Das Linuxjahr – vielleicht mal 2012?

2. Januar 2012

Statt Jahresrückblick und Neujahrswunsch (btw: Frohes neues!) ein Ausblick auf das kommende Jahr, speziell zur Frage, ob es denn diesmal das Jahr für Linux werden wird.

Das vergangene Jahr 2011 war für Linux turbulent: Gnome 3 ersetzte in vielen Distributionen den traditionellen Linuxdesktop, Ubuntu baute sein Unity weiter aus, LXDE nahm als Lubuntu einen gleichberechtigten Platz im Canonical-Universum ein und OpenOffice versauerte und LibreOffice wurde zum neuen Star am Linux-Office-Himmel. Aber war es das Linuxjahr? Eher nicht.

Was muss eigentlich passieren, damit man ein Jahr als das Linuxjahr wird bezeichnen können? Der Marktanteil von Linux und Windows verkehrt sich ins Gegenteil? Oder reicht es, wenn mehr Nutzer Linux nutzen als Mac OS und Windows? Stallman und Torvalds rufen das Linux-Jahr offiziell aus? Die Sidux-Forks werden zweistellig?

Seien wir realistisch: all dies wird zumindest in diesem Sonnensystem nicht mehr passieren. Als Server-System ist Linux längst etabliert, aber wenn vom Linuxjahr die Rede ist, dann ist eher die Linux-Verbreitung auf dem Desktop gemeint. Dort sieht es weiterhin düster aus. In den letzten Jahren wirkte es fast, als würde es Gnome 2 gelingen, eine recht weitreichende Homogenität unter den Distributionen zu schaffen, die für eine breitere Akzeptanz im Massenmarkt sicherlich nötig wäre. Doch diese Phase ist schon wieder vorüber, seit Gnome 3 erschienen ist, kochen viele Distributionen wieder ihr eigenes Süppchen, „der Linux-Desktop“ zerfasert wieder in viele Einzelteile und wird unübersichtlicher.

Windows und Mac hingegen bieten ein recht homogenes System für den Anwender – und vor allem auch eine Kontinuität, die von so manchen Linuxoberflächen allzu oft torpediert wird, zugunsten neuartiger Konzepte und Ideen. Gnome hat den Desktop abgeschafft, Unity experimentiert mit Gewöhnungsbedürftigem. XFCE und LXDE hingegen haben zu wenig Entwickler. Diese Vielfalt beeindruckt zwar und ist praktisch, wenn man genau weiß, was man will, aber diese Vielfalt und Unbeständigkeit kann auch abschreckend wirken.

Es ist nicht davon auszugehen, dass sich eine einzige Oberfläche für Linux in absehbarer Zeit durchsetzen wird. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Vorteil, weil die Wahlmöglichkeiten unter Linux einerseits seinen besonderen Reiz ausmachen, Nachteil, weil es auf diese Weise kaum zum Durchbruch auf dem Desktop kommen wird. Linux ist unterm Strich so einfach und komfortabel geworden wie Windows (sofern man bei Windows von einfach und komfortabel anstelle von Gewöhnung sprechen mag) – wenn man dann erstmal das “richtige” Linux erwischt hat.

Zu vielfältig ist die Distributionskultur, es sind Nischensysteme in der Nische. Linux auf dem Desktop ist und bleibt bislang etwas für Liebhaber, für Spezialisten oder auch Normalos, die aus persönlichen oder politischen Gründen auf Windows verzichten möchten und können. Es ist quasi ein persönlicher Luxus, ein Luxus, der vor allem im Privatbereich oft noch mit Zeit und Aufwand erkauft wird. Ein Durchbruch von Linux auf dem Desktop wird es daher kaum geben können. Wer auf „das Linuxjahr“ wartet, wird lange warten können.

Infolgedessen stellt sich eher die Frage, ob das Linuxjahr nicht längst schon da war, es nur niemand richtig gemerkt hat. Kandidaten dafür gibt es jedenfalls ausreichend.

1991
Das Linux-Jahr schlechthin: Linus Torvalds erschafft ein neues Betriebssystem, das sich ein knappes Jahrzehnt später zur 3. Säule unter den Betriebssystemen mausern wird.

1998
KDE 1.0 erscheint und stellt für Linux erstmals eine integrierte Desktop-Lösung bereit; der erste echte „Linux-Desktop“ ist geboren.

2000
Gründung des freedesktop.org-Projekts, ohne das es heute vermutlich keine desktopübergreifende Dateiverwaltung, Tray-Icons oder auch Icon-Sets gäbe. Das Projekt legte den Grundstein zur komfortablen gemeinsamen Nutzung verschiedener Desktopsysteme und erschloss dem Nutzer somit die gesamte Vielfalt der Linux-Programme auf dem Desktop.

2002
Open Office 1 wird veröffentlicht und stellt die erste wirklich benutzbare Office-Lösung für Linux dar. Zum ersten Mal wird Linux damit überhaupt auch für den Büro- und Heimdesktop interessant.

2006/2007
Die Ubuntu-Begeisterung geht so richtig los, als neue, benutzerfreundliche Distribution mit eigenem Style und einfacher Benutzungsphilosophie bringt Ubuntu frischen Wind ins Linuxlager und macht „Linux“ erstmals auch auf dem Desktop für die breite Masse interessant.

2009
Linux knackt laut Market-Share-Report die 1-Prozent-Hürde beim Marktanteil von Desktop-Systemen.

2011
Auch dieses Jahr könnte als das Linux-Jahr angesehen werden, denn quasi durch die Hintertür erreichte Linux in Gestalt von Android einen Marktanteil von über 50% bei Smartphones – zugegebenermaßen nicht gerade eine klassische Desktopsituation.

Der letzte Punkt deutet es bereits an: Vielleicht kann es das Linux-Jahr für den Desktop schon deshalb nicht mehr geben, weil es den Desktop in absehbarer Zeit gar nicht mehr geben wird. Ohne Desktop auch kein Durchbruch auf dem Desktop.

Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Gesetzt den Fall, dass es auch weiterhin Mac OS nur für Mac-Rechner geben wird, diesem der Duktus des Teuren und Exklusiven anhaftet und Microsoft seine Kundschaft weiterhin mit Produktaktivierungen und Restriktionen gängelt, wird Linux problemlos auch in den kommenden Jahren eine brauchbare Alternative für den Desktop-Einsatz darstellen und seine Daseinsberechtigung haben. Denn Linux überzeugt durch Offenheit, Flexibilität, Wahlfreiheit und eben auch ein technisch solides Fundament.

Man kann davon ausgehen, dass „das Jahr von Linux“ tatsächlich nicht mehr stattfinden wird, da es längst stattgefunden hat. Man muss sich nur für eine Jahreszahl entscheiden. Im Zweifel ist es für jeden einzelnen Linuxbegeisterten das Jahr, in dem er Linux für sich entdeckt hat.

In diesem Sinne: auf ein weiteres tolles Jahr mit Linux!


aus der Kategorie: / Tratsch /

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Kommentare

Ubuntu hat noch nicht sein Zenit erreicht. Canonical hat bereits viel für Ubuntu/Linux getan und plant bereits aktiv weitere wichtige Schritte (Wayland). Doch es bleiben noch genügend Baustellen, trotzdem ist Ubuntu schon recht massentauglich.
Mit Windows 8 sieht es derzeit nicht sonderlich gut aus (Vista 2 * hehe *), diese Chance gilt es zu nutzen, denn Microsoft wird uns sicherlich nicht auch noch in absehbarer Zeit mit Vista 3 beglücken xD

Win8 vs Ubuntu 12.04

Ansonsten sieht es für den Linux-Desktop nerdig aus. GNOME Shell und KDE sind etwas für Fortgeschrittene User, bzw. für den Otto Normalverbraucher zu kompliziert. Erstmal bleibt so gut wie alles beim Alten, die Community ist der stärkste Trumpf und zugleich auch die größte Schwäche von Linux – von Nerds, für Nerds… wäre da nicht Canonical und ein Milliardär mit einer Vision :)

— Klau3 · 3. Januar 2012, 01:00

Interessanter Artikel, aber noch interessanter ist die Tatsache, dass in den ersten 6 Absätzen keinerlei Rede von KDE ist. Denn KDE ist aktuell DIE Desktopumgebung, die die größte Kontinuität in der Entwicklung und in der Gestaltung / Darstellung liefert.

— Markus · 3. Januar 2012, 01:50

Denn KDE ist aktuell DIE Desktopumgebung, die die größte Kontinuität in der Entwicklung und in der Gestaltung / Darstellung liefert.

Aktuell ja. Langfristig betrachtet auch eher weniger. Im Vergleich unter den 4 großen Linux-Desktops ist es sicherlich richtig, dass KDE sich selbst am treuesten geblieben ist. Großes Panel am unteren Rand, Hüpfmauszeiger, blaue Ordner-Symbole und Einfachklick. Zudem alles bis ins Detail konfigurierbar. In Sachen kontinuierliche Bedienung ist KDE ein leuchtendes Vorbild, keine Frage, große Experimente gab es hier nie.

Schaut man genauer hin, entpuppt sich das aktuelle KDE jedoch als “Plasma”, das das alte KDE nachahmt, aber nicht mehr viel damit zu tun hat – es war eine Neuentwicklung. Das merkte man an vielen Kleinigkeiten. Das Widget-Prinzip hat den eigenständigen Desktop abgelöst. Nicht umsonst gibt es Trinity. Mit jeder Hauptversion wurde zudem das Design stark verändert. In Zeiten von KDE 3 sogar dreimal: vom Standardstil über Keramik bis hin zu Plastik. Mit 4.0 kam mit Oxygen dann schon wieder was Neues.

Windows 7 kann immer noch wie Windows 95 aussehen, KDE 4 aber nicht mal mehr wie KDE 3 (Stichwort “Keramik”). Zugegeben: XP-Stil in Windows Vista/7 geht auch nicht mehr, “Plastik” ist bei KDE noch dabei.

Pinguinzubehör · 3. Januar 2012, 10:13

Warten wir mal ab. Windows 8 (Wird das jetzt endlich NT 7.0 oder nur 6.5?) “droht” mit einer Kacheloberfläche und anderen “revolutionären Neuerungen”. Spätestens dann ist es mit der “Kontinuität” vorbei.

Komischerweise verfechten viele Menschen den “klassischen” Desktop oder sogar Windows, die ganz selbstverständlich ein iPhone oder ein Android-Smartphone verwenden. Kann mir das mal jemand erklären, bitte…?

— Gerald · 3. Januar 2012, 11:50

Ich glaube es wird Zeit nicht mehr von Linux als Betriebssystem zu reden. Ubuntu ist ein Betriebssystem, Fedora ist eins.

Was das Betriebssystemen Ubuntu angeht würde ich sagen, dass mit dem neuen LTS in unerschlossenen Märkten (Afrika, Asien) die Chancen gar nicht so schlecht stehen.

Marco · 3. Januar 2012, 11:57

Die wenigsten wechseln zu Linux auf dem Desktop. Die allermeisten bleiben beim altbekannten. Da reichen oft minimalste Probleme (Wo ist “Start”?), dass das System kritisiert wird, oder ein Versuch abgebrochen wird. Windows wird vieles verziehen und bezahlt, aber bei Linux solls gratis und OOTB laufen, sonst gibts schnell einen Kickbann.

Das Wachstum kommt, wenn dann eher über die Smartphones und Tablets.

Weiter gehts. :)

— · 3. Januar 2012, 13:14

Meine Erfahrung sagt, Windows war einer, ist einer und wird es auf absehbarer Zeit auch bleiben, ein goldener Käfig.
Meiner Meinung nach ist Linux mit KDE immer noch am Besten geeignet um Umsteiger, die die Schn… voll haben von halbherzig umgesetzten und teueren Konzepten, von anderen Betriebssystemen aufzufangen.
Und so nebenbei, Win8 ist auf Desktop-Computer wirklich nicht das Wahre.

Euer Jimmy

— jimmy70 · 3. Januar 2012, 17:31

Provokante Frage: Spielt der Desktop überhaupt noch eine Rolle? Also nicht nur bei Linux, sondern generell?

Mittlerweile haben doch viele Leute viele Sachen auch im Web liegen. Webdienste für alles Mögliche gibts mittlerweile wie Sand am Meer. Da muss man nix einrichten, die gehen einfach so, und das noch auf jeder Kiste und überall.

Und ich denke, das dieser Trend weitergehen wird.

Und ob dann der Browser auf nem Linux unter welchem Desktop auch immer oder unter dem mitgelieferten Windows läuft, spielt einfach nur noch eine Nebenrolle.

Uwe · 3. Januar 2012, 18:26

Ich weiß nicht, ob man Linux wirklich einen Windows-gleichen Erfolg wünschen soll, wenn man das Niveau der Beiträge von Windows-, Ubuntu- und debian-boards miteinander vergleicht ;-)

— · 3. Januar 2012, 21:05

Finde den Artikel ganz toll. Der Artikel bestätigt auch meine (Desktops-) Erfahrung.

Habe festgestellt, obwohl die Bedienung von Unity für mich phasenweise kompliziert ist, gefällt mir Unity mit Zeit immer besser. Besonders grafisch finde ich es sehr ansprechend.

Armin · 4. Januar 2012, 18:24

Linux ist doch schon auf dem Desktop der Zukunft der Gewinner. Dieses sind Tablets und Smartphones.
Momentan noch mehr Smartphones doch die Durchdringung mit Tablets geht ja erst noch richtig los.
Genau in diesen riesigen Zukunftsmarkt ist Linux, auch dank Google mit Android, ganz vorne mit dabei.

— Robert · 6. Januar 2012, 12:32

Schaut man sich die Zahlen auf https://marketshare.hitslink.com/linux-market-share
an, dann könnte es wirklich noch was werden.

Juerg · 6. Februar 2012, 09:18

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