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Wann kann man sich
am besten mit dem Baby unterhalten?
Damit ein
erfreulicher Austausch, eine "schöne
Unterhaltung", mit dem Baby zustande
kommen kann, muss es sich in wacher, aufmerksamer
Stimmung befinden und frei von anderen drängenden
Bedürfnissen wie etwa Hunger sein. Neben
diesem wachen Aufmerksamkeitszustand kann
das Baby sich noch in fünf weiteren Schlaf-
und Wachzuständen befinden, die es von einander
zu unterscheiden gilt, wenn man feinfühlig
mit dem Baby umgehen will. Normalerweise
wechselt das Baby Schritt für Schritt von
einem Zustand in den nächsten - das bedeutet
für die Eltern, dass sie bereits in etwa
vorhersehen können, was das Baby als nächstes
tun wird. Das ist ein schönes Gefühl für
die Eltern, denn sie kennen ihr Baby bald
so gut, dass sie wissen, wie es sich in
welchem Zustand verhält und wie sie selbst
ihm am besten beim Wechseln der Zustände
helfen können. Das ist wichtig, um z.B.
einem Baby, das gerade aufwacht, einen Anstoß
zu geben, in die wache Aufmerksamkeit zu
wechseln, damit es in den für seine Entwicklung
und die Eltern-Kind-Bindung bedeutenden
emotionalen, spielerischen Austausch mit
seinen Eltern und seiner Umwelt eintreten
kann. Oder, um rechtzeitig zu verhindern,
dass das Baby ins Schreien gerät, nachdem
es schon eine Weile durch Quengeln angedeutet
hat, dass es unzufrieden ist.
| Wie man die einzelnen
Verhaltenszustände erkennen kann
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Schlaf:
- Tiefschlaf:
Das Baby atmet tief und gleichmäßig, hält
die Augen fest geschlossen und bewegt sich
gar nicht. Für Reize von außen ist das Baby
ziemlich unempfänglich und reagiert nicht.
Im Tiefschlaf erholt sich das Baby.
- Traumschlaf:
Ein leichterer Schlafzustand, in dem das
Baby teilweise unregelmäßig, flach und schneller
als im Tiefschlaf atmet. Seine Augen sind
zwar geschlossen, aber man sieht, wie sie
sich unter den Lidern kreisend bewegen.
Das Baby bewegt sich öfter, zuckt, dreht
und streckt seinen Körper, lächelt zuweilen
und macht Saugbewegungen mit dem Mund. Für
Geräusche u.ä. von außen ist es jetzt empfänglich
und könnte davon aufwachen.
Halbschlaf:
Das Baby schläft nicht mehr richtig, kann
aber auch noch nicht aufmerksam sein. Sein
Blick wirkt noch abwesend, es öffnet und
schließt die Augen abwechselnd. Es atmet
regelmäßig, aber schneller als im Tiefschlaf.
Zeitweise bewegt es sich etwas. Wenn man
das Baby jetzt anspricht und ihm Anregungen
gibt, wacht es komplett auf.
Wachsein:
- ruhige
Aufmerksamkeit: Das Baby hat offene, strahlende
Augen und blickt aufmerksam, aber ruhig
umher. Es bewegt sich, zappelt aber nicht
unruhig. Wenn man es jetzt anspricht, kann
ein erfolgreicher Austausch entstehen, denn
das Baby reagiert positiv auf Ansprache
und Spielangebote, lächelt und brabbelt.
In diesem Zustand lernt das Baby.
- Quengeln:
In dieser Stimmung ist das Baby bereits
überreizt oder zu abgelenkt durch körperliche
Bedürfnisse wie Hunger. Es wird zunehmend
unruhig, macht unkoordinierte Bewegungen
mit Armen und Beinen und kann sich nicht
mehr konzentrieren. Es ist aber noch ansprechbar
für beruhigende Maßnahmen. Das heißt, wenn
die Eltern jetzt eingreifen, können sie
es möglicherweise in einen ruhigen, aufmerksamen
Zustand zurückführen. Gelingt das nicht,
fängt das Baby an zu schreien.
- Schreien:
Spätestens mit dem Schreien wird den Eltern
klar, dass das Baby etwas braucht. Jetzt
müssen sie herausfinden, was das sein könnte,
um das Baby wieder in ruhigere Verhaltenszustände
zurückzuführen.
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Das Baby
bringt eine gewisse Fähigkeit mit auf die
Welt, selbst ein Gleichgewicht zwischen
den verschiedenen Zuständen zu finden. Es
kann sich z.B. manchmal alleine beruhigen,
indem es an seinen Fingern nuckelt. Oder
es fällt einfach in den Tiefschlaf, wenn
es von all den Anregungen um es herum überreizt
ist. Diese Fähigkeit zur "Selbstbestimmung"
ist aber noch recht eingeschränkt und das
Baby passt sich auch nur langsam an den
neuen Rhythmus zwischen Wachen und Schlafen
außerhalb des Mutterleibes an. Auf jeden
Fall braucht das Baby dringend die einfühlsame
Unterstützung seiner Eltern, um sein Gleichgewicht
immer wieder zu finden. Auch diese gemeinsame
Ausbalancierung von Babys Verhaltenszuständen
bildet einen Teil des Bindungsprozesses
- je feinfühliger die Eltern dem Baby helfen,
desto sicherer wird es sich bei ihnen fühlen!
Den Eltern
fällt es auch normalerweise gar nicht schwer,
sich an das Verhalten und die Fähigkeiten
ihres Babys anzupassen und es dadurch zu
fördern. Feinfühliger Umgang mit einem Baby
hat nämlich sehr viel mit Intuition zu tun.
Denn nicht nur das Baby ist perfekt auf
den wichtigen alltäglichen Austausch mit
seinen Eltern vorbereitet...
...denn Eltern wissen,
was sie tun!
Normalerweise
gelingt es Eltern leicht, die Signale ihres
Babys und seine Aufforderungen zum Austausch
wahrzunehmen, zu verstehen und sich auf
sie einzustellen. Die Gegenwart eines Babys
ruft nämlich in den Eltern - genau genommen,
in allen Erwachsenen und auch schon in älteren
Kindern - bestimmte genetisch angelegte
Verhaltensmuster wach, die für die Entwicklung
des Babys und seiner Bindung an die Eltern
besonders förderlich sind.
Diese
"Verwandlungen"
des Verhaltens, des körperlichen Ausdrucks
und der Sprache
im Austausch mit einem Baby muss man nicht
erst lernen, sondern sie bilden das natürliche
Gegenstück zu dem, was das Baby selbst bereits
in den Austausch einbringen kann. Sein oben
beschriebenes angeborenes Repertoire an
Ausdrucks- und Gesprächsmöglichkeiten bildet
so starke Reize für die Eltern, dass sie
unwillkürlich angepasst reagieren - und
zwar in Sekundenbruchteilen, ohne bewusst
überlegen zu müssen! Die elterlichen Verhaltensanpassungen
werden intuitives
Elternverhalten
genannt. Sie sichern das Überleben des Babys
auch bei ganz unerfahrenen Eltern. Sie führen
im Zwiegespräch zwischen Eltern und Baby
dazu, dass das Baby seine angeborenen Fähigkeiten
gut nutzen und weiterentwickeln kann, weil
es durch die Angepasstheit des elterlichen
Verhaltens verstehen kann, was die Eltern
ihm mitteilen wollen. So lernt das Baby
im Austausch immer mehr über seine Eltern
- was gut für den Bindungsaufbau ist - und
über seine Umwelt - was gut für seine Gesamtentwicklung
ist. Eltern sind also von Natur aus die
perfekten "Lehrer" ihrer Babys!
Was genau sind denn
intuitive Verhaltensweisen der Eltern?
Damit sich
besser nachvollziehen lässt, dass Eltern
tatsächlich in den allermeisten Fällen genau
das Richtige zum richtigen Zeitpunkt tun
und entsprechend stolz auf sich sein dürfen,
sollen ein paar Beispiele für intuitives
Elternverhalten aufgezeigt werden. Diese
haben aber ganz und gar nicht den Sinn,
sie den Eltern beizubringen! Das wäre auch
gar nicht möglich. Im Gegenteil kann bewusstes
Nachdenken und das Ausüben von (Selbst-)Kontrolle
die perfekt abgestimmte Unterhaltung zwischen
Eltern und Baby eher stören. Daher an dieser
Stelle nur ein paar allgemeine Tendenzen
in den elterlichen Reaktionen auf das Baby: Verglichen
mit der Art, wie Erwachsene miteinander
umgehen, ist das Zwiegespräch mit dem Baby
durch übertrieben wirkendes Mienenspiel,
eine ausladende Körpersprache und einen
rhythmischen Sprach-Singsang gekennzeichnet.
Außerdem wirkt alles oftmals sehr langsam
und gedehnt und wird zudem mehrfach wiederholt.
Ein Beispiel könnte lauten: "Ja, wo
ist denn meine Süße?? Ja, wo ist sie denn?
Hm? ... Wo bist du? - Daaaaaa ist sie ja!",
wobei der Tonfall auffordernden Charakter
annimmt. Es werden auch oft Pausen eingebaut,
als wollte man dem Baby Möglichkeiten zur
Antwort einräumen. Außerdem spielt der intensive
Blickkontakt eine große Rolle, und die Eltern
ahmen oft die Äußerungen oder Gesichtsausdrücke
ihres Kindes nach. Der besondere Sprachstil,
der intuitiv im Gespräch mit Babys verwendet
wird, wird als Ammensprache bezeichnet.
Die Ammensprache zeichnet sich aus durch
die Übertreibung der Sprachmelodie, die
sich auch ständig wiederholt, übertriebene
Betonung und eine erhöhte Stimmlage. Alle
intuitiven elterlichen Verhaltensweisen
haben denselben Sinn: dem Baby die eindeutigen,
starken und langanhaltenden Signale zu bieten,
die es aufgrund seiner Unreife noch benötigt,
um aufmerksam zu sein und zu verstehen. Daher
ist es auch völlig unangebracht, sich über
die Übertreibungen im gesamten Elternverhalten
lustig zu machen oder sich als Eltern gar
dafür zu schämen! Eltern, die ihren intuitiven
Fähigkeiten einen natürlichen Lauf lassen,
fördern ihr Baby und seine Bindung an sie
am allerbesten. Eine künstliche Einschränkung
der intuitiven Impulse behindert das feine
Zusammenspiel zwischen Baby und Eltern.
Das Baby genießt es sehr, wenn seine Eltern
sich mit ihm auf seiner Ebene unterhalten,
auch wenn es ihre Worte noch nicht versteht.
Es erfasst auf jeden Fall, dass man sich
mit ihm austauscht und auf seine Bedürfnisse
eingeht. Das wäre ihm nicht möglich, wenn
die Eltern sich mit ihm wie mit einem Erwachsenen
unterhalten und versuchen würden, ihm alles
ausschließlich über die gesprochene Sprache
mitzuteilen.Im Umgang mit dem Baby kommt
es also ganz besonders darauf an, seinen
eigenen, biologisch begründeten Instinkten
zu vertrauen. Auf diese Weise gelingen die
intuitive Wahrnehmung und das Verständnis
der kindlichen Signale am sichersten und
Eltern sind praktisch "automatisch"
gute und feinfühlige Eltern und Gesprächspartner
für ihr Kind.
Zwiegespräch und Spiel
als Ergebnis der kindlichen
und elterlichen Fähigkeiten
Weil also
sowohl das Baby als auch seine Eltern biologisch
bestens für den Bindungsaufbau vorbereitet
sind, entstehen von Anfang an ein intensives
Zwiegespräch und spielerische Leichtigkeit
zwischen ihnen. Im alltäglichen Zusammenspiel
verfeinert das Baby seine Ausdrucksfähigkeit,
baut seine Wahrnehmungsfähigkeiten aus und
findet nach und nach ein immer besseres
Gleichgewicht zwischen seinen Verhaltenszuständen.
Das merkt man daran, dass es z.B. mit etwa
drei Monaten schon viel länger aufmerksam
sein kann als im ersten Monat. Außerdem
passt es auch seinen Schlaf- und Wachrhythmus
seiner Umgebung an. Das Baby lernt also
unglaublich viel im Austausch mit seinen
Eltern, aber das Wichtigste dabei ist, dass
es lernt zu vertrauen: Es erfährt, dass
es sich auf seine Eltern verlassen kann,
weil sie seine Äußerungen und Bedürfnisse
fast immer richtig beantworten. Die besten
Voraussetzungen für eine sichere Bindung
sind damit geschaffen. Unter bestimmten
Umständen kann der Bindungsaufbau trotzdem
gestört werden - dieser Text kommt an späterer
Stelle darauf zurück. Doch nicht nur
das Baby genießt den spielerischen Austausch
und zieht seinen Nutzen daraus - auch seine
Eltern machen dabei erfreuliche Erfahrungen!
Während jedes Füttern, jedes Spielchen,
jeder Blick und jede Berührung dem Baby
zeigen, dass es sicher und geborgen bei
Menschen ist, die es mögen und ihm gut tun,
werden die Eltern immer besser darin, ihr
Baby zu trösten und zufrieden zu stellen.
Durch die positiven Reaktionen ihres Babys
- wenn es sich z.B. durch ihre Zärtlichkeiten
beruhigen lässt oder beim Spiel fröhlich
lacht - bekommen sie das Gefühl vermittelt,
alles richtig zu machen - ihr Selbstvertrauen
wächst. Dies gibt ihnen die Kraft und Motivation,
weiterhin alles für ihr Baby zu tun. Das
Baby gewinnt durch die Erfahrung, dass seine
Äußerungen stets beantwortet werden, immer
mehr die Gewissheit, dass es fähig ist,
seine Bedürfnisse verständlich zu äußern
und sich Zuwendung zu verschaffen. Deshalb
wird das Wohlbefinden des Babys im Austausch
immer offensichtlicher, und wiederum fühlen
die Eltern sich durch ihr glückliches Baby
in ihrem Vorgehen bestärkt. Wie man sieht,
entstehen regelrechte Spiralen der gegenseitigen
Verstärkung: die sogenannten "Engelskreise".
Gibt es etwa auch
„Teufelskreise“?
Bestimmte
Probleme des Babys oder Eigenschaften seiner
Eltern können zu einem "Teufelskreis"
im alltäglichen Austausch führen. Dieser
zeichnet sich dann nicht mehr durch die
oben beschriebene Spirale der gegenseitigen
Verstärkung aus, sondern durch eine Abwärtsspirale
- Baby und Eltern werden immer unzufriedener
mit ihrem gemeinsamen Austausch. Ohne an
dieser Stelle auf die einzelnen Gründe dafür
eingehen zu können, soll nur festgestellt
werden, dass keiner der beiden Partner alleine
"Schuld" an der Misere hat. Das
Problem liegt im Austausch selber. Das Baby
hat das Gefühl, dass seine Eltern es nicht
verstehen und ihm nicht helfen, und die
Eltern bekommen den Eindruck, dass ihr Baby
überhaupt nicht auf ihre großen Bemühungen
reagiert. Also schreit das Baby noch mehr,
während seine Eltern immer mehr verzweifeln
und nicht mehr wissen, was sie noch tun
können. Haben Eltern das Gefühl, dass
ihr Baby zu viel schreit und fühlen sie
sich am Ende ihrer Kräfte, sollten sie sich
- nachdem körperliche Ursachen wie etwa
Krankheiten ausgeschlossen wurden - an eine
sogenannte "Schreibabyambulanz"
oder eine andere Eltern-Säuglings-Beratungsstelle
wenden. Bekommen Eltern in solchen Situationen
keine Hilfe, können Aggressionen, Wut und
Depressionen entstehen, die die Eltern-Kind-Bindungsentwicklung
nachhaltig behindern können. In einer Beratungsstelle
werden die Eltern über die Hintergründe
des kindlichen Schreiens und sein normales
Ausmaß informiert. Außerdem werden sie hören,
dass sie keineswegs einen Einzelfall darstellen,
sondern relativ viele Familien Probleme
mit einem "Schreibaby" haben.
Außerdem erhalten sie natürlich nützliche
Tipps, die oft ganz einfach umzusetzen sind,
aber den intensiven Austausch, das Gespräch,
wieder zu einer erfreulichen Sache für beide
Beteiligten machen. Der Teufelskreis kann
meist schnell wieder durch Engelskreise
ersetzt werden.
Wie spiele ich mit
einem Baby?
Aufgrund
der intuitiven elterlichen Fähigkeiten brauchen
die meisten Eltern keinerlei Anleitung,
wann sie wie mit ihrem Baby spielen sollen.
Alle Eltern-Baby-Paare erfinden ihre ganz
eigenen Spielchen, die dann endlos wiederholt
und auch weiterentwickelt werden. Natürlich
kommt einem das Spiel mit einem Baby, wenn
es noch sehr klein ist, wie eine große Herausforderung
vor, denn es kann ja zunächst weder sprechen,
noch mit Gegenständen umgehen und sich nicht
fortbewegen. Daher ist das ganz frühe Spiel
begrenzt auf den Austausch von Geräuschen,
Gesichtsausdrücken, Gesten und beiderseitigen
Interessebekundigungen durch Blickkontakte.
Trotzdem können Eltern und Baby bereits
viel Freude am gemeinsamen Austausch haben.
Außerdem entwickelt sich das Baby schnell.
Es erwirbt immer neue Fähigkeiten, die dann
auch die Art des Austauschs mit den Eltern
verändern. Ein kleiner Überblick zeigt,
auf welche Veränderungen Eltern sich im
ersten halben Jahr der Unterhaltung mit
ihrem Baby einstellen können:
| Körperliche
Anpassung an die neue Welt: Das Neugeborene
benötigt eine gewisse Zeit, sich an die
neue Situation außerhalb des Mutterleibes
zu gewöhnen. Es verwendet daher die meiste
Zeit und Energie darauf, Funktionen wie
Nahrungsaufnahme, Verdauung, Schlafen und
Wachsein sowie seine Bewegungen zu koordinieren
und ist davon noch so sehr vereinnahmt,
dass es noch nicht oft und lange aufmerksam
sein kann. Daher beschränkt sich der Austausch
seiner Eltern mit ihm meist auf seine Beruhigung
und Tröstung.
Auge
in Auge...: Etwa vom dritten Monat an hat
sich das Baby soweit an sein Leben gewöhnt,
dass es zunehmend mehr Energie für die Aufrechterhaltung
eines aufmerksamen, interessierten Zustands
an seiner Umgebung verwenden kann. Dieser
bezieht sich auf den wichtigsten Teil seiner
Welt: seine Eltern! Diese erkennen die Veränderung
in ihrem Baby, weil es nun lächelt, seine
Augen aufreißt und ihnen seine Aufmerksamkeit
schenkt, wenn sie es anschauen, anlächeln
oder ansprechen. Jetzt kommt es oft zu einer
Form des Austauschs, die durch den intensiven
Blickkontakt zwischen Baby und jeweils einem
Elternteil gekennzeichnet ist. Die ersten
„Engelskreise“ entstehen durch das Zusammenwirken
der kindlichen mit den elterlichen Fähigkeiten
zur genau aufeinander abgestimmten Unterhaltung.
Zeit
zum Spielen: In der Zeit nach Ende des dritten
Monats wird der Austausch zwischen Baby
und Eltern immer länger, und das Baby hat
inzwischen bestimmte Erwartungen an das
Verhalten seiner Eltern herausgebildet.
Es weiß jetzt: wenn ich lächele, lächeln
sie zurück! Es hat gelernt, dass es eine
erfreuliche Wirkung auf seine Umwelt haben
kann. Es vertraut darauf, dass seine Eltern
immer wieder so reagieren werden, wie es
das von ihnen gewohnt ist und ist sehr durcheinander,
wenn die erwarteten Antworten einmal ausbleiben.
Deshalb liebt das Baby in diesem Alter kleine
Austauschsspiele, die auf ständiger Wiederholung
der immer gleichen Abläufe basieren. Sie
bestätigen das Baby in seinem Glauben, dass
die Geschehnisse um es herum vorhersehbar
sind.
Der
Rest der Welt: Nach dem vierten Monat, wenn
das Baby in der Lage ist zu greifen, wird
der intensive „Auge-in-Auge“-Austausch teilweise
ersetzt durch das Spiel mit Gegenständen
oder Spielzeug. Das Baby ist nun zunehmend
an seiner näheren Umgebung interessiert
und lenkt durch sein Blickverhalten auch
die Aufmerksamkeit seiner Eltern darauf.
Der Austausch beschränkt sich nunmehr nicht
auf zwei Partner, sondern kann mehrere Menschen
oder Gegenstände einbeziehen. Der intensive
Kontakt zu den Eltern geht aber auch dabei
nie verloren.
Auf
Entdeckungstour: Mit der Entwicklung des
Robbens, Krabbelns und Laufens nimmt die
Unabhängigkeit des Baby von seinen Eltern
zu. Es muss nun nicht mehr darauf warten,
dass sie sich ihm zuwenden oder es mit interessanten
Gegenständen versorgen, sondern es kann
sie selber aufsuchen und fast alles erreichen,
was sein Interesse weckt. Der intensive
Austausch zwischen Eltern und Baby wird
nun seltener; die Aufgabe der Eltern besteht
jetzt darin, ihr Baby bei der Entdeckung
seiner Umwelt zu unterstützen und ihm zur
Verfügung zu stehen, wenn es ihre Hilfe
oder Zuwendung benötigt - denn Entdeckungen können
auch Angst machen.
|
Baby + Eltern + 7
Monate Zeit = Bindung!
Nach etwa
sieben Monaten des intensiven Austauschs,
des Kennenlernens, der gemeinsamen Spiele
und Erfahrungen hat das Baby eine Bindung
zu seinen Eltern aufgebaut. Der genaue Zeitpunkt,
an dem sich von Bindung sprechen lässt,
ist natürlich von Baby zu Baby unterschiedlich,
so wie bei allen bedeutenden Entwicklungsschritten.
An bestimmten Merkmalen wird jedoch erkennbar,
wann es soweit ist. Die Sicherheit oder
Unsicherheit der Bindung wird noch im ganzen
ersten Jahr und in zunehmend geringerem
Maße auch in den Jahren danach beeinflusst.
Je nachdem, wie feinfühlig die Eltern den
Bedürfnissen ihres Babys nach Zuverlässigkeit
und gefühlsmäßigem Austausch nachkommen,
entwickelt sich das Gefühl von Vertrauen
und Geborgenheit im Baby. Durch dieses werden
wiederum sein Verhalten und seine Persönlichkeit
mitbestimmt.
Aber was ist, wenn...
Obwohl die
Feinfühligkeit der Eltern eine wichtige
Rolle bei der Entwicklung einer sicheren
Bindung spielt, gibt es doch auch Faktoren,
die sich von Eltern und Baby nicht direkt
beeinflussen lassen, die aber dennoch Auswirkungen
auf die Bindungssicherheit des Babys haben
können. So können z.B. Krankheiten des Babys
die Beziehungsaufnahme wesentlich erschweren.
Ein krankes oder auch ein viel zu früh
geborenes Baby
verfügt nämlich nicht in genügendem Ausmaß
über die oben beschriebenen angeborenen
Wahrnehmungs- und Mitteilungsfähigkeiten,
denn es ist durch die Schmerzen abgelenkt
und geschwächt bzw. einfach noch zu unreif,
um sie einsetzen zu können. Die Eltern können
ihr Baby dann nicht so gut verstehen und
dementsprechend schwer kann es für sie sein,
feinfühlig seine Bedürfnisse wahrzunehmen
und sich danach zu richten. Das für den
Bindungsaufbau unverzichtbare "Gespräch"
wird also empfindlich gestört, obwohl vielleicht
auf Seiten der Eltern die besten Voraussetzungen
zur Feinfühligkeit bestehen. Ein weniger
tragischer Einflussfaktor auf den Bindungsaufbau
ist das Temperament des Babys. Ja - bereits
Neugeborene haben verschiedene Charaktere!
Manche Babys sind einfach von Natur aus
leicht irritierbar, d.h. sie lassen sich
schnell durch alles Mögliche aus der Ruhe
bringen. Für Eltern kann es dann schwierig
sein, das richtige Maß zu finden zwischen
zu viel Anregung, die das Baby überlastet,
und zu wenig Ansprache, was den Bindungsaufbau
- und auch die übrige Entwicklung - gefährden
könnte. Andere Babys sind sehr ruhig und
ihre Eltern bekommen den Eindruck, dass
sie gar nicht zu ihm durchdringen oder dass
es vielleicht gar kein Interesse an einem
Austausch mit ihnen hat. Sie müssen sich
also besonders anstrengen, um den notwendigen
intensiven Austausch mit ihrem Baby zu erreichen.
Früher oder später finden die meisten Eltern
dennoch einen Weg zu ihrem Baby.
Auf der anderen
Seite gibt es auch Dinge auf Seiten der
Eltern,
die zu Problemen mit dem Bindungsaufbau
des Babys führen können. So kann z.B. auch
ihr Temperament die Bindung mitprägen, indem
es ihren Umgang mit ihren intuitiven elterlichen
Fähigkeiten beeinflusst. Aber auch körperliche
oder seelische Erkrankungen können diese
wichtigen Fähigkeiten erheblich beeinträchtigen.
Geschieht das über einen längeren Zeitraum,
kann auch dadurch der Bindungsaufbau gefährdet
sein. Wesentlichen Einfluss auf die Feinfühligkeit
von Eltern hat auch ihre Bindung zu ihren
eigenen Eltern. Die Bereitschaft, ein Baby
zu trösten oder aber schreien zu lassen,
hat viel mit den eigenen Kindheitserfahrungen
zu tun. Diese werden durch die Geburt eines
eigenen Babys wiederbelebt, und so wiederholen
sich oft positive wie negative Tendenzen
von Generation zu Generation: Eltern, die
als Kind misshandelt wurden, misshandeln
oft auch ihr Kind, und Eltern, die selber
gute Erfahrungen mit Bindung machen konnten,
können auch ihren eigenen Kindern gegenüber
feinfühlig sein. Das bedeutet aber nicht,
dass Eltern mit negativen Kindheitserlebnissen
zwangsläufig negative Beziehungsmuster an
ihr eigenes Baby weitergeben müssen. Eine
wichtige Rolle spielt dabei, ob die Eltern
den Einfluss ihrer eigenen kindlichen Erfahrungen
mit Bindung auf ihr aktuelles Verhalten
anerkennen können und sich bemühen, diese
Vergangenheit zu überdenken, um zu einem
ausgeglicheneren, liebevollen Umgang mit
ihrem Baby zu gelangen. Es bedarf jedoch
einer erheblichen Fähigkeit zur Einsicht
und des Nachdenkens, um eine Weitergabe
negativer Bindungserfahrungen zu verhindern.
In Fällen schwerer seelischer Verletzungen
in der Kindheit kann psychologische Hilfestellung
nötig sein, um dem eigenen Baby eine sichere
Bindung zu ermöglichen.
Fast alle
der genannten Einflussfaktoren auf den Bindungsaufbau
zwischen Eltern und Kind - und es gibt natürlich
noch mehr - wirken meist nur kurzfristig
auf den Austausch zwischen ihnen ein, so
dass in den darauffolgenden Monaten und
Jahren noch vieles "aufgeholt"
werden kann. Das biologische Programm, das
hinter dem Bindungsaufbau steht, ist so
stark, dass es sich nicht einfach durch
ein paar Widrigkeiten abschalten lässt.
Schließlich können Eltern nicht immer feinfühlig
auf ihr Baby reagieren - man denke an den
Alltag, in dem das Baby meist nicht die
einzige zu erfüllende Aufgabe darstellt
- und auch Babys können nicht immer "gut
drauf" sein. Und trotzdem finden sich
noch genügend Gelegenheiten für einen erfreulichen
Austausch, gemeinsame Erfahrungen und gegenseitiges
Kennenlernen, so dass sich das Baby sicher
binden kann.
Doch woran erkennt
man ein „gebundenes“ Baby?
Ein Ausdruck
der sich entwickelnden oder gefestigten
Bindung ist das sogenannte Fremdeln,
das bei fast allen Babys um den achten Monat
herum erstmals auftritt. Manche Eltern wundern
oder ärgern sich über das auffallende Verhalten
ihres Babys: hat es sich in den Monaten
zuvor normalerweise von jedem begrüßen und
umhertragen lassen, verzieht es nun plötzlich
unglücklich oder sogar panisch sein Gesicht
und fängt an zu weinen, wenn eine unvertraute
Person sich über es beugt oder gar wagt,
es aufzunehmen! Dieses Verhalten ist ganz
normal - es zeigt den Bindungsentwicklungsstand
des Babys an. Bis vor kurzem war man
der Meinung, dass das Fremdeln mit der geistigen
Entwicklung des Babys zusammenhinge, wodurch
es vom achten Monat an seine Eltern von
fremden Personen unterscheiden könne. Dies
kann das Baby aber eigentlich schon viel
früher, und zwar nicht nur rein äußerlich,
sondern auch anhand ihres Geruchs, ihrer
Art, mit ihm zu sprechen und es aufzunehmen.
Die wesentliche Veränderung, die ungefähr
im achten Monat stattfindet, ist aber die
Festigung der Bindung des Babys an seine
Eltern. Es weiß jetzt, dass seine Eltern
es zuverlässig versorgen und ihm Freude
und Wohlbefinden vermitteln können. Verliert
es sie aus seinem Blickfeld, fehlt ihm aufgrund
seiner Unreife die Gewissheit, dass die
Eltern immer noch in der Nähe sind. Diese
Angst des Babys ist durchaus seinem Alter
angemessen und sie wird auch nur für eine
gewisse Zeit anhalten. Eltern müssen also
nicht befürchten, dass ihr Baby besonders
abhängig von ihnen oder extrem schüchtern
sei. Im Gegenteil können sie stolz und erfreut
über das Fremdeln sein, denn es stellt genauso
eine wichtige Errungenschaft des Babys dar
wie etwa das Laufenlernen.
Umgang mit einem fremdelnden
Baby
Wenn die
Eltern sich angesichts ihres fremdelnden
Babys sorgen, dass es nun für immer so ängstlich
und anlehnungsbedürftig bleiben könnte,
versuchen sie vielleicht, nicht mehr so
uneingeschränkt für es da zu sein, um ihm
mehr Selbständigkeit anzuerziehen. Dieses
Vorgehen ist aber unangebracht, denn gerade
in dieser Zeit der gefühlsmäßigen Entwicklungen
ist das Baby besonders angewiesen auf die
Aufmerksamkeit und feinfühlige Unterstützung
seiner Eltern. Sie sollten also das Fremdeln
als vorübergehende Erscheinung akzeptieren
und als neue Fähigkeit ihres Babys anerkennen.
Dementsprechend einfühlsam sollte auch ihr
Verhalten dem fremdelnden Baby gegenüber
sein, indem sie ihm sofort zeigen, dass
sie noch da sind, es liebevoll trösten und
beruhigen. Durch die Geborgenheit und Sicherheit,
die das Baby so erhält, wird es bald erfassen,
dass es seine Eltern auch in Anwesenheit
eines Fremden nicht verliert.
Sicherheit vs. Neugier
Neben dem
Fremdeln zeigt das Baby im zweiten Lebenshalbjahr
weitere Verhaltensweisen, die mit der Existenz
einer Bindung an seine Eltern zusammenhängen.
Sobald das Baby robben oder krabbeln
kann, kann es sich von seinen Bindungspersonen
weg- oder auf sie zu bewegen. Von nun an
ringen die angeborene kindliche Neugier
und das Streben nach Sicherheit und Bindung
miteinander. Wie bereits oben beschrieben,
legen die Neugier und der Wunsch, alles
zu erforschen, in diesem Alter den Grundstein
für das Wissen über die Welt. Andererseits
traut sich das Krabbelkind nur, seinem Neugierstreben
nachzugehen, wenn es sich dabei innerlich
ganz sicher sein kann, dass seine Eltern
als sicherheitsspendender "Hafen"
im Hintergrund bleiben und ihm weiter zur
Verfügung stehen. Das Baby spielt und "forscht"
daher nur mit Hingabe, wenn eine seiner
Bindungspersonen anwesend ist; verschwinden
die Eltern aus dem Sichtfeld, wird es unruhig,
ängstlich und versucht entweder, sich den
Eltern wieder zu nähern oder sie durch Weinen
oder Rufen wieder in seine Nähe zu bringen.
Sein Interesse an der Umgebung, an Spielzeug
und anderen Menschen sinkt in solchen Situationen
auf Null. Neugier und Bindung stehen nämlich
zueinander wie Gewichte auf einer Wippe:
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Diese Wippe zeigt
den Zustand, in dem das Baby sich befindet,
wenn es spielt, seine Umgebung erkundet
und umherkrabbelt. Sein Bedürfnis nach Bindung
ist in diesen Momenten gering.
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Wird das Baby nun
durch seine Entdeckungen verängstigt oder
taucht eine fremde Person auf, wird sein
Bedürfnis nach Bindung wieder aktiviert
und übersteigt jenes nach Erkundung und
Spiel. Das Baby wird nun versuchen, sich
seinen Eltern zu nähern oder anfangen zu
weinen, damit sie sich ihm zuwenden.
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Grafik
modifiziert nach: Schieche,
M. (2001): Störungen der Bindungs-Explorationsbalance
und Möglichkeiten der Intervention.
In: Suess, G. (Hrsg.): Bindungstheorie
und Familiendynamik. - Gießen.
|
Wie die Wippen zeigen,
muss das Baby ein Gleichgewicht finden zwischen
beiden Extremen: die Eltern gar nicht loszulassen
- dann aber auch seiner natürlichen Neugier
nicht nachgehen zu können; oder aber sich
mutig auf die Welt einlassen - dafür aber
die schützende Nähe der Eltern zeitweise
verlassen zu müssen.
Ein sicherer Hafen
für das Baby
Damit das
Baby den nötigen Kompromiss zwischen beiden
Extremen finden kann, ist das Verhalten
seiner Eltern sehr entscheidend. Zunächst
einmal müssen sie zulassen können, dass
ihr kleines Baby sich von ihnen abwendet,
um andere interessante Dinge kennen zu lernen,
wobei es sich auch in Gefahren begibt. Dies
ist manchmal nicht leicht für die Eltern,
die bisher der Mittelpunkt jedes Interesses
ihres Babys waren.
Außerdem
müssen sie auch bereit sein, den erwähnten
sicherheitsspendenden Hafen für ihr Krabbelkind
darzustellen. Auch dieses Verhalten bildet
einen Aspekt ihrer Feinfühligkeit. Feinfühlig
zu sein bedeutet nun, ihr Baby bei der für
seine Entwicklung so wichtigen Erkundung
seiner Welt zu unterstützen, indem sie es
beobachten und ihm bei Verunsicherung oder
Verängstigung zuverlässig Trost spenden.
Das Baby bekommt so das schöne Gefühl, sich
bei Gefahr stets zu seinen Eltern zurückziehen
zu können. Daher traut es sich mit der Zeit
immer mehr zu; der Umkreis, in dem es sich
von seinen Eltern entfernt, wird größer.
Je sicherer das Baby sich fühlt, desto stärker
wird sein Drang sich entfalten, die Welt
zu entdecken. Bald kann es das Gefühl der
Bindung auch über gewisse Entfernungen aufrechterhalten,
ohne ständig die körperliche Nähe seiner
Eltern durch Berührungen oder Umarmungen
spüren zu müssen. Stattdessen kann es sich
bei Unsicherheiten über Blicke, Gesten und
stimmliche Mittel bei seinem "Hafen"
rückversichern. Ermunternde Blicke der Eltern
zeigen dem Krabbelkind, dass es unbesorgt
weiter spielen kann, während erschreckte
und ängstliche Blicke es zu ihnen zurückkehren
lassen - die Wippe kippt zugunsten der Bindung.
Eroberungen
Nicht allen Babys
gelingt es gleich gut, die Balance zwischen
Neugier und Bindung zu finden. Frühe Persönlichkeitsunterschiede
werden sichtbar: Fühlt sich das Baby sicher
oder unsicher? Ist es ängstlich oder mutig? Ist
es zögerlich im Umgang mit neuen Dingen
oder geht es munter darauf zu? Wagt es etwas
oder wartet es lieber ab? Das Ausmaß der
Bindungssicherheit des Babys an seine Eltern
bestimmt, welcher der oben abgebildeten
Wippen sein Verhalten die meiste Zeit gleicht.
Nur in sicheren Bindungsbeziehungen
ist das Verhältnis zwischen Neugier und
Bindung so ausgewogen, dass das Baby seine
Welt kennenlernen kann, ohne dabei auf Sicherheit
verzichten zu müssen. Unsicher gebundene
Babys entsprechen entweder überwiegend ihrem
Streben nach Erkundung, sind dabei aber
weniger konzentriert und erfolgreich als
sicher gebundene Babys, oder aber ihr Bindungsbedürfnis
ist so stark, dass sie voll und ganz durch
die Aufrechterhaltung der Nähe zu ihren
Eltern beansprucht sind. Nur in sicheren
Bindungsbeziehungen sind die Eltern der
"sichere Hafen" für ihr Baby,
der es ihm ermöglicht, mit dem Wissen um
Liebe und Sicherheit im Hintergrund auf
Entdeckungstour zu gehen und "aufzutanken",
wann immer es den Drang dazu verspürt. Kinder,
die sich in ihren ersten Bindungen sicher
und geborgen fühlen, werden mutige kleine
Eroberer ihrer Welt.
Wenn das erste Jahr
so bedeutsam für die Entwicklung einer sicheren
Bindung zu den Eltern ist: darf man das
Baby dann überhaupt von anderen Personen
betreuen lassen?
Zunächst
einmal: Forschungsergebnisse haben recht
ermutigende Ergebnisse zu dieser Frage erbracht.
Eine frühe Betreuung des Babys in der Kinderkrippe
oder bei einer Tagesmutter zieht demnach
nicht zwangsläufig Probleme mit der Bindungssicherheit
oder der Gesamtentwicklung des Babys nach
sich. Davon abgesehen, dass es für ein kleines
Kind bis zu drei Jahren wahrscheinlich trotzdem
am schönsten ist, die meiste Zeit mit seinen
Eltern zu verbringen, müssen bei der Art
der Betreuung durch andere Personen einfach
bestimmte Dinge beachtet werden, damit negative
Folgen für das Wohlbefinden - und damit
auch für die Entwicklung - des Kindes ausbleiben. Wenn
also eine regelmäßige Betreuung durch andere
Personen als die Eltern notwendig ist, ist
es wichtig, dass das Baby auch zu seiner
Betreuungsperson eine Bindung aufbauen kann.
Damit ihm das möglich wird, muss es sich
selbstverständlich stets um dieselbe Person
handeln, die während der Abwesenheit seiner
Eltern für das Baby sorgt. Außerdem muss
dem Baby die Gelegenheit gegeben werden,
sich allmählich an den neuen Menschen
in seinem Leben zu gewöhnen. Erst wenn sich
eine Beziehung aufgebaut hat, kann die stundenweise
Lösung von den Eltern beginnen. Auf gar
keinen Fall dürfen diese das Baby einfach
bei einer ihm unvertrauten Person abgeben
und es dort alleine lassen. Ein solches
Vorgehen würde die Vertrauensbasis zwischen
Baby und Eltern stark erschüttern - "Augen
zu und durch" ist keine geeignete Methode
zur Eingewöhnung bei der neuen Betreuung,
denn jedes Erlebnis des Schreckens verzögert
den Vertrauensaufbau und macht dann langwierige
Maßnahmen zur Wiedergutmachung nötig.
Eifersucht
Doch nicht
nur das Baby, sondern auch seine Eltern
haben ein Recht darauf, zur neuen Betreuungsperson
ihres Babys in Ruhe Vertrauen zu fassen.
Das Baby würde ansonsten spüren, dass auch
seine Eltern nicht überzeugt von der neuen
Situation sind, was es zusätzlich verunsichern
würde. Nun ist es aber für die Eltern
oftmals auch gar nicht so leicht, ihr Baby
stundenweise loszulassen und sich auch noch
begeistert darüber zu zeigen, wie es seiner
Betreuerin nach und nach Zuneigung entgegenbringt.
Sie sollten aber daran denken, dass die
neue Beziehung des Kindes keine Verdrängung
der Eltern bedeutet. Das Baby hat mehr als
genug Liebe zur Verfügung, und die Erfahrungen
und Erlebnisse, die es mit seinen Eltern
zuvor bereits seit der Schwangerschaft geteilt
hat und auch zukünftig außerhalb der Betreuungszeiten
teilen wird, haben eine einmalige Bindung
zu ihnen entstehen lassen, die für das Baby
immer an erster Stelle stehen wird. Sind
nun diese wichtigsten Bindungspersonen nicht
verfügbar, muss es sich einfach mit seinen
Bedürfnissen nach Zuwendung und Versorgung
an eine andere Person wenden, um zufrieden
bleiben zu können. Wenn es die Wahl hat,
wird es sich aber weiterhin sicherlich an
seine Eltern als sogenannte "primäre
Bezugspersonen" wenden. Obwohl man
das Baby nicht mit zu vielen Bezugspersonen
überfordern sollte, bereichern einige weitere
enge Beziehungen neben jener zu den Eltern
sein Leben und seine Entwicklung aber enorm.
Umgang mit der neuen
Betreuungssituation
Für ein Baby ist es
noch am besten, wenn die Betreuung in seiner
gewohnten Umgebung stattfindet. Eine Tagesmutter
oder ein Babysitter stellen daher die beste
Betreuungslösung in diesem Alter dar. Soll
das Baby dennoch eine Kinderkrippe besuchen,
ist es wichtig, dass die Eltern diese sehr
sorgfältig auswählen. Ausschlaggebende Kriterien
bei der Auswahl sind etwa die Gruppengröße
und die Anzahl der Betreuer in einer Gruppe.
Das Personal sollte möglichst selten wechseln.
Es empfiehlt sich, sich bei anderen Eltern
über die Krippengruppe zu erkundigen und
sich auch persönlich dort umzusehen. Die
Eingewöhnung des Babys - sei es bei der
Tagesmutter oder in der Krippe - muss langsam
erfolgen. Das Baby muss die Gelegenheit
bekommen, die neue Betreuung in Anwesenheit
seiner Mutter oder seines Vaters kennen
zu lernen, denn wie oben beschrieben braucht
es einen "sicheren Hafen" im Hintergrund,
um neue Anforderungen und Entdeckungen meistern
zu können. Die Trennungsangst des Babys
muss von Eltern und Betreuerin akzeptiert
und berücksichtigt werden. Auf keinen Fall
dürfen Mutter oder Vater sich hinter dem
Rücken des Babys "davonschleichen",
während es schläft oder spielt. Es entwickelt
sonst Ängste, sich auf irgendetwas anderes
als seine Eltern zu konzentrieren, weil
es befürchten muss, sie dadurch wieder zu
verlieren. Trotz einfühlsamer Eingewöhnung
kann es sein, dass das Baby bei Weggang
oder Rückkehr seiner Eltern immer wieder
weint, gekränkt, gleichgültig oder auch
wütend erscheint. Auf dieses Verhalten muss
ebenfalls mitfühlend und verständnisvoll
reagiert werden, damit das Kind spürt, dass
den Eltern sein Wohl am Herzen liegt und
seine Gefühle ihnen nicht gleichgültig sind.
Denn das Kind drückt mit seinem Verhalten
aus, wie es sich fühlt - keinesfalls versucht
es in diesem Alter, seine Eltern damit zu
manipulieren!
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Das Wichtigste ganz
kurz
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Bindung
ist die besondere, enge, gefühlsgetragene
Beziehung zwischen Eltern und Kind, die
nach einem halben Jahr des alltäglichen
Umgangs und des Austauschs miteinander gefestigt
ist. Jedes Kind baut eine solche Bindung
zu seinen Eltern auf, denn sein Bedürfnis
nach Zuwendung und Sicherheit ist ebenso
grundlegend wie jenes nach Nahrung.
Bereits
Babys können sich an mehr als eine Person
binden.
Je
nach Verhalten der Eltern im Austausch und
bei der Versorgung des Babys kann die Bindung
des Babys an seine Eltern sicher oder unsicher
sein. Bei zuverlässiger, liebevoller und
einfühlsamer Betreuung entsteht eher eine
sichere Bindung als unter einem Mangel an
Zärtlichkeit, Fürsorge und wenig oder unbeständig
einfühlsamer Behandlung des Babys. Mit spätestens
einem Jahr unterscheiden sich sicher und
unsicher gebundene Babys deutlich im Verhalten
voneinander.
Die
Sicherheit der Bindung hat Auswirkungen
auf die Gesamtentwicklung und die Persönlichkeit
des Babys. Die Entwicklung von sicher gebundenen
Kindern verläuft positiver und problemloser.
Sie haben ein höheres Selbstwertgefühl und
sind vor Verhaltensproblemen und seelischen
Erkrankungen besser geschützt. Ihr allgemeines
Beziehungsverhalten ist offener und vertrauensvoller.
Je
feinfühliger die Eltern mit ihrem Baby umgehen,
desto wahrscheinlicher ist der Aufbau einer
sicheren Bindung. Feinfühlige Eltern beobachten
ihr Baby aufmerksam, finden seine Bedürfnisse
anhand feinster Äußerungen des Babys heraus
und kommen ihnen auf passende Weise schnell
nach.
Ein
Baby kann nicht verwöhnt werden. Auf jedes
Bedürfnis des Babys soll eingegangen werden,
damit das Baby Verlässlichkeit erfährt und
ein grundlegendes Vertrauen in seine Welt
erwirbt.
Das
Baby selbst trägt mit Hilfe seiner angeborenen
Verhaltensausstattung aktiv viel zum Gelingen
der Beziehungsaufnahme zu seinen Eltern
bei. Es kann sich von Anfang an mitteilen,
sich am Austausch beteiligen und auf Antworten
seiner Eltern reagieren.
Die
Eltern sind ebenfalls bestens für den bindungswichtigen
Austausch mit ihrem Baby vorbereitet. Sie
verstehen Babys nichtsprachliche Äußerungen
intuitiv und antworten ihm so, dass es sie
auch verstehen kann. Diese elterliche Intuition
sollte ausgelebt und keinesfalls unterdrückt
werden, denn sie ist sehr wertvoll für die
Entwicklung des Babys und den Bindungsaufbau.
Durch
die gegenseitige Angepasstheit der Fähigkeiten
von Baby und Eltern entstehen im Zwiegespräch
und wechselseitigem Austausch „Engelskreise“:
die Eltern sind stolz und zufrieden, das
Baby ist glücklich und fühlt sich sicher
und verstanden. Die besten Voraussetzungen
zum Lernen sind geschaffen.
„Teufelskreise“
sind andauernd gestörte Abläufe des Austauschs
zwischen Eltern und Baby. Halten diese an
und werden die „Engelskreise“ immer weniger,
ist professionelle Unterstützung notwendig.
Das
Fremdeln, das etwa im 8. Lebensmonat des
Babys beginnt, ist ein Zeichen der sich
entwickelnden oder gefestigten Bindung zu
seinen Eltern. Es ist ein positives Zeichen
der Entwicklung und daher kein Grund zum
Ärgern oder zur Sorge. Das fremdelnde Baby
sollte getröstet und beruhigt werden. Fremdeln
ist eine Entwicklungserscheinung, die von
alleine vorübergeht.
Sobald
das Baby sich fortbewegen kann, muss es
sein persönliches Gleichgewicht finden zwischen
der Erkundung der Umwelt, die auch Gefahr
und Angst beinhaltet, und der Bindung, die
Sicherheit gibt. Das optimale Gleichgewicht
finden Babys, deren Eltern ihnen als „sicherer
Hafen“ während der Erkundung zur Verfügung
stehen, in dem es „auftanken“ und sich Zuwendung
und Trost holen kann.
Betreuung
durch andere Personen ist grundsätzlich
auch im ersten Jahr möglich, wenn das Baby
langsam an die Betreuerin gewöhnt wird und
eine Bindung zu ihr aufbauen kann, bevor
es mit ihr alleine gelassen wird. Bei der
Betreuerin soll es sich um die immer selbe
Person handeln, der auch die Eltern voll
vertrauen können.
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Literatur zum Nachlesen:
Bowlby, J. (1975):
Bindung : Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung.
- München.
Brazelton, T.B. &
Cramer, B. (1991): Die frühe Bindung : Die
erste Beziehung zwischen dem Baby und seinen
Eltern. - Stuttgart.
Dornes, M. (2001):
Der kompetente Säugling. - Frankfurt am
Main.
Gebauer, K. &
Hüther, G. (2004): Kinder brauchen Wurzeln
: Neue Perspektiven für eine gelingende
Entwicklung. - Düsseldorf.
Keller, H. & Lohaus,
A. (2000): Was Dein Kind Dir sagen will.
- Niedernhausen.
Papoušek, M. &
Papoušek, H. (1981): Intuitives elterliches
Verhalten im Zwiegespräch mit dem Neugeborenen.
In: Sozialpädiatrie in Praxis und Klinik
3 (5), S. 229-239.
Preuschoff, G. &
Cremer, A. (2001): Vom Lieben und Loslassen
: die Mutter-Kind-Bindung in den ersten
drei Lebensjahren. - Düsseldorf.
Rauh, H. (1998): Frühe
Kindheit. In: Oerter, R. & Montada,
L. (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. - Weinheim.
Schieche, M. (2001):
Störungen der Bindungs-Explorationsbalance
und Möglichkeiten der Intervention. In:
Suess, G. (Hrsg.): Bindungstheorie und Familiendynamik.
- Gießen.
Spangler, G. &
Zimmermann, P. (Hrsg.) (1999): Die Bindungstheorie
: Grundlagen, Forschung und Anwendung. -
Stuttgart.
Stern, D. (1979):
Mutter und Kind. Die erste Beziehung : Das
Kind und seine Entwicklung. - Stuttgart.
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