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Die frühe Eltern-Kind-Beziehung
Bindungsaufbau im alltäglichen Austausch

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 Wann kann man sich am besten mit dem Baby unterhalten?

Damit ein erfreulicher Austausch, eine "schöne Unterhaltung", mit dem Baby zustande kommen kann, muss es sich in wacher, aufmerksamer Stimmung befinden und frei von anderen drängenden Bedürfnissen wie etwa Hunger sein.
Neben diesem wachen Aufmerksamkeitszustand kann das Baby sich noch in fünf weiteren Schlaf- und Wachzuständen befinden, die es von einander zu unterscheiden gilt, wenn man feinfühlig mit dem Baby umgehen will. Normalerweise wechselt das Baby Schritt für Schritt von einem Zustand in den nächsten - das bedeutet für die Eltern, dass sie bereits in etwa vorhersehen können, was das Baby als nächstes tun wird. Das ist ein schönes Gefühl für die Eltern, denn sie kennen ihr Baby bald so gut, dass sie wissen, wie es sich in welchem Zustand verhält und wie sie selbst ihm am besten beim Wechseln der Zustände helfen können. Das ist wichtig, um z.B. einem Baby, das gerade aufwacht, einen Anstoß zu geben, in die wache Aufmerksamkeit zu wechseln, damit es in den für seine Entwicklung und die Eltern-Kind-Bindung bedeutenden emotionalen, spielerischen Austausch mit seinen Eltern und seiner Umwelt eintreten kann. Oder, um rechtzeitig zu verhindern, dass das Baby ins Schreien gerät, nachdem es schon eine Weile durch Quengeln angedeutet hat, dass es unzufrieden ist.

 

Wie man die einzelnen Verhaltenszustände erkennen kann

Schlaf:

  • Tiefschlaf: Das Baby atmet tief und gleichmäßig, hält die Augen fest geschlossen und bewegt sich gar nicht. Für Reize von außen ist das Baby ziemlich unempfänglich und reagiert nicht. Im Tiefschlaf erholt sich das Baby.
  • Traumschlaf: Ein leichterer Schlafzustand, in dem das Baby teilweise unregelmäßig, flach und schneller als im Tiefschlaf atmet. Seine Augen sind zwar geschlossen, aber man sieht, wie sie sich unter den Lidern kreisend bewegen. Das Baby bewegt sich öfter, zuckt, dreht und streckt seinen Körper, lächelt zuweilen und macht Saugbewegungen mit dem Mund. Für Geräusche u.ä. von außen ist es jetzt empfänglich und könnte davon aufwachen.

Halbschlaf:
Das Baby schläft nicht mehr richtig, kann aber auch noch nicht aufmerksam sein. Sein Blick wirkt noch abwesend, es öffnet und schließt die Augen abwechselnd. Es atmet regelmäßig, aber schneller als im Tiefschlaf. Zeitweise bewegt es sich etwas. Wenn man das Baby jetzt anspricht und ihm Anregungen gibt, wacht es komplett auf.

Wachsein:

  • ruhige Aufmerksamkeit: Das Baby hat offene, strahlende Augen und blickt aufmerksam, aber ruhig umher. Es bewegt sich, zappelt aber nicht unruhig. Wenn man es jetzt anspricht, kann ein erfolgreicher Austausch entstehen, denn das Baby reagiert positiv auf Ansprache und Spielangebote, lächelt und brabbelt. In diesem Zustand lernt das Baby.
  • Quengeln: In dieser Stimmung ist das Baby bereits überreizt oder zu abgelenkt durch körperliche Bedürfnisse wie Hunger. Es wird zunehmend unruhig, macht unkoordinierte Bewegungen mit Armen und Beinen und kann sich nicht mehr konzentrieren. Es ist aber noch ansprechbar für beruhigende Maßnahmen. Das heißt, wenn die Eltern jetzt eingreifen, können sie es möglicherweise in einen ruhigen, aufmerksamen Zustand zurückführen. Gelingt das nicht, fängt das Baby an zu schreien.
  • Schreien: Spätestens mit dem Schreien wird den Eltern klar, dass das Baby etwas braucht. Jetzt müssen sie herausfinden, was das sein könnte, um das Baby wieder in ruhigere Verhaltenszustände zurückzuführen.

Das Baby bringt eine gewisse Fähigkeit mit auf die Welt, selbst ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Zuständen zu finden. Es kann sich z.B. manchmal alleine beruhigen, indem es an seinen Fingern nuckelt. Oder es fällt einfach in den Tiefschlaf, wenn es von all den Anregungen um es herum überreizt ist. Diese Fähigkeit zur "Selbstbestimmung" ist aber noch recht eingeschränkt und das Baby passt sich auch nur langsam an den neuen Rhythmus zwischen Wachen und Schlafen außerhalb des Mutterleibes an. Auf jeden Fall braucht das Baby dringend die einfühlsame Unterstützung seiner Eltern, um sein Gleichgewicht immer wieder zu finden. Auch diese gemeinsame Ausbalancierung von Babys Verhaltenszuständen bildet einen Teil des Bindungsprozesses - je feinfühliger die Eltern dem Baby helfen, desto sicherer wird es sich bei ihnen fühlen!

Den Eltern fällt es auch normalerweise gar nicht schwer, sich an das Verhalten und die Fähigkeiten ihres Babys anzupassen und es dadurch zu fördern. Feinfühliger Umgang mit einem Baby hat nämlich sehr viel mit Intuition zu tun. Denn nicht nur das Baby ist perfekt auf den wichtigen alltäglichen Austausch mit seinen Eltern vorbereitet...

 

...denn Eltern wissen, was sie tun!

Normalerweise gelingt es Eltern leicht, die Signale ihres Babys und seine Aufforderungen zum Austausch wahrzunehmen, zu verstehen und sich auf sie einzustellen. Die Gegenwart eines Babys ruft nämlich in den Eltern - genau genommen, in allen Erwachsenen und auch schon in älteren Kindern - bestimmte genetisch angelegte Verhaltensmuster wach, die für die Entwicklung des Babys und seiner Bindung an die Eltern besonders förderlich sind.
Diese "Verwandlungen" des Verhaltens, des körperlichen Ausdrucks und der Sprache im Austausch mit einem Baby muss man nicht erst lernen, sondern sie bilden das natürliche Gegenstück zu dem, was das Baby selbst bereits in den Austausch einbringen kann. Sein oben beschriebenes angeborenes Repertoire an Ausdrucks- und Gesprächsmöglichkeiten bildet so starke Reize für die Eltern, dass sie unwillkürlich angepasst reagieren - und zwar in Sekundenbruchteilen, ohne bewusst überlegen zu müssen! Die elterlichen Verhaltensanpassungen werden intuitives Elternverhalten genannt. Sie sichern das Überleben des Babys auch bei ganz unerfahrenen Eltern. Sie führen im Zwiegespräch zwischen Eltern und Baby dazu, dass das Baby seine angeborenen Fähigkeiten gut nutzen und weiterentwickeln kann, weil es durch die Angepasstheit des elterlichen Verhaltens verstehen kann, was die Eltern ihm mitteilen wollen. So lernt das Baby im Austausch immer mehr über seine Eltern - was gut für den Bindungsaufbau ist - und über seine Umwelt - was gut für seine Gesamtentwicklung ist. Eltern sind also von Natur aus die perfekten "Lehrer" ihrer Babys!

 

Was genau sind denn intuitive Verhaltensweisen der Eltern?

Damit sich besser nachvollziehen lässt, dass Eltern tatsächlich in den allermeisten Fällen genau das Richtige zum richtigen Zeitpunkt tun und entsprechend stolz auf sich sein dürfen, sollen ein paar Beispiele für intuitives Elternverhalten aufgezeigt werden. Diese haben aber ganz und gar nicht den Sinn, sie den Eltern beizubringen! Das wäre auch gar nicht möglich. Im Gegenteil kann bewusstes Nachdenken und das Ausüben von (Selbst-)Kontrolle die perfekt abgestimmte Unterhaltung zwischen Eltern und Baby eher stören. Daher an dieser Stelle nur ein paar allgemeine Tendenzen in den elterlichen Reaktionen auf das Baby:
Verglichen mit der Art, wie Erwachsene miteinander umgehen, ist das Zwiegespräch mit dem Baby durch übertrieben wirkendes Mienenspiel, eine ausladende Körpersprache und einen rhythmischen Sprach-Singsang gekennzeichnet. Außerdem wirkt alles oftmals sehr langsam und gedehnt und wird zudem mehrfach wiederholt. Ein Beispiel könnte lauten: "Ja, wo ist denn meine Süße?? Ja, wo ist sie denn? Hm? ... Wo bist du? - Daaaaaa ist sie ja!", wobei der Tonfall auffordernden Charakter annimmt. Es werden auch oft Pausen eingebaut, als wollte man dem Baby Möglichkeiten zur Antwort einräumen. Außerdem spielt der intensive Blickkontakt eine große Rolle, und die Eltern ahmen oft die Äußerungen oder Gesichtsausdrücke ihres Kindes nach.
Der besondere Sprachstil, der intuitiv im Gespräch mit Babys verwendet wird, wird als Ammensprache bezeichnet. Die Ammensprache zeichnet sich aus durch die Übertreibung der Sprachmelodie, die sich auch ständig wiederholt, übertriebene Betonung und eine erhöhte Stimmlage.
Alle intuitiven elterlichen Verhaltensweisen haben denselben Sinn: dem Baby die eindeutigen, starken und langanhaltenden Signale zu bieten, die es aufgrund seiner Unreife noch benötigt, um aufmerksam zu sein und zu verstehen.
Daher ist es auch völlig unangebracht, sich über die Übertreibungen im gesamten Elternverhalten lustig zu machen oder sich als Eltern gar dafür zu schämen! Eltern, die ihren intuitiven Fähigkeiten einen natürlichen Lauf lassen, fördern ihr Baby und seine Bindung an sie am allerbesten. Eine künstliche Einschränkung der intuitiven Impulse behindert das feine Zusammenspiel zwischen Baby und Eltern. Das Baby genießt es sehr, wenn seine Eltern sich mit ihm auf seiner Ebene unterhalten, auch wenn es ihre Worte noch nicht versteht. Es erfasst auf jeden Fall, dass man sich mit ihm austauscht und auf seine Bedürfnisse eingeht. Das wäre ihm nicht möglich, wenn die Eltern sich mit ihm wie mit einem Erwachsenen unterhalten und versuchen würden, ihm alles ausschließlich über die gesprochene Sprache mitzuteilen.Im Umgang mit dem Baby kommt es also ganz besonders darauf an, seinen eigenen, biologisch begründeten Instinkten zu vertrauen. Auf diese Weise gelingen die intuitive Wahrnehmung und das Verständnis der kindlichen Signale am sichersten und Eltern sind praktisch "automatisch" gute und feinfühlige Eltern und Gesprächspartner für ihr Kind.

 

Zwiegespräch und Spiel als Ergebnis der kindlichen und elterlichen Fähigkeiten

Weil also sowohl das Baby als auch seine Eltern biologisch bestens für den Bindungsaufbau vorbereitet sind, entstehen von Anfang an ein intensives Zwiegespräch und spielerische Leichtigkeit zwischen ihnen. Im alltäglichen Zusammenspiel verfeinert das Baby seine Ausdrucksfähigkeit, baut seine Wahrnehmungsfähigkeiten aus und findet nach und nach ein immer besseres Gleichgewicht zwischen seinen Verhaltenszuständen. Das merkt man daran, dass es z.B. mit etwa drei Monaten schon viel länger aufmerksam sein kann als im ersten Monat. Außerdem passt es auch seinen Schlaf- und Wachrhythmus seiner Umgebung an. Das Baby lernt also unglaublich viel im Austausch mit seinen Eltern, aber das Wichtigste dabei ist, dass es lernt zu vertrauen: Es erfährt, dass es sich auf seine Eltern verlassen kann, weil sie seine Äußerungen und Bedürfnisse fast immer richtig beantworten. Die besten Voraussetzungen für eine sichere Bindung sind damit geschaffen. Unter bestimmten Umständen kann der Bindungsaufbau trotzdem gestört werden - dieser Text kommt an späterer Stelle darauf zurück.
Doch nicht nur das Baby genießt den spielerischen Austausch und zieht seinen Nutzen daraus - auch seine Eltern machen dabei erfreuliche Erfahrungen! Während jedes Füttern, jedes Spielchen, jeder Blick und jede Berührung dem Baby zeigen, dass es sicher und geborgen bei Menschen ist, die es mögen und ihm gut tun, werden die Eltern immer besser darin, ihr Baby zu trösten und zufrieden zu stellen. Durch die positiven Reaktionen ihres Babys - wenn es sich z.B. durch ihre Zärtlichkeiten beruhigen lässt oder beim Spiel fröhlich lacht - bekommen sie das Gefühl vermittelt, alles richtig zu machen - ihr Selbstvertrauen wächst. Dies gibt ihnen die Kraft und Motivation, weiterhin alles für ihr Baby zu tun. Das Baby gewinnt durch die Erfahrung, dass seine Äußerungen stets beantwortet werden, immer mehr die Gewissheit, dass es fähig ist, seine Bedürfnisse verständlich zu äußern und sich Zuwendung zu verschaffen. Deshalb wird das Wohlbefinden des Babys im Austausch immer offensichtlicher, und wiederum fühlen die Eltern sich durch ihr glückliches Baby in ihrem Vorgehen bestärkt. Wie man sieht, entstehen regelrechte Spiralen der gegenseitigen Verstärkung: die sogenannten "Engelskreise".

 

Gibt es etwa auch „Teufelskreise“?

Bestimmte Probleme des Babys oder Eigenschaften seiner Eltern können zu einem "Teufelskreis" im alltäglichen Austausch führen. Dieser zeichnet sich dann nicht mehr durch die oben beschriebene Spirale der gegenseitigen Verstärkung aus, sondern durch eine Abwärtsspirale - Baby und Eltern werden immer unzufriedener mit ihrem gemeinsamen Austausch. Ohne an dieser Stelle auf die einzelnen Gründe dafür eingehen zu können, soll nur festgestellt werden, dass keiner der beiden Partner alleine "Schuld" an der Misere hat. Das Problem liegt im Austausch selber. Das Baby hat das Gefühl, dass seine Eltern es nicht verstehen und ihm nicht helfen, und die Eltern bekommen den Eindruck, dass ihr Baby überhaupt nicht auf ihre großen Bemühungen reagiert. Also schreit das Baby noch mehr, während seine Eltern immer mehr verzweifeln und nicht mehr wissen, was sie noch tun können.
Haben Eltern das Gefühl, dass ihr Baby zu viel schreit und fühlen sie sich am Ende ihrer Kräfte, sollten sie sich - nachdem körperliche Ursachen wie etwa Krankheiten ausgeschlossen wurden - an eine sogenannte "Schreibabyambulanz" oder eine andere Eltern-Säuglings-Beratungsstelle wenden. Bekommen Eltern in solchen Situationen keine Hilfe, können Aggressionen, Wut und Depressionen entstehen, die die Eltern-Kind-Bindungsentwicklung nachhaltig behindern können. In einer Beratungsstelle werden die Eltern über die Hintergründe des kindlichen Schreiens und sein normales Ausmaß informiert. Außerdem werden sie hören, dass sie keineswegs einen Einzelfall darstellen, sondern relativ viele Familien Probleme mit einem "Schreibaby" haben. Außerdem erhalten sie natürlich nützliche Tipps, die oft ganz einfach umzusetzen sind, aber den intensiven Austausch, das Gespräch, wieder zu einer erfreulichen Sache für beide Beteiligten machen. Der Teufelskreis kann meist schnell wieder durch Engelskreise ersetzt werden.

 

Wie spiele ich mit einem Baby?

Aufgrund der intuitiven elterlichen Fähigkeiten brauchen die meisten Eltern keinerlei Anleitung, wann sie wie mit ihrem Baby spielen sollen. Alle Eltern-Baby-Paare erfinden ihre ganz eigenen Spielchen, die dann endlos wiederholt und auch weiterentwickelt werden. Natürlich kommt einem das Spiel mit einem Baby, wenn es noch sehr klein ist, wie eine große Herausforderung vor, denn es kann ja zunächst weder sprechen, noch mit Gegenständen umgehen und sich nicht fortbewegen. Daher ist das ganz frühe Spiel begrenzt auf den Austausch von Geräuschen, Gesichtsausdrücken, Gesten und beiderseitigen Interessebekundigungen durch Blickkontakte. Trotzdem können Eltern und Baby bereits viel Freude am gemeinsamen Austausch haben. Außerdem entwickelt sich das Baby schnell. Es erwirbt immer neue Fähigkeiten, die dann auch die Art des Austauschs mit den Eltern verändern. Ein kleiner Überblick zeigt, auf welche Veränderungen Eltern sich im ersten halben Jahr der Unterhaltung mit ihrem Baby einstellen können:

Körperliche Anpassung an die neue Welt: Das Neugeborene benötigt eine gewisse Zeit, sich an die neue Situation außerhalb des Mutterleibes zu gewöhnen. Es verwendet daher die meiste Zeit und Energie darauf, Funktionen wie Nahrungsaufnahme, Verdauung, Schlafen und Wachsein sowie seine Bewegungen zu koordinieren und ist davon noch so sehr vereinnahmt, dass es noch nicht oft und lange aufmerksam sein kann. Daher beschränkt sich der Austausch seiner Eltern mit ihm meist auf seine Beruhigung und Tröstung.
Auge in Auge...: Etwa vom dritten Monat an hat sich das Baby soweit an sein Leben gewöhnt, dass es zunehmend mehr Energie für die Aufrechterhaltung eines aufmerksamen, interessierten Zustands an seiner Umgebung verwenden kann. Dieser bezieht sich auf den wichtigsten Teil seiner Welt: seine Eltern! Diese erkennen die Veränderung in ihrem Baby, weil es nun lächelt, seine Augen aufreißt und ihnen seine Aufmerksamkeit schenkt, wenn sie es anschauen, anlächeln oder ansprechen. Jetzt kommt es oft zu einer Form des Austauschs, die durch den intensiven Blickkontakt zwischen Baby und jeweils einem Elternteil gekennzeichnet ist. Die ersten „Engelskreise“ entstehen durch das Zusammenwirken der kindlichen mit den elterlichen Fähigkeiten zur genau aufeinander abgestimmten Unterhaltung.
Zeit zum Spielen: In der Zeit nach Ende des dritten Monats wird der Austausch zwischen Baby und Eltern immer länger, und das Baby hat inzwischen bestimmte Erwartungen an das Verhalten seiner Eltern herausgebildet. Es weiß jetzt: wenn ich lächele, lächeln sie zurück! Es hat gelernt, dass es eine erfreuliche Wirkung auf seine Umwelt haben kann. Es vertraut darauf, dass seine Eltern immer wieder so reagieren werden, wie es das von ihnen gewohnt ist und ist sehr durcheinander, wenn die erwarteten Antworten einmal ausbleiben. Deshalb liebt das Baby in diesem Alter kleine Austauschsspiele, die auf ständiger Wiederholung der immer gleichen Abläufe basieren. Sie bestätigen das Baby in seinem Glauben, dass die Geschehnisse um es herum vorhersehbar sind.
Der Rest der Welt: Nach dem vierten Monat, wenn das Baby in der Lage ist zu greifen, wird der intensive „Auge-in-Auge“-Austausch teilweise ersetzt durch das Spiel mit Gegenständen oder Spielzeug. Das Baby ist nun zunehmend an seiner näheren Umgebung interessiert und lenkt durch sein Blickverhalten auch die Aufmerksamkeit seiner Eltern darauf. Der Austausch beschränkt sich nunmehr nicht auf zwei Partner, sondern kann mehrere Menschen oder Gegenstände einbeziehen. Der intensive Kontakt zu den Eltern geht aber auch dabei nie verloren.
Auf Entdeckungstour: Mit der Entwicklung des Robbens, Krabbelns und Laufens nimmt die Unabhängigkeit des Baby von seinen Eltern zu. Es muss nun nicht mehr darauf warten, dass sie sich ihm zuwenden oder es mit interessanten Gegenständen versorgen, sondern es kann sie selber aufsuchen und fast alles erreichen, was sein Interesse weckt. Der intensive Austausch zwischen Eltern und Baby wird nun seltener; die Aufgabe der Eltern besteht jetzt darin, ihr Baby bei der Entdeckung seiner Umwelt zu unterstützen und ihm zur Verfügung zu stehen, wenn es ihre Hilfe oder Zuwendung benötigt - denn Entdeckungen können auch Angst machen.

 

Baby + Eltern + 7 Monate Zeit = Bindung!

Nach etwa sieben Monaten des intensiven Austauschs, des Kennenlernens, der gemeinsamen Spiele und Erfahrungen hat das Baby eine Bindung zu seinen Eltern aufgebaut. Der genaue Zeitpunkt, an dem sich von Bindung sprechen lässt, ist natürlich von Baby zu Baby unterschiedlich, so wie bei allen bedeutenden Entwicklungsschritten. An bestimmten Merkmalen wird jedoch erkennbar, wann es soweit ist.
Die Sicherheit oder Unsicherheit der Bindung wird noch im ganzen ersten Jahr und in zunehmend geringerem Maße auch in den Jahren danach beeinflusst. Je nachdem, wie feinfühlig die Eltern den Bedürfnissen ihres Babys nach Zuverlässigkeit und gefühlsmäßigem Austausch nachkommen, entwickelt sich das Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit im Baby. Durch dieses werden wiederum sein Verhalten und seine Persönlichkeit mitbestimmt.

 

Aber was ist, wenn...

Obwohl die Feinfühligkeit der Eltern eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer sicheren Bindung spielt, gibt es doch auch Faktoren, die sich von Eltern und Baby nicht direkt beeinflussen lassen, die aber dennoch Auswirkungen auf die Bindungssicherheit des Babys haben können. So können z.B. Krankheiten des Babys die Beziehungsaufnahme wesentlich erschweren.
Ein krankes oder auch ein viel zu früh geborenes
Baby verfügt nämlich nicht in genügendem Ausmaß über die oben beschriebenen angeborenen Wahrnehmungs- und Mitteilungsfähigkeiten, denn es ist durch die Schmerzen abgelenkt und geschwächt bzw. einfach noch zu unreif, um sie einsetzen zu können. Die Eltern können ihr Baby dann nicht so gut verstehen und dementsprechend schwer kann es für sie sein, feinfühlig seine Bedürfnisse wahrzunehmen und sich danach zu richten. Das für den Bindungsaufbau unverzichtbare "Gespräch" wird also empfindlich gestört, obwohl vielleicht auf Seiten der Eltern die besten Voraussetzungen zur Feinfühligkeit bestehen.
Ein weniger tragischer Einflussfaktor auf den Bindungsaufbau ist das Temperament des Babys. Ja - bereits Neugeborene haben verschiedene Charaktere! Manche Babys sind einfach von Natur aus leicht irritierbar, d.h. sie lassen sich schnell durch alles Mögliche aus der Ruhe bringen. Für Eltern kann es dann schwierig sein, das richtige Maß zu finden zwischen zu viel Anregung, die das Baby überlastet, und zu wenig Ansprache, was den Bindungsaufbau - und auch die übrige Entwicklung - gefährden könnte. Andere Babys sind sehr ruhig und ihre Eltern bekommen den Eindruck, dass sie gar nicht zu ihm durchdringen oder dass es vielleicht gar kein Interesse an einem Austausch mit ihnen hat. Sie müssen sich also besonders anstrengen, um den notwendigen intensiven Austausch mit ihrem Baby zu erreichen. Früher oder später finden die meisten Eltern dennoch einen Weg zu ihrem Baby.

Auf der anderen Seite gibt es auch Dinge auf Seiten der Eltern, die zu Problemen mit dem Bindungsaufbau des Babys führen können. So kann z.B. auch ihr Temperament die Bindung mitprägen, indem es ihren Umgang mit ihren intuitiven elterlichen Fähigkeiten beeinflusst. Aber auch körperliche oder seelische Erkrankungen können diese wichtigen Fähigkeiten erheblich beeinträchtigen. Geschieht das über einen längeren Zeitraum, kann auch dadurch der Bindungsaufbau gefährdet sein.
Wesentlichen Einfluss auf die Feinfühligkeit von Eltern hat auch ihre Bindung zu ihren eigenen Eltern. Die Bereitschaft, ein Baby zu trösten oder aber schreien zu lassen, hat viel mit den eigenen Kindheitserfahrungen zu tun. Diese werden durch die Geburt eines eigenen Babys wiederbelebt, und so wiederholen sich oft positive wie negative Tendenzen von Generation zu Generation: Eltern, die als Kind misshandelt wurden, misshandeln oft auch ihr Kind, und Eltern, die selber gute Erfahrungen mit Bindung machen konnten, können auch ihren eigenen Kindern gegenüber feinfühlig sein. Das bedeutet aber nicht, dass Eltern mit negativen Kindheitserlebnissen zwangsläufig negative Beziehungsmuster an ihr eigenes Baby weitergeben müssen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, ob die Eltern den Einfluss ihrer eigenen kindlichen Erfahrungen mit Bindung auf ihr aktuelles Verhalten anerkennen können und sich bemühen, diese Vergangenheit zu überdenken, um zu einem ausgeglicheneren, liebevollen Umgang mit ihrem Baby zu gelangen. Es bedarf jedoch einer erheblichen Fähigkeit zur Einsicht und des Nachdenkens, um eine Weitergabe negativer Bindungserfahrungen zu verhindern. In Fällen schwerer seelischer Verletzungen in der Kindheit kann psychologische Hilfestellung nötig sein, um dem eigenen Baby eine sichere Bindung zu ermöglichen.

Fast alle der genannten Einflussfaktoren auf den Bindungsaufbau zwischen Eltern und Kind - und es gibt natürlich noch mehr - wirken meist nur kurzfristig auf den Austausch zwischen ihnen ein, so dass in den darauffolgenden Monaten und Jahren noch vieles "aufgeholt" werden kann. Das biologische Programm, das hinter dem Bindungsaufbau steht, ist so stark, dass es sich nicht einfach durch ein paar Widrigkeiten abschalten lässt. Schließlich können Eltern nicht immer feinfühlig auf ihr Baby reagieren - man denke an den Alltag, in dem das Baby meist nicht die einzige zu erfüllende Aufgabe darstellt - und auch Babys können nicht immer "gut drauf" sein. Und trotzdem finden sich noch genügend Gelegenheiten für einen erfreulichen Austausch, gemeinsame Erfahrungen und gegenseitiges Kennenlernen, so dass sich das Baby sicher binden kann.

 

Doch woran erkennt man ein „gebundenes“ Baby?

Ein Ausdruck der sich entwickelnden oder gefestigten Bindung ist das sogenannte Fremdeln, das bei fast allen Babys um den achten Monat herum erstmals auftritt. Manche Eltern wundern oder ärgern sich über das auffallende Verhalten ihres Babys: hat es sich in den Monaten zuvor normalerweise von jedem begrüßen und umhertragen lassen, verzieht es nun plötzlich unglücklich oder sogar panisch sein Gesicht und fängt an zu weinen, wenn eine unvertraute Person sich über es beugt oder gar wagt, es aufzunehmen! Dieses Verhalten ist ganz normal - es zeigt den Bindungsentwicklungsstand des Babys an.
Bis vor kurzem war man der Meinung, dass das Fremdeln mit der geistigen Entwicklung des Babys zusammenhinge, wodurch es vom achten Monat an seine Eltern von fremden Personen unterscheiden könne. Dies kann das Baby aber eigentlich schon viel früher, und zwar nicht nur rein äußerlich, sondern auch anhand ihres Geruchs, ihrer Art, mit ihm zu sprechen und es aufzunehmen. Die wesentliche Veränderung, die ungefähr im achten Monat stattfindet, ist aber die Festigung der Bindung des Babys an seine Eltern. Es weiß jetzt, dass seine Eltern es zuverlässig versorgen und ihm Freude und Wohlbefinden vermitteln können. Verliert es sie aus seinem Blickfeld, fehlt ihm aufgrund seiner Unreife die Gewissheit, dass die Eltern immer noch in der Nähe sind. Diese Angst des Babys ist durchaus seinem Alter angemessen und sie wird auch nur für eine gewisse Zeit anhalten. Eltern müssen also nicht befürchten, dass ihr Baby besonders abhängig von ihnen oder extrem schüchtern sei. Im Gegenteil können sie stolz und erfreut über das Fremdeln sein, denn es stellt genauso eine wichtige Errungenschaft des Babys dar wie etwa das Laufenlernen.

 

Umgang mit einem fremdelnden Baby

Wenn die Eltern sich angesichts ihres fremdelnden Babys sorgen, dass es nun für immer so ängstlich und anlehnungsbedürftig bleiben könnte, versuchen sie vielleicht, nicht mehr so uneingeschränkt für es da zu sein, um ihm mehr Selbständigkeit anzuerziehen. Dieses Vorgehen ist aber unangebracht, denn gerade in dieser Zeit der gefühlsmäßigen Entwicklungen ist das Baby besonders angewiesen auf die Aufmerksamkeit und feinfühlige Unterstützung seiner Eltern. Sie sollten also das Fremdeln als vorübergehende Erscheinung akzeptieren und als neue Fähigkeit ihres Babys anerkennen. Dementsprechend einfühlsam sollte auch ihr Verhalten dem fremdelnden Baby gegenüber sein, indem sie ihm sofort zeigen, dass sie noch da sind, es liebevoll trösten und beruhigen. Durch die Geborgenheit und Sicherheit, die das Baby so erhält, wird es bald erfassen, dass es seine Eltern auch in Anwesenheit eines Fremden nicht verliert.

 

Sicherheit vs. Neugier

Neben dem Fremdeln zeigt das Baby im zweiten Lebenshalbjahr weitere Verhaltensweisen, die mit der Existenz einer Bindung an seine Eltern zusammenhängen.
Sobald das Baby robben oder krabbeln kann, kann es sich von seinen Bindungspersonen weg- oder auf sie zu bewegen. Von nun an ringen die angeborene kindliche Neugier und das Streben nach Sicherheit und Bindung miteinander. Wie bereits oben beschrieben, legen die Neugier und der Wunsch, alles zu erforschen, in diesem Alter den Grundstein für das Wissen über die Welt. Andererseits traut sich das Krabbelkind nur, seinem Neugierstreben nachzugehen, wenn es sich dabei innerlich ganz sicher sein kann, dass seine Eltern als sicherheitsspendender "Hafen" im Hintergrund bleiben und ihm weiter zur Verfügung stehen. Das Baby spielt und "forscht" daher nur mit Hingabe, wenn eine seiner Bindungspersonen anwesend ist; verschwinden die Eltern aus dem Sichtfeld, wird es unruhig, ängstlich und versucht entweder, sich den Eltern wieder zu nähern oder sie durch Weinen oder Rufen wieder in seine Nähe zu bringen. Sein Interesse an der Umgebung, an Spielzeug und anderen Menschen sinkt in solchen Situationen auf Null. Neugier und Bindung stehen nämlich zueinander wie Gewichte auf einer Wippe:

 Diese Wippe zeigt den Zustand, in dem das Baby sich befindet, wenn es spielt, seine Umgebung erkundet und umherkrabbelt. Sein Bedürfnis nach Bindung ist in diesen Momenten gering.

 

 

 

Wird das Baby nun durch seine Entdeckungen verängstigt oder taucht eine fremde Person auf, wird sein Bedürfnis nach Bindung wieder aktiviert und übersteigt jenes nach Erkundung und Spiel. Das Baby wird nun versuchen, sich seinen Eltern zu nähern oder anfangen zu weinen, damit sie sich ihm zuwenden.


Grafik modifiziert nach: Schieche, M. (2001): Störungen der Bindungs-Explorationsbalance und Möglichkeiten der Intervention. In: Suess, G. (Hrsg.): Bindungstheorie und Familiendynamik. - Gießen.

Wie die Wippen zeigen, muss das Baby ein Gleichgewicht finden zwischen beiden Extremen: die Eltern gar nicht loszulassen - dann aber auch seiner natürlichen Neugier nicht nachgehen zu können; oder aber sich mutig auf die Welt einlassen - dafür aber die schützende Nähe der Eltern zeitweise verlassen zu müssen.

 

Ein sicherer Hafen für das Baby

Damit das Baby den nötigen Kompromiss zwischen beiden Extremen finden kann, ist das Verhalten seiner Eltern sehr entscheidend. Zunächst einmal müssen sie zulassen können, dass ihr kleines Baby sich von ihnen abwendet, um andere interessante Dinge kennen zu lernen, wobei es sich auch in Gefahren begibt. Dies ist manchmal nicht leicht für die Eltern, die bisher der Mittelpunkt jedes Interesses ihres Babys waren.

Außerdem müssen sie auch bereit sein, den erwähnten sicherheitsspendenden Hafen für ihr Krabbelkind darzustellen. Auch dieses Verhalten bildet einen Aspekt ihrer Feinfühligkeit. Feinfühlig zu sein bedeutet nun, ihr Baby bei der für seine Entwicklung so wichtigen Erkundung seiner Welt zu unterstützen, indem sie es beobachten und ihm bei Verunsicherung oder Verängstigung zuverlässig Trost spenden. Das Baby bekommt so das schöne Gefühl, sich bei Gefahr stets zu seinen Eltern zurückziehen zu können. Daher traut es sich mit der Zeit immer mehr zu; der Umkreis, in dem es sich von seinen Eltern entfernt, wird größer. Je sicherer das Baby sich fühlt, desto stärker wird sein Drang sich entfalten, die Welt zu entdecken. Bald kann es das Gefühl der Bindung auch über gewisse Entfernungen aufrechterhalten, ohne ständig die körperliche Nähe seiner Eltern durch Berührungen oder Umarmungen spüren zu müssen. Stattdessen kann es sich bei Unsicherheiten über Blicke, Gesten und stimmliche Mittel bei seinem "Hafen" rückversichern. Ermunternde Blicke der Eltern zeigen dem Krabbelkind, dass es unbesorgt weiter spielen kann, während erschreckte und ängstliche Blicke es zu ihnen zurückkehren lassen - die Wippe kippt zugunsten der Bindung.

 

Eroberungen

Nicht allen Babys gelingt es gleich gut, die Balance zwischen Neugier und Bindung zu finden. Frühe Persönlichkeitsunterschiede werden sichtbar: Fühlt sich das Baby sicher oder unsicher? Ist es ängstlich oder mutig? Ist es zögerlich im Umgang mit neuen Dingen oder geht es munter darauf zu? Wagt es etwas oder wartet es lieber ab? Das Ausmaß der Bindungssicherheit des Babys an seine Eltern bestimmt, welcher der oben abgebildeten Wippen sein Verhalten die meiste Zeit gleicht.
Nur in sicheren Bindungsbeziehungen ist das Verhältnis zwischen Neugier und Bindung so ausgewogen, dass das Baby seine Welt kennenlernen kann, ohne dabei auf Sicherheit verzichten zu müssen. Unsicher gebundene Babys entsprechen entweder überwiegend ihrem Streben nach Erkundung, sind dabei aber weniger konzentriert und erfolgreich als sicher gebundene Babys, oder aber ihr Bindungsbedürfnis ist so stark, dass sie voll und ganz durch die Aufrechterhaltung der Nähe zu ihren Eltern beansprucht sind. Nur in sicheren Bindungsbeziehungen sind die Eltern der "sichere Hafen" für ihr Baby, der es ihm ermöglicht, mit dem Wissen um Liebe und Sicherheit im Hintergrund auf Entdeckungstour zu gehen und "aufzutanken", wann immer es den Drang dazu verspürt. Kinder, die sich in ihren ersten Bindungen sicher und geborgen fühlen, werden mutige kleine Eroberer ihrer Welt.

 

Wenn das erste Jahr so bedeutsam für die Entwicklung einer sicheren Bindung zu den Eltern ist: darf man das Baby dann überhaupt von anderen Personen betreuen lassen?

Zunächst einmal: Forschungsergebnisse haben recht ermutigende Ergebnisse zu dieser Frage erbracht. Eine frühe Betreuung des Babys in der Kinderkrippe oder bei einer Tagesmutter zieht demnach nicht zwangsläufig Probleme mit der Bindungssicherheit oder der Gesamtentwicklung des Babys nach sich. Davon abgesehen, dass es für ein kleines Kind bis zu drei Jahren wahrscheinlich trotzdem am schönsten ist, die meiste Zeit mit seinen Eltern zu verbringen, müssen bei der Art der Betreuung durch andere Personen einfach bestimmte Dinge beachtet werden, damit negative Folgen für das Wohlbefinden - und damit auch für die Entwicklung - des Kindes ausbleiben.
Wenn also eine regelmäßige Betreuung durch andere Personen als die Eltern notwendig ist, ist es wichtig, dass das Baby auch zu seiner Betreuungsperson eine Bindung aufbauen kann. Damit ihm das möglich wird, muss es sich selbstverständlich stets um dieselbe Person handeln, die während der Abwesenheit seiner Eltern für das Baby sorgt. Außerdem muss dem Baby die Gelegenheit gegeben werden, sich allmählich an den neuen Menschen in seinem Leben zu gewöhnen. Erst wenn sich eine Beziehung aufgebaut hat, kann die stundenweise Lösung von den Eltern beginnen. Auf gar keinen Fall dürfen diese das Baby einfach bei einer ihm unvertrauten Person abgeben und es dort alleine lassen. Ein solches Vorgehen würde die Vertrauensbasis zwischen Baby und Eltern stark erschüttern - "Augen zu und durch" ist keine geeignete Methode zur Eingewöhnung bei der neuen Betreuung, denn jedes Erlebnis des Schreckens verzögert den Vertrauensaufbau und macht dann langwierige Maßnahmen zur Wiedergutmachung nötig.

 

Eifersucht

Doch nicht nur das Baby, sondern auch seine Eltern haben ein Recht darauf, zur neuen Betreuungsperson ihres Babys in Ruhe Vertrauen zu fassen. Das Baby würde ansonsten spüren, dass auch seine Eltern nicht überzeugt von der neuen Situation sind, was es zusätzlich verunsichern würde.
Nun ist es aber für die Eltern oftmals auch gar nicht so leicht, ihr Baby stundenweise loszulassen und sich auch noch begeistert darüber zu zeigen, wie es seiner Betreuerin nach und nach Zuneigung entgegenbringt. Sie sollten aber daran denken, dass die neue Beziehung des Kindes keine Verdrängung der Eltern bedeutet. Das Baby hat mehr als genug Liebe zur Verfügung, und die Erfahrungen und Erlebnisse, die es mit seinen Eltern zuvor bereits seit der Schwangerschaft geteilt hat und auch zukünftig außerhalb der Betreuungszeiten teilen wird, haben eine einmalige Bindung zu ihnen entstehen lassen, die für das Baby immer an erster Stelle stehen wird. Sind nun diese wichtigsten Bindungspersonen nicht verfügbar, muss es sich einfach mit seinen Bedürfnissen nach Zuwendung und Versorgung an eine andere Person wenden, um zufrieden bleiben zu können. Wenn es die Wahl hat, wird es sich aber weiterhin sicherlich an seine Eltern als sogenannte "primäre Bezugspersonen" wenden.
Obwohl man das Baby nicht mit zu vielen Bezugspersonen überfordern sollte, bereichern einige weitere enge Beziehungen neben jener zu den Eltern sein Leben und seine Entwicklung aber enorm.

 

Umgang mit der neuen Betreuungssituation

Für ein Baby ist es noch am besten, wenn die Betreuung in seiner gewohnten Umgebung stattfindet. Eine Tagesmutter oder ein Babysitter stellen daher die beste Betreuungslösung in diesem Alter dar. Soll das Baby dennoch eine Kinderkrippe besuchen, ist es wichtig, dass die Eltern diese sehr sorgfältig auswählen. Ausschlaggebende Kriterien bei der Auswahl sind etwa die Gruppengröße und die Anzahl der Betreuer in einer Gruppe. Das Personal sollte möglichst selten wechseln. Es empfiehlt sich, sich bei anderen Eltern über die Krippengruppe zu erkundigen und sich auch persönlich dort umzusehen.
Die Eingewöhnung des Babys - sei es bei der Tagesmutter oder in der Krippe - muss langsam erfolgen. Das Baby muss die Gelegenheit bekommen, die neue Betreuung in Anwesenheit seiner Mutter oder seines Vaters kennen zu lernen, denn wie oben beschrieben braucht es einen "sicheren Hafen" im Hintergrund, um neue Anforderungen und Entdeckungen meistern zu können. Die Trennungsangst des Babys muss von Eltern und Betreuerin akzeptiert und berücksichtigt werden. Auf keinen Fall dürfen Mutter oder Vater sich hinter dem Rücken des Babys "davonschleichen", während es schläft oder spielt. Es entwickelt sonst Ängste, sich auf irgendetwas anderes als seine Eltern zu konzentrieren, weil es befürchten muss, sie dadurch wieder zu verlieren.
Trotz einfühlsamer Eingewöhnung kann es sein, dass das Baby bei Weggang oder Rückkehr seiner Eltern immer wieder weint, gekränkt, gleichgültig oder auch wütend erscheint. Auf dieses Verhalten muss ebenfalls mitfühlend und verständnisvoll reagiert werden, damit das Kind spürt, dass den Eltern sein Wohl am Herzen liegt und seine Gefühle ihnen nicht gleichgültig sind. Denn das Kind drückt mit seinem Verhalten aus, wie es sich fühlt - keinesfalls versucht es in diesem Alter, seine Eltern damit zu manipulieren!

 

Das Wichtigste ganz kurz

Bindung ist die besondere, enge, gefühlsgetragene Beziehung zwischen Eltern und Kind, die nach einem halben Jahr des alltäglichen Umgangs und des Austauschs miteinander gefestigt ist. Jedes Kind baut eine solche Bindung zu seinen Eltern auf, denn sein Bedürfnis nach Zuwendung und Sicherheit ist ebenso grundlegend wie jenes nach Nahrung.

Bereits Babys können sich an mehr als eine Person binden.

Je nach Verhalten der Eltern im Austausch und bei der Versorgung des Babys kann die Bindung des Babys an seine Eltern sicher oder unsicher sein. Bei zuverlässiger, liebevoller und einfühlsamer Betreuung entsteht eher eine sichere Bindung als unter einem Mangel an Zärtlichkeit, Fürsorge und wenig oder unbeständig einfühlsamer Behandlung des Babys. Mit spätestens einem Jahr unterscheiden sich sicher und unsicher gebundene Babys deutlich im Verhalten voneinander.

Die Sicherheit der Bindung hat Auswirkungen auf die Gesamtentwicklung und die Persönlichkeit des Babys. Die Entwicklung von sicher gebundenen Kindern verläuft positiver und problemloser. Sie haben ein höheres Selbstwertgefühl und sind vor Verhaltensproblemen und seelischen Erkrankungen besser geschützt. Ihr allgemeines Beziehungsverhalten ist offener und vertrauensvoller.

Je feinfühliger die Eltern mit ihrem Baby umgehen, desto wahrscheinlicher ist der Aufbau einer sicheren Bindung. Feinfühlige Eltern beobachten ihr Baby aufmerksam, finden seine Bedürfnisse anhand feinster Äußerungen des Babys heraus und kommen ihnen auf passende Weise schnell nach.

Ein Baby kann nicht verwöhnt werden. Auf jedes Bedürfnis des Babys soll eingegangen werden, damit das Baby Verlässlichkeit erfährt und ein grundlegendes Vertrauen in seine Welt erwirbt.

Das Baby selbst trägt mit Hilfe seiner angeborenen Verhaltensausstattung aktiv viel zum Gelingen der Beziehungsaufnahme zu seinen Eltern bei. Es kann sich von Anfang an mitteilen, sich am Austausch beteiligen und auf Antworten seiner Eltern reagieren.

Die Eltern sind ebenfalls bestens für den bindungswichtigen Austausch mit ihrem Baby vorbereitet. Sie verstehen Babys nichtsprachliche Äußerungen intuitiv und antworten ihm so, dass es sie auch verstehen kann. Diese elterliche Intuition sollte ausgelebt und keinesfalls unterdrückt werden, denn sie ist sehr wertvoll für die Entwicklung des Babys und den Bindungsaufbau.

Durch die gegenseitige Angepasstheit der Fähigkeiten von Baby und Eltern entstehen im Zwiegespräch und wechselseitigem Austausch „Engelskreise“: die Eltern sind stolz und zufrieden, das Baby ist glücklich und fühlt sich sicher und verstanden. Die besten Voraussetzungen zum Lernen sind geschaffen.

 „Teufelskreise“ sind andauernd gestörte Abläufe des Austauschs zwischen Eltern und Baby. Halten diese an und werden die „Engelskreise“ immer weniger, ist professionelle Unterstützung notwendig.

Das Fremdeln, das etwa im 8. Lebensmonat des Babys beginnt, ist ein Zeichen der sich entwickelnden oder gefestigten Bindung zu seinen Eltern. Es ist ein positives Zeichen der Entwicklung und daher kein Grund zum Ärgern oder zur Sorge. Das fremdelnde Baby sollte getröstet und beruhigt werden. Fremdeln ist eine Entwicklungserscheinung, die von alleine vorübergeht.

Sobald das Baby sich fortbewegen kann, muss es sein persönliches Gleichgewicht finden zwischen der Erkundung der Umwelt, die auch Gefahr und Angst beinhaltet, und der Bindung, die Sicherheit gibt. Das optimale Gleichgewicht finden Babys, deren Eltern ihnen als „sicherer Hafen“ während der Erkundung zur Verfügung stehen, in dem es „auftanken“ und sich Zuwendung und Trost holen kann.

Betreuung durch andere Personen ist grundsätzlich auch im ersten Jahr möglich, wenn das Baby langsam an die Betreuerin gewöhnt wird und eine Bindung zu ihr aufbauen kann, bevor es mit ihr alleine gelassen wird. Bei der Betreuerin soll es sich um die immer selbe Person handeln, der auch die Eltern voll vertrauen können.

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Literatur zum Nachlesen: 

Bowlby, J. (1975): Bindung : Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. - München.

Brazelton, T.B. & Cramer, B. (1991): Die frühe Bindung : Die erste Beziehung zwischen dem Baby und seinen Eltern. - Stuttgart.

Dornes, M. (2001): Der kompetente Säugling. - Frankfurt am Main.

Gebauer, K. & Hüther, G. (2004): Kinder brauchen Wurzeln : Neue Perspektiven für eine gelingende Entwicklung. - Düsseldorf.

Keller, H. & Lohaus, A. (2000): Was Dein Kind Dir sagen will. - Niedernhausen.

Papoušek, M. & Papoušek, H. (1981): Intuitives elterliches Verhalten im Zwiegespräch mit dem Neugeborenen. In: Sozialpädiatrie in Praxis und Klinik 3 (5), S. 229-239.

Preuschoff, G. & Cremer, A. (2001): Vom Lieben und Loslassen : die Mutter-Kind-Bindung in den ersten drei Lebensjahren. -  Düsseldorf.

Rauh, H. (1998): Frühe Kindheit. In: Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. - Weinheim.

Schieche, M. (2001): Störungen der Bindungs-Explorationsbalance und Möglichkeiten der Intervention. In: Suess, G. (Hrsg.): Bindungstheorie und Familiendynamik. - Gießen.

Spangler, G. & Zimmermann, P. (Hrsg.) (1999): Die Bindungstheorie : Grundlagen, Forschung und Anwendung. - Stuttgart.

Stern, D. (1979): Mutter und Kind. Die erste Beziehung : Das Kind und seine Entwicklung. - Stuttgart.

 

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