Mamaaaa, die blöde grüne Kröte hat den Bootloader gefressen...! (Mandriva und Ubuntu im Vergleich)

22. Oktober 2008

Wikipedia erklärte jüngst, weshalb sie Ubuntu den Vorzug gibt (via Dirks Logbuch), hier nun wird im Gegenzug offenbart, warum man sich auch einmal gegen Ubuntu entscheiden kann. ;-)

Eine Betriebssystemaktualisierung stand an – nicht zuletzt, da man bisweilen charmant darauf hingewiesen wurde, dass man selbst schuld habe, wenn man noch mit alten Systemen arbeite. Also, eine neue Distribution musste her. Was kommt da momentan für den Normaluser, den Nichtadministrator, noch infrage? Eigentlich nur Suse, Ubuntu, Fedora oder Mandriva.

Auf der betreffenden Maschine war vorher ein Suse, also wird der Einfachheit halber wieder ein Suse genommen. Die aktuelle 11.0 installiert sich wunderbar als Update, erkennt alles automatisch – und zerschießt dann den GRUB-Bootloader, der Neustart führt ins Nirvana. Da war er, der ersehnte Grund, doch mal wieder etwas anderes auszuprobieren. Also wird nicht lange gefackelt, auf Reparaturversuche verzichtet – und die nächste Distribution ins Auge gefasst. Das Problem: Schön aktuell soll es sein, Gnome soll es sein, und leicht zu bedienen. Also noch ein paar Tage warten, bis der “Steinbock” erscheint – und mit ihm Gnome 2.24, das endlich Reiter in Nautilus integriert hat? Sorry, Ubuntu, aber die Franzosen waren diesmal etwas schneller: Mandriva 2009 ist bereits erschienen und bringt das aktuelle Gnome schon mit.

Eine prima Gelegenheit, mal zu schauen, was Mandriva im Vergleich zum aktuellen Ubuntu anders, besser oder schlechter macht.

Installation
Wählt man analog zu Ubuntu die CD-Variante, muss man sich auch hier vorab entscheiden, welcher Desktop es werden soll: Gnome und KDE sind im Angebot, eine Extra-XFCE-Version existiert nicht. Fehlendes (natürlich auch XFCE) kann später wie auch bei Ubuntu einfach übers Internet nachinstalliert werden. Beide Distribution lassen sich einfach und auch für den Anfänger überschaubar komfortabel installieren. Eventuell bereits vorhandene Windowssysteme werden auf Wunsch automatisch verkleinert und stehen nach der Installation alternativ weiterhin zur Verfügung.
[ Ubuntu – Mandriva: 1:1 ]

Erscheinungsbild
Ubuntu ist es zu verdanken, dass man mit Linux heute die Farben Braun und Orange assoziiert; “Human” ist endlich mal etwas Neues, etwas “Eigenes” für Linux, nicht immer nur eine dieser Windows- und Mac-blauen Imitationen. Die orangefarbenen Ordner und anderen Symbole bilden unbestritten ein tolles Design. Dagegen traut sich Mandriva wenig, ein eigener Iconsatz fehlt bei Mandriva völlig, es werden die Standard-Gnome-Icons benutzt – was nicht unbedingt schlecht ist, denn auch die Gnome-Symbolik ist elegant und warum auch sollte man ständig das Rad neu erfinden, wenn es das Vorhandene doch auch tut? Beim Stil bleibt Mandriva ebenfalls nah am Standard-Gnome, benutzt aber das eigene Theme “1a ora”: es dominieren helle, weiche Blautöne, aufgepeppt durch Glanzdesign. Nichts Neues im Westen, es bleibt blau in blau. Für das Theme gebührt Mandriva dennoch ein großer Pluspunkt, denn der Stil ist für KDE und Gnome gleichermaßen verfügar und legt sich daher nicht nur über GTK-, sondern auch über Qt-Programme:

KDE- und Gnome-Programme haben dadurch ein einheitliches Aussehen, so dass man, auch wenn man nur wenige Programme “des anderen” Desktops benutzt, trotzdem ein schickes einheitliches Bild erhält. Allein beim Hintergrundbild gibt sich Mandriva etwas wagemutiger und verabschiedet sich hier vom Mainstream: die Arbeitsfläche wirkt spacig-düster, wie man es sonst nur von Knoppix kannte, und bringt dennoch viel Farbe auf den Desktop: wie schon von Fedora bekannt, wechseln die Farben des Hintergrundbildes automatisch je nach Tageszeit: Tagsüber dominieren grün und gelb, Abends blau und violett.

Dieses Hintergrundbild ist übrigens perfekt geeignet, wenn der Bildschirm auf der linken Seite mittig einen Pixelfehler hat. ;-) Unterm Strich bleibt: beide Distributionen haben ein schickes Äußeres, doch Ubuntu hat immer noch das interessantere Design. Dennoch bekommt Mandriva für die Bemühungen um ein einheitliches Erscheinungsbild einen Extrapunkt.
[ Ubuntu – Mandriva: 1:2 ]

Lokalisierung
Hier hat Ubuntu deutlich die Nase vorn. Zwar ist auch Mandriva überwiegend konsequent ins Deutsche übersetzt, allerdings qualitativ oft jenseits von Gut und Böse. Man merkt den Übersetzungen deutlich an, dass hier keine Qualitätssicherung stattgefunden hat. Dass einen die Paketverwaltung z.B. mit

begrüßt, zeigt exemplarisch den Stand der Übersetzung. Hätten die Gnome-Übersetzer nicht bereits tolle Arbeit geleistet, man würde bei Mandriva schnell die Nerven verlieren.
[ Ubuntu – Mandriva: 1:0 ]

Softwareverwaltung
Wenig Unterschiede gibt es beim Managen der Softwarepakete. Dass bei Mandriva im Hintergrund keine DEB-Pakete, sondern die RPM-Pendants verwendet werden, merkt der Nutzer gar nicht, wenn er es nicht merken will. Ansonsten funktioniert die Installation und Deinstallation von Programmen nicht anders wie auch von Synaptic gewohnt. Abhängigkeiten werden automatisch berücksichtigt und zusätzliche Paketquellen lassen sich einfach einbinden oder aktivieren.
[ Ubuntu – Mandriva: 1:1 ]

Systemverwaltung
Mandriva bündelt alle wichtigen Systemeinstellungen (Graphik, Audio, Dienste, Netzwerk) zentral im “Mandriva Control Center” – Nutzer, die schon einmal Suse benutzt haben und Yast kennen, werden sich hier schnell zurechtfinden. Ubuntu hingegen integriert auch alle tieferen Systemeinstellungen direkt in die Gnome-Menüs (bzw. über das Gnome-Kontrollzentrum “gnome-control-center”). Der Vorteil der Zentrierung von Einstellungsmöglichkeiten bei Mandriva: alle grundlegenden Systemfunktionen befinden sich übersichtlich an einem Fleck, der Nachteil: man muss Einstellungen an zwei verschiedenen Plätzen suchen: einmal im Distributions-Kontrollzentrum und einmal in den Gnome-Einstellungen. Persönlich gefällt mir die Ubuntu- (oder Fedora-) Lösung besser, daher geht der Punkt hier an Ubuntu.
[ Ubuntu – Mandriva: 1:0 ]

Komfort
Bei der Bequemlichkeit kann Mandriva wieder punkten, denn hier liegt einer der größten Unterschiede zu Ubuntu: Aus dem Stand ist schon alles Wichtige dabei, anders als bei Ubuntu sind proprietäre Treiber gleich mit auf der CD. Dinge wie der 3D-Desktop (Compiz Fusion) funktionieren daher direkt out of the box.

Auch MP3s spielt Mandriva ohne weitere Nachkonfiguration ab.
[ Ubuntu – Mandriva: 0:1 ]

Persönliches Fazit:
Ubuntu – Mandriva: 5:5. Auch Ubuntu kocht nur mit Wasser, Linux bleibt Linux, Gnome ist Gnome (und KDE ist KDE…), egal auf welchem Unterbau. Trotz aller Begeisterung für Ubuntu: die Unterschiede bei den Distributionen sind unterm Strich marginal; ohne große Probleme kann man auf eine andere Linuxvariante wechseln. Bisherige Ubuntunutzer finden sich schnell bei Mandriva zurecht und Mandrivanutzer müssen andersherum keine Berührungsängste vor Ubuntu haben. Schön, dass man jederzeit die Wahl hat. Dennoch bleibt Ubuntu derzeit die sympathischere Distribution – nicht zuletzt, weil Mandriva vor 2 Jahren ausgerechnet den Distributionsgründer feuerte. Dass Canonical irgendwann Mark Shuttleworth rauswirft, dürfte als relativ unwahrscheinlich gelten …

Hinweis: Dieses Weblog ist Mitglied im Ubuntuusers-Planeten, der Autor bei den Ubuntuusers aktiv.


aus der Kategorie: / Tests / Distributionen

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Kommentare

Ah, ich libe solche x vs. y Artikel, hat Spaß gemacht ihn zu lesen. Wieder etwas über »andere« Distris gelernt ;)

@ Übersetzung: Ich muss sagen, dass die Übersetzung bei Ubuntu zwar eingermaßen gut ist, aber wie es dazu kommt ist suboptimal. Wer auf der Ubucon war, weiß das villeicht, ganz kurz gesagt: Nach Spaß hörte sich die Arbeit nicht an.

Zum Glück merkt der »normale« Nutzer davon nichts, und aus deren Sicht ist ja auch der Text geschrieben…

— Keba · 22. Oktober 2008, 19:53

Hi
ich bin schon etwas länger auf der Suche nach einem Systemmonitor für den Desktop und habe da einen tollen bei DSL gefunden, den ich jetzt bei dir auf dem Screenshot zum 3D-Würfel wieder gefunden habe. Wie heißt er und wo finde ich ihn? Hätte den gerne unter Ubuntu auf meinem System. Wäre über Antwort hier als comment oder PN auf Ubuntuusers sehr erfreut. Der Nick lautet kamarjaeger.
mfg
kamarjaeger

— kamarjaeger · 22. Oktober 2008, 21:43

Hallo kamarjaeger, kein Problem – der Systemmonitor heißt “Conky”. Unter Ubuntu kann man ihn einfach über die reguläre Paketverwaltung nachinstallieren, einfach nach “conky” suchen.

Im Ubuntuusers-Wiki wird Conky übrigens auch perfekt erläutert:
http://wiki.ubuntuusers.de/Conky

Ich kann das Programm nur empfehlen; ich finde Conky perfekt, weil er die meist ungenutzte Teilfläche auf dem Desktop sinnvoll belegt, trotzdem dezent wirkt und auch keinen zusätzlichen Platz in irgendwelchen Leisten verbraucht. Und es sieht auch noch klasse aus. :)

Daniel · 22. Oktober 2008, 22:28

Ich habe selbst Ubuntu und Mandriva parallel installiert (allerdings Mandriva mit KDE-Desktop) und kann deinen Ausführungen weitestgehend zustimmen.

Was das akutelle Hintergrundbild von Mandriva angeht: ich dachte bislang, dass hier nach dem Update auf die 2009er-Version was kaputt gegangen wäre bei mir und die Farben falsch angezeigt werden…aber wie ich sehe, gehört das offenbar so ;) Das alte Hintergrundbild hat mir aber besser gefallen.

Thomas · 23. Oktober 2008, 00:13

Dankeschön, Keba! :) Wie genau kommt die Übersetzung denn zustande (ich war leider nicht auf der Konferenz)? Dass Übersetzungen kein Pappenstiel sind (es ist viel komplexer, als es später aussieht und man kann sehr viel falsch machen, auch aus Unachtsamkeit oder aufgrund fehlender Koordinierung), weiß ich aus eigener Erfahrung, ich kann auch nur das Ergebnis beurteilen – aber darüber kann ich wirklich nicht meckern. Ubuntu zählt neben Suse zu den am besten eingedeutschten Distributionen. Wenn die Übersetzungsarbeit bei Ubuntu wirklich suboptimal verläuft, dann muss man erst recht allen Beteiligten Hochachtung aussprechen, dass am Ende doch ein so gutes Ergebnis erzielt wird. Ich weiß nicht, wie genau das Verhältnis von distributionsspezifischen und denjenigen Übersetzungen ist, die z.B. von Gnome und KDE bereits eingebracht werden, aber dieser Anteil hilft sicherlich, da Gnome und KDE ebenfalls hervorragende Übersetzungsarbeit leisten.

Daniel · 23. Oktober 2008, 00:29

Ich habe selbst Ubuntu und Mandriva parallel installiert (allerdings Mandriva mit KDE-Desktop) und kann deinen Ausführungen weitestgehend zustimmen.

Aus reinem Interesse: Wozu braucht man denn 2 unterschiedliche Linuxe auf demselben Rechner? Zu reinen Testzwecken oder geht mit Ubuntu irgendetwas, was mit Mandriva nicht funktioniert (oder umgekehrt)?

Was das akutelle Hintergrundbild von Mandriva angeht: ich dachte bislang, dass hier nach dem Update auf die 2009er-Version was kaputt gegangen wäre bei mir und die Farben falsch angezeigt werden…aber wie ich sehe, gehört das offenbar so ;)

:D

Das alte Hintergrundbild hat mir aber besser gefallen.

Tja, über Geschmäcker kann man wirklich nicht streiten. Blaue Hintergrundbilder finde ich normalerweise auch am geeignetsten, aber an das neue schwarze von Mandriva kann man sich recht gut gewöhnen… ich find’s einfach immer klasse, wenn mal wieder jemand den Mut hat, vom Gewöhnlichen abzuweichen und Alternativen als Standard anbietet.

Daniel · 23. Oktober 2008, 01:48

Bei den unterschiedlichen Ergebnissen gab es:

2 x [ Ubuntu – Mandriva: 1:0 ]
1 x [ Ubuntu – Mandriva: 0:1 ]

Wie kann da ein Ergebnis von “Ubuntu – Mandriva: 5:5” herauskommen?

bunkerb · 23. Oktober 2008, 15:40

Wie kann da ein Ergebnis von “Ubuntu – Mandriva: 5:5” herauskommen?

Das kommt dadurch, dass es 1x Ubuntu-Mandriva 1:2 gab:

Installation 1:1
Erscheinungsbild 1:2
Lokalisierung 1:0
Softwareverwaltung 1:1
Systemverwaltung 1:0
Komfort 0:1

Gesamtwertung = 5:5

Daniel · 23. Oktober 2008, 16:34

Hi Daniel,

wozu zwei Distris? Eigentlich nur aus Neugierde und Spieltrieb. Ubuntu gefällt mir zwar sehr gut, aber ich bin immer noch in der “Linux-Erkundungsphase” und werfe deshalb gerne einen Blick über den Tellerrand. Deshalb habe ich mir meine Platte auch so partitioniert, dass ich problemlos zwischen den Distris wechseln kann (und sogar noch Platz für eine dritte hätte). Bei Linux ist das ja ohne größeren Aufwand möglich.

Thomas · 23. Oktober 2008, 18:40

“Ubuntu ist es zu verdanken, dass man mit Linux heute die Farben Braun und Orange assoziiert […]”

soll wohl heißen:

“Ubuntu ist es zu verdanken, dass ICH mit Linux heute die Farben Braun und Orange assoziiere […]”

;)

— Affenkopp · 23. Oktober 2008, 21:45

soll wohl heißen: “Ubuntu ist es zu verdanken, dass ICH mit Linux heute die Farben Braun und Orange assoziiere […]” ;)

Wieso? Ist bei Dir Ubuntu nicht braun-orange? Oder siehst Du nicht auch an allen Ecken und Enden im Netz Screenshots, die überwiegend Ubuntu zeigen? Und ist nicht – wie eingangs erwähnt – jetzt sogar die Wikipedia darauf hereingefallen, als sie nach einem neuen Linux gesucht haben? ;-)

Daniel · 23. Oktober 2008, 22:45

Salut!

Ich finde es eigentlich gut, dass Ubuntu den ehrlichen Weg geht und die propritären Sachen nur zum nachinstallieren anbietet (und auch dabei nutzerfreundlicher geworden ist). Wer auf ubuntubasis alles mitinstallieren will greift einfach zu linuxmint – oder?

— wolfram · 5. April 2009, 14:05

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