Desktops für Individualisten: Fenstermanager

15. Februar 2010

Das Tolle an Linux ist die Vielfalt und Auswahl. Das gilt auch für die Desktops. Während man bei Windows oder Mac OS X aus genau einer Oberfläche wählen kann, gibt es für Linux ein gutes Dutzend. Der Vorteil dabei: Man kann sich seinen Desktop aussuchen. Der Nachteil: Man muss sich seinen Desktop aussuchen. Und das fällt immer schwerer bei den inzwischen vielen guten vorhandenen.

Linuxanfänger kommen fast zwangsläufig zuerst mit Gnome oder KDE in Kontakt, den beiden großen Arbeitsflächenumgebungen unter Linux. Dann gibt es noch XFCE und neuerdings LXDE, falls man mit KDE/Gnome irgendwann nicht mehr zufrieden sein sollte. Doch auch damit endet die Auswahl an möglichen Oberflächen noch lange nicht. Da gibt es doch noch die kleinen, schlanken Fenstermanager, die noch aus den Anfängen der Linuxzeit ihre Fans behalten oder neue hinzugewonnen haben – weil man mit ihnen gelegentlich effizienter oder einfach anders arbeiten kann als mit den Fenstermanagern, die bei KDE, Gnome & Co mit eingebaut sind. Ein kleiner Überblick über vier fünf der populärsten:


IceWM

Die Entwicklung bei IceWM scheint etwas eingeschlafen zu sein, dafür ist es sehr ausgereift: IceWM sieht bewusst aus wie Windows95/98/2000 und verhält sich auch so: Links der Startbutton, ein paar “Quicklaunch”-Buttons, Fensterliste, Tray und Uhr. Nur der Desktop fehlt. IceWM lässt sich allerdings wunderbar mit Themes verändern, es kann praktisch das Aussehen jedes anderen Desktops, egal ob Windows, Mac oder eine andere Linuxoberfläche, imitieren. Gewissermaßen ist IceWM damit das Chamäleon unter den Fenstermanagern. Trotzdem wirkt es dabei meist ein wenig retro und kantig, denn Retro ist hier das Prinzip: es gibt keine Überraschungen, die Oberfläche verhält sich ganz traditionell, wie man es von alten Windowsversionen kennt. Dazu kommen dann natürlich noch die linuxtypischen Raffinessen wie mehrere Desktops, Fensterliste, ausblendbare Taskleiste usw.

IceWM ist der perfekte Einstieg, wenn man zum ersten Mal einen Nur-Fenstermanager ausprobieren möchte. Das Standard-Erscheinungsbild schreckt zwar zunächst ab, mit zusätzlichen Themes kann aber schnell Abhilfe geschaffen werden. Wichtiger ist: die Bedienstruktur ist vertraut und das Anpassen fällt durch übersichtliche und selbsterklärende Konfigurationsdateien (/home/Benutzername/.icewm) relativ leicht. Mit nur wenig Aufwand und Einarbeitung kommt man schnell ans Ziel.

Bei IceWM steht die Bedienung mit der Tastatur im Vordergrund.


Fluxbox

Fluxbox wird aktiv weiterentwickelt und ist ebenso sehr stabil und ausgereift. Der erste Kontakt schockiert allerdings etwas, denn bei einem frischen Fluxbox sieht man nicht viel mehr als eine ungewohnte und recht leere Leiste am unteren Monitorrand. Man steht davor, und weiß nicht so recht, was man nun tun soll. Denn anders als bei IceWM ist das Fluxbox-Panel fast eine reine Taskleiste, es enthält keine Starter/Icons, sondern bleibt der Fensterliste, Benachrichtigungssymbolen (Tray) und der Uhr vorbehalten. Alles weitere, eben z.B. das Starten von Programmen, erledigt man über das Kontextmenü, also etwa mittels Rechtsklick auf den Desktop. Deshalb ist das Panel standardmäßig auch zentriert und lässt die unteren Ecken des Monitors frei, damit man trotz maximierter Fenster jederzeit auch mit der Maus das Startmenü erreicht. Anfangs ungewohnt, aber sehr ergonomisch, wenn man Fluxbox einmal richtig auf seine eigenen Anforderungen hin eingerichtet hat.

Fluxbox erfordert deutlich mehr Einarbeitung, erst nach eigenen Anpassungen offenbart Fluxbox seine Raffinessen. Dafür kann Fluxbox dann auch deutlich mehr als andere: Transparente Menüs/Leisten/Fenstertitel, Gruppierung von Fenstern, Dock-Apps-Integration und teilweise graphische Konfiguration über Kontextmenüs. Im Übrigen lässt sich Fluxbox ähnlich wie IceWM durch übersichtliche Textdateien (/home/Benutzername/.fluxbox) einstellen. Alternativ nutzt man dafür das Zusatzprogramm “fluxconf”.

Fluxbox ist ebenfalls auf optimale Tastaturbedienung ausgelegt, vernachlässigt darüber hinaus aber auch die Mausbedienung nicht, es bietet viel Nützliches für Mausschubser. Tastatur- und Mausbedienung sind etwa gleichberechtigt. Optisch ist Fluxbox nicht nur wegen seiner möglichen Transparenzen einer der eleganteren Fenstermanager, Fluxbox wirkt auch vom Design sehr leicht und kann zeitlos modern und schick wirken.


Window Maker

Window Maker verströmt den Computer-Charme der 80er Jahre, aber einige Linuxer schwören darauf: Eine Leiste gibt es nicht, nur große Quadrate (“das Dock”), über die man seine Programme und Fenster steuert. Vollbildfenster sind untypisch. Window Maker ist im Vergleich zu den “herkömmlichen” Desktops eine der andersartigsten Oberflächen (vielleicht auch deshalb, weil er konzeptionell über ein paar Ecken mit Mac OS verwandt ist) und hat gleichzeitig einen unverwechselbaren Stil, das macht auch seinen besonderen Reiz aus.

Konfiguriert wird Window Maker komfortabel über ein eigenes graphisches Kontrollzentrum, das sich hinter dem Schraubenzieher-Quadrat versteckt. Das klobig wirkende Grunddesign von Window Maker kann nicht geändert werden, jedoch sind Farben und Elementenstile ebenfalls anpassbar.


Openbox

Openbox wird vom LXDE-Desktop als Fenstermanager genutzt, man kann Openbox jedoch natürlich auch “ohne alles” starten. Openbox kann praktisch nur Fenster darstellen, das aber perfekt. Wie Fluxbox und IceWM ist es hochkonfigurierbar – und für Openbox gibt es viele und schöne Themes (vor allem kommen gleich ein paar gescheite Themes in der Grundinstallation mit).

Wer Openbox als Hauptoberfläche nutzt, muss sich um alle weiteren Bestandteile selbst kümmern, sogar ein Panel und Programmstarter fehlen hier. Es gibt ein Kontextmenü auf dem Desktop, sonst nichts. Auch Openbox wird über Textdateien konfiguriert (/home/Benutzername/.config/openbox), die jedoch unübersichtlich und eher schwer zu editieren (ein kleiner Buchstabendreher, und schon gibt’s Probleme…) im XML-Format vorliegen. Einfacher geht es mit dem Zusatzprogramm obconf.


FVWM

FVWM ist ein Urgestein unter den Fenstermanagern und sieht entsprechend archaisch aus. Das nostalgische Standardaussehen im CDE/Motif-Stil ist jedoch keine Pflicht, FVWM lässt sich mit Themes optisch beliebig verändern und kann sehr modern und elegant aussehen. Ein frisch gestarteter FVWM erscheint aber zunächst völlig leer. Nur ein Menü (hinter der regulären Maustaste) erwartet den Anfänger. Erst nachdem man über ebenjenes Menü bequem und graphisch eine Konfuguration erstellt hat, offenbart FVWM schließlich sein Potential: FVWM ist sehr modular aufgebaut und kann quasi im Baukastenprinzip perfekt an die eigenen Vorlieben und Bedürfnisse angepasst werden. Dadurch ist FVWM einer der flexibelsten Fenstermanager, sowohl was Bedienung als auch was die Optik anbelangt.

Je nach Geschmack lassen sich Desktop-Elemente hinzufügen oder entfernen, z.B. kann man den Überblick über seine Fenster wahlweise mit einer typischen Windows-Taskleiste, durch Fensterlisten-Menü, mit Pager, mit einer Iconbox, durch schlichte Minimierung oder via “Buttonbar” behalten – oder auch durch alle gemeinsam. Die Buttonbar (im Bild unten) ist zudem ein Container, der die anderen Elemente ebenso wie auch eine Uhr, Pager uvm. übersichtlich zusammenfassen kann.

Konfiguriert wird FVWM teils über das Hauptmenü oder umfassend in Konfigurations-Textdateien, die Hürde zur Einarbeitung ist durch die Vielzahl an Möglichkeiten allerdings recht hoch.


aus der Kategorie: / Tests /

---

Kommentare

Hey,

also zum Thema “Desktops für Individualisten” muss eigentlich Awesome auf die Liste. Meiner Meinung nach, ist dieser WM der Individualist schlecht hin. Du hattest darauf hingewiesen, dass es eine große Anzahl an Desktops gibt und jeder hat seinen Liebling. ;)

Einen schönen Abend.

Anton · 15. Februar 2010, 23:21

Individualisten in der Überschrift meinte eigentlich (im übertragenen Sinne) die Möglichkeit, überhaupt eine alternative Oberfläche abseits vom Mainstream (KDE & Co) wählen zu können, weniger den Funktionsumfang oder die Möglichkeiten der einzelnen Windowmanager an sich.

Zählt Awesome denn schon zu den bekannteren, verbreiteteren Managern oder ist er nicht doch eher ein Spezialist unter den Spezialisten? Dann wäre vielleicht mal eher ein eigener Artikel für Awesome fällig… :)

Pinguinzubehör · 16. Februar 2010, 00:23

Ach so. Tut mir Leid, hatte Individualisten falsch interpretiert. Da ich nun seit 24h einen eigenen Blog hab. werde ich mal einen kleinen Beitrag Awesome widmen. Aber nachdem ich mal meine Seite verschönert habe ;)

Anton · 16. Februar 2010, 00:33

Hoi,
Danke für diesen Artikel. :-) Die Übersicht ist eine gute Idee auch wenn ich ebenso finde, dass das Tiling Prinzip ganz untergegangen ist. Es ist in meinen Augen ein erwähnenswertes Prinzip auch wenn es scheinbar nur in der Geek-Ecke zu finden ist.
Awesome hat mir seiner Zeit sehr gefallen. Es ist mal so was ganz anderes. :-D

lG
Schumbi

— Schumbi · 16. Februar 2010, 10:05

Genau, siehe auch die Liste der UU-Wiki-Artikel als Anhaltspunkt zur Verbreitung:
Fenstermanager

5 Tilingfähige, 8 andere “Individualisten” (Metacity, KWin, Compiz und Looking Glass nicht mitgezählt)

— BigMc · 16. Februar 2010, 10:41

Im Abschnitt über den FVWM meintest Du mit der “regulären” Maustaste vermutlich die rechte, oder? ;)
Ansonsten vielen Dank für die Übersicht. Ein Tiling WM wie xmonad wäre in der Tat eine sinnvolle Bereicherung.

dercorn · 16. Februar 2010, 12:14

Die tilingfähigen WMs gehören hier meiner Meinung nach nicht rein – sie werden einen eigenen Extrabeitrag bekommen.

KWin, Metacity, Sawfish, Compiz & Co. natürlich auch nicht, da sie eher nicht für alleinstehende Verwendung gedacht sind, sondern als Ergänzung/Bestandteil zu bestehenden Desktops (Openbox ist streng genommen hier auch schon zuviel des Guten).

Es sollten auch nicht alle Fenstermanager aufgelistet werden (dafür gibt’s ja bereits z.B. den UU-Wikiartikel), sondern die populärsten, bekannteren knapp miteinander verglichen werden, ein kurzer selektiver Überblick eben, kein abschließendes Kompendium. ;-)

Pinguinzubehör · 16. Februar 2010, 12:24

Im Abschnitt über den FVWM meintest Du mit der “regulären” Maustaste vermutlich die rechte, oder? ;)

Das kommt darauf an, ob man Links- oder Rechtshänder ist. :D
Also bei einer frischen Installation war es unter Debian/Ubuntu mit einer Rechtshändermaus tatsächlich die linke Maustaste, die das Menü aufgerufen hat. Ist das ein Fehler?

Pinguinzubehör · 16. Februar 2010, 12:31

Ich schätze mal, für einen Tiling-Fan sind alle ohne Tiling gleich doof. Darum beschweren sich hier so viele. Oder weil Awesome zu den populärsten, bekannteren gehört. ;)

— BigMc · 16. Februar 2010, 16:58

Meiner Meinung nach, hast du PekWM vergessen, aber das verzeih ich dir noch. ;)
Als Kritik hätte ich anzumerken, dass man die Screenshots leider nicht in größer betrachten kann. Auf den kleinen Bildern erkennt man nich wirklich viel. Man möchte dann immer auf das Bild klicken, nur leider wird es dannn nich größer.

— PekWM · 18. Februar 2010, 09:21

Auf PekWM bin ich erst kürzlich gestoßen, sieht recht gut aus, ist aber, wenn ich mich richtig erinnere, auch ein “Nur-Fenstermanager” wie Openbox, richtig?

Das Fehlen von anklickbaren Screenshots ist in der Tat ein selbstverschuldetes Ärgernis, werde die Bilder noch ergänzen.

Pinguinzubehör · 18. Februar 2010, 14:00

Ich finde, zumindest Ion hätte noch eine Erwähnung verdient, da er im Gegensatz zu den hier vorgestellten Windowmanagern voll auf Tastatur-Junkies ausgelegt ist.

Gruß
Stefan

Stefan · 28. Februar 2010, 14:02

Stefan, ist notiert; Ion wird zusammen mit z.B. Awesome Thema des bald erscheinenden Artikels über kachelnde Fenstermanager. Bitte noch etwas Geduld. ;)

Pinguinzubehör · 28. Februar 2010, 16:01

Vielen Dank für den super Artikel. Aber meiner Meinung nach, geht hier noch Enlightenment (http://www.enlightenment.org)ab. Ein ebenfall sehr schneller und guter Fenstermanager ;-)

JohnDoe · 10. März 2010, 12:46

Hallo, danke zunächst für den Artikel, und en Kommentatoren für die vielen Nennungen, ich nutze Linux jetzt 3 Jahre, und man lernt und lernt und lernt…
Quasi bin ich über die Seite gestolpert, (mal wieder, habe sie in den Favoriten!) weil ich nach Abhilfe suche für meinen famoses GnuArtist, dass leider trotz aller Bemühungen und aller geladenen Pakete und Terminaleingaben, stoisch bei englisch bleibt. Dabei besitze ich nicht wirklich Praxiskenntnisse mit Englisch, um nicht zu sagen, ich kann kein englisch ;) Also ich habe hier auch so ne Mischeung aus Gnome und Openbox, und ich hätte nie gedacht, das trotz gewisser Tipps die du auch an anderer Stelle nanntest um alten PCs mit aktuellem Ubuntu zu mehr Tempo zu verhelfen) ich nicht zufrieden war, diese Alte Mühle so flott reagieren kann. Um mal zum Thema zurückzukommen, mir hat iceWM, der unter oSuse mitinstalliert wurde sehr gefallen. Openbox und Fluxbox sind nicht so richtig gut, weil ein anfänger ziemlich lange braucht um da dahinter zu steigen, auf die anderen Fenstermanager bin ich mal gespannt, und die Bilder geben gut was her, brauch sie nicht größer, und noch immer keine Brille :-D^^

— Diotima · 1. April 2011, 12:01

Hi knetfeder,

ich wollte mich mal sehr bedanken! Mit deinem Übersichtsartikel hast du mich zu openbox geschubst. Den nutze ich nun schon seit knapp 6 Monaten und bin sehr zufrieden. Für andere die vielleicht auch auf den Geschmack kommen, möchte ich noch das Wiki des Debianforums empfehlen. Das hat mir bei der Konfiguration sehr geholfen.

Danke nochmal für deinen Blog für Normale!

Gruß sandwichmaker

— sandwichmaker · 10. Januar 2013, 19:29

(anonymes Kommentieren möglich,
es gibt keine Pflichtfelder!)
Textile-Hilfe für Formatierungen
 

Anzeige