Wieso gibt‘s das nicht auch für Windows?

19. Dezember 2010

Die Kollegen von Virtualpixel beklagten neulich die mangelnde Verfügbarkeit von funktionierenden Programmen unter Linux. Eine Antwort.

Ich finde Windows toll. Man muss sich nicht mehr für eine von Dutzenden Oberflächen entscheiden, sondern bekommt eine schöne Startleiste, schicke Symbole auf dem Desktop und kann sogar ein paar Einstellungen vornehmen.

Aber die ganzen netten Programme … ich würde sogar dafür bezahlen, dass mir jemand die unter Linux verfügbaren Sachen gescheit unter Windows anbietet … doch die lachen alle nur und entwickeln stur für Linux weiter.

Warum stürzt Evolution unter Windows immer ab und wieso gibt‘s das nichtmal in ‘ner aktuellen Version? Wieso sieht Geany unter Linux besser aus? Wieso laufen die ganzen Terminalprogramme da nicht? Warum muss ich für virtuelle Desktops ein Extra-Programm installieren? Wieso muss ich Zusatzprogramme kaufen, wenn ich ein anderes Theme möchte?

Wieso muss ich für das Office mehr bezahlen, als das ganze Betriebssystem kostet? Und wieso muss ich erst zweimal bei Microsoft anrufen, um sowohl das Office als auch das System überhaupt benutzen zu können?

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Ernsthafter: Als Linux vor ein paar Jahren allmählich desktoptauglich wurde (genau genommen in dem Moment, als es mit OpenOffice eine ernstzunehmende Bürosoftware gab und der Mozilla-Browser auch für Linux entwickelt wurde), war man froh über jedes Programm, das eine Funktionalität übernahm, die man auch von Windows-Programmen kannte. Vor allem KDE leistete hier Pionierarbeit.

Inzwischen ist es oft umgekehrt. Man ist froh, dass man viele nützliche oder gar alternativlose Programme aus der Linuxwelt mittlerweile auch unter Windows nutzen kann – und das ohne Lizenzkosten (so mancher z.B. hält OpenOffice heute ja sogar für eine Linux-Erfindung, die es nun auch für Windows gibt): GIMP, Pidgin, Geany, Sylpheed, Claws-Mail, Gedit, Evolution, Abiword, NVU/Kompozer, Evince, Scribus. Nicht zu vergessen auch Safari und alle Webkit-Klone einschließlich Google Chrome, die ohne Vorarbeit von KDE wohl kaum das Laufen gelernt hätten.

Typische Linuxprogramme unter Windows

Das hat kurioserweise dazu geführt, dass man heutzutage fast jede Aufgabe unter Windows auch mit GPL-Software erledigen kann, wenn man es darauf anlegt.

Auf der anderen Seite stimmt die Kritik natürlich: viele Windows-Programme, vor allem die populären, großen, kommerziellen, gibt es nicht für Linux, was angesichts des Nischendaseins von Linux auf dem Desktop aber auch nicht verwundern darf. Aufwand und Nachfrage stünden in keinem akzeptablen Verhältnis, gerade auch weil die Linux-Community für die meisten kommerziellen Programme Alternativen bereithält. Das hat auch die Vergangenheit gezeigt: Corel WordPerfect gab es z.B. schon einmal für Linux, wurde aber wieder aufgegeben.

Optimisten hoffen weiterhin, dass sich das irgendwann in naher Zukunft einmal ändern wird – und Ansätze wie die von Ubuntu mit dem „Software-Center“ bieten vielversprechende Voraussetzungen für eine Entwicklung in diese Richtung. Wirklich ändern dürfte sich in dieser Hinsicht jedoch erst etwas, wenn Linux tatsächlich eine größere Verbreitung findet. Ob das realistisch ist, ist jedoch eine andere Frage.

Doch wenn man Windows-Programme möchte oder benötigt, dann ist Linux derzeit leider tatsächlich immer noch eine schlechte Wahl, außer man tut sich Basteleien mit Wine an. Wer eigentlich ein „freies Windows“ will, sollte ReactOS in ein paar Jahren eine Chance geben, statt zu beklagen, dass es Programm X oder P nicht für Linux gibt. Wenn man jedoch die Zeit und Bereitschaft aufbringt, sich ggf. mit Alternativen anzufreunden (sofern möglich oder nötig), dann ist Linux auch für den nichtprogrammierenden Anwender ein regelrechtes Computerparadies: das komplette System inklusive riesigem Programmpool gibt es fast immer kostenlos – und das sogar noch von Dutzenden „Herstellern“ und in verschiedenen „Geschmacksrichtungen“; für Einsteiger, Fortgeschrittene, Privatnutzer, Firmen, Server, Desktop, alte oder neue, kleine oder große Rechner.


aus der Kategorie: / Tratsch /

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Kommentare

Mir gehts mittlerweile so, dass ich mich bei so einigen Programmen und Einstellungen frage: Warum gibs das nicht für Windows? Windows vermisse ich nur beim Abspielen von Radiosendern, die als Flashplayer daherkommen. Das läuft einfach unter Windows flüssiger. Für anderes muss ich noch Ersatz finden, aber ich denke, auch das wird mit der Zeit kein Problem sein, ich stehe ja schließlich erst am Anfang.
Und in puncto Farbanpassung ist Linux sowieso tausendmal besser als Windows. Es bleibt am Ende wirklich nur wenig, weshalb ich auf Windows noch nicht ganz verzichten kann.

— Löwente · 19. Dezember 2010, 12:21

Sehr schöner Eintrag. Der beste uude-Planeten-Beitrag, den ich seit längeren gelesen habe, also abgesehen von dem glorreichen 8-Fragen-Paraden-Beitrag hier. ;)

Es ist zwar deultich häufiger, dass es keinen Linux-Port von Windows Programmen gibt, aber es geht auch umgekehrt.

Und gerade bei sog. ‘Software für Profis’ legt man in der Windows-Welt schnell mal Geld hin. Wenn das dann die Frima kauft, isses nicht ganz so schlimm, aber der fade Beigeschmack bleibt bei mir…

Gruß

Igby · 19. Dezember 2010, 12:21

Guter Beitrag.

Die Firma, in der ich arbeite, zaht für diverse Software nicht nur ‘ne Menge, sondern viele Mitarbeiter beklagen sich über nicht benutzerfreundliche Programmierung. Meiner Erfahrung nach ist Linux doch ein ganzes Stück benutzerfreundlicher.

Grüße

— Jimmy70 · 19. Dezember 2010, 12:45

Wieder einmal ein sehr schöner Artikel von dir!

Ich bekenne mich als einer deiner Stillen Leser und nutze diesen Post um mich einmal bei dir für deine vielen Interessanten Beiträge zu bedanken.

Mach weiter so!

Viele Grüße

— Gear · 19. Dezember 2010, 13:13

Um mal Deine Fragen zu beantworten:

1.) Evolution ist einer der grauenvollsten Mail-Clients wo gibt. So lang ein solches Tool nicht mal gescheit Contacts verwalten kann, hat es keine Existenzberechtigung.

2.) Das liegt an GTK. Geany würde auch unter KDE shicendreck aussehen. Von daher auch kein echtes Argument. Zumals unter Win eh bessere Editoren gibt.

3.) Laufen Sie. Nich im gleichen Umfang, aber mit der PowerShell ist da einiges nachgerüstet worden. Grundsätzlich ist das halt historisch bedingt und unterdessen eigentlich auch zu nerdy für die Masse.

4.) Liegt halt auch am Windowmanager. Wenn man immer alles vom anderen cloned, cloned man halt auch irgendwann versehentlich die virt Desks mit. Ich selber brauch die nicht. Ich hab genügend TFTs.

5.) Musst Du nicht. Genügend Wissen über Windows und Admin-Rechte würden reichen.

6.) Weil es wahrscheinlich seltener verkauft wird und wahrscheinlich auch weil einfach mehr Arbeit drin steckt. Die Office-Lösungen sind schon ziemlich Pro. Da kann ich M$ noch so shice finden, aber da haben se einfach die Nase vorn. Wahrscheinlich auch weil se nich so Kinkerlitzchen wie OOo und Libre machen und sich stattdassen aufs entwickeln konzentrieren.

7.) Lizenzbedingt. Und wenn die Kunden dauernd die Software klauen muss man sich als kapitalistisch orientiertes Unternehmen natürlich was einfallen lassen. Schön ist die Lösung IMHO nicht, aber verstehen kann ich sie. Juckt mich allerdings auch wenig, weil ich werd mit sowas nicht konfrontiert.

Grundsätzlich kann ich Dir zu deinem Post nicht zustimmen. Es gibt (allein auf Grund des GTKs) tonnenweise GPL-Software für Win und das bereits fast schon seit Jahrezehnten. Was es unter Linux nicht gibt ist wie oben bereits erwähnt Adressverwaltung. KDE hat hier gerade mal eine brauchbare Lösung auf die Beine gestellt und die brauch min. eine Datenbank und 3 Milliarden Performance-Fresser. Hier gibts einen Entwicklungsrückstand von mehreren Jahren. Es fehlt unter X auch an entscheidender Software fürs allgemeine Leben die ich gern ohne Xp-vBox benutzen würde. Da Wine nicht wirklich gut funktioniert fang ich damit erst gar kein gebastel an. Aber ohne Win-Instanz wär ich schon verloren. Andersrum hätt ich weniger Probleme. Mach mal Deine ELSTER mit GPL-Software =D

ReactOS wurde im übrigen schon vor 10 Jahren hoch gepriesen. Dieses Projekt wird sich nie durchsetzen. Allein weils dafür keinen Markt gibt. Und wenn die damit irgendwann mal fertig werden …

Die ganze Situation wird sich erst gravierend ändern, wenn Linux massive Verbreitung in Unternehmen findet. Denn dann ist damit Geld zu verdienen. Das braucht aber noch locker 20 Jahre, weil derzeit zu viele Manager und Angestellte mit alternativer Software überfordert sind. Ist halt ne Generationenfrage. Wenn nur noch Leute am Drücker sind, die mit Rechnern aufwuchsen, wird sich sehr viel ändern.

— foo · 19. Dezember 2010, 13:15

Ich glaube eher dieses problem geht darauf zurück, dass der POSIX Standard nicht vom Markführer (Microsoft) eingehalten wird und es keinen Vergleichbaren Standard gibt. Leider wird es von Microsoft warscheinlich auch kein einlenken geben, sodass die Portirung auf ein anderes Betriebssystem immer so arbeitsaufwendig ist wie die das Neuschreiben.

— Philipp · 19. Dezember 2010, 15:05

Natürlich gibt es Programme, die, dem einem oder anderen, fehlen.
Dieses Problem ergibt sich in beide Richtungen. Da es mehr Software exklusiv für Windows gibt, ist das Problem für Windows-Umsteiger ein wenig größer.

Marco · 19. Dezember 2010, 15:42

Ich sehe das genauso. Es gibt einfach viele Linux-Software, die ich nicht mehr missen möchte, die jetzt erst langsam (und mit unterschiedlichem Erfolg) auf Windows portiert wird.

Für mich war das einer der Gründe, auf Linux zu wechseln. Ich habe damals Scribus gefunden. Unter Linux lief das sofort, unter Windows brauchte man damals noch Cygwin, schon die Installation war eine Tortur. Auch Inkscape läuft unter Linux oft besser als unter Windows.

Bei der Softwareentwicklung merke ich jetzt selbst, dass es dank quickly, Launchpad, PPAs etc. angenehm unkompliziert ist, Software für Linux zu entwickeln und zu verteilen. Auch wenn ich nach Möglichkeit darauf achte, nicht plattformspezifisch zu programmieren, scheue ich dann doch den Aufwand, meine Programme noch mal für Windows zu testen, zu packen, etc.

Ich vermute, dass das in der Konsequenz dazu führt, dass es gerade kleine, aber nützliche Programme für Linux als OpenSource gibt, während sie für Windows als Shareware o.ä. vertrieben werden.

Fredo · 19. Dezember 2010, 15:48

Ich habe vor 4 Jahren Ubuntu als mein erstes Linux System getestet, 3 Tage später habe ich mit Windows nichts mehr zu tun haben wollen. Ubuntu ist schneller, stabiler, schöner, individueller, sicherer und aktueller.

Das einzige was ich vermisse? Reason4

Johannes · 19. Dezember 2010, 16:12

Sowohl der Vergleich bei VirtualPixel mit MacOS und hier scheint mir eher am Thema vorbei zu sein (Pardon!). Ein “Otto-Normal-Anwender” kann eigentlich mit jedem der drei “großen” Betriebssysteme seine Aufgaben erledigt bekommen. Ob man nun einen Windows-Rechner, einen Apple oder ein Linux/Ubuntu verwendet, ist eigentlich egal. Man kann e-mails schreiben, den Brief an den Vermieter oder an das Finanzamt schreiben und ausdrucken, die Fotos verwalten und im Internet nach den neusten Angeboten bei Aldi schauen.

Das Betriebssystem spielt eigentlich nur noch dann eine Rolle, wenn man eine Spezialaufgabe zu lösen hat: z.B. professionell eine Web-Seite mit Flash-Elementen gestalten pder ein .Net- oder iPhone-Programm schreiben muss etc.

Bei MacOS und bei Ubuntu kommt aus meiner Sicht noch der positive Aspekt hinzu, dass der Benutzer mit relativ (!) guten Sicherheitsvoreinstellungen auf die (Internet-)Welt losgelassen wird. Bei MacOS habe ich weiterhin festgestellt, dass die “Supportanfragen” geringer sind.

Macken haben aber alle Betriebssysteme… leider.

— Michael Thomas · 19. Dezember 2010, 22:55

Eine Aufgabe kann der “Otto-Normal-Anwender” kann eigentlich mit jedem der drei “großen” Betriebssysteme seine Aufgaben erledigen.

Nur meist nicht auf jeder Hardware.
Hier hat Linux eindeutige Nachteile, wer schon einmal stundenlang versuchte nur einen neuen Drucker, Grafikkarte oder Featchers des Motherbords, Prozessors ect, unter Linux zum laufen zu bekommen weiß das.
Dann wünscht man sich schon einenmal eine simple Treiber Doppelklick Installation wie unter Windows.

— basic · 21. Dezember 2010, 12:33

Man sollte bei solchen Vergleichen MacOS nicht außen vor lassen. Ich habe letztes Jahr mal ne Aufstellung meiner ganzen genutzten und gewünschten Programme gemacht bezüglich der Verfügbarkeit auf Windows/Linux/MacOS. Erstaunlicherweise war die größte Verfügbarkeit für den Mac zu haben. Immerhin wären da 100% meiner Programme verfügbar. Wenn nur die Hardware nicht so schweineteuer wäre…

Uwe · 23. Dezember 2010, 08:55

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