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Stilisierte FederKnetfeder Magazin

Laut einer Meldung aus den USA hat der Webbrowser Chrome aus dem Hause Google den bisherigen Liebling Firefox des Herstellers Mozilla in der Nutzerstatistik überholt. Firefox wäre nun nur noch auf Platz 3, hinter Chrome und Internet Explorer. Kann das stimmen? Könnte Chrome gar die beiden ewigen Konkurrenten Mozilla und Internet Explorer von Ihren Führungspositionen verdrängen, nach dem Motto „wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“?

Die Erkenntnis der US-Marktforschungsfirma Statcounter erregte in den letzten Tagen Aufmerksamkeit, derzufolge Google Chrome Mozilla Firefox in Sachen Nutzerzahlen überholt habe. Laut Statcounter kommen Chrome und Firefox dabei etwa auf je ein Viertel des Marktanteiles, der Internet Explorer führt mit ca. 40%. Die Nachrichten hierzulande übernahmen diese Meldung gerne, ließen dabei jedoch gerne unter den Tisch fallen, dass aus Browserstatistiken gewonnene Schlussfolgerungen meist etwas problematisch sind. Browserkennungen lassen sich manipulieren, abstellen oder unterdrücken, und die Browsernutzung variiert oft stark je nach spezifischem Webangebot. So nimmt in den Statistiken des Heise-Verlags z.B. der Opera-Browser regelmäßig einen besseren Platz ein als in Erhebungen anderer Seiten.

Statcounter nutzt für seine Statistiken nach eigenen Angaben über 3 Millionen Seiten, auch international, mit Milliarden von Zugriffen, was angesichts der Gesamtzahl von Webauftritten selbst in dieser Größenordnung nur einen Ausschnitt des gesamten Internets darstellt, aber nichtsdestotrotz als eine groß dimensionierte Datenbasis für eine statistische Stichprobe gelten darf – Repräsentativität kann daher kaum bezweifelt werden. Obwohl die schiere Größe natürlich noch nichts über die Qualität der Stichprobe aussagt, kann sie aber unterstellt werden. Unter den Tisch fallen bei einem globalen Ergebnis jedoch etwa regionale Besonderheiten. Bekannt ist z.B., dass Firefox vor allem in Europa einen hohen Stellenwert genießt und andere Browser in anderen Erdteilen jeweils auf mehr oder weniger Fans kommen.

Um der Sache auf die Spur zu kommen, ziehen wir an dieser Stelle unsere eigene Statistik heran. Die auf Knetfeder.de liegenden Webseiten wurden im vergangenen Monat November hauptsächlich mit den folgenden Browsern besucht:

Vor einem halben Jahr, im Mai, sah das noch ganz anders aus:

Die genauen Zahlen: [November 2011]: Firefox 42,18%, IE 24,9%, Chrome 7,03%, Safari 4,56%, Opera 4,06%; [Mai 2011]: Firefox 43,14%, IE 33,62%, Opera 4,77%, Chrome 3,26%, Safari 3,05%

Chrome gewinnt hier offensichtlich zulasten des Internet Explorers, nicht zulasten des Firefox. Firefox ist recht stabil, konnte sogar noch zulegen, von 42 % im Mai auf 43 % im November. Der IE hingegen ist nach einem halben Jahr nur noch zu 24,9 % vertreten statt zu 33,62 im Mai. Signifikant zugelegt hat dafür tatsächlich Google Chrome: von 4,77 auf 7,03 Prozent. Im Vergleich zum Internet Explorer oder gar dem Firefox bleibt Chrome aber noch eine geringe Größe.

Im Gegensatz zu den globalen Statistiken spiegeln diese Werte jedoch eher die angenommene Situation auf dem deutschen und europäischen Markt wider – mit Firefox als Marktführer und Microsoft auf dem 2. Platz. Chrome hingegen spielt damit zumindest auf diesen Seiten eher noch in einer Liga mit Opera und Safari, schickt sich jedoch tatsächlich an, einen größeren Marktanteil zu erobern, da es derzeit, ein halbes Jahr später, bereits etwa den gleichen Anteil wie Safari und Opera zusammen hat.

Könnte die Statcounter-Statistik also tatsächlich eine zutreffende Prognose auch für die regionale Verbreitung in der Zukunft darstellen? Sind die Amerikaner bzw. der Rest der Welt nur mal wieder schneller als die eher trägen Europäer, die ohnehin zu den glühendsten Firefox-Fans zählen? Global betrachtet erscheint es durchaus realistisch, dass Chrome langsam aber sicher der Konkurrenz das Wasser abgräbt. Dafür dürften vor allem zwei Faktoren ursächlich sein: Marketing und das Produkt an sich.

Das Marketing

Firefox schaffte es einst mit viralem Marketing, mit seiner Nutzerbasis, über Mund-zu-Mund-Propaganda und vor allem „freiwillige Werbung“, bekannt und populär zu werden. Vom Internet Explorer 6 geplagte Webdesigner trommelten kräftig für den neuen „Alternativbrowser“, Open-Source-Fans und sicherheitsbewusste Anwender installierten ihn auf ihrem und den Rechnern von Freunden und Bekannten – und überall im Netz pappten auf einmal „Get-Firefox-Buttons“. Der Browser hatte mit seiner Konzeption und vor allem dem neuartigen Feature der einfachen und umfassenden Erweiterbarkeit auch die breite Masse überzeugt. Einige Enthusiasten sammelten sogar in Eigenregie Geld, um eine Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen für den Firefox schalten zu können. Firefox wurde zum Selbstläufer.

Chrome-Anzeige bei Google-Suche nach Browser
Google schaltet auch im Rahmen seines eigenen Werbenetzwerkes Anzeigen für den hauseigenen Browser

Google hingegen versuchte es mit klassischem Marketing und seiner Marktmacht. Während bei Firefox das Marketing viral und quasi ausschließlich im Netz stattfand (sieht man einmal vom Tragen von Firefox-T-Shirts ab), verließ Google das Internet und schaltete Anzeigen in Print und Fernsehen, nutzte sogar das Stadtmarketing, so dass man beispielsweise Chrome-Plakate an Bushaltestellen finden konnte. Doch entscheidender dürfte natürlich die Ansprache im Internet sein: Google blendete auf zahlreichen eigenen Angeboten dezente Aufforderungen zum Ausprobieren von Chrome ein. Dadurch wurde ohne großen Aufwand schlagartig eine riesige potentielle Nutzerschaft erreicht, wenn man bedenkt, wie viele Menschen regelmäßig Google Mail, Youtube oder eben die Google-Suchmaschine nutzen. Wenn Google eines beherrscht, dann ist es Werbung.

Das Produkt

Auf der anderen Seite ist Chrome tatsächlich ein gutes Produkt: Reduktion aufs Wesentliche, übersichtlich, aber erweiterbar und leicht zu bedienen mit vielen nützlichen Ideen und Funktionen. Die Trennung von Tabs in einzelne Prozesse, so dass bei einem Problem mit einer Webseite nicht der gesamte Browser, sondern nur der betreffende Tab abstürzte, waren eine Sensation und sind noch immer ein Alleinstellungsmerkmal. Dass Chrome unter den Browsern inzwischen die Richtung vorgibt, konnte man spätestens erkennen, als ausgerechnet Firefox vor 1-2 Jahren damit begann, Funktionen und Aussehen des Google-Browsers zu kopieren. Orientierte sich Firefox bislang am Internet Explorer und an Opera, waren auf einmal vor allem Anleihen an Chrome zu bemerken.

Chromium-Browserfenster
Der Google-Browser

Die Technik hinter Chrome, Webkit, tritt überdies bereits seit einigen Jahren einen schleichenden Siegeszug an und stellt keine absolut neuartige Entwicklung dar. Die ursprünglich aus dem vor allem unter Linux eingesetzten Browser „Konqueror“ stammende Technik wurde zunächst von der Firma Apple weiterentwickelt, als diese eine Grundlage für ihren neuen Mac-Browser Safari benötigte. Später wurde Webkit von vielen weiteren Browsern verwendet, dann schließlich auch von Google als Basis für den Chrome-Browser (und sein quelloffenes Schwesterprodukt „Chromium“) gewählt. Heute werkelt Webkit also nicht nur in Chrome – und ist ausgereift.

Aufstieg und Fall

Vor allem in Deutschland und Europa scheint Firefox nach wie vor den Ton anzugeben. Doch von der Euphorie aus den Anfangstagen, in denen Firefox als Erlöser des Internets und vor allem der gequälten Webdesigner wahrgenommen wurde, der das Tab-Browsing populär machte, ist nicht mehr viel übrig. Tabs haben inzwischen alle Browser, Innovation findet vor allem bei Opera und Chrome statt. Firefox hat viel gute Konkurrenz bekommen und auch der Internet Explorer ist mittlerweile längst wieder auf dem Stand der Technik. Dass heute noch einmal Privatleute sich dazu durchringen könnten, auf eigene Faust Geld für eine Anzeige zu sammeln, erschiene absurd.

Pikant ist an der ganzen Geschichte nebenbei, dass Google als der Hauptfinanzier von Mozilla gilt – würde Google die Verträge mit Mozilla beenden, stünde Mozilla von einem Tag auf den anderen ohne eine Hauptfinanzierungsquelle da. Vielleicht werden in Zukunft daher doch wieder Privatleute für „ihren“ Browser Geld sammeln müssen.

Chrome spielt hierzulande vor allem bei technikaffinen Nutzern eine Rolle, doch auch beim „großen Rest“ regte sich in jüngster Zeit z.B. Unmut über die Trägheit und Umständlichkeit von Firefox. Hiervon könnte Chrome profitiert haben. Google hat es mit cleverem Marketing und einem mutigen Produkt geschafft, dass Chrome inzwischen als der modernere und innovativere Browser wahrgenommen wird, der einst überaus moderne Firefox wirkt dagegen träge und altbacken. Daran konnte bislang auch das neue Veröffentlichungsmodell nichts ändern, das sich Firefox ebenfalls von Chrome abgeschaut hat.

Der Nutzer interessiert sich jedoch normalerweise nicht für die Hintergründe, sondern greift zum angesagteren oder besser beworbenen Produkt. Da Google mit Chrome zudem auch noch ein qualitativ gutes Produkt abliefert, erscheint die Prognose eines weiteren Zugewinns an Marktmacht im Browserbereich durchaus nicht unrealistisch. Für einen Abgesang auf den Firefox-Browser ist es noch zu früh, aber künftiger primärer Gegenspieler des Riesen Microsoft im „Browserkrieg“ könnte tatsächlich der Goliath Google sein, nicht mehr der David Mozilla.

Artikelende

Siehe auch:

Browserrevue 2011: Wie Firefox das Vertrauen der Nutzer verspielt

Browserrevue 2011: Firefox 4 – Willkommen im Chaos

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Kommentar:

  1. Dicker1

    WoW ^-^ Ich glaub eh das Firefox die nächsten jahre absteigen wird. Grund 1 die häufigen Major updates, firefox 4,5,6,7,8 usw sie hätten echt nur Firefox nennen sollen und die nummmer vllt ganz weg lassen. Viele regen sich darüber auf und wechseln zu chrome :D oh man ich fand die browserkriege immer lustig…Ich mach es jedenfalls wie immer zurück lehnen Popkorn holen und euch alle beim gegenseitigen zerfleischen zugucken :D

    PS: Echt super Geschrieben :)!

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