15. Sep 2019   EUR 0,00
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Stilisierte FederKnetfeder Magazin

Zwei überregionale Tageszeitungen ändern je nach Medium Teilbereiche ihres Angebotes und ein Fachmagazin scheitert zunächst am Fach. Alte Medien auf Papier und neue Medien im Netz treffen sich – gestalterisch irgendwo in der Mitte. Doch ganz ohne Verluste gelingt dieser Spagat nicht.

Am Kiosk hat sich zuletzt die Frankfurter Rundschau (FR) ein neues Erscheinungsbild gegönnt. Aufgegeben wurde das klassische, nordische Format, das stellvertretend steht für distinguierte, seriöse Blätter – und unbeschreiblich unhandlich ist. Um eine Zeitung des nordischen Formates zu lesen, braucht man einen ebenen, leergeräumten Boden oder eine kurzgemähte Sommerwiese, auf der man sie ausbreiten kann. In der hektischen, mobilen Welt von heute bringt eine Zeitung dieses Formates fast nur Probleme mit sich: In Bahnen und Flugzeugen braucht links und rechts von sich zwei weitere Sitze, um eine Zeitungsseite vollständig entfalten zu können; auf offener Straße, im Café oder auf der Parkbank bietet sie alternativ eine optimale Angriffsfläche für Windstöße aller Art.

Online-Titelseite des TagesspiegelsDoch nicht nur die schiere Größe schafft Nachteile, auch die Faltung hat es in sich: durch den klassischen Knick in der Mitte lässt sich das nordische Format nicht einfach umblättern, ohne die Zeitung komplett aufgeschlagen zu haben.

Ein kleineres Format ist daher nicht nur handlicher, sondern bietet auch die Möglichkeit, eine Umblätterweise wie bei Zeitschriften zu ermöglichen: einfach von links nach rechts – ohne Seiten auseinanderfalten zu müssen; man spricht dann vom Tabloid-Format. Die Aufteilung in mehrere Teilbereiche, die sogenannten „Bücher“, entfällt dann zumeist, die FR behält sich jedoch trotz Tabloid bei: die einzelnen Ressorts kann man auf diese Weise trotzdem noch trennen. Für den Leser bedeutet dies kombinierten Komfort beim Blättern, allerdings insgesamt auch weniger Komfort bei der Übersichtlichkeit der Inhalte.

Das handlichere Tabloid-Format wirkt allerdings auf viele Leser – nicht zuletzt durch die genannten praktischen Aspekte – auch jünger, moderner und zeitgemäßer. Mit dem neuen Format dürfte es der Frankfurter Rundschau daher leichter fallen, jüngere Leserschichten anzusprechen.

Neben den optischen haben sich jedoch auch inhaltliche Änderungen ergeben, die man im Internetangebot (das sich optisch im Gegensatz zur gedruckten Ausgabe nicht verändert hat) bemerkt: die tägliche Rubrik „Aufgespießt“, die ähnlich dem „Hohlspiegel“ im Wochenmagazin Der Spiegel kuriose Pressetextformulierungen aufspürte, ist nicht mehr zu finden.

Titelseite FR

Die tatsächliche Modernisierung findet unterdessen auch hier statt: im Internet. Nicht bei der FR, aber beim Tagesspiegel, der genau umgekehrt seine papierne, großformatige Ausgabe unangetastet gelassen hat, dafür aber seinen bisher eher unscheinbaren Webauftritt völlig umgekrempelt hat: Statt dem virtuellen Abbild der Artikelzusammenstellung der Tageszeitung wartet das neue Angebot optisch fast wie eine echte Zeitung aus Papier auf. Wie bei einer gedruckten Ausgabe auch finden sich zahlreiche kleinere Spalten, Nachrichtenübersichten.

Online-Titelseite der NY TimesAbgeschaut ist der Darstellungsstil sichtbar bei der New York Times, die ihren Lesern schon seit langem mehr bietet als wenige starre Spalten: Anreißer von Artikeln im oberen Drittel der Seite, eine Ressortauswahl im Mittelteil und die Auflistung der Überschriften des Gesamtinhaltes im unteren Drittel.

Der Tagesspiegel versucht es mit seinem neuen Erscheinungsbild quasi spiegelverkehrt zur FR: diese versucht, die Modernität des Netztes im Printprodukt zu manifestieren, der Tagesspiegel hingegen, das gedruckte Papier äquivalent ins Web zu transferieren. Und das sogar ganz ohne Zuhilfenahme von PDFs („E-Papern“) oder proprietären Formaten.

Graphisch ähnelt das Ergebnis dann auch tatsächlich sehr einer echten, gedruckten Zeitung, auch die Tagesspiegel-Internetvariante erscheint ansprechend und lädt zum Lesen ein, wirkt stellenweise jedoch auch arg überfrachtet und unruhig – da auch noch diverse Zusatzdienste, Funktionen und natürlich die Werbeflächen hinzukommen. rmaten.

Ob diese geballte Komprimierung von Informationen auf einer (Titel-)Seite dann aber auch übersichtlicher ist als die internettypische, hintereinanderweg erfolgende reine Auflistung von Inhalten und Überschriften, sei dahingestellt. Die Übersichtlichkeit einer aufgefalteten, großformatigen Zeitungsseite wird man im Internet jedenfalls vorläufig nicht hinbekommen – zumindest solange, wie die Bildschirmdurchschnittsgrößen nicht wieder einen kräftigen Schub gemacht haben. Bei den Beispielen Tagesspiegel und New York Times bekommt man etwa bei einem 19-Zoll-Monitor selbst bei maximaler Auflösung niemals die gesamte Startseite komplett auf den Monitor; es muss auf jeden Fall geblättert werden. Zudem handelt es sich bei den Webauftritten beider Zeitungen um starre Formate: das Layout passt sich den verwendeten Monitoren nicht an. Man kann einen noch so breiten Computerbildschirm einsetzen – Tagesspiegel und NY-Times bleiben in der Mitte bzw. am linken Rand kleben. Da sich gerade breite Bildschirme in letzterer Zeit gesteigerter Beliebtheit erfreuen, wird hier Platz verschenkt, indem gedanklich mit traditionellen (Papier-)Zeitungsformat gearbeitet wird – hochkant.

Das starre Layout scheitert dann auch recht schnell, sobald man versucht, die Schriftgröße zu verändern: Der Tagesspiegel, der es mit der Einführung von Spalten-Ansichten im Netz bislang unangefochten auf die Spitze treibt (teils bis zu 9 nebeneinander angeordnete Spalten), verwandelt sich rasch in einen unlesbaren Buchstabensalat, wenn er es mit kurzsichtigen Lesern zu tun bekommt.

Davon scheint der Tagesspiegel recht viele zu haben, geht man von den überwiegend enttäuschten Kommentaren aus, die das Berliner Blatt zu seinem Relaunch erhält.

Mit dem Problem Präsentation von Inhalten kämpfen jedoch nicht nur Tageszeitungen. Auch Zeitschriften haben mitunter Schwierigkeiten beim Darstellungsbild, insbesondere, wenn man sich deren Internetseiten nicht mit den verbreitetsten Programmen wie dem Internet Explorer oder Firefox ansieht. Dass jedoch ausgerechnet eine PC-Zeitschrift keine Rücksicht auf das technisch breitgefächerte Netz nimmt, hätte man vermutlich nicht erwartet. So schaffte es vergangene Woche die PC-Welt, ihren Netzauftritt zu reorganisieren, ließ jedoch Nutzer z.B. des Opera-Browsers im Regen stehen:

PC-Welt-Startseite

Wenn der Leser dann auch noch so direkt aufgefordert wird, seine Meinung kundzutun,

Aufforderung zum Kommentieren des neuen Layouts

dann muss man sich nicht wundern, wenn die Resonanz tendenziös ausfällt: Bescheiden.

Die Umsetzung der jüngsten Layoutprojekte von Tagesspiegel, FR (Print) und PC-Welt lassen erkennen, wohin der Trend geht: Optisch anspruchsvoller, stylisher und auf modern getrimmt. Selbst wenn man gleichzeitig wie beim Tagesspiegel versucht, traditionelle Optik miteinzuflechten, scheint es, als würde man sich krampfhaft einem imaginären (Online-)Publikum annähren wollen (die Kommentare beim Tagesspiegel heißen nun „Postings“ – so reden nichteinmal 16-jährige). Ob es der bessere Weg ist, Papier moderner zurechtzuschneiden oder Netzinhalte dem gewohnten Zeitungsbild nachzubilden und entsprechend zu dekorieren wird sich irgendwann zeigen. Der Grundsatz Funktion vor Design sollte jedoch Vorrang haben – zumindest, wenn es wenigstens ein bisschen auch auf die textlichen Inhalte ankommen soll.
Artikelende

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