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Stilisierte FederKnetfeder Magazin

Noch ist er nicht ganz fertig, aber ausprobieren kann man ihn schon: den kommenden „Netscape Navigator“: Navigator 9 ist als Beta-Version veröffentlicht worden.

Netscape, das war einmal der Inbegriff für das Internet in den 90ern. Bevor Microsofts Internet Explorer alles andere verdrängte, surfte man mit Netscape 4 durchs Web. Mit Netscape 6 und 7 ging es bergab: zu groß, zu anders, zu unübersichtlich und fehleranfällig waren die Suiten geworden, unter denen sich in Wirklichkeit die Mozilla-Browser versteckten. Netscape 7.2 gab es nichtmal mehr in Deutsch. Netscape 8 ging wieder eigene Wege – mit einem kunterbunten, aufdringlich-futuristischen Aussehen und mit der Möglichkeit, wahlweise die Innereien des Internet Explorers zur Anzeige von Webseiten zu benutzen. Netscape 9 kommt nun ohne IE-Kern – dafür aber neben der reinen Windowsversion auch wieder in einer Macintosh- und Linuxvariante.

Netscapes About-Fenster
Versionsinformationen

Netscape 9 Beta unter Linux
die Standard-Bedienleisten

Der 9er entpuppt sich nach einem ersten Blick als erstaunlich gutes Programm – denn unter der mit türkisfarbenen Elementen bestückten Oberfläche werkelt ein waschechter Firefox 2. Der Clou daran: alle Vorteile, die man durch Firefox erhält, können nun auch mit Netscape 9 genutzt werden: für Firefox 2 programmierte Erweiterungen lassen sich z.B. problemlos auch im Browser mit dem grünen N nutzen. Auch die Bedienung ist quasi identisch: die erweitererte Konfigutation „about:config“, die Einstellungsdialoge, Popup-Blocker oder Betrugsschutz sind nahezu baugleich mit dem Feuerfuchs.

Netscape 9 – und hier wird es erst interessant – ergänzt den bekannten Umfang von Firefox allerdings an manchen Stellen: Für den deutschen Nutzer weniger interessant dürfte sein, dass der Browser mit dem englischen Netscape-Portal, einer Nachrichtenseite mit Nutzerwertungen, verheiratet wurde. So finden sich einige Schaltflächen und Menüeinträge im Browser, die exklusiv zu netscape.com führen. Anders als in frühen Netscape-Programmen lassen sich diese Elemente aber recht einfach entfernen, in den Einstellungen findet man sogar eine bequeme Funktion zum Ausblenden dieser Bestandteile – den aus Netscape 4 bekannten „Shopping-Button“ wurde man nicht so leicht los.

Entfernen-Schaltfläche

Verbesserungen gegenüber dem Firefox-Browser zeigen sich vor allem im Detail: die beim Fuchs nur als Erweiterung erhältliche freie Anpassbarkeit der Größe von Texteingabe- und Formularfeldern hat Netscape 9 direkt mit eingebaut: ist ein Feld auf einer Webseite zu klein, um angenehm darin zu schreiben, fasst man einfach eine Ecke mit der Maus an und zieht sich das Feld in die gewünschte Größe:

Kommentarfeld in Originalgröße
Revue-Kommentarfeld in Originalgröße

Verkleinertes Kommentarfeld
kleingezogenes Kommentarfeld

Vermissen würde man in Firefox ebenfalls diese Funktion: bei einem Kontextklick auf einen beliebigen Link lädt Netscape 9 die dahinterliegende Seite wahlweise auch direkt in der Seitenleiste statt im normalen Hauptfenster – sehr praktisch bei z.B. Suchergebnisseiten oder anderen Auflistungen. Verbesserten Komfort bietet Netscape auch beim Eingeben von Internetadressen in die Adressleiste: typische Vertipper wie ww. oder .orh werden automatisch in die korrekte Form www. und .org umgewandelt.

Datenschutz schreibt man bei Netscape offensichtlich größer als bei Mozilla: das an mancher Stelle kritisierte unautorisierte Vorausladen von Webseiten im Firefox ist im Navigator 9 standardmäßig nicht aktiviert. Und man traut seinen Nutzern wohl auch mehr zu: in den Einstellungen ist es möglich, anzugeben, dass Graphiken ausschließlich von der gerade aktuell aufgerufenen Seite geladen werden sollen (Graphiken vom Fremdservern bleiben draußen) – eine Option, die bei Firefox gestrichen wurde, wohl, um die Anwender nicht zu verwirren.

Auch bei der Benutzbarkeit scheint Netscape dem Fuchs etwas voraus zu haben: die Bedienflächen sind markanter gestaltet, außerdem verwirklicht der Navigator nun in der Symbolleiste das, was Firefox seit Jahren nicht hinbekommt (und die meisten Anwender daher meist als erstes manuell erledigten, wenn sie den Browser installierten: einen standardmäßig vorhandenen Knopf zum Öffnen eines neuen Tabs.
Um den dafür benötigten Platz wieder einzusparen, hat man den Neuladen- und den Stopp-Knopf zusammengelegt, wie man es von Opera kennt.

Sonst halten sich praktische Vorteile gegenüber Firefox jedoch in Grenzen. Das macht sich vor allem bei der übrigen Ausstattung bemerkbar: Früher brachte Netscape viele zum Surfen quasi unverzichtbare Plugins gleich mit – wie z.B. Flash für all die Videos im Netz, ohne das man heute in Zeiten von YouTube und Co. nicht mehr weit kommt. Der neue Netscape jedoch kommt genauso „leer“ daher wie Firefox: alle Zusatzfunktionen, die mehr ermöglichen sollen als das Anzeigen von normalen statischen Internetseiten, müssen händisch selbst nachinstalliert werden.

Browserfenster Netscape 9

Optisch schlägt der neue Navigator wieder den Weg zurück zu Altbewährtem ein, Netscape knüpft an den alten Charme an: Die Farbe Türkis hat immer noch einen hohen Stellenwert, kommt nun aber dezenter daher. Das bekannte N-Logo ist deutlich kleiner geworden und hat wieder seinen gewohnten Platz in der rechten oberen Ecke eingenommen. Auf eigene Design-Experimente wird zudem erstmals verzichtet, Netscape 9 orientiert sich wie in alten Zeiten wieder an den Farben und Designvorgaben des jeweiligen Betriebssystems. Verstecken muss sich der Navigator vor der Konkurrenz auf keinen Fall, im Gegenteil: die Schließen-Kreuze auf den Tabs sehen eleganter aus als die knallig-roten Knöpfe anderer Browser, die graphischen Elemente sind konsistent und ansprechend gestaltet – insgesamt ergibt sich ein ein modernes, aber dennoch vornehmes Bild ohne zuviel Buntes.

Übrigens: Wem nur das Design gefällt, der kann sich über ein Zusatzangebot freuen, wenn er sich zu sehr an Firefox gewöhnt hat: denn die Optik von Netscape 9 gibt es auch für Firefox 2: Das entsprechende „Theme“ ist genauso leicht zu installieren wie eine übliche Erweiterung und verwandelt Firefox äußerlich in den Navigator.

Einen Haken gibt es allerdings: Netscape 9 wird es aller Voraussicht nach nicht in Deutsch geben. Die Sprachpakete von Firefox scheinen nach einem ersten Test trotz sonstiger Erweiterungs-Kompatibilität auch nicht kompatibel zu Netscape zu sein. Ein Mail- oder Chatprogramm, wie es Netscape 7 noch hatte, sucht man ebenfalls weiterhin vergeblich. Dessen ist man sich bei Netscape durchaus bewusst, auch scheint man zu wissen, dass viele Nutzer noch wegen der Mailfunktionalität an der alten Netscape-7-Suite hängen.

Leicht skurril mutet jedoch der Vorschlag auf den Seiten von Netscape an, zum Browsen den neuen Netscape 9 zu benutzen, für E-Mail aber weiterhin die alte Netscape-7-Suite zu nehmen:

    (…) the best of both worlds by keeping Netscape 7.x installed for mail (…) and installing Navigator 9 for browsing (…)

Naheliegender dürfte sein, auf Mozilla Thunderbird umzusteigen oder – wenn man wieder wie unter Netscape 7 arbeiten möchte – einen Blick auf Seamonkey zu werfen.

Da es sich derzeitig bei Netscape Navigator 9 noch um eine Beta-Version handelt, befindet sich neben dem regulären Logo oben rechts im Browser eine weitere Schaltfläche, mit der man noch vorhandene Fehler an Netscape melden kann. Zwei Fehler stechen schon jetzt ins Auge: Die Suchmaschinenlogos sind teilweise zu groß für das Suchfeld und in den Einstellungen für das automatische Update hat man vergessen, die Tastenkombination von Firefox (ein unterstrichenes F) auf Netscape umzustellen:

Falsche Tastenkombinationzuordnung

Dennoch schon jetzt ein Fazit: Als Firefox-Distribution kein schlechter Anfang für ein mögliches Comeback.
Artikelende

siehe auch …
Browser-Revue: SeaMonkey 1.1
Firefox 2.0 veröffentlicht
Opera 9 – genial aber langsamer
Netscape Navigator wieder für alle [golem.de]

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5 Kommentare:

  1. dws

    Seit heute ist die fertiggestellte Version von Netscape 9.0 erhältlich. – Nur in englischer Sprache, eine deutsche Variante existiert nicht.

  2. dws

    Soeben hat AOL angekündigt, die Entwicklung des Browsers Netscape endgültig einzustellen. Der Support für Netscape 9 und auch alle früheren Netscape-Programme endet am 1. Februar 2008.

  3. Knetfeders Revue » Diesmal wirklich: Netscape ist Geschichte

    […] sah eigentlich recht gut aus – erstmals seit Jahren brachte Netscape in Version 9 wieder so etwas wie einen Hauch von Innovation in… Gewagte, aber praktische Funktionen und eine enge Verzahnung mit Community-Funktionen des eigenen […]

  4. Hemmer

    Ne es gibt mitlerweile sogar ne inoffizelle Deutsche Version von Netscape

    http://waroftyphoon.wa.funpic.de/hosting/nc9german/

  5. dws

    Danke für den Hinweis!

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