Auf der Suche nach der richtigen Schriftgröße – Ein Linux-Desktop-Test für Sehbehinderte

10. Februar 2013

Meist wird es nur als optische Spielerei abgetan, als Luxusproblem – die Möglichkeit, seinen Desktop so anpassen zu können, wie es einem selbst gefällt. Doch dieser Luxus wird zur Notwendigkeit, wenn man z.B. eine Sehbehinderung hat. Dann ist man darauf angewiesen, dass sich der Desktop optimal an die persönlichen Bedürfnisse anpassen lässt, also etwa Farbeinstellungen und Größenverhältnisse individuell und programmübergreifend ändern lassen. Gastautorin Jennifer Rößler hat sich unter diesem speziellen Gesichtspunkt die gängigen Linuxoberflächen einmal angesehen, und zwar nicht die extra auf Behinderte zugeschnittenen Distributionen wie z.B. Vinux, sondern die normalen Oberflächen, wie sie mit Ubuntu ausgeliefert werden.

Auf der Suche nach dem richtigen Desktop, mit dem auch Sehbehinderte klarkommen, die keine Sprachausgabe, dafür aber große Schrift und eine angepasste Hintergrund- und Schriftfarbe benötigen, haben wir einmal alle verfügbaren Desktops für Ubuntu auf ihre Sehbehindertenfreundlichkeit hin getestet. Es gibt eine Gruppe von Sehbehinderten, die einen schwarzen Hintergrund und gelbe, große Schrift benötigen, um komfortabel damit arbeiten zu können. Dies aber stellt sich nicht so einfach dar wie man vielleicht denken könnte.

Unity

Einmal völlig abgesehen davon, dass das Fehlen eines Startmenüs, das Finden eines Programms nur über die Suche im Dash, das Arbeiten unter Unity für einen Laien nicht gerade intuitiv gestaltet, sind auch die Farb- und Schrifteinstellungen genauso spartanisch wie der Rest. Will man als Sehbehinderter Unity auf einem Net- bzw. Notebook nutzen, müssen dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Es muss ein Theme auswählbar sein, das einen schwarzen Hintergrund der Menüs aller Anwendungen ermöglicht und die Schriftfarbe und -größe muss nach den persönlichen Bedürfnissen des Sehbehinderten einstellbar sein. Leider bietet Unity auf einem Netbook bspw. nur drei Themes, davon nur eines invertiert; der Hintergrund ist dann zwar dunkel, aber dunkelblau und nicht schwarz. Dies macht es notwendig, weiß als Schriftfarbe zu verwenden, was leider auf Dauer für manche Sehbehinderte zu anstrengend wird, da sie weiß als zu grell empfinden.


Unity bietet nur Dunkelblau/Weiß als Kontrastfarben an – und stellt Beschriftungen bei großer Schrift nicht richtig dar

Auch bei der Schriftgröße hat man keine große Wahl. Es gibt nur „klein“, „normal“, „groß“ und „größer“. Die größte Schriftgröße reicht gerade einmal, um halbwegs zurechtzukommen, da viele Programme keine eigene Schriftgrößeneinstellung mitbringen und so manch ein Anwendungsfenster dann immer noch mit so kleiner Schrift daherkommt, dass sie kaum lesbar ist. Ein weiteres Problem, dass sich bei sehr großer Schrift ergibt, ist, dass Anwendungsfenster nicht mehr komplett auf den Bildschirm passen und man droht, den Überblick zu verlieren, da man umso mehr scrollen muss. Stellt man die Schriftgröße aber so ein, dass alles auf den Bildschirm passt, ist die Schrift zu klein. Menüs, die nicht mehr am oberen Rand einer Anwendung zu finden sind, sondern sich im Bereich des Panels befinden und je nach aktiver Anwendung wechseln, sind auf Dauer äußerst anstrengend, da man schnell den Überblick darüber verliert, wo man sich gerade befindet.

XFCE (Xubuntu)

Wesentlich komfortabler gestaltet sich da XFCE. Es kommt mit einem klassischen Panel und einem Startmenü daher, was einem die Suche nach diversen Einstellungen sofort erleichtert. Zwar ist es ungewohnt, das Panel oben statt unten zu haben, aber daran gewöhnt man sich schnell.


XFCE ebenfalls nur in Blau/Weiß – und die Bestätigungsbuttons sind nicht mehr erreichbar, weil die Fenster über den Bildschirmrand ragen.

Die Theme-Auswahl ist hier bereits von Haus aus wesentlich umfangreicher. Doch auch hier findet sich mit dem Zusatz „invertiert“ nur ein dunkelblauer statt schwarzer Hintergrund. Dafür lässt sich aber die Schriftgröße beliebig groß einstellen. Man stelle sich aber einmal Schriftgröße 32 auf einem 10 Zoll-Bildschirm vor. Diese Größe ist notwendig, um die Schrift in einigen Anwendungsfenstern bequem lesen zu können, ohne mit der Nase auf dem Monitor kleben zu müssen. Da bedeckt ein ausgeklapptes Menü locker den halben Bildschirm und reicht bis zum unteren Rand. Was aber für die Menüs gar nicht notwendig wäre.

LXDE (Lubuntu)

Wirklich positiv überrascht hat hier LXDE. Wer bis jetzt noch mit Ubuntu 10.10 arbeitet, weil er sein Gnome 2 nicht aufgeben mochte, dem sei gesagt, LXDE sieht fast genauso aus. Panel unten, klassisches Menü, wie bei Gnome 2. Hier die Farbeinstellungen zu finden war überhaupt kein Problem. Für Fenster, Menü oder Minitipps lassen sich problemlos sowohl Farbhintergrund wie auch Schriftfarbe nach Wunsch anpassen. Jedoch ist dies nicht bei allen Themes möglich, bei einigen ist diese Möglichkeit deaktiviert.


Vorbildlich: LXDE lässt bequem individuelle globale Farbeinstellungen zu.

Nur die Schriftgröße stellt das gleiche Problem dar wie bei den anderen Desktops auch. Sie ist nur generell für alles einheitlich einstellbar. Bis man also die Schrift in bestimmten Fenstern (als Beispiel sei hier das Pidgin-Nachrichtenfenster genannt) auf die benötigte Schriftgröße gestellt hat, ist die Schrift in anderen Fenstern oder Programm- oder Arbeitsflächenmenüs so groß, dass sie nicht mehr komplett auf den Bildschirm passen. Schriftgröße 18 ist die Grenze, wo man z. B. wenigstens noch an den Schließen-Button eines Fensters herankommt. Die oben erwähnte gelbe Schrift macht es möglich, dass man notfalls auch mit dieser Schriftgröße zurechtkommt. Die Alternative wäre, jedes Mal die Schrift nach Bedarf umzustellen. Zwar lässt sich hier sogar alternativ der DPI-Wert erhöhen, dieses hat dann aber natürlich wieder Auswirkungen auf alle Fenster und Anwendungen und führt u. U. Zu Problemen bei der Fensterdarstellung.

KDE (Kubuntu)

Wenn es um Farbeinstellungen geht, bleiben bei KDE kaum Wünsche offen. Für jede Eventualität lässt sich die Farbe zumindest bei einigen Themes beliebig einstellen. Selbst die Schriftgröße lässt sich generell oder für Leisten, Fenster oder Sonstiges beliebig einstellen, auch der DPI-Wert ist anpassbar, hier ergibt sich dann jedoch im Zweifelsfall das gleiche Problem wie bei LXDE. Im Ergebnis lassen sich sämtliche Menüs in gewünschter Größe darstellen. Es lassen sich aber nicht alle Programme an die Systemeinstellungen anpassen; hier ist es von Vorteil, wenn das Programm eigene Schriftgrößeneinstellungen mitbringt.


Perfekt: Einstellungen bis ins Detail und alles passt auf den Bildschirm

So einfach das Verändern der Farbeinstellungen unter KDE auch ist, einen Haken hat das Ganze: muss man die Einstellungen für andere Anwendungen öffnen, sei es nur, um vielleicht mal die Schriftgröße für irgendeinen Punkt zu ändern (man hat also den Farbeinstellungsbereich selbst gar nicht geöffnet), dann kann man sämtliche Farbeinstellungen neu einstellen, denn jede Anwendung, die nach dem Aufenthalt in „Einstellungen für Anwendungen“ geöffnet wird (ohne dass man an den Einstellungen etwas verändert hätte) startet dann wieder mit Standardfarben. Dafür bietet KDE als einziger Desktop die Möglichkeit, den Mauszeiger zu vergrößern.


Leerer KDE-Plasma-Desktop eines Sehbehinderten

Gnome-Shell

In puncto Farb- und Schriftgrößeneinstellungen unterscheidet sich Gnome Shell (hier in der Ausweichvariante genutzt) nicht von Unity. War Unity vorher schon installiert, werden die Einstellungen komplett übernommen. Auch die Themenauswahl bleibt die gleiche.

Fazit

Ist von Linux die Rede, wird oft von großer Vielfalt gesprochen. Sucht man als sehbehinderter Mensch aber einen Desktop, der beliebig anpassbar ist, muss man meist Abstriche machen. Nicht alles lässt sich wie gewünscht einstellen und nicht alle benötigten Möglichkeiten, wie etwa die zur Vergrößerung des Mauszeigers, sind überall vorhanden. Der perfekte Desktop wären die Mausvergrößerungsoption, Farb- und Größeneinstellungsmöglichkeiten und das einfache Umstellen des Arbeitsflächenhintergrundes von KDE, und die Sicherheit, dass alles so eingestellt bleibt wie es war, wie bei LXDE.


aus der Kategorie: / Tests /

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Kommentare

Interessanter Beitrag! Schreibt die Gastautorin als Interessierte oder selbst Betroffene?

Kleiner Fehler: In der Bild-Unterschrift des LXDE-Screenshots ist von XFCE die Rede. Und im Abschnitt „Gnome Shell“ ist ein KDE-Screenshot.

HerrJemineh · 10. Februar 2013, 23:09

Danke! Ja, ich schreibe als selbst davon Betroffene. Ich bin hochgradig sehbehindert.

Bei der Beschriftung des einen Screenshots ist tatsächlich etwas schiefgelaufen, danke für den Hinweis. Der zweite steht zwar etwas weit unten, für Gnome-Shell habe ich aber keine Screenshots gemacht, weil das Farb-und Schriftverhalten mit Unity identisch ist.

— Jennifer Rößler · 10. Februar 2013, 23:31

Interessanter Beitrag. Gerne mehr über die Möglichkeiten für Sehbehinderte!

— Philipp · 11. Februar 2013, 00:23

Wirklich sehr interessant. Von Gnome bin ich an der Stelle sehr enttäuscht, ich hatte erwartet, dass man derartige Einstellungen bei der Oberfläche von Anfang an berücksichtigt hat – insbesondere, da der Barrierefreiheitsbutten in der Standardeinstellung für den Normalnutzer sehr präsent ist.
Grundsätzlich ja nicht ganz zu unrecht: Das Ideal wäre doch, wenn jeder Sehbehinderte einen PC in kurzer Zeit verwenden kann. Eben zB durch wenige Klicks über solche Buttons.

— barbican · 11. Februar 2013, 00:59

Ich hätte wirklich gedacht, dass die Situation unter den Linux Desktops besser wäre.

Vor ein paar Jahren habe ich mal eine Webapplikation für die Braille-Zeile eines Blinden angepasst. Das war einiges an Arbeit und hat überraschender Weise auch zu Verbesserungen für die anderen Anwender geführt. Dass bei den Desktops jedoch schon die Farben und die Schriftgrößen Probleme bereiten, zeigt leider, dass nicht genug auf Sehbehinderung getestet wurde.

Mich würde jetzt noch interessieren, wie hier die Situation unter Windows ist.

— Martin Weißhaupt · 11. Februar 2013, 10:08

Hallo,

bezüglich den Möglichkeiten unter KDE: Die Farbeinstellungen zu ändern, ist natürlich eine Option, jedoch bieten die KDE Arbeitsflächeneffekte auch die Alternative die Farben automatisch zu invertieren: KWin Arbeitsflächeneffekte – Invertieren

Zusätzlich gibt es bspw. Arbeitsflächen-Vergrößerung, Lupe, Mausposition finden etc.

Gruß
Blubb

— Blubb · 11. Februar 2013, 13:04

Hallo,

schoener Eintrag. Ich habe einen ubuntu basierten Medienrechner, den ich von der couch aus steuere. Die Entfernung simuliert somit eine leichte Sehschwaeche.

Die kleinen Schriftarten haben mich bei gnome und unity auch schon gestoert. Da ich aber recht wenig mit dem Rechner interagiere (nur mal hier/dort klicken) hab ich es dabei belassen.

Es waere toll wenn man das mal per bug report oder aehnlichem weitergibt.

Gruesse,
Matthias

— Matthias · 11. Februar 2013, 16:50

Mich würde jetzt noch interessieren, wie hier die Situation unter Windows ist.

Bei Windows kommt es auf das Betriebssystem an, unter Windows XP hat man noch mehr Möglichkeiten wie unter KDE. Das wirkt sich aber in er erster Linie auf das Betriebssystem aus. Unterstützen Programme das nicht (mir fällt da spontan Skype und E-Book-Reader-Verwaltungssoftware von Sony ein, hat man Pech gehabt, im schlimmsten Fall ist dann die Schrift zwar gelb, aber der Hintergrund bleibt weiß.

Windows 7 und 8 lassen sich zwar was die gewünschte Gelb-/Schwarz-Variante angeht problemlos umstellen, aber mit der Schriftgröße ist das nicht ganz so leicht, da muss man dann vor allem an den DPI-Einstellungen rumschrauben, was dann natürlich wieder für zu wenig Bildschirmfläche sorgt. :)

— Jennifer Rößler · 11. Februar 2013, 21:31

Gerade bei Xfce lässt sich über ein spezielles GTK-Thema einiges erreichen, wie zum Beispiel unterschiedliche Schriftgrößen in den einzelnen Widgets. Leider gibt es noch nichts vorgefertigtes, aber auf der CLT dieses Jahr wird es wieder Gespräche geben.

killermoehre · 11. Februar 2013, 21:34

Die Programierer investieren ihre Ideen nicht Projekten die nicht finanziel abgededert und wo sie keine Resonanz beim Kunden hat er muß auch Stromgeld bezahlen Computer erneuern vorallen das ist teuer da geht er lieber auf Werbung oder Sponsering aus

— Ralle · 8. November 2013, 02:42

Nicht nur die Schrifteinstellung ist für Sehbehinderte eine wichtige Sache auch eine gute sichtbare Tastatur ist ebenso wichtig und eine guten Desktopkontrasthintergrund das mögen wir bei Andriod stört die Touchscreentastatur lieber werden ausziehbare Tas

— Ralle · 12. November 2013, 02:30

Mich würde interessieren ob sich die Situation inzwischen verbessert hat?

Da ich nach dem Test den Rechner wechseln musste, mich dann für Debian und als Desktop gleich für KDE (und für einzelne Notfälle LXDE) entschieden habe, kann ich dazu im Moment nichts sagen. Das wird aber demnächst mal wieder getestet. :)

— Jennifer Rößler · 28. Oktober 2014, 18:29

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