Opera einfach im Kontextmenü ein Aktualisierungsintervall und die Seite wird von selbst ständig neu geladen. Aber es sind auch oft die Kleinigkeiten, die überzeugen: (Tab-)Leisten wahlweise oben, unten oder am seitlichen Rand, Javascript, Cookies, Animationen oder Flash mit einem Klick an- und auschalten – das geht zwar auch mit anderen Browsern, aber nur durch umständliches Suchen in den Einstellungen oder mit Erweiterungen. Bei Opera drückt man F12 oder legt sich Anhakkästchen direkt in die Oberfläche.

Persönliche Feature-Vergleichsliste:

Pro Opera

  • Schaltflächenpositionen bei z.B. Windows- und Linuxversionen identisch
  • detaillierte Anzeige der noch zu ladenden Inhalte
  • flinkere Oberfläche auf älteren Rechnern
  • Cache bleibt nach einem Absturz erhalten
  • Zuordnungsmöglichkeit von Tastenkürzeln zu bereits bestehenden Suchfeldeinträgen
  • Öffnen kompletter Lesezeichenordner per Tastenkürzel
  • Favicons getrennt gespeichert von Lesezeichen
  • einfaches Ab-/Zuschalten von Plugins, Graphiken, Stilen
  • zuverlässiges Sessionmanagement
  • bessere Handhabung beim Öffnen von vielen Tabs
  • Pro Firefox

  • schnelles separates Anhalten von GIF-Animationen per ESC-Taste
  • Individuelle Cookievorgaben mit einem Klick
  • Kontextmenüs in Lesezeichen
  • komfortableres Speichern kompletter Webseiten
  • Scrollen durch die Tableiste per Mausrad (nur mit Erweiterung)
  • Favicons verdecken nicht die Aktivitätsanzeige in den Tabs
  • Ausnahmen vom Popup-Blocker möglich
  • Werbeeinblendungen (nur mit Erweiterung)
  • 😉

    Oder wenn mal wieder ein Webmaster meint, graue Schrift auf grauem Hintergrund wäre das augenfreundlichste I-Tüpfelchen im Webdesign, dann zeigt man ihm den virtuellen Mittelfinger, klickt auf „Benutzermodus“ und schaltet z.B. einen individuellen CSS-Stil ein. So kann man optional fast jeder fremden Seite sein eigenes Lieblingsdesign verpassen. Auch nett: das Laden von Graphiken lässt sich für jede einzelne Seite getrennt deaktivieren; Tastenkürzel stehen für nahezu jede Aktion bereit (und lassen sich individuell zuordnen); Mausgesten, eine Spezialität Operas, tun ein übriges: Viele schwören darauf, andere schalten sie gleich wieder ab, weil man zu oft ausversehen eine Aktion auslöst, wenn man eigentlich nur gedankenlos mit der Maus virtuelle Kringel in einen langweiligen Text gemalt hat. Dabei ist das Prinzip genial: anstatt eine Taste zu drücken und einen Klick mit der Maus zu machen bzw. das Kontextmenü zu bemühen, um einen Link z.B. im Hintergund zu öffen, macht man einfach eine Handbewegung über dem Link. Neue leere Seite öffnen, Seiten schließen, Neuladen – alles geht in Opera auch mit Mausgesten (sprich: mit einem virtuosen Schlenker aus dem Handgelenk), die sich ebenso wie die Tastenkürzel komplett individuell vergeben lassen.

    BrowserfensterDas Wichtigste, die Webseitenanzeige, ist auch kaum zu schlagen: 20, 30 oder mehr Tabs nebeneinander lassen den Nutzer trotzdem die Übersicht nicht verlieren – dank genialer Tabfunktionen, Menüauflistungen oder MDI-Eigenschaften. Und trotz des Funktionsvielfaltes, zusätzlich eingebautem E-Mailer, Chatprogramm, News- und Feedreader, fühlt sich Opera rasend schnell an und ist im Vergleich zu anderen Browserpaketen erstaunlich genügsam im Speicher- und Platzbedarf.

    Doch trotz all der Optionenfülle gibt es auch Bereiche, in denen Firefox punkten kann und Ideen besser umsetzt: z.B. die Suchfunktion. Einfach drauflostippen zu können, um Wörter in Texten und Links einer Webseite zu finden, ist sehr ergonomisch. Komfortabler funktioniert auch das Speichern von kompletten Webseiten: Firefox hängt gespeicherten Dateien einen Ordner an, der die Graphik- und Stilelemente einer Webseite enthält. So bleibt alles schön übersichtlich beieinander und man flutet sich z.B. nicht ausversehen den Desktop mit hunderten von Einzelelementen, wenn man vergessen hat, vorher selbst ein neues Verzeichnis anzulegen. Sanfter und flüssiger erscheint auch das Blättern, wenn man weiches Scrollen ausgewählt hat. Optisch vorteilhafter ist Firefox zudem unter Linux: hier passt sich das Programm insgesamt gut an das Gnome-Design an; in Opera lassen sich nur Menüs im KDE-Stil anzeigen.

    NavigationspfeileBeide Browser verfolgen unterschiedliche Konzepte und bieten doch jeweils Funktionen, die sowohl Puristen als auch Featurejunkies überzeugen können. Firefox bietet die Möglichkeit, den Browser zu erweitern, Opera ermöglicht, nicht benötigte Funktionen zu verstecken. Zu simpel ist Firefox im Zusammenspiel mit Erweiterungen schon lange nicht mehr und Opera gibt sich erfolgreich Mühe, das Image der komplizierten und unübersichtlichen Suite abzustreifen. In der Darstellungsqualität scheinen beide Programme ebenbürtig und sofern man nicht noch andere Gründe findet, die gegen eine Verwendung sprechen, dann fällt die Entscheidung für einen der beiden Browser recht schwer. Der Umstand, dass Opera ausgerechnet auf den von mir oft besuchten Seiten besonders gerne abstürzt, wird zumindest mir eine Wahl aber langfristig erleichtern. Selbst das schweizer Armeemesser unter den Browsern nützt eben nichts, wenn zu häufig die Klingen abbrechen.

    Da kommt es zynischerweise gelegen, dass sich andere Browserhersteller oft ihre Ideen bei Opera abzuschauen scheinen. Tabs haben die meisten schon lange übernommen und auch das Melden von fehlerhaft dargestellten Webseiten über einen Menüeintrag oder das Umsortieren von Tabs wird man vielleicht schon bald auch in anderen Browsern finden… auf diese Weise profitiert auch derjenige von Opera, der ihn nicht nutzt.

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