Über Morddrohungen, gepflegte Gärten, unerwünschte Wünsche und das Ende von To-Do-Listen – ein KDE-Entwickler im Interview

5. April 2012

Millionen Anwender nutzen freie Software – oft, ohne genauer darüber nachzudenken, dass es da noch den Menschen hinter der Software gibt. Menschen, die z.B. dafür sorgen, dass man auch als Linuxnutzer mit einer modernen graphischen Oberfläche arbeiten kann. Einer von ihnen ist Martin Gräßlin, der nicht nur dafür sorgt, dass bei KDE Plasma die Fenster auf- und zugehen, sondern auch in der Community sehr aktiv ist. Wir wollten von ihm wissen: Wie kommt man dazu, sich für freie Software zu engagieren, wie ist das Verhältnis zum Nutzer, die Sicht auf andere Desktops – und was treibt einen Entwickler freier Software zur Verzweiflung? Martin Gräßlin in einem ausführlichen und aufschlussreichen Gespräch.

Pinguinzubehör: Du bist Maintainer des KDE-Fenstermanagers KWin und treibende Kraft hinter Plasma, d.h. u.a. dem Linux-Desktop aus dem Hause KDE. Wie lange bist du schon beim KDE-Projekt aktiv und wie hast du vor allem dorthin gefunden?

Gräßlin: Als treibende Kraft hinter Plasma würde ich mich nicht bezeichnen. Ich programmiere fast ausschließlich nur an KWin, bin dadurch aber natürlich auch an der Ausrichtung der KDE-Plasma-Workspaces beteiligt. An KDE als Entwickler arbeite ich seit Version 4.0 mit (erster Patch ging wenige Tage vor dem Release an die Mailingliste). Ich war schon zuvor jahrelang zufriedener KDE-Anwender und wollte eigentlich schon immer was zurückgeben, war aber zeitlich zu sehr eingespannt und hatte mir die Entwicklung an der KDE-4-Portierung nicht zugetraut. Da war dann das Release ein passender Zeitpunkt und ich hatte gerade eine OpenGL-Vorlesung an der Uni und wollte mein neu erlerntes Wissen mal praktisch einsetzen.


Der Wunsch, etwas zu verbessern, war also nicht die Antriebsfeder. Wie beurteilst du denn im Nachhinein das damalige KDE 3? Warst du als Nutzer damit zufrieden?

Oh je, das ist schwer zu sagen, da es ja wirklich lange her ist. Seit 2008 nutze ich nun KDE Plasma, das ist schon eine lange Zeit, sich zurückzuerinnern. Ich würde mal sagen, dass ich schon mit KDE 3 zufrieden war. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich früher mal Compiz verwendete, aber bereits deutlich vor der Veröffentlichung von 4.0 auf KWin zurückgewechselt hatte.


Wäre es für dich auch vorstellbar gewesen, an einem anderen Projekt, wie XFCE oder Gnome, mitzuentwickeln, oder warst du durch deine eigene Präferenz von vornherein auf KDE festgelegt? Oder andersherum gefragt: Wärst du je bei KDE gelandet, wenn du vorher nicht selbst als Nutzer davon überzeugt gewesen wärst? Würdest du heute gar nicht an freier Software arbeiten, wenn es KDE nicht geben würde?

Darüber habe ich mir ganz ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. Ohne KDE wäre mein Umstieg von Windows nach Linux sicherlich später erfolgt, wie weit das mein Leben verändert hätte, kann ich nicht beurteilen. Ohne KDE hätte es ja wahrscheinlich auch nie Gnome gegeben, damit wahrscheinlich niemals XFCE, und vielleicht wäre Linux als Projekt komplett eingeschlafen.


Worin liegt die Motivation, unentgeltlich an einem Projekt wie KDE mitzuentwickeln? Purer Idealismus, Spaß am Programmieren, oder gibt die Arbeit an/bei KDE auch etwas Materielles zurück?

Konqi-Maskottchen auf KDE-Logo Ich arbeite mittlerweile nicht mehr komplett unentgeltlich an KDE. Seit November letzten Jahres bin ich in Teilzeit selbstständig und mittlerweile von BlueSystems, die Firma hinter Netrunner OS, zwei Tage die Woche gesponsort. Aber zurück zur Frage: warum arbeitet man unentgeltlich in einer Community wie KDE? Die Frage ist schwer zu beantworten und ich denke, jeder hat andere Motivationsfaktoren. Für mich ist da zum einen, dass ich sehe, dass wir richtig was erreichen können und viele Millionen glückliche Nutzer haben. Das sind Nutzerzahlen, die man so kaum bei einem Softwareprojekt erreichen kann. Für mich als Entwickler haben sich die Motivationsgründe über den Lauf der Zeit auch verändert. Zuerst war es das „Etwas-zurückgeben-Wollen“ und das „Scratch your own itch“. Sehr schnell habe ich bemerkt, dass man unglaublich viel lernt, wenn man bei einem Open-Source-Projekt mitarbeitet – und ich meine da nicht nur das Programmieren. Ich kann hier jedem auch nur empfehlen, sich ehrenamtlich in Communities wie KDE zu engagieren. Der persönliche Nutzen, den man daraus ziehen kann, ist enorm. Egal ob man als Designer, Dokumentationsschreiber oder Entwickler arbeitet. Für jeden ist es ein enormer Gewinn, im Lebenslauf darauf verweisen zu können.


Wie sieht es denn mit dem Nutzen für KDE aus – braucht KDE noch viele Mitwirkende und Entwickler? Oder könnten „zu viele Helfer nicht auch irgendwann den Brei verderben“, indem etwa der Koordinationsaufwand ausufert oder viel zu viele unterschiedliche Meinungen über die Ausrichtung des Projekts aufeinanderprallen?

Klar, wir brauchen Mitwirkende in allen Bereichen. Wir wachsen ununterbrochen und brauchen immer neue Leute. Fähigkeiten können ganz unterschiedlich sein: Designer, User Experience Designer, Marketing-Experten, Übersetzer, Supporter, Dokumentationsschreiber, News-Autoren, Community-Manager, Entwickler … Wer Interesse hat, einfach mal unter http://community.kde.org/Getinvolved nachschauen. Es gibt kaum eine Fähigkeit, die wir nicht brauchen.


Geht man auch mit dem Gedanken an die Sache heran, dass man von seiner „ehrenamtlichen“ Arbeit später auch einmal leben kann bzw. sich berufliche Möglichkeiten dadurch eröffnen (wie es jetzt bei dir der Fall war) – oder spielt so etwas zu Beginn überhaupt keine Rolle?

Zu Beginn spielte das für mich überhaupt keine Rolle. Ich war damals noch Student, da denkt man noch nicht viel über die positiven beruflichen Auswirkungen nach. Jedoch als ich bei Google Summer of Code 2008 teilnahm, war das für mich schon ein wichtiger Punkt, dass ich das in den Lebenslauf schreiben kann.


Neben den glücklichen Nutzern gibt es erfahrungsgemäß ja auch immer eine Menge unglücklicher Nutzer, die entweder dem alten KDE hinterhertrauern oder am aktuellen etwas auszusetzen haben. Manchmal sehr unsachlich und an der Grenze zur Schmähkritik, wenn nicht gar darüber hinaus. Wie geht man mit solcherlei Kritik um, wenn man als (mit-)verantwortlicher Entwickler zur Zielscheibe wird? Ignoriert man es, ärgert man sich, konzentriert man sich auf das Positive oder fühlt man sich als Einzelner gar nicht angesprochen?

Die Situation ist sehr unangenehm. Wenn es ungerechtfertigt ist, dann ärgert es einen manchmal schon sehr. Beispielsweise wenn in den Medien schlecht über das eigene Produkt geschrieben wird, weil es Probleme mit den Treibern gibt. Das kann sich dann schon stark auf die Motivation auswirken. Was Nutzer angeht, gibt es eigentlich nur die Möglichkeit, die „meckernden“ Nutzer zu ignorieren. Bei einem Produkt wie KDE Plasma mit Millionen von Nutzern ist es natürlich unmöglich, es allen recht zu machen. Der Klassiker ist, dass wir für Nutzer eine Funktionalität anpassen und danach andere Nutzer meckern, dass man es doch wieder zurückändern soll. Die Meinungen der Nutzer lassen sich nicht in ein einheitliches Produkt gießen, da sie zu unterschiedlich sind. Was Nutzer angeht, die KDE 3 hinterhertrauern, ist es glücklicherweise mittlerweile sehr gut. Die Anzahl der Nutzer ist sehr gering – sieht man zum Beispiel bei den „LinuxQuestions Member Choice Awards“ nach, bei denen Trinity bei einem Prozent liegt.

Eine der interessanten menschlichen Eigenarten ist, dass die Menge der unzufriedenen Nutzer immer größer erscheint als die der zufriedenen Nutzer. Wir nennen das „strong vocal minority“. Das hat verschiedene Gründe. Wenn man mit allem zufrieden ist, macht man sich keine Gedanken darüber, irgendwo mal den Entwicklern zu danken. Wenn man aber so richtig unzufrieden ist, dann
sucht man halt den Bugtracker, postet in die News und so weiter. Es muss einem als Entwickler einfach bewusst sein, dass auf einen meckernden Nutzer viele Tausend zufriedene kommen. Man muss auch ein Gefühl dafür bekommen, wann eine Kritik berechtigt ist (also ob man was verbessern kann) und wann nicht. Wir versuchen bei KDE die Situation zu verbessern. So haben wir einen Code of Conduct, der vor allem verlangt, dass man respektvoll ist. Egal wie sehr man sich als Nutzer über einen Bug ärgert, ist das halt noch lange kein Grund, den Entwickler zu beleidigen – hilft auch nichts. Die Kommentare auf unserer Newsseite werden seit einiger Zeit in Hinblick auf den Code of Conduct moderiert, da sich zu viele Nutzer nicht daran gehalten haben und Entwickler beleidigten und sogar bis zu Morddrohungen gingen. Es ist von Nutzern nicht wirklich weit gedacht, wenn man gegen ein Projekt wie KDE Schmähkritik äußert. Es ist schon etwas naiv, anzunehmen, dass der Entwickler den Bug behebt, wegen dem man den Entwickler gerade beleidigt hat. Ich als Entwickler habe genügend Bugs, die ich beheben könnte, da kann ich den Bug, der mich nicht betrifft und wegen dem ich beleidigt wurde, ganz leicht an das Ende meiner To-do-Liste bewegen.

Generell bin ich mit dem Verhalten einiger Nutzer schon sehr unzufrieden und man hinterfragt manchmal schon, warum man sich das eigentlich freiwillig antut. Das betrifft nicht nur KDE, sondern generell die Nutzer freier Software. Im Laufe des letzten Jahres habe ich verstärkt Trollversuche gegen KDE auf Portalen wie unserer eigenen Newsseite oder auf Portalen wie Pro-Linux festgestellt. Betrachtet man dagegen unsere Fortschritte gerade 2011, so kann man das nicht als Kritik enttäuschter Nutzer ansehen (gab genügend positives Feedback letztes Jahr). Die Schlussfolgerung für mich legt nahe, dass dies hauptsächlich (vermutlich enttäuschte) Nutzer von Gnome oder Unity sind, die gegen KDE – aus welchen Gründen auch immer – trollen. Damit helfen sie nicht nur nicht ihrem eigenen Produkt, sondern schaden freier Software insgesamt.


Könntest du ein Beispiel nennen, wo Nutzer die Rückgängigmachung von (aufgrund Nutzerwünschen) geänderten Features gefordert haben?

Ungern, aber wenn danach gefragt wird: In 4.7 haben wir das Verhalten unseres Anwendungsstarters verändert. Anstatt einer Zurückschaltfläche links neben der Liste der Anwendungen haben wir eine Brotkrumennavigation eingeführt. Die Gründe dafür sind naheliegend: viele Nutzer hatten Probleme mit der Schaltfläche, so in der Art gibt es die nirgends in unserem Desktop. Es macht also die Benutzung schwer und inkonsistent. Stattdessen gibt es nun die Brotkrumennavigation, wie sie auch im Dateimanager und Bildbetrachter verwendet wird, also eine dem Nutzer bekannte UI-Komponente und intuitiv zu bedienen, da sie auch noch zusätzlich dem Nutzer anzeigt, wo im Menü er sich befindet. Nach der Veröffentlichung konnte man die Nutzer in verschiedenen Medien (wie unserer Nachrichtenseite, Bugtracker und Mailingliste) „schreien“ hören, dass sie die Schaltfläche zurückhaben wollen. Insgesamt waren es vielleicht keine 20 Nutzer, die sich deswegen beschwert haben, aber sie haben stark Unruhe verursacht und den Entwicklungsprozess behindert und Ressourcen der Entwickler gebunden, die an einer Verbesserung hätten arbeiten können.


Wie kommen solche Designentscheidungen eigentlich zustande? Wird darüber intern abgestimmt, gibt es einen Usability-Beauftragten, haben nur die direkt beteiligten Entwickler damit zu tun – oder wie muss man sich das vorstellen?

Es ist so ein bisschen was von allem. Natürlich stimmen wir uns sowieso intern über alle Änderungen ab – egal ob kleine Codeänderung oder Änderungen am Design. Dazu haben wir auch einige User-Experience-Designer, die wir sehr gerne um Rat fragen und besonders bei Konferenzen und Entwicklersprints intensiv in den Prozess einbeziehen.


Welchen Stellenwert hat denn der Nutzer bei der Softwareentwicklung? Entwickelt man eher danach, was man selbst für richtig hält, versucht man sich am hypothetischen Idealnutzer zu orientieren – oder wie stark fließen konkrete Nutzerwünsche mit ein?

Es ist sehr schwierig, Nutzerwünsche überhaupt zu erfassen. Als Beispiel nenne ich jetzt mal die Funktionalität in unserem Bugtracker, Wünsche zu äußern. Zusätzlich können Nutzer auch noch für Features und Bugs abstimmen.Vor kurzem bin ich alle alten Reports durchgegangen und habe die meisten auf „WONTFIX“ gesetzt. Warum? Sehr viele Wünsche hatten genau einen Kommentar, den initialen, und eine abgegebene Stimme. Kaum ein Wunsch hatte mehr als 20 Stimmen. Diese Funktion des Bugtrackers eignet sich überhaupt nicht, um die Nutzerwünsche zu ermitteln. Stattdessen haben wir heute brainstorm.forum.kde.org, wo Nutzer abstimmen und Ideen gemeinsam erarbeiten können. Aber auch hier zeigt sich ein einfaches Problem: wie erfasst man die Meinung der Nutzer, die das Forum nicht kennen? Wie erfasst man die Nutzer, welche nicht wissen, dass es KDE überhaupt gibt (und trotzdem verwenden)? Wir müssen also bei Nutzerwünschen sehr vorsichtig sein, dass wir nicht anfangen, das Userinterface auf Poweruser hin zu optimieren und den normalen Nutzer abhängen.

KDE wird ja immer nachgesagt, zu konfigurierbar zu sein und zum Teil stimmt das ja immer noch. Aber heutzutage versuchen wir dieses anders bei KDE Plasma anzugehen: Statt zum Beispiel Hunderte Optionen in der Taskleiste zu haben, haben wir den Standard auf das absolute Minimum beschränkt. So, dass ein normaler Anwender damit gut umgehen kann (wird hoffentlich die Konfiguration niemals finden). Ein etwas fortgeschrittener Nutzer kann ein paar Einstellungen vornehmen, und ein sehr erfahrener Nutzer kann einfach die Taskleiste rausschmeißen und eine andere einsetzen (wie z.B. IconTasks). Sozusagen orientieren wir uns an einem Nutzerspektrum: wir orientieren uns an einem einfachen Nutzer, vergessen aber auch unsere Expertennutzer nicht. So habe ich im aktuellen Releasezyklus mich hauptsächlich damit beschäftigt, Skriptingbindings in KWin einzubauen – ein klares Poweruser-Feature, das aber für die normalen Nutzer nicht im Geringsten störend ist.


Hat es überhaupt Sinn, als Nutzer Wünsche zu äußern? Oder sollte man generell eher darauf vertrauen, dass Entwickler schon wissen, was sie tun – und bestimmte Features nur dann einbauen, wenn es angebracht und realisierbar ist?

Ideen einzubringen ist auf jeden Fall sinnvoll. Wünsche der Art „ich hätte gerne hier eine weitere Checkbox“ sind nicht so sinnvoll. Was ich persönlich als wichtig erachte, ist, genau darzulegen, welcher Anwendungsfall durch die Idee gelöst werden soll und warum dieser wichtig ist. Als Entwickler hat man natürlich einen viel besseren Blick auf das Gesamtbild und kann besser einschätzen, wie ein Anwendungsfall implementiert werden kann, anstatt „hier brauche ich diese Checkbox“. Ich habe schon sehr viele Feature Requests gesehen, wo wir, nachdem der Anwendungsfall ausgearbeitet wurde, dem Nutzer eine Lösung mit dem schon vorhandenen Produkt anbieten konnten. Daher denke ich, ist das Beste, immer für Ideen das Forum zu verwenden, wo einem auch leicht geholfen werden kann.


Wie stehst du persönlich zu dem Versuch, mit Trinity KDE 3 „zu retten“? Kratzt es am Entwickler-Ego, wenn Forks alter Software die Neuerungen, die man selbst geschaffen hat, quasi umgehen bzw. vermeiden wollen, anstatt KDE Plasma zu verwenden?

Ich sehe persönlich Trinity sehr kritisch. Und es kratzt mich überhaupt nicht am Entwickler-Ego, dass es mit „TWin“ einen Fork von KWin gibt – warum sollte es auch, es ist Codebasis, zu der ich nichts beigesteuert habe. Warum sehe ich dann Trinity kritisch? Ich halte das Konzept der Entwickler für sehr fragwürdig und nicht zukunftsfähig. Man muss sich mal klarmachen, dass eine Handvoll Entwickler versucht, eine Codebasis weiterzupflegen, an der zuvor Hunderte von Entwicklern gearbeitet haben. Dazu kommt, dass die Entwickler keine Ahnung von der Codebasis haben, da mir kein Fall bekannt ist, dass ein KDE-Entwickler nun bei Trinity mitarbeitet oder es in irgendeiner Weise unterstützt.

Persönlich habe ich ein starkes Interesse an einem konzeptionell gut aufgestellten Trinity: ein „KDE 3“-Desktop auf Basis moderner Technologien mit zukunftssicherem Qt 4 oder Qt 5 wäre eine sinnvolle Ergänzung in unserem Angebot an Desktop-Umgebungen. Dazu wäre es eigentlich „nur“ notwendig, die Komponenten „kdesktop“ und „kicker“ nach Qt 4 zu portieren, anstatt zwanghaft alles, was mit KDE 3 zu tun hatte, weiter am Leben zu halten. Mein Lieblingsbeispiel ist hier KHTML/KJS, die Web Rendering Engine, auf der WebKit basiert. Die Version in Trinity ist von der Feature-Funktionalität her auf einem Stand Jahre bevor jemand an HTML 5 dachte oder jQuery existierte. Die „Lösung“ der Trinity-Entwickler zu dem Problem ist, in Zukunft irgendwann einmal Qt 3 und Qt 4 so zusammen nutzen zu können, dass man auch QtWebKit verwenden kann. Etwas, das KDE schon seit einigen Jahren hat und natürlich in Konqueror und „rekonq“ und in vielen anderen KDE-Produkten als Web-Renderer eingesetzt wird.

Ich könnte da jetzt Hunderte solcher kleiner Probleme aufzeigen, die halt leider zeigen, dass technologisch Trinity keine Zukunft hat – ganz abgesehen von den Problemen, dass es auf Qt 3 („end of life“) und HAL („end of life“) aufbaut. Persönlich hatte ich versucht, etwas auf die Trinity-Entwicklung einzuwirken und ihnen unter die Arme zu greifen, zum Beispiel indem man wieder den gleichen Fenstermanager verwendet. Leider sind die Trinity-Entwickler noch nicht so weit, dass sie Hilfe annehmen wollen oder auch nur einsehen, dass sie das nicht schaffen. Sie scheinen KDE mehr als Feind zu betrachten anstatt als großen Bruder, der auch mal Händchen halten kann. Sehr schade. Last but not least bin ich von der Qualität von Trinity nicht wirklich begeistert. KDE 3.5 war bekannt für die gute Stabilität und das kann man von Trinity nicht behaupten. Das ist dann natürlich auch schlecht für KDE, wenn die schlechte Qualität von Trinity mit KDE in Verbindung gebracht wird. Ein klarer Grund für mich, mich von Trinity komplett zu distanzieren.


Da du gerade das Stichwort Stabilität nennst: KDE und Plasma werden nach meiner Beobachtung von vielen Anwendern (im Vergleich zu Gnome und dem alten KDE 3.5) als „instabiler“ und absturzanfälliger wahrgenommen. Kannst du aus Sicht des Entwicklers nachvollziehen, wie es zu dieser Wahrnehmung kommt? Sind das vor allem die schon oben genannten Treiberprobleme? Kommt das durch die vielen neu integrierten Technologien bzw. den Umstand, dass KDE und Plasma mehr Gebrauch davon machen? Ist das integrativ arbeitende Plasma schuld? Oder sind Softwareprojekte wie KDE allein schon aufgrund ihrer Größe anfälliger für Fehler?

Mir sind keine Statistiken bekannt, die sagen würden, dass KDE-Software „instabiler“ sei als zum Beispiel Gnome. Es ist klar, dass jede Software Bugs hat und wenn man mit C oder C++ programmiert, treten halt auch mal Crashes auf, die dann als „instabil“ wahrgenommen werden. Vergleicht man einfach mal die Bugtracker von Gnome und KDE, dann hat man im letzten Jahr ca. 26.000 zu ca. 25.000 neuen Fehlermeldungen. Die Größenordnung ist also mehr oder weniger die gleiche (Anmerkung: sowohl Gnomes als auch KDEs Bugtracker ist ein Meta-Bugtracker für sehr viele Anwendungen und Bibliotheken – die Zahlen sind nicht aussagekräftig). Stabilität ist übrigens etwas, wofür einzig Nutzer verantwortlich sind. Einen Crash zu beheben, wenn er reproduzierbar ist und einen guten Backtrace hat, ist häufig eine Aufgabe von nur fünf Minuten. Wenn sich genügend Nutzer am Betatest beteiligen, dann werden die Crashes, die sich eingeschlichen haben, auch gefunden und behoben vor der Veröffentlichung. Nichts ärgert mich mehr als der Crashreport einen Tag nach der Veröffentlichung. ;-)


Was soll ein Nutzer tun, der nicht Betatester war, jetzt in seinem Lieblings-Desktop immer wieder mit demselben – nichtreproduzierbaren – Fehler konfrontiert wird, und z.B. in Foren keine Hilfe findet? Trotzdem einen Bug-Report schreiben, mit dem Fehler leben, still auf die nächste Version hoffen oder den Desktop wechseln? Gibt es einen guten Spagat zwischen „Entwickler nicht unnötig nerven“ und „trotzdem mit KDE noch glücklich werden?“

Ich denke, man kann da kein Allgemeinrezept geben. Ich kann zumindest bei meiner Anwendung überhaupt nichts machen für Fehler, die nicht reproduzierbar sind. Solche Fehler sollten aber im Bugtracker gemeldet werden, in der Hoffnung, dass ein anderer Nutzer den gleichen Fehler hat und man doch noch ein Muster erkennt.


Für normale Nutzer ist es oft schwer nachzuvollziehen, weshalb ausgereifte, funktionierende Lösungen wie KDE 3.5 (oder jüngst Gnome 2) „in die Tonne gekloppt“ werden, um sie durch etwas Neues zu ersetzen, das erst nach Jahren wieder dieselbe Stabilität und denselben Funktionsumfang erreicht (was dann zum Entstehen von Konservierungsbemühungen wie Trinity, Mate & Co. führt). Wie erklärt man als Entwickler einem Anwender diese Notwendigkeit?

Das ist nicht einfach zu erklären und ich glaube, für einen Laien ist das auch nicht nachvollziehbar. Auch gibt es sehr unterschiedliche Gründe für solche Umbrüche. Bei genauer Betrachtung stellt man fest, dass die Gründe für die KDE-4.x-Serie komplett verschieden sind zu den Gründen für die Gnome-Shell. Ich kann zu beidem nicht wirklich etwas sagen, da ich weder bei der Umstellung
von Gnome 2 auf Gnome-Shell noch bei der Umstellung von KDE 3.5 auf KDE 4 beteiligt war. Man muss auch beachten, dass bei KDE 4 nicht „alles in die Tonne gekloppt” wurde. Ich zum Beispiel betreue eine Komponente, die mit KDE 2.0 eingeführt wurde. Obwohl die Anwendung mehr als 12 Jahre alt ist, wird ständig der Code umgebaut und an moderne Anforderungen angepasst. Manchmal erreicht man halt einen Bereich, der sich nicht mehr umbauen lässt, sondern komplett neu geschrieben werden muss. Bei Software ist das ein ganz normaler Prozess namens „Refactoring“. Ich würde es mal mit einem gut gepflegtem Garten vergleichen. Jedes Jahr im Frühling werden Pflanzen neu angesetzt und manchmal will man halt etwas stärker verändern. Vielleicht will man einen kleinen Springbrunnen anlegen, wo aktuell noch ein Baum steht. Dann muss der Baum halt meistens weichen, wenn dadurch das Gesamtwerk verbessert wird. Leider gibt es dabei halt auch die kurze Zeit, wo der Garten den schönen Baum verloren hat und der Springbrunnen noch nicht in ganzer Pracht fertiggestellt ist.


Wie „zukunftssicher“ ist das aktuelle KDE samt Plasma-Desktop? Muss man davon ausgehen, dass irgendwann mit Qt 5, 6 oder 7 bzw. mit der Einführung von Wayland wieder fast der komplette Garten umgegraben wird?

Ah, die ketzerische Frage. :-) Ich zitiere dazu einfach mal meinen eigenen Vortrag zur Portierung nach Wayland auf dem Desktop Summit 2011: „DON’T BREAK THE DESKTOP“. Wir sind sehr zufrieden mit unseren Frameworks und haben kein Interesse daran, etwas zu verändern. Qt 5 ist auf bestem Weg und KDE Frameworks 5 ist auch in Arbeit und beides hat so gut wie keine Auswirkungen auf unsere Anwendungen. Unseren Entwicklern an KDE Frameworks ist es wichtig, die Entwicklung der Anwendungen nicht zu beeinflussen und so kann ich als Anwendungsentwickler ruhig weiterentwickeln, auf Basis von Qt 4.


Die Nomenklatur von KDE wurde vor einiger Zeit geändert. KDE unterteilt sich nun offiziell auch nach außen hin in Projekt, Entwicklungsplattform, Anwendungen und die Desktopzusammenstellungen. Auch die Plasma-Workspaces werden seitdem stärker betont. Da entwickelt man nun schon über Jahre hinweg mit viel Herzblut an einem Produkt namens „Plasma“, und die Leute nennen „ihren“ Desktop verallgemeinernd weiterhin schlicht „KDE“. Glaubst du, dass sich das noch ändern lässt? Wird die Bezeichnung Plasma in Zukunft prominenter platziert und beworben werden?

Erst einmal eine kleine Korrektur: KDE ist nicht das „Projekt“, sondern die „Community“ um KDE herum, die unter anderem Software veröffentlicht. Als Nutzer von KDE-Software gehörst du genauso zu KDE wie ich als Entwickler. Ich sehe mit der fehlerhaften Benennung von den „KDE Plasma Workspaces“ als „KDE“ eher ein Problem für unsere hervorragenden Anwendungen, welche zufälligerweise zum Teil gleichzeitig mit den Workspaces veröffentlicht werden. Für den Nutzer entsteht so der fehlerhafte Gedanke, dass man KDE-Plasma-Workspaces verwenden muss, um zum Beispiel in den Genuss von Krita zu kommen. Dabei laufen unsere Anwendungen nativ auf vielen Plattformen wie Microsoft Windows, Mac OS X, Gnome-Shell, Unity und natürlich auch unter den KDE-Plasma-Workspaces. Es ist schade, wenn man liest, dass Anwender eine Anwendung nicht verwenden, auf Grund dieser Fehlinformation. Ich hoffe, dass mit der Zeit Nutzer und vor allem die Medien dies besser aufgreifen und ich denke, dass wir mit KDE Frameworks 5 hier auch technisch es noch deutlicher machen können.


KDE war ursprünglich angetreten, um einen einheitlichen Desktop für Linux zu schaffen, um dem versatzstückhaften etwas entgegenzusetzen. Heute ist man davon weiter entfernt als je zuvor, neben KDE-Anwendungen tummeln sich nicht nur vor allem GTK/Gnome-Programme, sondern gleich ein halbes Dutzend weiterer Desktopumgebungen. Sieht man dies als KDE-Entwickler mit einem weinenden oder lachenden Auge? Ist ein Einheitsdesktop für Linux noch immer ein anstrebenswertes Ziel?

Ich denke ein einheitlicher Desktop war niemals das Ziel gewesen. KDE war das erste freie Softwareprojekt mit dem Ziel, einen freien Desktop für X11 zu erstellen. Mit der Zeit sind viele weitere Desktop-Umgebungen hinzugekommen und die KDE-Community bietet selbst auch mit KDE Plasma Desktop, KDE Plasma Netbook und KDE Plasma Active drei Desktopumgebungen an. Ich persönlich sehe die Vielfalt auch klar als Vorteil an und möchte gar nicht Nutzer von Gnome-Shell oder XFCE abgewinnen. Jeder Nutzer soll das verwenden, was ihm am besten liegt. Wir freien Softwareentwickler haben die Chance, für verschiedene Nutzergruppen einen passenden und ansprechenden Desktop bereitzustellen, anstatt einen Einheitsdesktop anzubieten, mit dem zwar jeder arbeiten kann, aber trotzdem keiner richtig, weil man es allen recht machen will.


Während Gnome 3 oder Unity teils gewagte Desktop-Inkarnationen mit ganz neuen Konzepten darstellen, zeigt sich Plasma oberflächlich eher konservativ, obwohl der Unterbau einer der fortschrittlichsten ist. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet KDE das alte Desktop-Paradigma beibehalten hat? Würde Plasma anders aussehen, wenn die Entwicklung erst jetzt beginnen würde?

Wir bei KDE sind der Meinung, dass man nicht ein User Interface für verschiedene Formfaktoren wie Tablet, Netbook oder Desktop verwenden kann. Gerade Touch erfordert ganz andere Bedienelemente als ein Interface für Maus/Tastatur. Anstatt eine Desktop-Shell zu haben, welche sowohl Touch als auch Maus unterstützt, haben wir mit „Plasma Active“ eine Shell speziell für Tablets und mit „Plasma Netbook“ eine Shell speziell für die Anforderungen der kleinen Tablets und natürlich mit „Plasma Desktop“ ein klassisches Interface für Maus/Tastatur auf dem Desktop. Da wir dieses Framework zur Erstellung von Desktop-Shells haben, stellt sich eigentlich die Frage gar nicht, warum wir das klassische Paradigma haben. Es ist einfach, eine weitere Shell hinzuzufügen, ohne die Nutzer durch zu große Änderungen zu verärgern.


Warum sollte man KDE-Plasma nutzen und nicht einen anderen Desktop, bzw. wer sollte es nutzen? Debian nennt sich das „universelle“ Betriebssystem – ist Plasma/KDE der universelle Desktop?

Wie gesagt, jeder Nutzer sollte den Desktop einsetzen, der ihm am besten liegt. Persönlich kann ich KDE Plasma Desktop jedem empfehlen, der einen einfach zu bedienenden, flexiblen oder klassischen Desktop wünscht. KDE Plasma Netbook kann ich allen empfehlen, welche ein Netbook oder etwas kleineres Notebook besitzen.



CC
Der Text dieses Interviews wird unter Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND 3.0 lizenziert.


aus der Kategorie: / Tratsch / Interviews

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Kommentare

Das ist das dümmste, was ich bisher von Martin Gräßlin gelesen habe: “Die Schlussfolgerung für mich legt nahe, dass dies hauptsächlich (vermutlich enttäuschte) Nutzer von Gnome oder Unity sind, die gegen KDE – aus welchen Gründen auch immer – trollen”

Er unterstellt den Nutzern der Free-Software-Co-Projekte einfach mal Trollerei. Darf man daraus umgekehrt schließen, dass die Anti-GNOME- und Anti-Unity-Trolle hauptsächlich enttäuschte KDE-Nutzer sind? Wenn ein Maintainer schon derart rumtollt, sollte er von Nutzern nichts Besseres erwarten.

Übrigens ist der Betreiber dieses Blogs einer der vokalsten Desktop-Schmähkritiker auf Planet Ubuntuusers. Vielleicht sollte er sich besser überlegen, wem er Interviews gibt.

— cronjob · 5. April 2012, 16:43

Ganz tolles Interview. Danke an Martin Gräßlin für seine Arbeit an KDE und in der Community.
Knetfeder ist und bleibt der beste Blog im Planet.
lg

— Bayliner · 5. April 2012, 18:09

Danke für das Interview. :) Da werde ich KDE vielleicht doch mal wieder eine Chance geben. Solche Text sind auch der Grund weswegen ich den UU-Planeten noch besuche, obwohl ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit mit Ubuntu nichts mehr am Hut habe. Danke :)

Ich kann mich meinem Vorredner nur bedingt anschließen. Meckerheinis gibt es überall. Die kommen vermutlich nicht überwiegend von den anderen Desktops. ;-)
Alles weitere halte ich für emotional überzogen.

lG
Schumbi

— Schumbi · 5. April 2012, 18:21

Darf man daraus umgekehrt schließen, dass die Anti-GNOME- und Anti-Unity-Trolle hauptsächlich enttäuschte KDE-Nutzer sind?
Ich wäre nicht überrascht wenn sehr viel des Anti-GNOME und Anti-Unity getrolle von KDE Nutzern stammt (und entsprechend Unity by GNOME und umgekehrt).

Aber ich gebe dir jetzt mal einen Denkanstoss was ich mit dem Absatz ausdrücken wollte und was du hier aus dem doch sehr langem Interview rausgepickt hast. Reflektier den Abschnitt noch mal und denk drüber nach ob es deinen Kommentar gebraucht hätte :-)

Martin Gräßlin · 5. April 2012, 21:36

Ich hab übrigens auch ein Problem mit der Brotkrumennavigation im Anwendungsstarter, ich finde sie überhaupt nicht intuitiv.
Im gegenteil, mit der alten Schaltfläche konnte ich viel schneller zurück navigieren wenn ich mich verklickt hatte oder in der einen Rubrik nicht das richtige fand. Mit der Brotkrume bin ich sehr viel langsamer und dort muss ich mindestens zweimal hinschauen bis ich mit der Maus diese winzige Schaltfläche erwischt hab. :(

— Schiwi · 5. April 2012, 22:15

Ich habe das Interview mit großen Interesse gelesen. Auch, wenn ich derzeit einen anderen Desktop nutze, bin ich froh, dass es Menschen, wie Martin Gräßlin gibt, denen wir diese Vielfalt an freier Software verdanken. Ich denke, niemand hat das Recht die Ergebnisse deren Arbeit schlecht zu reden. Jeder hat ja die Möglichkeit es selber besser zu machen.

In diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle einmal Danke sagen.

— Maik · 6. April 2012, 08:32

Ich war seit Anfang von Gnome2, bei diesem Desktop mit dabei und hatte nie Probleme damit. Gnome3 habe ich auch benutzt und muss gestehen, das es zwar neu aber unglaublich stabil läuft. Ich hatte bei ca. 2 Monate nutzung (Gnome3 und 3.2) 2 Fehler, in der neuen Shell. Wohlgemerkt, unterschiedliche Maschinen.

Auf meinem Linuxfreundlichem Notebook Thinkpad SL510 ist KDE4 noch am stabielstem, obwohl ich den KDE-Crashmanager sehr häufig sehe. Auf anderen Maschinen ist KDE4 schon mal totaler Grauß.

Also es muss wirklich stabilisiert werden.

Ansonsten den KDE4-Desktop in Tablet und Netbook Versionen aufzusplitten, ist eindeutig die beste Idee. Ich bin von Gnome abgegangen, eben weil ich ein Desktop brauche und keinen überdimensionalen “Smartphone”, der nebenbei sehr viel mehr Platz verschwendet, als die Gnome2 Desktopvariante.

— hnr · 10. April 2012, 10:03

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