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Linux – das optimale System für „Ewiggestrige“

19. Oktober 2012

Was macht man, wenn ein neues Desktop-System zum Standard wird, das bisherige ablöst, aber man das alte lieber nicht aufgeben möchte? Man benutzt es einfach weiter. Während man sich auf proprietären Systemen irgendwann zwangsläufig von Gewohntem trennen oder sich Alternativen suchen muss, sorgt die Open-Source-Gemeinschaft dafür, dass auch (technisch) überholte Systeme weiterhin sicher und produktiv auf aktuellen Linuxversionen eingesetzt werden können.

Der Vorteil von Freier Software ist die immanente Freiheit. Für den Anwender bleibt es meist ein theoretischer Vorteil, die Open-Source-Eigenschaft ist politisch wichtig, aber vor allem für Programmierer. Im täglichen Betrieb spielt sie für den Nutzer jedoch keine Rolle. Doch manchmal wird der Vorteil freier Lizenzen und Quelloffenheit von Programmcode auch für den Computernutzer sichtbar.

Denn wo bei proprietären Systemen wie Windows oder Mac OS das Ende der Fahnenstange, d.h. der Verwendbarkeit des Systems erreicht ist, wenn der Hersteller den Support auslaufen lässt, bleibt einem mit Open-Source-Software ein Hintertürchen. Eine einzelne Firma kann das freie Programm nicht einfach aufgeben, es bleibt weiterhin für die Allgemeinheit erhalten. Während etwa Windows XP oder ältere Mac-OS-X-Versionen nicht mehr weiterentwickelt und neue Programme irgendwann dort nicht mehr laufen werden, der Nutzer also genötigt wird, auf neue Systeme umzusteigen, kann der Linux-Nutzer bei seiner liebgewonnenen alten Oberfläche bleiben, wenn er dies möchte.

Voraussetzung ist jedoch, dass sich jemand findet, der den alten Code weiterhin wartet. Wenn ein Projekt ein Produkt aufgibt und nicht mehr weiterentwickelt, können Dritte es einfach übernehmen und in Eigenregie weiterführen. Dieses essentielle Grundprinzip freier Software kommt nun nicht nur einzelnen Programmen, sondern auch den kompletten klassischen Linux-Desktops zugute.


Trinity-Desktop auf Fedora 17: Konqi darf bleiben, KDE wird zu TDE

Genau dies geschieht in letzter Zeit auffällig oft. Während bislang vor allem Projekte an sich geforkt wurden, weil man mit der Entwicklungsrichtung oder den Rahmenbedingungen unzufrieden war (etwa ganze Distributionen), oder Alternativprojekte initiiert wurden (wie zum Beispiel Gnome in Reaktion auf KDE), werden aktuell ältere, von den ursprünglichen Entwicklern aufgegebene Desktopumgebungen schlicht fortgeführt oder imitierende Produkte geschaffen.

Dass vor allem die beiden großen Linux-Desktops, Gnome und KDE, in ihren Vorgängerversionen einfach weitergeführt werden, obwohl technisch weiterentwickelte Nachfolger längst bereitstehen, ist ein bisher nie dagewesener Vorgang in der Linuxwelt. Statt das alte KDE 3 sowie Gnome 2 einfach ruhen zu lassen und sich mit deren Nachfolgern zu arrangieren, haben sich dieses Mal Bewahrer gefunden, die die Umgebungen am Leben und auf aktuellen Distributionen lauffähig halten.

Nur das Marken- und Urheberrecht macht den Desktop-Rettern einen Strich durch die Rechnung, die alten Produktbezeichnungen dürfen nicht übernommen werden. Somit bekommt das Kind einfach einen neuen Namen und neue Logos, lediglich die alte Bezeichnung stirbt, ansonsten kann’s weitergehen wie gewohnt. So wurde aus KDE 3 Trinity bzw. TDE, aus Gnome 2 wurde Mate. Die Anwender können „ihre“ Desktops – unter neuem Namen – nahtlos weiternutzen und müssen nicht auf neue Umgebungen migrieren, wenn sie nicht möchten.


Nautilus heißt nun Caja: Mate-Desktop auf Fedora 17

Großartige Neuerungen darf man bei diesen neuen alten Desktops jedoch nicht erwarten, denn die Zahl der Beteiligten ist im Vergleich zu den Mutterprojekten eher gering, im Grunde starteten solche Legacy-Projekte meist als Ein-Mann-Unternehmung. Die Traditionalisten unter den Desktopanbietern dürften sich daher auf den Erhalt des Status quo konzentrieren. Doch das könnte sich durchaus ändern, auch die heute großen Projekte haben mal klein angefangen. Theoretisch würde es reichen, wenn eine populäre Distribution einmal einen dieser Desktops zum Standard erheben würde – dies würde anzunehmenderweise einen enormen Schub bewirken. Wie es mit Mate und Trinity weitergeht, wird die Zeit zeigen. Derzeit sind sie jedenfalls noch das ideale Auffangbecken für Verächter der neuesten Desktop-Technologien und -Paradigmen, künftig könnten sie vielleicht einmal so etwas wie eine Nische im Desktopmarkt besetzen, vergleichbar mit dem heutigen XFCE oder LXDE. Auf diesem Wege erhält man eine erprobte Oberfläche auf einem modernen Unterbau, ohne Kompromisse beim Funktionsumfang eingehen zu müssen, der ein Wechsel auf etwa einen schlankeren Desktop mit sich bringen würde.

Trinity und Mate beweisen: Altes muss auch im Softwarebereich nicht veralten, wenn es sich bewährt hat und sich weiterhin engagierte Leute finden, die ein Projekt erhalten wollen – selbst wenn es auf veralteter Technik fußt.


aus der Kategorie: / Tratsch / Gnome & KDE

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Kommentare

Natürlich ist es schön wenn sich Leute finden die etwas “altbewährtes” weiterentwickeln wollen. Wenn dann allerdings Technische Inkompetenz und zu wenig Manpower zusammenkommen wird es kritisch. Einer der KDE Entwickler hat beispielhaft gezeigt wie die großartigen Entwicklungen bei Trinity aussehen: Die bestehen nämlich größtenteils aus search and replace Skripten die allerdings zu größzügig arbeiten und dadurch eigentlich den Code kaputtmachen. Bemühungen von veralteten Techniken wie DCOP oder HAL wegzukommen sieht man bei Trinity ebenfalls nicht, noch dazu wurde sogar jede KDE Anwendung geforkt, etwas das ich als Falsch erachte, insbesondere angesichts der Tatsache das eben viel zu wenig Entwickler vorhanden sind. Wie viele ungepatchte Sicherheitslücken sich in diesen Projekten finden lassen male ich mir besser nicht aus (wobei es bei Trinity sicherlich düsterer aussieht als bei Mate).

Ich begrüße daher eher Entwicklungen wie RazorQT oder Cinnamon die versuchen auf aktueller Technologie die alte Benutzererfahrung nachzuimplementieren. Das ist wesentlich zukunftssicherer. Entwickler denen KDE oder Gnome3 zu aufgebläht ist sollten lieber dort anfangen anstatt sich in scheinlebendigen Projekten zu engagieren. Dort können sie wesentlich mehr erreichen, zudem macht das Arbeiten mit modernen Technologien und Projekten, wo man tatsächlich noch seine eigene Note mit einbringen kann mehr Spass als das Verwalten von 10-15 Jahre altem Code.

— hefeweiz3n · 20. Oktober 2012, 10:28

Kurzer Realitätsabgleich: Wie Windows musst du auch Distributionen regelmäßig upgraden, sonst gibt’s keine Updates mehr. Tja.

— tux. · 20. Oktober 2012, 11:29

@tux:
Genau das seht in dem Artikel ja auch drin.

Der Unterschied ist nur, wenn MS irgendetwas nicht weiter unterstützen möchte, dann ist es eben tot. Niemand bekommt den Quellcode und kann das ganze fortführen.

Bei OpenSource kann man in dem Fall einfach selber das Projekt fortführen und Updates liefern. Da ist schon ein massiver Unterschied. ;-)

— Max · 20. Oktober 2012, 17:11

Im Artikel steht auch: “Aktuelle Distributionen”. Das ist der Punkt. Ganze Distributionen forkt niemand, egal, in welche falsche Richtung sie sich entwickeln. Das ist schade!

tux. · 20. Oktober 2012, 19:20

Was (wem’s) nicht passt wird eben Passend gemacht !!
Das ist das schöne an Open Source.

Im übrigen halte ich es gar nicht mal so sehr für verkehrt, wenn eine Minderheit versucht, alt bewährtes weiter zu führen.
Unity oder Gnome 3 geben genug anlass dzu.
Diese beiden als Maßstab für TECHNISCHE NEUERUNGN zu setzen halte ich für absoluten Humbug.

unprecises_pangolin · 20. Oktober 2012, 19:47

Haha, ja, Unity als “technische Neuerung”. WindowMaker mit Icons für Blinde. Wie innovativ!

tux. · 20. Oktober 2012, 20:16

Und ja, ich geselle mich gerne zu den „Ewiggestrige“n.
Mich mal oute :-)
Ähm, wie votet man eigentlich auf Distrowatch für seine lieblings Distri.? *fg

unprecises_pangolin · 20. Oktober 2012, 20:31

Indem man sie aufruft. ;)

tux. · 20. Oktober 2012, 20:52

Das mag ja kurzfristig funktionieren, aber was passiert, wenn diese “heldenmässigen” Entwickler, die das “Ewiggestrige” nun fortführen ebenfalls in die Jahre kommen (und aussterben)?
Dann steht man als dummer Benutzer da und hat all die Jahre nichts (neues) dazugelernt -> ein Crash ist nicht abzuwenden.

— Ice · 20. Oktober 2012, 23:45

@ice
Worauf bezieht sich deiner Meinung nach das Wort “Ewiggestrige” ? Etwa auf Serverdienste oder auf die klickibunti Desktop Umgebung ??
In Punkto Sicheheit spricht sichelich nichts dagegen, wenn es darum geht Schwachstellen auszumärzen und Software SINNVOLL ständig weiterzuentwickeln.
Was machst du denn, wenn eines Tages Canonicals Ubuntu
Closed Source wird ?? (Was ich nicht hoffen will)
Wer steht dann im Regen ??
Clement Lefebvre mit Linux Mint war Damals auch nur ein “Ein Mann Projekt” Heute ist es schon ein grosse Kommunity . Und wenn man einen Blick auf Distrowatch riskiert, so kann man erkennen was die User nämlich nicht wollen.
Ist es denn so verwerwerflich wenn Clement die Iniative ergreift und Projekte gründet wie Cinnamon oder http://mate-desktop.org/ Mate.
Bezüglich Mate, kann ich ja das mit dem “Ewiggestrigen” noch einigermassen nachvollziehen.
Mate ist, wie Lefebvre selbst sagt, auf dauer eine Einbahnstrasse.
Aber ist es INNOVATIV wenn Gnome einen so hervorragenden Dateimanager wie Nautilus bis zur unkenntlichkeit um einige tolle Features regelrecht Kastriert ?
Canonical setzt voll auf den Mainstream. Ubuntu auf dem Smartphone, Ubuntu im Zigarettenautomat. Ubuntu TV… uvm… Innovativ eben.
Für mich als Desktop Anwender sicher nicht das was man benötigt.

Daher meide ich künftig alle Distris, welche auf Gnome3.xx und oder Unity setzen und richte meine Blicke auf rein Debian basierende Systeme mit XFCE.

Bleibt abzuwarten wie lange Linux Mint noch auf den Ubuntu Unterbau setzt.
Mit LMDE zeigt man auch ganz klar, wohin die Richtung bei MINT gehen wird.

Rückblick : Als ich Ubuntu kennengelernt habe :

Mit Wehmut denke ich an die Zeit zurück als ich von Debian auf Ubuntu
umgestiegen bin.
Ich meine mich zu erinnern, es war Feisty Fawn.
Ich liebäugelte schon zu Debians Zeiten immer wieder mal mit Ubuntu.
Alleine schon die Tatsache das Ubuntu immer relativ aktuelle Software
Pakete bereitstellte. Und bis daran hat sich heute nichts geändert.
Jedoch war ich immer im Zweifel, ob Ubuntu trotzdem so stabil läuft
wie Debian.
Ich habe damals den Wechsel zu Feisty Fawn absolut nicht bereut. Schon alleine
die einfache Installation (mit GUT) hat mich damals vom Sockel gehauen.
Das einrichten des Systems, angefangen vom Netzwerk, Drucker uvm. war
alles ein Kinderspiel.
Umso mehr beschämt es mich, das seit erscheinen von Ubuntu Natty Narwhal (11.04)
immer weniger meiner bestehenden Hardware (auf Anhieb) mit Ubuntu
zusammen arbeiten will.
Angefangen von der Graka bis über WLAN, geht da nicht mehr viel.
Was früher schlicht und unkompliziert war, endet heute im Ubuntu Fiasko.
Frickeln, frickeln und nochmal frickeln ….

Gut zu wissen das es andere MODERNE Distris wie Fedora, Mageia oder Kanotix gibt.
Alle mit exzellenter Hardware – Unterstützung.
Es funktioniert einfach. Und das auch ohne Unity,Hud und Lensen gedönse.
Das ist das mindeste was man erwarten kann, wenn man von einem MODERNEN
Os. spricht.
Und wenn ich mir die derzeitig FORTSCHRITTLICHE aktuelle Ubuntu Version,
12.04 ansehe, welche noch dazu mit dem “LTS” Prädikat ausgezeichnet wurde,
so dreht sich mir schlicht weg der Magen um.
Um so mehr beschleicht mich das Gefühl, das man in den hochheiligen Hallen
von Canonical, viel mehr um künftige Marktpositionen wetteifert.
Denn Schließlich muss die Kohle ja irgendwann mal wieder hereinkommen.
Treu nach dem Motto : Der erste macht das Rennen und Quantität vor Qualität.
Deshalb werde ich mir Quantal Quezal erst gar nicht ansehen.

Ich will Ubuntu nicht schlechter machen als es ist. Die Ubuntu Community ist einsame
Spitzenklasse und steht einem mit Rat und Tat immer hilfreich zur Seite.
Auch das muß mal erwähnt werden.

unprecises_pangolin · 21. Oktober 2012, 11:12

Installation (mit GUT) hat mich damals vom Sockel gehauen.
Sollte … “Installation (mit Gui) hat mich damals vom Sockel gehauen.” …heissen.

unprecises_pangolin · 21. Oktober 2012, 11:38

@ hefeweiz3n: Natürlich versuchen sie es, sobald die nötige Stabilität vorhanden ist (die den maßgeblichen Fokus des Projektes darstellt, alles andere macht bei Legacy-Forks, insbesondere bei einer sehr funktionsreichen Umgebung wie dem ehemaligen Spitzenreiter KDE 3.5. imo auch keinen Sinn – von Spaß ganz zu schweigen, bliebe in Eile jegliche zielgesetzte Funktionalität auf der Strecke.), ich nutze Trinity (und Mate/E17 auf Wheezy) selbst problemlos parallel zu KDE und Razor Qt auf Arch und verfolge die Mailinglisten regelmäßig, Gräßlin- und Pearsons Interessenkonflikt findet sich ebenfalls im Archiv. Der Gefahr einer möglichen Abhängigkeit von Legacy-Schnittstellen ist bei allen Forks mit wenig Manpower gegeben, jedoch kann ich nur sagen, daß an dieser Problematik zumindest bei Trinity und Mate mit höchster Priorität gearbeitet wird (wobei bei Trinity z.Zt. rechte Eile zu 14.0.0. herrscht, Mate ist hier mit Gtk2 und hohem Interesse durch Mint noch im Vorteil, das bei Trinity fast nur bei KDE-zentrierten und für sachkundige Anwender vorgesehene Distros besteht.), während Standards bei anderen teilweise auf nicht reibungslosere Weise geplant und verworfen werden. Natürlich ist es ärgerlich, allerdings nichts verglichen mit dem Ärger, mehr (oder weniger subtilen) FUD als persönlich betreffende Kritik möglichst über dem eigenen Tellerrand zu jeder Nachricht lesen zu müssen, anstelle selbst ein Teil der Fortentwicklung in ihrem Sinne zu bleiben/werden und andere Projekte einfach getrost zu akzeptieren. Ich kann wirklich nur jeden Anwender, der von diesen Projekten profitiert, bitten mitzuhelfen, sei es auch nur eine Übersetzung, Meldung einer Sicherheitslücke, aufschlussreiche Bugreports oder ein minimaler Patch. Keine Existenzabsprechung spielt in der Open Source-Welt eine Rolle, solange sich Anwender und Entwickler zusammenfinden. Vielen Dank an knetfeder s offenen Bericht und alle, die es mir möglich machen, meine liebgewonnene Software, für die es teilweise keine gleichwertigen Alternativen oder seitens des Originalentwicklers kein Interesse mehr gibt, weiterhin zu benutzen. Tut mir leid wenn ich jetzt ein wenig dramatisch werde, aber je nach Übersetzung kann “Legacy” als neutrales “Erbe” sowohl auch “Altlast” genau wie “Vermächtnis” bedeuten.

— Eigentliche Eule · 23. Oktober 2012, 03:33

Ich habe gerade SuSE 12.3 mit MATE im Einsatz, das ich gestern installiert hatte. Und ich verstehe die Welt nicht mehr! 5 vorgeschriebene Ordner, mehr geht nicht! Hier ist jetzt Caja ebenso kastriert wie Nautilus! Kein Unterschied mehr! Wozu haben die es dann überhaupt geforkt??? Wird dann bei der nächsten SuSE auch noch das Menü abgeschafft und das Panel zur toten Leiste degradiert wie bei Pseudo-GNOME?

— Oscar alias xpenguin · 21. Mai 2013, 21:23

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