Eine Zentrale für Open-Source-Blogger: der OSBN-Gründer im Interview

25. September 2012

Weiter geht’s mit den Interviews aus dem Open-Source-Bereich. Nachdem wir bereits das Ikhaya-Team im Fadenkreuz hatten, nehmen wir diesmal die Konkurrenz unter die kritische Lupe: das gerade frisch entstandene Open-Source-Blog-Netzwerk.

Seit kurzer Zeit macht OSBN den etablierten Planeten Konkurrenz und will das Rad der Open-Source-Metablogs neu erfinden. OSBN macht manches anders als andere, so gibt es ein eher laxes Regelwerk und lediglich Anreißertexte im „Planeten“, der sich hier „Ticker“ nennt. Der Grund dafür liegt darin, dass das Netzwerk darauf ausgerichtet ist, die Angebote der einzelnen Blogs nicht zu ersetzen, sondern zu ergänzen.

Auch hat man von den Problemen der anderen gelernt und gruppiert z.B. die Beiträge nach Autoren, um eine Überflutung des „Planeten“ durch Einzelne zu vermeiden. Auch Wenig- oder Seltenschreiber gehen daher bei OSBN nicht unter. Das OSBN wurde jedoch unter anderem auch gegründet, um die Abhängigkeit von Open-Source-Seiten von der Plantenaggregierung zu reduzieren. Doch muss man fragen, ob auf diese Weise nicht schon wieder neue Abhängigkeiten entstehen. Für Pinguinzubehör Grund, dem Initiator des Netzwerks, Valentin alias picomol, diese und andere Fragen zu stellen.



1.) Warum Planeten nicht der Weisheit letzter Schluss sind, hast du hier bereits ausführlich dargelegt. Im Moment sieht der „OSBN-Ticker“ aber fast genauso aus: eine Blogsammlung (mit zusätzlichem angeschlossenem Forum). Was soll das Netzwerk anders machen als die Planeten, was unterscheidet es aus Lesersicht von den übrigen Planeten?

Valentin: Ein Unterschied, den man zwar gleich sieht, dem aber wohl zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist die Tatsache, dass Artikel nicht vollständig angezeigt, sondern nur angerissen werden. Bei Planeten ist es meist so, dass Artikel im Volltext angezeigt werden müssen. Diese Anforderung bringt genau einer Benutzergruppe etwas, und zwar den Lesern, die alle Artikel vollständig lesen. Sie müssen die Seiten nicht einzeln aufrufen, sondern können die Artikel durchscrollen. Für alle anderen Benutzergruppen und auch Blogger haben vollständige Artikel Nachteile.

  • Vollständige Artikel machen Planeten meist unübersichtlich (und das Mausrad kaputt).
  • Durch das Fehlen der Volltext-Anforderung sind im OSBN auch Blogs dabei, die bei traditionellen Planeten aufgrund der Volltext-Anforderung nicht mitgemacht hätten.
  • Besucher, die sich für den Artikel interessieren und ihn lesen wollen, kommen auf den Blog, was den Blogger natürlich freut.
  • Die meisten Blogger bieten vollständige RSS-Feeds an. Da es keinen (vollständigen) Gesamtfeed aller Blogs gibt, wird der Leser dazu verleitet, für ihn interessante Blogs einzeln zu abonnieren.
  • Abgesehen vom Artikel-Ticker bietet das Blognetzwerk aber noch mehr, wie zum Beispiel ein Forum, in dem Blogger miteinander diskutieren können, sowie eine eigene Blogseite, auf der allgemeine Informationen zu jedem Blog zu finden sind.

Wie man hier sieht, gibt es Vorteile für beide Seiten, also Blogger und Leser.

2.) Was meinst Du mit „für alle anderen Benutzergruppen“, neben den Bloggern selbst?

Damit meine ich die, die nicht jeden Artikel vollständig durchlesen. Sie lesen sich den Titel und vielleicht die ersten beiden Sätze durch und entscheiden dann, ob sie den Artikel lesen wollen oder nicht. Wollen sie ihn nicht lesen, müssen sie trotzdem die Gesamtlänge des Textes „wegscrollen“, was bei teilweise sehr langen Artikeln auch recht nervig werden kann. Ich persönlich lese zu Artikeln, die mich interessieren, auch gerne die Kommentare anderer Leser, weshalb mir das Aufrufen der eigentlichen Blogseite trotz der Volltextartikel in Planeten nicht erspart bleibt.

3.) Hat das Verfolgen des Tickers für Nicht-Blogger, also reine Leser, denn dann überhaupt einen Sinn, wenn sie sowieso die Feeds der Blogs alle selbst abonnieren müssen? Warum sollte ein Leser später nochmal wiederkommen und regelmäßig den Ticker verfolgen, nachdem er sich einmal einen Überblick verschafft hat? Fehlt da gerade für den Leser nicht ein echter Mehrwert, außer einer Übersicht über existierende Blogs?

Wenn ich mich so in meiner Bekanntschaft umschaue, dann bemerke ich, dass die wenigsten Menschen einen RSS-Reader verwenden. Und auch unter technikaffinen Internet-Nutzern findet sich nur ein gewisser Prozentsatz an denjenigen, welche regelmäßig ihre Feeds durchsehen. Gerade Nicht-Feed-Nutzer sollten sich also wohlfühlen. Doch auch für Feed-Abonnenten kann es von Vorteil sein, Blogs, die positiv im Artikelticker des OSBN auffallen, einzeln zu abonnieren. Ich persönlich schmeiße Blogs auch regelmäßig aus meinem Feed-Reader, wenn ich bemerke, dass ich deren Artikel eigentlich nie lese, aus welchen Gründen auch immer.

4.) Warum gibt es keinen RSS-Feed im Ticker?

Derzeit gibt es noch überhaupt keinen RSS-Feed, da ich einfach noch keine Zeit hatte, einen zu basteln. Die Prioritäten liegen derzeit irgendwo anders. Allerdings wird es in Zukunft einen RSS-Feed geben, wenn auch keinen Volltext-RSS-Feed. Erstens wären einige Blogger damit nicht einverstanden und zweitens steht es dem Leser wie bereits weiter oben angesprochen frei, den RSS-Feed der einzelnen Blogs zu abonnieren.
Anm. d. Red: mittlerweile gibt es einen RSS-Feed unter osbn.de

5.) Wie kam es zu dem Namen „OSBN“?

Wie man zu solchen Namen kommt, weiß man nachher wohl nie mehr so genau. Auf jeden Fall finde ich, dass der Name (also Open-Source-Blog-Netzwerk) das Ganze recht gut beschreibt oder zumindest das beschreibt, was es irgendwann sein soll. Außerdem war die Domain des Akronyms noch frei ;-).

6.) Du selbst hast Deinen Standort in Österreich, das Netzwerk läuft jedoch unter deutscher Top-Level-Domain und unterliegt ausdrücklich deutschem Recht. Weshalb nicht osbn.at oder gleich länderübergreifend .org?

Ich bin selbst gar kein Österreicher, sondern studiere nur dort. Ich lebe normalerweise in Italien bzw. Südtirol. Die .org-Domain wäre eine Alternative gewesen, war aber nicht mehr verfügbar. Das österreichische .at finde ich nicht besonders toll, da die meisten Besucher wohl aus Deutschland auf die Seite zugreifen und dort .at nicht exotisch, aber bei weitem nicht so bekannt ist wie .de.

7.) Das ganze nennt sich Netzwerk: worin besteht die Netzwerkeigenschaft? Ein Dutzend Blogs ist schon dabei, „genetzwerkt“ wurde bislang aber nicht. Wie soll das künftig genau funktionieren?

Allein durch die Tatsache, dass mitmachende Blogger von den anderen Blogs wissen, bzw. auch deren neue Artikel mitbekommen, sollte die interne Verlinkung zwischen den Blogs zunehmen. Doch auch das Forum spielt eine wichtige Rolle. Blogger können im Forum an Projektideen arbeiten und in flexiblen Gruppen diese auch verwirklichen. So weit die Theorie: Inwieweit das in der Praxis auch so funktioniert, wird die Zukunft zeigen. Ich bin aber, auch aufgrund der sehr positiven Reaktionen bis heute, auf jeden Fall zuversichtlich.

8.) Planeten werden entweder vom Betreiber (oder einem Team in dessen Namen) reglementiert oder aber sind selbstverwaltet. Wie wird das OSBN organisiert sein?

Meine Absicht ist es nicht, alles von oben herab zu bestimmen. Ich halte mich gerne an gute Vorschläge aus dem Forum und mag es in der Diskussion mit anderen zu einem guten Ergebnis zu kommen. Irgendwann wird es wohl auch so etwas wie ein Team geben. Ob das Team nun bestimmt oder gewählt wird oder jeder registrierte Blogger automatisch zum Team gehört, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall bin ich für Vorschläge dahingehend offen.

9.) Ist OSBN also eher für die Schreibenden statt für die Lesenden gedacht?

Nein. Beide Gruppen sollten im Endeffekt etwas davon haben.

10.) Die Regeln in manchen Planeten sind mitunter sehr eng gefasst und halten Blogger bisweilen davon ab, sich langfristig dort aggregieren zu lassen. Wie viel Kontrolle und Regeln gibt es im OSBN?

Die Erstellung eines Regelwerks ist noch nicht abgeschlossen. Für den Anfang haben wir uns allerdings darauf geeinigt, die Einstiegshürde für Blogger so niedrig wie möglich zu halten. Blogger sollen mitmachen können, ohne irgendwie Nachteile durch das Netzwerk zu haben. Im Laufe der Zeit wird sich zeigen, ob Bedarf an zusätzlichen Regeln besteht.

11.) Inwieweit ist Deine Unzufriedenheit mit der Administration des Ubuntuusers-Planeten für die Entstehung des OSBN verantwortlich? Ist OSBN die direkte Antwort auf die Unflexibilität von Planeten?

Eigentlich hat die Gründung des Projekts recht wenig mit meiner Unzufriedenheit gegen irgendwelche Administratoren zu tun. Das System „Planet“ gefiel mir einfach nicht. Gleichzeitig fiel mir aber auf, dass die Open-Source-Blog-Community nicht wirklich groß ist und irgendwie zusammengehalten werden muss.

12.) Nach den Statuten kann praktisch jedes Blog dabei sein, theoretisch reicht es, einmal einen Bericht zu veröffentlichen, der mit Open Source zu tun hat. Damit kann quasi jedes Weblog aufgenommen werden, das schon mal über die eigene Wordpress-Installation berichtet hat. Ist dieses Reglement nicht zu weit gefasst bzw. artet das nicht irgendwann in einen reinen Webkatalog aus, wenn es kaum Regeln gibt, die die Teilnahme beschränken?

Da hast du wahrscheinlich Recht. Für die Zukunft wird man die Aufnahmekriterien sicher etwas enger fassen müssen. Die Qualität und Themenrelevanz der mitmachenden Blogs ist sehr wichtig, damit die Seite dem Besucher auch einen Mehrwert bietet. Aber wie gesagt: Damit das Projekt anfangs etwas in Fahrt kommt, wollten wir auf ein überlanges Regelwerk erstmal verzichten. Bisweilen hat sich das noch nicht negativ bemerkbar gemacht.

13.) Wie groß darf das OSBN werden, wann wäre für Dich eine Grenze erreicht? Sind 50, 100 oder 200 Mitglieder noch sinnvoll in einem einzigen Ticker unterzubringen?

Ich denke nicht, dass es eine obere Mitgliedergrenze geben sollte. Man muss bedenken, dass bei einem sehr großen Teil der Blogs nur in unregelmäßigen Abständen neue Artikel veröffentlicht werden. Und auch wenn es irgendwann so sein sollte, dass eine Vielzahl von Artikel (vielleicht 20, 30, 50) pro Tag eintrudeln, dann muss halt gruppiert, zusammengefasst und kategorisiert werden. Das sind alles Dinge, die umsetzbar sind.

14.) Beiträge im OSBN-Ticker werden bereits nach Anbietern gruppiert, um mehr Gerechtigkeit bei der Platzierung von Beiträgen zu erreichen. War das so gewünscht oder ist das eine vorsorgliche Maßnahme?

Das hat damit zu tun, dass einige Blogs, wie z. B. Newsblogs, viel aktiver sind als andere. Damit Artikel von Blogs relativ weit oben aufscheinen, auch wenn diese weniger häufig Artikel verfassen, werden Artikel nach Blogs gruppiert. Diese Gruppierung hatte ich eigentlich von Anfang an im Kopf, da ich das Problem aus dem Ubuntuusers-Planeten kannte. Allerdings schrieb mich auch Jürgen von bitblokes.de vor seiner Registrierung an, um zu fragen, ob es ein Problem wäre, wenn er dem Netzwerk beitreten würde. Er war sich nämlich dem Problem bewusst, dass er bei einer einfachen Auflistung durch seine hohe Artikelfrequenz alle anderen Artikel sehr schnell nach unten und damit in die ewigen Abgründe schieben würde.

15.) Sind auch Beiträge zu anderen Themen als Open Source im Ticker erlaubt?

Nein, im Ticker scheinen nur Artikel auf, die etwas mit Open-Source zu tun haben. Sehr viele Blogs sind keine reinen Open-Source-Blogs, deshalb müssen bei der Registrierung zwei Feeds angegeben werden; ein voller Feed, bei dem alle Artikel aufscheinen, und ein Feed, der nur Open-Source-Artikel ausliefert.

16.) Ist es sinnvoll, wenn Blogs beim OSBN und bei Planeten gleichzeitig eingetragen sind, oder sollte sich ein Blogger auf nur eine Mitgliedschaft konzentrieren?

Das ist natürlich jedem Blogger selbst überlassen. Eine Mitgliedschaft beim einen schließt eine Mitgliedschaft beim anderen Projekt ja keineswegs aus.

17.) Viele Blogger sind schon jetzt nicht nur in einem Planeten, sondern gleich in mehreren vertreten. könnte es nicht die Leser verschrecken oder irgendwann nerven, wenn nun noch mehr Quellen dasselbe anbieten, man überall dieselben Inhalte vorfindet, nur unter anderem Namen?

Das finde ich nicht. Im Endeffekt wird sich jeder Leser für die Seite entscheiden, die ihm besser gefällt. Wenn er es wichtig findet, dass Artikel in voller Länge angezeigt werden, wird er bei Planeten bleiben. Ist ihm das nicht so wichtig und findet er im OSBN-Ticker Blogs, die er sonst nicht antreffen würde, wird er letzteren Dienst nutzen.

18.) Neben dem „Ticker“ (also der Planeten-ähnlichen Sammlung der Veröffentlichungen der Mitglieder) gibt es auch ein Forum. Ist dies nur für die Mitglieder gedacht, oder wird es einmal auch für die Leser zur Verfügung stehen?

Das Forum ist bereits jetzt für jedermann offen. Jeder, der Lust hat, kann sich dort registrieren und mitdiskutieren oder Fragen stellen. Es gibt auch für jeden eingetragenen Blog ein eigenes Unterforum. Der Betreiber des dazugehörigen Blogs hat dabei die Moderatoren-Rechte und kann mit dem entsprechenden Unterforum damit mehr oder weniger machen, was er möchte. Ich habe mir als Blogger manchmal ein kleines Forum gewünscht. Ein eigenes Forum für so einen kleinen Blog ist aber meist die Mühe nicht wert.

19.) Wird OSBN deshalb irgendwann einmal zu einem zweiten Ubuntuusers o.ä. werden?

Sicherlich nicht. Für Support-Anfragen zu einem Betriebssystem ist das OSBN nicht gedacht. Allerdings wäre es doch schön, wenn sich mit der Zeit eine kleine, feine Community herauskristallisieren würde. Als Maßstab die Ubuntuusers-Community heranzuziehen, fände ich dann aber doch ziemlich vermessen ;-).

Vielen Dank für das Interview!

Disclosure: Pinguinzubehör ist Mitglied sowohl im ubuntuusers.de-Planeten als auch bei OSBN.


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Kommentare

Wichtig finde ich, dass jeder aufgenommene Blog eine Kommentarfunktion bietet. Ich finde es zum Teil nervig, dass auf dem uu.de planeten einige Blogs keine Kommentare zulassen (wie z.B. barfoos) zum Teil aber inhaltlich falsche Dinge enthalten, ohne dass man eine Chance hat darauf zu reagieren.

— Marcus Moeller · 25. September 2012, 22:12

Danke für die interessanten Interviews, lese ich sehr gerne bei dir. Liefert immer Erkenntnisse, die ich noch nicht kannte.

Patrick · 25. September 2012, 23:19

Hey,

danke für den Artikel. Das OSBN kannte ich bisher noch gar nicht. Schöne Sache …

— Linuxsusefan · 26. September 2012, 07:27

Ich finde es seltsam, dass du scheinbar auf ubuntuusers herumhackst. Sofern du ein Problem mit der dortigen Community hast verwundert es mich sehr, dass du dort vertreten bist.

— Linuxsusefan · 26. September 2012, 21:09

Ich vermute es geht um

Inwieweit ist Deine Unzufriedenheit mit der Administration des Ubuntuusers-Planeten für die Entstehung des OSBN verantwortlich

— Pink Panther · 29. September 2012, 12:38

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