Ubuntu künftig nicht mehr werbefrei

23. September 2012

Ubuntu als Distribution wirkte in den vergangenen Jahren wie ein Community-Projekt, mit all seinen Vorzügen wie Gratisvertrieb, Werbefreiheit und einer großen enthusiastischen Benutzergemeinde. Doch Ubuntu selbst war von Anfang an ein Produkt eines kommerziellen Unternehmens. Dies zeigt sich nun deutlicher.

Die Überschrift ist selbstverständlich irreführend, denn Ubuntu war noch nie wirklich werbefrei. Der Meilenstein ist jedoch, dass es bisher stets Eigenwerbung war, die dem Benutzer entgegenschlug: Bereits beim Installieren, später dann in der Browserstartseite, in den Menüs – es wurde und wird auf Canonical-Dienste und -Leistungen aufmerksam gemacht, etwa die Ubuntu-Cloud oder auch nur den zukaufbaren Support. Mit der Einführung des Software-Centers tat man den ersten Schritt hin zu mehr Kommerzialität, (auch) Bezahl-Software bekam einen prominenteren Platz eingeräumt, um sich dem Nutzer zu präsentieren. Nun jedoch plant Canonical, Sucherergebnisvorschläge von Amazon bei Benutzung der „Home-Linse“ einzublenden.


Noch ist die Werbung im Installer Eigenwerbung

Es spricht nichts dagegen, Werbung in Ubuntu aufzunehmen. Werbebanner oder Sponsoren im Bootscreen, Desktop-Hintergrundbild, beim Aufrufen der Suche, der Startseite des Browsers oder die auch schon von anderen Distributionen bekannten Verträge mit Suchmaschinenanbietern – warum eigentlich nicht? Canonical war von Beginn an ein kommerzielles Unternehmen, ein Unternehmen, das eine kommerzielle Distribution herausbrachte, die lange Zeit den Luxus hatte, nichtkommerziell zu wirken. Dass sich dies nun ändert, ist für manchen Nutzer sicherlich bedauerlich, doch musste man damit von Anfang an rechnen, für den Fall, dass es Canonical nicht gelingt, bei Unternehmenskunden Marktführer zu werden – was bei der vordergründigen Ausrichtung auf den normalen Nutzer gerade nicht nahelag, selbst wenn Canonical als eine der wenigen großen Anwender-Distributionen auch LTS-Versionen bereitstellt.

Einen faden Beigeschmack bekommt das Ganze lediglich dadurch, wie es Mark Shuttleworth zu verkaufen versucht, dass es sich dabei nämlich nur um integrierte Online-Suchtreffer handeln würde:

„Wir platzieren keine Werbung in Ubuntu.“

Natürlich ist es Werbung, wenn begriffsspezifische Suchmaschinentreffer eines bestimmten Unternehmens zu den Eingaben des Nutzers eingeblendet werden. Bezahlte Werbung, sogar kontextabhängig. Der Versuch, die skeptischen Teile der Community mit einer Umdeklarierung dieses Vorganges bei der Stange zu halten, dürfte somit eher nach hinten losgehen.


Blog von Shuttleworth: für ihn ist es keine Werbung

Fade ist auch, dass es gerade nicht offensichtliche Werbung ist, sondern diese praktisch versteckt durch die Hintertür kommt: Nicht mehr nur „neutrale“ Antworten einer Suchmaschine, sondern auch die Ergebnisse zu den Schlüsselbegriffen von Produkten eines bestimmten Anbieters werden zusätzlich angezeigt. Ausgerechnet dort, wo der Benutzer nicht damit rechnet, bei der Eingabe von Suchbegriffen auf seinem lokalen System mit speziell dazu passenden „Vorschlägen“ konfrontiert zu werden – in der „Home“-Linse. Suggestiver kann Werbung kaum sein und nichts anderes macht etwa Google, wenn man in der Suchmaschine einen Suchbegriff eingibt – das Anzeigen von kontextsensitiver Werbung. Der Unterschied ist: bei Google richtet man die Suchanfrage bewusst direkt an den Suchmaschinenbetreiber – bei der (auch) lokalen ubuntuueigenen Suche nicht zwangsläufig, sondern sucht evtl. nach privaten Dingen auf der Festplatte.

Dem deutschen Datenschutz dürfte es auch nicht genügen: die Daten werden in diesem Fall laut Aussage Shuttleworth’ zwar nicht direkt an Amazon übertragen – nur an Canonical selbst. Das spielt aber keine Rolle, ohne vorherige Einwilligung des Nutzers ist auch dies problematisch – es ist daher anzunehmen, dass die Lizenzbedingungen beim Installieren von Ubuntu entsprechend angepasst werden.

Pragmatisch betrachtet ist es tatsächlich jedoch eher ein Sturm im Wasserglas. Die Anzeige von Werbetreffern wird sich abschalten lassen können, und es betrifft zunächst auch nur Unity – in anderen Desktops bleibt man von derlei Anpassungen bisweilen verschont. Und wer z.B. GMail über das Webinterface nutzt, dürfte eigentlich auch nichts gegen die Umsetzung Canonicals haben. Aber Ubuntu verliert Reputation, wenn es den Nutzer mit Werbung gängelt, von der er auf anderen Systemen verschont bleibt.

Die Community, die bislang ein erstklassiges Linux ohne allzuviel Kommerz in Ubuntu erblickt hat, muss nun allmählich umdenken. Es scheint, als habe Ubuntu eine Verbreitung erreicht und sich auf eine Zielgruppe festgelegt, so dass man schlimmstenfalls das Vergraulen der strikt antikommerziell ausgerichteten Teile der Fan-Basis riskieren kann. Ubuntu soll sich irgendwann selbst tragen können, und nicht mehr von der Spendabilität seines Gründers Shuttleworth abhängig sein. Das wird ohne weitere Werbung und Kooperationen jedoch kaum möglich sein, der nun eingeschlagene Weg von Ubuntu wird sich fortsetzen.

Für all jene, die sich mit der zu erwartenden zunehmenden, nun auch sichtbaren Kommerzialisierung von Ubuntu nicht anfreunden können, bleibt ein Ausweg. Es gibt Ubuntu weiterhin auch in einer nichtkommerziellen Variante – sie nennt sich „Debian“.


aus der Kategorie: / Tratsch / Distributionen

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Kommentare

tja, das war es dann für mich. zum glück gibt es genug andere distros.
wie im artikel schon beschrieben ist eine vorgegebene stratseite im browser ok aber sowas? ne, nicht mit mir.

und tschüss ubuntu!

— dingens · 23. September 2012, 20:58

Im Prinzip spricht nichts dagegen, dass man versucht, ein paar Kröten zu machen. Was mich dabei nervt ist, dass man die Leute immer für Blöd verkaufen will:

“Das ist zu Eurem Vorteil” – “Die Leute haben einen Mehrwert von Vorschlägen” …

also Werbung an sich finde ich legitim, aber versucht halt nicht den Anwender zu verscheißern. Das funktioniert mit dem Mac-Mob, aber ich unterstelle mal: mindesten 90% der Anwender des Nischen-Desktops Linux haben mehr IQ als Knäckebrot – die vergrault man sich halt schnell mit solchem “Hintenrum”.

Deswegen mag ich auch Linux Mint. Lefebvre hat von Anfang an gesagt: Wir verwenden nun Yahoo! als Suchmaschine, weil wir Geld verdienen möchten und Google nicht teilen will – in Ordnung, gekauft, weil es ehrlich ist.

Viele Grüße,
Jürgen

Jürgen · 23. September 2012, 21:14

Was mich dabei nervt ist, dass man die Leute immer für Blöd verkaufen will

Exakt das ist’s. Nicht, dass da jetzt irgendwo Werbung auftaucht in Ubuntu, sondern dass sich Shuttleworth persönlich hinstellt und die Angelegenheit relativiert, indem er quasi zur Werbung sagt “das ist gar keine Werbung” – das ist mehr als nur lächerlich.

Pinguinzubehör · 23. September 2012, 21:51

Geld verdienen ist ja ok, Kosten müssen gedeckelt und Mitarbeiter bezahlt werden. Aber warum muss es immer nervige Werbung sein, die eigentlich keiner haben will?

Canonical erbringt mit dem Erstellen und pflegen der Distris eine Dienstleistung. Warum kann man nicht diese Dienstleistung kostenpflichtig machen? Ich hätte kein Problem damit für eine gut gepflegte Distri jedes Jahr einen Abobetrag abzudrücken, wenn der Service stimmt.

Mal sehen wie das Spiel weitergeht. Alternativen sind ja vorhanden, und ein bisschen bin ich ja mit meinem Umstieg auf Kubuntu auch schon von Ubuntu weg….

Uwe · 24. September 2012, 08:44

Ich sehe das nicht als Werbung. Es sind als aller erstes Suchergebnisse. Werbung wären zum Beispiel Banner wie bei vielen kostenlosen Android Apps.

Ich habe kein Problem mit einer Shopping Lens. Was allerdings stört ist die Platzierung in der Home Lense. Da gehört das nicht hin

— burli · 24. September 2012, 08:54

Hi,

wie bereits gesagt, war ja Ubuntu schon immer kommerziell. Allerdings kann ich Deine Meinung bzgl. “Debian” NICHT teilen.

Wenn, dann müsste es heissen, es gibt eine kommerzielle Variante von “Debian” die sich “Ubuntu” nennt.

“Debian” als nichtkommerzielles “Ubuntu” zu bezeichnen ist schon heftig. Die Stabilität eines “Debian” Stable, wird “Ubuntu” niemals erreichen. Ich würde sogar behaupten, dass ein “Debian” Testing mind. genauso stabil läuft, wie ein “Ubuntu” LTS.

Ansonsten nix für ungut, mach so weiter. Ist ein prima Blog.

bye sudo

— sudo · 24. September 2012, 10:14

Danke für den gut geschriebenen Artikel.

burli:
Ich sehe das nicht als Werbung. Es sind als aller erstes Suchergebnisse. Werbung wären zum Beispiel Banner wie bei vielen kostenlosen Android Apps.

Mit so einer Meinung dürftest du ziemlich alleine da stehen.
Wenn es so aussieht wie hier ist es schlichtweg Werbung.
Auch wenn das nicht alle Ubuntu Fans war haben wollen.

— Bayliner · 24. September 2012, 10:22

“Debian” als nichtkommerzielles “Ubuntu” zu bezeichnen ist schon heftig.

Eigentlich versuche ich Smileys bei ironisch gefärbten Aussagen zu vermeiden, das werde ich nun nochmal überdenken. ;-) Anders ausgedrückt: Das war nur eine Schlusspointe. Der Witz funktioniert natürlich nur, wenn man weiß, dass Ubuntu ein Debian-Ableger ist, aber so viel Wissen setze ich bei meinen Lesern einfach mal voraus, das hier ist schließlich das Pinguinzubehör und keine Verblödungs-Journaille.

Pinguinzubehör · 24. September 2012, 17:01

“oder die auch schon von anderen Distributionen bekannten Verträge mit Suchmaschinenanbietern”

Das ist doch bei Ubuntu auch der Fall, oder? Seit eh und je ist Google die voreingestellte Startseite im Firefox und auch das Schnellsuchfeld enhält eine Auswahl von Anbietern. Afaik bekommt Canonical doch dafür Geld von Mozilla, oder nicht?

— gtr · 25. September 2012, 21:00

Afaik bekommt Canonical doch dafür Geld von Mozilla, oder nicht?

Ich bin mir nicht sicher, ob Canonical eine eigene Vereinbarung mit Google hat oder ob dies über Mozilla läuft. Da Google aber eben auch beim Ubuntu-Firefox Standardauwahl ist, spielt es keine große Rolle. Angespielt werden sollte damit vor allem darauf, dass Linux Mint es anders macht und statt dem gewohnten Google im Firefox-Suchfeld Yahoo verwendet.

Pinguinzubehör · 25. September 2012, 21:29

Ach. SuSE galt als tolles anwenderfreundliches Linux, bis es von Novell aufgekauft wurde. Dann kam Ubuntu. Ubuntu wird auch seinen Nachfolger finden. So bleibt es wenigstens spannend.

dasuxullebt · 30. September 2012, 15:54

Novell ist weg vom Fenster. Attachmate hat bei der Übernahme SUSE wieder eigenständig gemacht. Das openSUSE Projekt kommt ohne jegliche Form der Werbung aus. Dahinter steht eine Firma, die tatsächlich mit ihrem Produkt Geld verdienen können ohne eine etablierte Distribution zu klonen, lila einzufärben und die Oberfläche gegen Eigenentwicklungen auszutauschen bloß um merkwürdige Bedienkonzepte mit Affiliate-Link-Programmen (ganz klar Werbung) zu kombinieren.

— Matthias · 18. Februar 2013, 19:39

Ich habe schon gemerkt das Ubuntu komerziel ist das sieht man Ubuntu one ich bin auch für ehrliche Werbung aber ich möchte gefragt werden und diese aufgebrexelte Programme strappazieren den Autostart unheimlich da war Ubuntu anfangs anders

— Ralle · 2. Januar 2014, 00:13

Es stimmt zwar Google ist voreingestellt ist bei Feuerfuchs so nenn ich den Burschen von Mozilla aber er ist verändern nimmt man Yahoo hat Werbung und wenn das gesuchte auf den 1000ste Platz ist nützt es mir bei Bing auch nix handverlesen wird überall

— Ralle · 2. Januar 2014, 00:21

Werbung unter Linux?

Nun da hatte ich schon unter XP keine Probleme mit.
Die Komponenten lassen sich ja so anpassen wie man will.
Ein wenig Geduld und viel Lesen im Web bringt Wissen und Erkenntnis. :-)

Werbeblocker/Surfverhalten/Proxywechsel
ZB:

Im Firefox:

https://adblockplus.org/de/firefox

https://www.ghostery.com/de/

http://www.stealthy.co/

Bei Ubuntu ist die Unity-Oberfläche DAS Schlimmste was ich je sah, nach ca. 6 Stunden bin ich auf Lubuntu umgestiegen und bin sehr zufrieden. Vorallem wenn man bedenkt das ich “nur” Endanwender bin.

— Linux-Neuling · 31. Mai 2014, 00:40

Ähmm Sorry

kleiner Nachtrag:

Wem Google zu launig ist dem sei das hier empfohlen:

https://ixquick.de/deu/

https://ixquick.de/deu/top-ten-ways-ixquick.html

— Linux-Neuling · 31. Mai 2014, 00:47

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