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»Die
Kraft, mit der ein Kind wird und wächst,
ist es auch, die ihm die Hand führt bei
seinem Kritzeln und Malen.« (
Lebéus:
Kinderbilder und was sie uns
sagen
)
Dieses
Zitat sagt uns, dass man keinem Kind das
Malen und Zeichnen beibringen muss, weil
die bildnerische Gestaltung ebenso einem
Entwicklungsprozess unterliegt wie andere
Entwicklugsbereiche des Kindes auch. So,
wie das Kind brabbelt und lallt, bevor es
die ersten Wörter sprechen kann, so, wie
es krabbelt, bevor es sicher auf zwei
Beinen läuft, so differenziert sich auch
die Bildsprache des Kindes nach eigenen
Gesetzmäßigkeiten. Jeder Entwicklungsabschnitt
wird dabei von jedem Kind auf individuelle
Weise durchlebt, wobei sowohl ein längeres
Verweilen in einer Phase als auch das Überspringen
von Phasen völlig normal sind. Zeit- und
Leistungsdruck führen zu keinerlei Verbesserungen,
sondern behindern im Gegenteil das Kind
bei der Entfaltung seiner Fähigkeiten.
Die folgende Zusammenfassung der verschiedenen
Entwicklungsphasen, die in einer Kinderzeichnung
sichtbar werden, enthalten zwar Altersangaben,
diese sind aber als ermittelte Durchschnittswerte
zu verstehen, an denen Kinder keinesfalls
gemessen werden sollten. Wer Kindern
Anweisungen oder Ratschläge gibt, was und
wie sie zu malen haben, erfährt nichts über
das Kind, denn die Bildersprache ist eine
Ausdrucksweise wie die Verbalsprache. Wie
man auch das Plappern und Brabbeln von Kleinkindern
nicht einschränken darf, um ihre Sprachentwicklung
nicht zu gefährden, sollte man auch das
Kritzeln und Malen des Kindes nicht unnötig
beeinflussen, wenn man nicht riskieren möchte,
dass seine Phantasie und seine Freude am
Malen womöglich für immer eingeschränkt
werden. Das experimentierende Malen ist
wichtig, damit das Kind seine ganz eigene
Bildersprache entwickeln kann und damit eine
ausdrucksstarke Kommunikationsform erwirbt.
Das Kritisieren und Verbessern des zeichnerischen
Ausdrucks von Kindern hingegen führt dazu,
dass die Kinder eine negative Einstellung
hinsichtlich ihrer Malfähigkeiten entwickeln
und somit bald keinen Spaß mehr am Malen
haben. Offenbar geschieht dies sowieso früh
genug bei den meisten Menschen, sei es durch
Einflüsse der sogenannten Kunsterziehung
in der Schule oder durch die psychischen
Veränderungen während der Pubertät. Vermutlich
sind aus diesem Grund die Kinderzeichnungen
für uns, die wir nicht mehr malen, derart
interessant:
„Wenn
Kinderzeichnungen Gegenstand unserer Neugierde
sind, dann deshalb, weil es keine Erwachsenenzeichnungen
gibt. Der Erwachsene zeichnet nicht, wenn
er kein Künstler ist.“ (Widlöcher:
Was eine Kinderzeichnung verrät)
Das
einzig richtige Verhalten gegenüber einem Kind in
der Malentwicklung ist also, ihm geeignete
Malwerkzeuge zur Verfügung zu stellen, zu
denen es immer freien Zugang hat. Kinder
malen gerne in Gesellschaft, also kann man
sich dazusetzen, auch etwas malen oder,
wenn das Kind möchte, sich unterhalten.
Nach Fertigstellung des Bildes ergibt sich
ein interessanter Gesprächsanlass, denn
die meisten Kinder sprechen gerne über ihre
Werke. Es sollte selbstverständlich sein,
dass jedes Bild ohne jegliche Kritik angenommen
und bestaunt wird! Bei diesem Vorgehen ist
sichergestellt, dass Kinder so lange wie
möglich Freude am Gestalten haben und ihre
Fähigkeiten sich voll entfalten können.

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Spurschmieren
| ca.
0;7 - 1;6 Jahre
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Als
früheste Art des bildnerischen
Ausdrucks von Kindern lässt
sich das sogenannte "Spurschmieren"
bezeichnen: lange bevor das
Kleinkind motorisch zum Halten
eines Stiftes in der Lage ist,
produziert es Spuren, die bereits
die Freude an der Bewegung erahnen
lassen, die einige Monate später
auch Antrieb für die ersten
Versuche mit Stiften und Papier
sein wird. Kleinkinder hantieren
in dieser Phase gerne mit allen
flüssigen und teigigen Materialien
(Wasser, Brei, Sand, Schnee,
aber auch Kot), was aber von
Seiten der Erwachsenen aufgrund
des hohen Schmutz- und Fleckenfaktors
meistens stark eingeschränkt
und mit wenig positiven
Reaktionen bedacht wird.
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Kritzeln
| ca.
1;0 - 3;0 Jahre
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An
das Schmieren schließt sich
eine für Erwachsene tolerierbarere
Form des Spurenhinterlassens
an: sobald das Kleinkind fähig
wird, einen Stift zu ergreifen,
produziert es auf verschiedenen
Flächen (wenn man viel Glück
hat, auch mal tatsächlich auf
einem dafür vorgesehenen Papier
;)) verschiedenartige Kritzel,
die aus den rhythmischen
und schwungvollen Arm- bzw.
Handbewegungen des Kindes entstehen.
Die Spur, die diese motorische
Tätigkeit hinterlässt, ist dabei
zunächst noch bedeutungslos
für das Kind; sie wird nicht
bemerkt und hat keinerlei regulierenden
Einfluss auf die Tätigkeit des
Kritzelns, das vom Kind noch
völlig unkontrolliert ausgeführt
wird. Daher sind Kritzelbilder
noch Zeichnungen ohne Inhalte.
Zunächst kann das Kind auch
weder vor noch nach dem Kritzeln
angeben, was sein Bild darstellen
soll, denn es malt ja nur aus
Freude an der rhythmischen Bewegung.
Irgendwann jedoch entdeckt
das Kind den Zusammenhang zwischen
seiner Aktivität und der entstehenden
Spur auf der Unterlage. Von
jetzt an ist die Sichtbarkeit
des Gekritzelten für das Kind
wichtig. Es hat erkannt, dass
es mit dem Stift etwas bewirken
kann, der Umwelt etwas von sich
"aufdrücken" und eine
"Ich-Spur" hinterlassen
kann. Da das Zeichnen
eng an die Motorik
gebunden ist, drücken sich im
Kritzeln die Rhythmen der motorischen
Entwicklung aus und in der folgenden
Zeit entstehen unterschiedliche
Kritzelereignisse
durch die Verlagerung der Zeichenbewegung
vom Schulter- in die Fingergelenke.
Die folgenden "Kritzelphasen"
stellen Durchschnittsalter dar,
in dem ein Kind sein Kritzelrepertoire
um charakteristische Formen
erweitert. Es kommen aber immer
mehrere dieser Gebilde gleichzeitig
vor und es existieren auch weitere
zufällige Formen wie lange Linien
oder Ecken:
Hiebkritzeln,
ab ca. 1;0 - 1;3 Jahre: Die
Arme werden mit dem Stift
in der Hand vom Schultergelenk
aus bewegt. Das Kind erkennt
den Zusammenhang zwischen
seiner Bewegung und den
geschaffenen Zeichen noch
nicht.
Schwingkritzeln,
ab ca. 1;3 - 1;8 Jahre: Das
Schwingkritzeln ist die
am längsten vorherrschende
Form des Kritzelns. Aus
dem Ellbogengelenk heraus
entstehen gleichgerichtete,
dichte Strichlagen in der
Mitte des Blattes.
Kreiskritzeln,
ab
ca. 1;9 - 1;11 Jahre: Das
Kritzeln erfolgt jetzt bereits
aus dem Handgelenk heraus,
so dass das Kind zu einer
differenzierteren, gelenkteren
Bewegung fähig ist. Es entstehen
kreis- und spiralförmige
Gebilde ("Urknäuel"
genannt).
Bezüglich
der Farbgebung
steht in der Kritzelphase eine
wahllose Verwendung aller gegebenen
Stifte und Farben im Vordergrund.
Malt das Kind mit Wasserfarben,
streicht es unbekümmert mehrere
Farbschichten übereinander und
stört sich nicht an dem entstehenden
unansehnlichen Braunton. Die
Verteilung
der Elemente auf der Zeichenfläche
verändert sich von einer massierten
Häufung über eine verstreute
Verteilung zu einer bewussten
Isolierung in Einzelformen,
sobald das Kind in der Lage
ist, den Stift willentlich abzuheben
und neu anzusetzen.
Von diesem Zeitpunkt an kann
das Kind auch wiederholbare
Zeichen und Überschneidungen
produzieren wie das "Urkreuz",
welches in der folgenden Zeit
auf vielen Bildern des Kindes
einen Niederschlag findet und
auch einen Übergang zu differenzierteren
Darstellungen herstellt (siehe
"Kopffüßler"). Auch
die Fähigkeit, ein kreisartiges
Gebilde zu einem geschlossenen
Kreis zusammenzuführen, weist
auf das Ende der Kritzelphase
hin (um das dritte Lebensjahr
herum).
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Kritzeln
mit nachträglicher
Bedeutungsgebung:
"Krokodil
mit Zunge, das einen
Fisch frisst und
meine Unterschrift". (Joyce,
3;7 Jahre)
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Die
letzte Etappe der Kritzelphase
wird eingeleitet, wenn das Kind
mit frühestens 2,5 Jahren beginnt,
seine Zeichnungen zu kommentieren.
Der Zeitpunkt der Benennung
des Gemalten verlagert sich
dabei zunehmend nach vorne;
zunächst gibt das Kind seinen
Zeichnungen
erst nachträglich eine Bedeutung
(weil die Erwachsenen ja immer
nachfragen ;)) und erzählt etwas
über sein Bild, dann äußert
es sich bereits während des
Zeichenvorgangs und schließlich
vor Beginn des Malens. Insgesamt
ist diese Bedeutungsgebung aber
noch ziemlich instabil - ein
und dasselbe Bild kann innerhalb
von kurzer Zeit verschiedene
Bezeichnungen und Beschreibungen
erhalten. Es besteht auch noch
eine sehr große Diskrepanz zwischen
der vom Kind verbal vermittelten
Bedeutung und dem Liniengefüge
auf dem Papier, das meistens
alles mögliche darstellen könnte.
Daran ist erkennbar, dass das
Malen gegen Ende der Kritzelphase
noch immer sehr stark bewegungsdeterminiert
ist und weniger eine darstellerische
Wiedergabe bezweckt. Sobald
aber die motorische Lust als
Motiv hinter die Darstellungsabsicht
zurücktritt, tritt das Kind
in die nächste Phase seiner Malentwicklung
ein, die durch die sogenannten
"Kopffüßler" charakterisiert
ist.
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Kopffüßler
| ca.ab
3/4 - 5 Jahre
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Tastkörper
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Der
Kopffüßler
gehört zu den ersten Mensch-
oder Lebewesendarstellungen
des kleinen Kindes. Er entsteht
nach und nach aus den sogenannten
Tastkörpern, bei denen viele
Fühler und Taster von einem
kreisartigen Gebilde in alle
Richtungen ausgehen. Von den
Erwachsenen werden diese Strahlengebilde
oft als "Sonne" betitelt.
In der Forschung zur Kinderzeichnung
wird hingegen nicht davon
ausgegangen, dass das Kind eine
Sonne zeichnen will, sondern
dass es unbewusst in der Gestalt
seinen eigenen Entwicklungsstand
ausdrückt, der in diesem Alter
durch eine deutliche Hinwendung
zur Außenwelt (weg vom egozentrischen
Selbst) gekennzeichnet ist.
Es meint also mit den Tastkörpern
mehr ein Tasten, Strahlen, Fühlen
und Aufnehmen als ein bestimmtes
Objekt aus seiner Umgebung.
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Kopffüßler
mit Gesichtsandeutung. (Melanie,
3;10 Jahre)
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In
der Zeit zwischen dem dritten
und vierten Lebensjahr reduziert
das Kind schließlich die Anzahl
der Fühler des Tastkörpers,
bis nur noch zwei bis vier übrig
bleiben: die erste Menschdarstellung
wird, häufig zusätzlich mit
Teilen des Gesichts versehen,
erschaffen. Diese Kopffüßler
zeichnen sich - wie ihr Name
schon sagt - also dadurch aus,
dass sich die Beine des Lebewesens
direkt an den Kopf anschließen,
während der Rumpf fehlt. Oft
werden zusätzlich Arme vom Kopf
ab gezeichnet. Für diese
interessante Abweichung von
der Menschenform, die ja fast
alle Kinder für gewisse Zeit
produzieren, werden verschiedene
mehr oder weniger plausible
Erklärungsansätze diskutiert:
Das Kind weiß nicht, dass
es einen Bauch gibt und vergisst,
ihn einzuzeichnen, weil er ihm
nicht bedeutsam ist. Diese
Möglichkeit erscheint eher
unwahrscheinlich, weil gerade
der Bauch dem Kind von Geburt
an unangenehme Signale vermittelt
wie Hunger oder Bauchweh. Zudem
wurde in Studien herausgefunden,
dass bereits Kinder, die noch
keine Kopffüßler zeichnen (also
noch jünger sind), auf Nachfrage
den Bauch als Bestandteil des
menschlichen Körpers nennen
können.
Der
Bauch der Figur liegt zwischen
den Beinen, ohne dass seine
untere Grenze markiert wird. Für
diese Annahme spricht, dass
die meisten Kinder, die in Studien
aufgefordert wurden, einem Kopffüßler
einen Nabel hinzuzufügen, diesen
in den Leerraum zwischen den
Beinen platzierten. Einige wenige
Kinder setzten den Nabel auch
in den Kopfkreis der Figur,
was bedeuten würde, dass sie
den gesamten Körper abgesehen
von den Extremitäten einfach
als ein "Ganzes" zeichnen.
Eine
weitere Hypothese geht davon
aus, dass sich der Kopffüßler
deshalb so lange in den Zeichnungen
der Kinder halte, weil er wahrnehmungsmäßig
plausibel erscheint: obwohl
jeder Erwachsene weiß, dass
der Mensch objektiv falsch gezeichnet
wurde, kann er doch sofort erkennen,
dass es sich überhaupt um einen
Menschen handelt. Für das Kind
selber mag die Plausibilität
zusätzlich daher rühren, dass
es Erwachsene, die sich zu ihm
herunterbeugen, genau wie einen
Kopffüßler wahrnimmt: ein großer
Kopf mit an der Seite baumelnden
Armen auf zwei Beinen. Da das
Kind jedoch nicht nur Erwachsene
um sich hat, erscheint diese
Ansicht ebenfalls etwas fragwürdig.
Es
ist auch denkbar, dass der Rumpf
einfach aus sozusagen ökonomischen
Gründen fehlt: das ungeübte
Kind fängt seine Zeichnung mit
einem viel zu großen Kopfkreis
an, was dazu führt, dass für
den Rumpf, der ja proportional
noch viel größer sein müsste,
nicht mehr auf das Papier passt.
Ungeklärt bliebe dabei allerdings,
warum das Kind es nicht innerhalb
der nächsten Versuche besser
hinbekommt oder einfach sofort
mit besserem Wissen ein neues
Blatt anfängt?!
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Bauchnabel-Test Am besten, man probiert selber
mal, von einem Kopffüßler-zeichnenden
Kind Hinweise über die Lage
des Bauches zu bekommen, indem
man es Bauchnabel oder Knöpfe
einzeichnen lässt! Bitte lasst
mich in diesem Fall an den Ergebnissen
des kleinen Experiments teilhaben
und schickt
mir eine Mail mit dem Ergebnis!
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Danke an Susanne für den ersten
Bauchnabeltest, durchgeführt
mit Leonie, 2;1 Jahre. Der Bauchnabel
wurde von ihr nach einigem Überlegen im
"Gesicht" lokalisiert.
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Jannis,
2;11 Jahre, malt
seit 2 Monaten Kopffüßler
und siedelt den
Nabel - auf Bitten
seiner Mutter mit
orange - im Kopffkreis,
aber auch zwischen
den hineinragenden
Beinen, an. Danke
an Alexandra!
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Hier
hat Jakob, 3;2 Jahre,
einen Osterhasen
gemalt und auf Nachfrage
den Bauchnabel im
unteren "Gesichts"bereich
eingezeichnet. Es
scheint, das für
Jakob die gesamte
Form für Kopf und
Körper steht (letzte
Erklärung von oben).
Danke an Simone!
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Exakt
ein Jahr nach der
obigen Kopffüßler-Menschdarstellung
malt dasselbe Kind
einen Menschen mit
Bauch. (Melanie,
4;10 Jahre)
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Neben
der Menschdarstellung werden
die Elemente des Kopfkreises
und der Taster oder Strahlen
auch zur Darstellung von Tieren
genutzt. Deshalb wird in diesem
Zusammenhang auch von einem
"ersten Lebewesenschema"
gesprochen. Am Ende der Kopffüßler-Phase
wird allerdings eine Umstrukturierung
der Schemata notwendig, um die
Mitteilungsinhalte der Zeichnungen
- die ja für das Kind eine wachsende Rolle
zu spielen beginnen - variieren
zu können; das Kind fängt an,
neben Kreisen und Strichen andere
Formen wie etwa Quadrate zu produzieren und für
seine Darstellungsabsicht zu
nutzen. Es bilden sich aus den
beherrschten Grundformen neben
Lebewesen auch Häuser mit Fenstern,
Autos und Bäume. Das Kind tritt zeichnerisch
in die Vorschemaphase ein. Der
Kopffüßler verschwindet zugunsten
einer realistischeren Menschdarstellung.
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Vorschemaphase
und Werkreife
| ca. ab
4 Jahre
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Gegen
Ende des vierten Lebensjahres
lernt das Kind, die Figuren
auf seinem Bild zu organisieren.
Man spricht in dieser Phase
von der "Geburt des Bildes",
weil die Kinderzeichnung nun
zunehmend wie eine bestimmte
Szene aufgebaut ist und etwas
erzählen kann. Auf dem Weg zur
Werkreife weist die Zeichnung
eines Kindes besondere Merkmale
auf:
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Deutliche Himmels- und Graslinien,
sowie Binnendifferenzierungen
an vielen Objekten. ( Melanie,
ca. 6 Jahre)
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Die
einzelnen Elemente werden an
den Koordinaten
oben und unten sowie rechts
und links des Blattes ausgerichtet,
es entsteht das sogenannte Streifen-
oder Linienbild, indem das Kind,
meistens zu Beginn seines
Kunstwerks, die typischen Himmels-
und Grundlinien einzeichnet.
Manchmal werden auch mehrere
Standlinien benutzt, um einen
Sachverhalt darzustellen (Mehrstreifenbild).
Eine
Binnendifferenzierung
der einzelnen Elemente findet
statt, d.h. in den gezeichneten
Objekten sind immer mehr Details
enthalten, die eine wirkliche
Ähnlichkeitsbeziehung zwischen
realem und gezeichnetem Objekt
sicherstellen. Hierzu gehören
z.B. die Ausdifferenzierung
des menschlichen Gesichts durch
Wimpern, Augenbrauen und Haare,
das Hinzufügen von Schornsteinen
zu Häusern oder von Früchten
und Ästen zu Bäumen.
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Ein
Bild, das zur
Vorschema-Phase
gerechnet werden
könnte. (Lara,
4;10 Jahre)
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Das
Kind weitet sein Repertoire
an dargestellten Objekten aus.
Am Ende dieser Phase kann es
neben Menschen auch Kleider,
Häuser, Bäume, Wege, Wolken,
Autos, Fahrräder, Schiffe, Flugzeuge
und viele Tiere (v.a. Vögel,
Hunde, Katzen, Pferde, Fische)
in seine Bilder einbauen.
Die
Bilder des Kindes erhalten eine
nachweisbare Handlungs- und
Erzählstruktur. Dies bedeutet,
dass das Kind die dargestellten
Objekte in Beziehung zueinander
setzt - das Bild stellt eine
ganze kleine Szene dar!
Auch
die Farbgebung
erhält im Laufe des vierten
Lebensjahres eine immer größere
Bedeutung für die Inhalte der
Zeichnung, denn Farben werden
emotional wahrgenommen und vermitteln
Stimmungen. Sobald das Kind
diese Entdeckung gemacht hat,
nutzt es Farbe gezielt für Gefühlsdarstellungen
oder Bewertungen.
Nach
dem 5. Lebensjahr spricht man
von der "Werkreife"
der Kinderzeichnung: die Entwicklung
von Motiven und die Bildorganisation
sind zu einem vorläufigen Abschluss
gekommen, das Kind hat die grundlegenden
graphischen Merkmale von Personen
und Gegenständen erarbeitet.
Danach wird das Bild zwar noch
detailreicher und weist mehr
Verknüpfungen auf, aber es treten
keine prinzipiell neuen zeichnerischen
Ereignisse mehr ein. Trotzdem
macht die Kinderzeichnung auf
dem Weg zur nächsten Entwicklungsphase
noch einige Veränderungen durch:
Um
den Schuleintritt des Kindes
herum gewinnt die Kinderzeichnung
an Unverwechselbarkeit. Jedes
Kind bildet jetzt seine ganz
spezifischen, auf seinem individuellen
Erfahrungsschatz beruhenden
Formvarianten und Bildkonzepte.
In den vorhergehenden Phasen
fand noch keine dahingehende
intellektuelle Überarbeitung
von Erfahrungen statt, die nun
beginnen, die Darstellungsweise
des Kindes zu beeinflussen.
Die Kinderzeichnung gewinnt
jetzt auch an Ausdruck und Mitteilungsgehalten,
weil das Kind die Motive und
die Organisationsstruktur seines
Bildes je nach emotionaler oder
motivationaler Aussage anpasst.
Auch das Kind selber wird
sich der Kommunikationskraft
einer Zeichnungen stärker bewusst
und registriert die Verstehensabsicht
und -Bereitschaft des Betrachters.
Es versucht daher, die Inhalte
seiner Zeichnung so zu verändern,
dass (oder bis) sie von seinem
Gegenüber verstanden werden.
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Schemaphase
I
| ca. ab
5
- 8 Jahre
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Merkmale
dieser Phase der Kinderzeichnung
in der mittleren Kindheit sind
unter anderem:
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Röcke
als Röntgendarstellung;
dennoch vermutlich
kein "echtes"
Röntgenbild (Klick
auf Bild für weitere
Erklärung). (Melanie,
5;6 Jahre)
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Als
besonderes Stilmerkmal der Kinderzeichnung
tritt jetzt das "Röntgenbild"
auf: das Kind stellt optisch
erkennbare und aktuell
nicht sichtbare Bildebenen gleichzeitig
dar, indem es Objekte transparent
erscheinen lässt. Z.B. werden
die Umrisse eines Hauses gezeichnet,
während gleichzeitig Vorgänge
im Haus eingezeichnet werden.
Die Wand des Hauses ist also
transparent. So gewährt das
Kind Einblick in das Innenleben
von Koffern, Häusern, Körpern
usw..
Die
Größe und Anordnung von Motiven
im Bild folgt oft nicht der
äußeren, sondern der inneren
Realität des Kindes: so werden
jene Anteile der Zeichnung,
die dem Kind besonders bedeutsam
erscheinen (bewusst oder unbewusst)
auffallend groß, detailreich
oder mittig angeordnet gezeichnet.
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Schemaphase
II
| ca. ab
8
- 12 Jahre
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In
der späten Kindheit verändert
sich das zeichnerische Verhalten
des Kindes nocheinmal. Nach
dieser Phase hören leider viele
Kinder für immer auf, freiwillig
zu malen, so dass die allgemeine
Entwicklung der Kinderzeichnung
hier als abgeschlossen betrachtet
werden muss. Tendenzen und Merkmale
dieser letzten Phase sind:
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Verschiedene Häuserdarstellungen. (Melanie,
4;3 - 7 Jahre)
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Die
Bilder der Kinder werden detailreicher,
so dass die Ähnlichkeit zwischen
dem gezeichneten und dem realen
Objekt noch einmal beträchtlich
zunimmt. So werden z.B. Menschen,
Tiere und Häuser um viele
individuelle Einzelheiten ergänzt,
so dass nicht mehr jedes Haus,
das das Kind malt, gleich aussieht,
sondern vielmehr die reale Unterschiedlichkeit
von Häusern (Menschen, Tieren...)
zu berücksichtigen vermag.
Zunehmend
beachtet das Kind die Größenrelationen
in seinem Bild. Weiter vom Betrachter
entfernt liegende Objekte
werden entsprechend kleiner
im oberen Berich des Bildes
dargestellt. Das sogenannte
"Steilbild" oder "Horizontbild"
entsteht. Außerdem versucht
das Kind ab etwa 10 Jahren,
die dritte Dimension in seine
Darstellungen einzubeziehen.
Tische z.B. erhalten eine von
der Seite sichtbare Tiefendimension,
indem die Tischoberfläche perspektivisch
eingezeichnet wird.
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Ein
recht typisches
Steil- oder Horizontbild. (Melanie,
ca. 9 Jahre)
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Objekte
mit dritter Dimension
(Tische, Schrankfächer) (Melanie,
11 Jahre)
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Ausschnitt
einer sogenannten
"hochformalen"
Zeichnung (Grundriss), die allerdings
nach der Schemaphase
II, im Jugendalter,
entstanden ist. (Melanie,
ca.14 Jahre)
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Gegen
Ende der zweiten Schemaphase
treten hochformale Zeichnungen
auf, z.B. Grundrisse von
Gebäuden oder Querschnitte
von Schiffen.
Des
weiteren neigen manche Kinder
in ihren Zeichnungen nun zu
Karikierungen, Übertreibungen
und Ironisierungen, die mit
einer Vergröberung des Einzelobjekts
einher gehen. Möglicherweise
steht hinter dieser Darstellungsform
die Angst vor unzulänglicher
realistischer Wiedergabe, letztlich
also eine Unsicherheit bezüglich
der eigenen künstlerischen Fähigkeiten.
Dies kann sogar so weit gehen,
dass Kinder in ihre Bilder lieber
Sprachelemente einfügen, anstatt
das gemeinte Objekt zu zeichnen.
Hiermit deutet sich bereits
das Ende des "Malalters"
an.
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Zur Verdeutlichung
der verschiedenen Entwicklungsphasen der
Kinderzeichnung werden in der Galerie Werke von Kindern gesammelt.
Ich
würde mich sehr freuen, wenn Ihr, die Ihr
diese Seite gelesen habt, auch ein Malbild
von einem Kind oder aus Eurer eigenen Kindheit
beitragen würdet! Falls Ihr also eine Kinderzeichnung
hier veröffentlichen wollt, schickt
sie mir bitte
als JPG- oder PNG-Datei. Schön wäre es, wenn Ihr das
Alter des kleinen Künstlers angeben könntet
und hinzufügen würdet, ob der Name des Kindes
bzw. Euer Name als Urheber des Bildes angezeigt
werden soll. Auch mögliche Kommentare des
Kindes zu seinem Werk sind willkommen!
Die
neuesten Bilder befinden sich immer auf
der letzten Galerieseite!
Vielen
Dank an alle, die sich an der Galerie beteiligen
und mir Bilder zum Einstellen schicken!
Eine
der kleinen Künstlerinnen hat nun auch ihre
eigene Kinderzeichnungenhomepage: Aniela!
Literatur:
Lebéus, A.: Kinderbilder und was
sie uns sagen. Weinheim 2001. Richter, H.-G.: Die Kinderzeichnung.
Berlin 1995.
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