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Die taubstumme Plüschbärchenbettlerin im Regionalexpress

Der Regionalverkehr ist ihr bevorzugtes Revier: nur partiell kontrollierendes Bahnpersonal, viele unterschiedliche Reisende, deren Zusammensetzung sich durch viele Zwischenhalte stets ändert, aber dabei ausreichend lange Fahrtzeiten, dass die Menschen eine Weile am Platz sitzen bleiben – die professionellen Bettler.

Aus Fußgängerzonen kennt man sie ebenfalls, hier lauern sie mit Schnellheftern von gequälten Tieren oder Kindern, die sie den Passanten zeigen, um „Spendenbereitschaft“ hervorzurufen. Oder sie kommen an die Cafétische, verteilen kleine Aufmerksamkeiten, mit der Bitte um eine kleine Spende – und sammeln die Aufmerksamkeiten selbstverständlich wieder ein, wenn man nichts gibt.

In den Zügen des Nahverkehrs lässt sich dieser Tätigkeit am effizientesten nachgehen. Hier sitzen die Menschen alle auf einem Fleck, an den Tischchen an den Fenstern ist genug Platz, um etwas abzulegen – und die meisten Reisenden haben sowieso nichts zu tun und fühlen sich nicht ganz so gestört von dem Treiben, als wenn ihnen jemand im Restauraut beim Essen zu nahe kommt oder sich direkt in den Weg stellt; nein, sie sind eher neugierig und aufgeschlossen.

Die Bettlerin wirkt südosteuropäisch, trägt eine schmuddelig wirkende Jogginghose und ein pinkfarbenes Oberteil. Sie legt wortlos und ohne Blickkontakt zu suchen routiniert ein laminiertes Kärtchen und einen Schlüsselanhänger, an dem ein kleiner niedlicher Plüschbär baumelt, auf die Ablageflächen zwischen den Reisenden.

Auf der Karte steht: „Sehr geehrte Damen und Herren!!!! Wir sind keine Bettler – wir sind gehörlos!“, was sich jedoch grundsätzlich nicht ausschließen muss. Der Text der Karte bittet um eine Spende von 4 Euro für die armen Gehörlosen, die sich auf diese Art ihren Lebensunterhalt verdienen müssen – als Geschenk für die gute Tat gäbe es dann den Bärenschlüsselanhänger. Wer mehr gäbe als 4 Euro, würde damit beweisen, dass er ein großes Herz habe.

Hierbei wird mit besonderer Rafinesse besonders perfide manipuliert: man erweckt einerseits Mitleid mit der die Tätigkeit ausübenden Person, appelliert generell an das soziale Gewissen der Menschen und erzeugt andererseits zusätzliche Sympathien, indem man den niedlichen Plüschminiteddy platziert und kitschige Bildchen auf den Nachrichtenkärtchen unterbringt. Wer will schon als geizig gelten, oder wie jemand wirken, der etwas gegen niedliches Plüsch hat oder arme Gehörlose nicht unterstützt? Das Belohnungszentrum wird gleichsam getriggert, erhält man doch eine Gegenleistung, statt dass einfach nur so gebettelt wird.

Doch offenbar ist die Masche einfach schon zu alt oder die Protagonistin wirkte in ihrer routinierten Arbeitsweise doch zu wenig bedürftig. Die vermeintlich Gehörlose, in Wirklichkeit professionelle und aller Wahrscheinlichkeit nach in kriminellen Strukturen organisierte Bettlerin, kommt nach einer halben Minute wieder zurück und sammelt die Kärtchen samt Bären wieder ein, ohne einen müden Euro kassiert zu haben. Sie öffnet ihre Gürteltasche, taxiert kurz die Tageseinnahmen, und geht dann weiter in den nächsten Waggon.

Lukrativ dürfte die Tätigkeit trotzdem sein. Wenn sie nur 2 naive Reisende pro Zugfahrt findet, die ihr die Schlüsselanhänger abkaufen, hat sie einen höheren Stundenlohn als mancher Friseur in Ostdeutschland erzielt – steuerfrei natürlich.

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