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Bundestagswahlkampf 2005

Vorbei. Der Wahlkampf 2005 ist mit der heutigen Wahl zum 16. Deutschen Bundestag beendet. Glücklicherweise, sollte man meinen. Dem politisch Interessierten präsentiert sich eine wohl nie derart wahrgenommene Lethargie. Die FDP machte ihr Schicksal von Anfang an vom Erfolg der CDU/CSU abhängig, die Grünen ließen keinen Zweifel daran, dass sie außer der SPD keinen Koalitionspartner finden würden, der Kanzler schloss eine Zusammenarbeit mit der umgelabelten PDS kategorisch aus und die CDU konnte schlecht damit werben, auch für eine große Koaliton offen zu sein. Also alles wie immer. Wäre da nicht der Coup von Lafontaine gewesen – der heutige Wahlabend würde deutlich langweiliger werden. Nötiger denn je wäre es daher für die Etablierten gewesen, gerade mit den verdächtig langweilig klingenden Sachthemen zu überzeugen. Von Überzeugung war hingegen meist nicht viel zu spüren.

Stattdessen erlebte man stärker als je zuvor die Amerikanisierung des Wahlkampfes. Großveranstaltungen mit Einpeitscherstimmung wie bei einem Motivationstrainerseminar, TV-Duelle, abgedroschene Parolen, auf Slogans reduzierte Programmatik und Bildern von Parteiveranstaltungen, bei denen man den Eindruck bekommen konnte, dass hier nicht Politiker um das Vertrauen des Volkes warben, sondern heilsversprechende Lichtgestalten angebetet werden sollten. Fast tragisch könnte man z.B. manch öffentlichen Auftritt der Kanzlerkandidatin nennen, bei denen die mit Bussen extra angekarrten Claqueure regelmäßig zu Rolling-Stones-Musik Angie-Schilder schwenkten – das wirkte im Kontrast zu der etwa bei Gesprächsrunden seriös, kompetent und überzeugend erscheinenden Kandidatin, der man anzusehen glaubte, dass sie sich auf Marktplatzbühnen eher unwohl fühlt, überwiegend peinlich.

Die begleitenden Kampagnen kann man ruhigen Gewissens als langweilig und phantasielos bezeichnen. Die Grüne Aktion sah verdächtig unauthentisch nach purer Agenturwerbung aus, die SPD präsentierte sich selbstbewusst in orthopädischen Farben und der Union hat niemand verraten, dass orange zwar verjüngt, aber auch als unseriös wahrgenommen werden kann.

Gerade auch im Internet, in dem man dieses Mal immerhin schon überhaupt einen Anflug von Wahlkampfaktivitäten spüren konnte, wurde sich nicht mit Ruhm bekleckert. Die Bedeutung dieses Mediums wird offensichtlich noch immer unterschätzt. Das hat die CSU sehr schön gezeigt, als sie ausgerechnet zwei Tage vor der Wahl in ihrem nach Werbung für Molkereiprodukte aussehenden Wahlkampfweblog nicht mehr mit den Lesern umzugehen wusste. Die vereinzelt eingerichteten Blogs der Politiker selbst blieben entweder leer oder erzielten keine oder die falsche Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt, weil viele Blogs nicht informierten, sondern nur als klassisch-stupider Wahlkampf auf anderem Weg verstanden wurden. Kreativität und Witz bewiesen im Netz andere, etwa durch Parteitagsbloggen, das eine interessante alternative Sichtweise auf den Politikbetrieb bot, wenngleich die politische Meinungsbildung dabei weniger profitierte.

Zuende geht auch eine bereits oben in Teilen verlinkte Pioniertat: die ZDF-Blogtour. Vier Wochen lang berichtete sie aus dem gesamtdeutschen Wahlkampfgebiet. Interessant und unterhaltsam wurden die Wahlwerbebemühungen der Parteien nicht nur in der Provinz schonungslos mit bissigen Worten sowie detailverliebter Beobachtungsgabe begleitet. Ein Lichtblick im Wahlkampfgetümmel. Leider hat sich gezeigt, dass das übliche Format eines Weblogs – die umgekehrt chronologische Anordnung der Artikel – nicht unbedingt erste Wahl ist, um chronologisch zu berichten: wenn man nicht täglich bei den ZDF-Bloggern eingeschaltet hat – und bei den oft inhaltlich aneinander anschließenden Beiträgen trotzdem noch mitkommen wollte – dann kam man aus dem Hoch- und Runterscrollen nicht mehr heraus.

Wie dem auch sei, Fortsetzung hoffentlich 2009.

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