20. Nov 2019   EUR 0,00
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Stilisierte FederKnetfeder Magazin

Der in Baku stattfindende ESC 2012 war in mehrfacher Hinsicht ein interessanter Grand Prix. Der Liederwettstreit fand am bisher östlichsten Punkt statt, es war der erste Grand Prix ohne Lena als Teilnehmerin, aber erneut mit per Zuschauerwahl im Hause Brainpool bestimmtem deutschen Sänger. Auch dass der Wettbewerb aufgrund der Zeitverschiebung mitten in tiefster Nacht ausgetragen wurde, um auch die westeuropäischen Zuschauer noch zur Primetime zu erreichen, war bisher einmalig. Doch in der Hauptsache war es die Kritik an der Regierung Aserbaidschans, die den ESC in einem anderen Licht erscheinen ließ.

Im Vorfeld der Veranstaltung richtete sich das öffentliche Interesse vor allem in Deutschland auf die politische Situation in Aserbaidschan. Mit diesen Bildern im Hinterkopf von verprügelten Journalisten, umgesiedelten Familien und verhafteten Demonstranten beschlich den Zuschauer im Kontrast zu hochglänzender Kulisse und aufpolierter Dauershowfröhlichkeit ein eigenartiges Gefühl. Ein ESC im Ausnahmezustand, bei dem das musikalische Geschehen in den Hintergrund trat.

Europaflagge mit Musiknoten statt SternenDer Eurovision Song Contest, in Deutschland immer noch besser bekannt als Grand Prix, fand also 2012 im aserbaidschanischen Baku statt – nicht, weil die geographische Lage besonders günstig wäre oder die Infrastruktur bereits vorhanden, nein, sondern schlicht und einfach aus dem Grund, weil der aserbaidschanische Beitrag zum Wettbewerb 2011 eben gewonnen hatte. Doch auf einmal meldete sich das politische Gewissen zu Wort: Darf der Grand Prix in einem Land stattfinden, dessen politische Führung anhaltend in der Kritik steht? In einem Land, in dem offensichtlich die Pressefreiheit nicht garantiert ist? In dem Oppositionelle inhaftiert werden und Demonstranten nicht demonstrieren dürfen? Unter diesen Umständen wurde der Grand Prix zum Politikum.

Eine „unpolitische“ Veranstaltung

Die Statuten des Grand Prix schreiben fest, dass der Gesangswettbewerb unpolitisch zu sein hat – politische Aussagen in Liedtexten etwa sind nicht erlaubt. Nicht einmal die Erwähnung von Firmen ist gestattet, wie Ralph Siegel und San Marino mit ihrem „Facebook-Song“ erfahren mussten, der deswegen umgetextet wurde – im ersten Halbfinale aber dennoch ausschied.

Das Gegenteil ist der Fall. Der ESC ist unbestreitbar eine durch und durch politische Veranstaltung. Das beginnt bei der Präsentation des Gastgeberlandes, führt über die streng nach Nationalitäten gegliederten Teilnehmer bis hin zu nationaler Symbolik. Beim ESC gewinnen nicht Sänger, sondern Länder. Dabei wird nicht unterschieden zwischen „bösen“ und „guten“ Ländern, nach demokratischen oder undemokratischen Staaten oder gar kriegsführenden oder nichtkriegsführenden Parteien. Es zählt allein die Mitgliedschaft in der Europäischen Rundfunkunion EBU. Eine Rundfunkanstalt eines Landes, die in diesem Verbund sitzt, qualifiziert ihr Land zur Teilnahme am ESC. Mit Politik hat das Ganze formal also nichts zu tun, faktisch dann freilich jede Menge. Wer erinnert sich noch an das Lied „I love Belarus“, den weißrussischen Beitrag für 2011, der irgendwie durch die Politikkontrolle gerutscht war – steckte dahinter etwa gar keine politische Botschaft? Das Reglement, das politische Inhalte verbietet, ist kein Indiz für die Politikfreiheit der Veranstaltung, sondern ein Ausdruck des Kompromisses zur größtmöglichen Begrenzung und Egalisierung der politischen Elemente innerhalb des Grand Prix.

Boykott oder kein Boykott

Der Austragungsort Aserbaidschan brachte viele Fans in ein moralisches Dilemma. Kann man feiern, „Party machen“, wenn der ESC in Baku stattfindet? Muss man die Veranstaltung also boykottieren, wenn der ESC in einem Land ausgetragen wird, das sich in den Punkten westliches Verständnis von Menschenrechten und Demokratie nicht gerade vorbildlich präsentiere? An dieser Frage schieden sich die Geister. Argumente gab es von den ESC-Fans vor allem dagegen. Es ginge lediglich um die Musik, nicht um das den Wettbewerb austragende Land, die Veranstaltungsorte seien austauschbar und spielten ohnehin kaum eine Rolle, die Teilnehmerländer stünden schließlich im Mittelpunkt. Darüber hinaus würde jedoch die Aufmerksamkeit für das Gastgeberland die dortige Regierung zu Reformen und Zugeständnissen geradezu zwingen. Und dürfe man überhaupt so kleinlich sein und ein sich nach Westen orientierendes, muslimisch geprägtes Land an der Grenze zum Iran derart kritisch beäugen? Es gäbe schließlich Schlimmeres. Diese Argumente klangen jedoch sehr nach Rechtfertigungsversuchen, um die diesjährige Grand-Prix-Party nicht ausfallen lassen zu müssen, ohne sich dabei mit politischen Fragen beschäftigen zu müssen. Dabei ist es naiv, anzunehmen, dass ein Halligalli-Musikwettbewerb – letztlich eine simple Show, wenn auch paneuropäisch – ein autoritär regiertes Land in irgendeiner Weise zu politischen Änderungen bewegen könnte. Das Gegenteil ist der Fall, im schlimmsten Fall wird ein Song Contest zur Propagandaveranstaltung, zur Präsentation natürlich nur der schönsten Seiten eines Landes.

Das doppelmoralische Dilemma

Ein Boykottaufruf wiederum offenbarte die Scheinheiligkeit der eigenen moralischen Prinzipien, die Doppelmoral hinter dem Grand Prix. Teilnehmen darf prinzipiell jedes als problematisch betrachtetes Land, doch es soll dann bitteschön nicht gewinnen, da es die Zuschauer und Berichterstatter in eben jenes moralische Dilemma stürzt. Solange ein Land nicht als Austragungsort fungiert, ist alles in Ordnung, aber sobald es tatsächlich gewinnt, soll es am besten auf den Sieg verzichten. Würde man es ernst meinen mit den moralischen Bedenken, dann müsste man den gesamten ESC von Anfang an boykottieren, sobald ein Land, bei dem man sich nicht vorstellen möchte, dass der Grand Prix in diesem stattfinden könnte, daran teilnimmt. Für die meisten Grand-Prix-Fans dürfte die Entscheidung daher gegen einen Boykott gefallen sein: Augen zu und durch, dürfte das Motto gelautet haben. Auch auf die Gefahr hin, als Nutznießer der Früchte zum winzigen Teil derjenigen Maschinerie geworden zu sein, die den ESC auf die Beine stellte und auch von ihm profitierte.

Der Zuschauer schließlich war das letzte Glied in der Kette, das hätte boykottieren können. Aber auch die höheren Instanzen taten nichts dergleichen. Die Rundfunkanstalten hätten absagen können, Peter Urban hätte sich verweigern können, die Künstler hätten die Veranstaltung boykottieren können – spätestens als feststand, dass die Gegenveranstaltung „Sing for Democracy“, eine Ausformung der aserbaidschanischen Menschenrechtsbewegung, keine Gelegenheit haben würde, in der Öffentlichkeit stattzufinden. Doch Wegsehen war keine Lösung, genauer hingesehen wurde jedoch auch nicht. Immerhin äußerte sich Peter Urban einmal während der Live-Übertragung kritischer zu den Verhaftungen von Demonstranten am Tage der Veranstaltung, doch nur sachte und auf verweisende Art. Anke Engelke nutzte die Stimmvergabe für einen doppeldeutigen Hinweis direkt an die Gastgeber in Baku. In diesem Rahmen hatte das geradezu eine groteske Note: eine Komikerin, umgeben von kreischenden Fans und in Glitzeratmosphäre, liest den Aserbaidschanern die politischen Leviten. Mehr Platz für kritische Auseinandersetzung blieb dann nicht im Rahmen der Sendung. Im Übrigen war Party angesagt, die Kritik musste homöopathisch bleiben. Den ARD-Verantwortlichen wird es genügen, um den Vorwurf der mangelnden Kritikfähigkeit zu begegnen. Länder steigen beim ESC aus, weil die Erwartungen an die Einschaltquoten nicht erfüllt werden, aber wenn im Ausrichterland die Opposition unterdrückt wird und Menschenrechte nicht gewährt werden, dann stellt sich die Frage erst gar nicht. That’s TV-Business.

Punktevergabe aus Deutschland

Überhaupt die ARD: zerfledderter hätte man die Grand-Prix-Berichterstattung nicht ermöglichen können. Das erste Halbfinale wurde über „Eins Festival“ ausgestrahlt, einen Digital-Spartensender, den viele nicht einmal kennen, das zweite Halbfinale wurde bei Phoenix untergebracht, wo der Zuschauer es am letzten erwartet hätte, und das Finale lief dann erstaunlicherweise doch im ARD-Hauptprogramm. Auf diese Weise lässt sich das Erfordernis von Dutzenden Spartensendern natürlich auch belegen.

Der einzig echte boykottierende Faktor war indes Armenien, das überraschenderweise erst seine Teilnahme anmeldete, dann aber wieder zurückzog. Das verwundert nicht, hat aber wiederum nichts mit Kritik an der gesellschaftlichen Situation in Aserbaidschan zu tun, sondern mit binationalen Differenzen – zieht sich doch eine Fehde rund um den Bergkarbachkomplex durch die Geschichte beider Länder. Die Annahme, dass der ESC hier eine musikalische Brücke hätte bauen können, die sämtliche Tagespolitik hätte auszublenden vermögen, ist ebenso naiv. Ein echtes Zeichen setzte ausgerechnet die spätere Gewinnerin des ESCs, die sich offenbar als einziger der ESC-Künstler mit den aserbaidschanischen Menschenrechtlern traf.

Immerhin: die Vergabe des Grand Prix nach Aserbaidschan erreichte schon vor der Austragung der Veranstaltung das, was sonst nie erreicht worden wäre: einen genaueren Blick auf das Land zwischen Türkei und Iran, das sonst niemand hierzulande je näher beachtet hätte – und auch seine Schattenseiten nicht kennengelernt.

Die Nacht in Baku

Aserbaidschan nutzte den ESC tatsächlich als Hochglanz-Aushängeschild. Was hätte es auch anderes tun sollen. Aserbaidschan präsentierte sich als modernes, weltoffenes Land, mit schönen Landschaften, schönen Menschen und kulturellen Schätzen. Die neuerbaute Kristallhalle stellte alles bisher Dagewesene optisch mal wieder in den Schatten. Die Inneneinrichtung allerdings, das Lichtdesign und die Technik hatte man direkt aus Düsseldorf angekarrt, für die Realisierung der Veranstaltung hatte man sich deutschen Know-hows bedient. Wären da nicht die landestypischen Einspielfilmchen gewesen, man hätte vermutet, dass auch dieser ESC aus Düsseldorf gesendet wird. Den Clou des vergangen Jahres, die teilbare LED-Wand, hatte man sich zwar gespart, dafür war gleich die gesamte Außenfassade der Halle mit LEDs bestückt.

Die Moderatoren im ersten Halbfinale auf der Bühne

Der Abend an sich war abgesehen von der Architektur eher unspektakulär, zumindest verglichen mit dem 2. Halbfinale. Hier hatte sich Aserbaidschan bereits selbst übertroffen, indem es während der Abstimmung die Gewinner der vergangenen fünf Jahre gemeinsam auf die Bühne stellte und durchsetzt mit aserbaidschanischen Instrumentalweisen eine Variante ihrer Siegertitel singen – und abschließend noch gemeinsam ABBAs „Waterloo“ trällern ließ. im Finale war es dann nur noch die traditionelle Musik in Reinform, die als Pausenfüller diente. Der ESC bekam durch den musikalischen Lokalkolorit wieder so etwas wie eine Seele. Ein ESC in Düsseldorf mit einem schuplattelnden Alexander Rybak? So weit wäre man dann doch nicht gegangen. Dagegen wirkte der Raab’sche ESC aus Deutschland geradezu steril-kosmopolitisch, ohne jede Spur von landestypischen Einflüssen. Insofern hat Aserbaidschan auch musikalisch die Chance genutzt, sich als Land ins beste Licht zu rücken. Dafür hatte das deutschsprachige Europa seine Momente bei diesem ESC, grüßte Vorjahresgewinner und moderierender Gastgeber Eldar doch auf Deutsch etwa nach Hamburg oder bei anderer Gelegenheit nach Deutschland.

Musikalisch betrachtet blieb das ESC-Finale darüber hinaus eher uninteressant. Die anspruchsvolleren Balladen etwa schieden bereits im Vorfeld aus, auch die schrägeren Darbietungen wie die in Mundart vorgetragene Gaudi aus Österreich oder der arythmische Sprechgesang mit durchaus politischer Botschaft aus Montenegro waren nicht mehr dabei. Es hätte der ESC der Balladen und Chansons werden können, doch letztlich setzte sich mal wieder der Europop durch. Wie auch in den letzten Jahren war auch diesmal wieder ein Musikveteran am Start; es scheint zur festen Institution zu werden, einen altgedienen, bewiesenermaßen erfolgreichen Barden sein Glück versuchen zu lassen – meist dann, wenn die ESC-Erfolge der letzten Jahre bescheiden waren. Doch dieses Aufnummersichergehen funktioniert erfahrungsgemäß nicht. Ob nun Andrew Lloyd Webber, Niamh Kavanagh oder dieses Mal eben Engelbert – die Beiträge bleiben im Ergebnis chancenlos. England brachte es in Baku den vorletzten Platz ein. Roman Lob platzierte sich auf dem 8. Platz und damit erstaunlich weit vorne. Das Vorurteil von der immanenten Deutschenfeindlichkeit, das in der Vor-Lena-Ära aufkeimte, darf damit endgültig als beerdigt gelten.

Ansonsten fiel auf, dass es vergleichsweise wenig völlig durchgedrehte Beiträge gab, die „ernsthafteren“ Titel überwogen, auch wenn darunter viel Beliebiges war. Man hatte die ganze Zeit das Gefühl, den Fernseher nicht leise genug drehen zu können. Große Ausnahme waren die russischen Babuschkas, die greisen Omis, die mit Sympathie statt Musik („hoher Knuddelfaktor“) überzeugten. Damit spielten sie in der gleichen Liga wie einst Lordi, und kamen auf den verdienten 2. Platz – als Sieger der Herzen. Das Publikum war sowohl im ersten Halbfinale als auch am Finalabend restlos begeistert, die Webgemeinde war begeistert. Wären da nicht die Fachjurys gewesen, deren Votum zur Hälfte in die Länderabstimmungen einfließt, hätte man annehmen dürfen, dass es die Russen sogar wieder auf den ersten Platz geschafft hätten.

Auffällig insbesondere am Ergebnis war zudem, dass es offenbar dem neuen Stimmverfahren unter Beteiligung und mit starkem Einfluss von Fachleuten zu verdanken ist, dass die musikallisch anspruchslosen Titel auch tatsächlich die eher hinteren Plätze belegten. Die aus fachlicher Sicht schlimmsten Titel wurden nicht nach oben gespült, sondern landeten tatsächlich auf den verdienten hinteren Plätzen.

Schlussnote

Der Grand Prix aus Aserbaidschan bot einen perfekten Anlass, das Land am Kaspischen Meer näher kennenzulernen, in mehrfacher Hinsicht. Die Show an sich war imposant und glatt zugleich. Insgesamt gesehen jedoch wird dieser Eurovision Song Contest eher einer derjenigen sein, an welche man sich nicht wegen der Musik erinnern wird.

Artikelende

Weiterführendes

Ein Fan, der diesmal zuhause bleibt

Aserbaidschanische Menschenrechtler selbst sind gegen einen Boykott

Schlechte Neuigkeiten aus Baku

Jan Feddersen weist für die ARD die Kritik an mangelnder kritischer Berichterstattung zurück

Livebloggen zum ESC 2012

Dossier Eurovision Mehr zum Thema Grand Prix auch im
Dossier „Eurovision“

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4 Kommentare:

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