Stiefkind Thunderbird

12. Juli 2012

In der Regel entwickeln sich Mailprogramme traditionell langsam, da sich das Mailprotokoll seit Jahrzehnten eben auch nicht verändert hat. Im Gegensatz zum Browser, bei dem sich die dahinterliegende Technik fortlaufend verändert und verändern muss, geht es beim Mailprogramm hauptsächlich um die Schaffung einer möglichst perfekten Schnittstelle zum Nutzer, das Bereitstellen des bestmöglichsten Funktionsumfanges zum Verwalten vieler Nachrichten.

Nun aber wird die Entwicklung bei Thunderbird künftig nicht verlangsamt, sondern faktisch eingefroren. Bei Mozilla nennt man als Grund mangelnden Zuspruch durch externe Entwickler sowie die Ausgereiftheit des Programmes. Weshalb das wohl nur die halbe Wahrheit ist, ist im Artikel Die abstürzende Brieftaube – wie sich Mozilla verzettelt ausformuliert.


Bald reif für die Altvogeltonne?

Die Kernthesen lauten:
a) das große Geld wird mit Firefox verdient, nicht mit Thunderbird
b) die Konzentrierung auf Privatanwender hat in eine Sackgasse geführt
c) die Chance, eine echte Outlook-Alternative zu werden, hat man jahrelang verspielt

Unter Linux kommt noch hinzu, dass die Konkurrenz unter den Mailprogrammen traditionell stark ist: neben KMail und Evolution, die jeweils perfekt mit KDE und Gnome verzahnt sind, gibt es noch eine Reihe weiterer. Für Mozilla spielt das jedoch nur eine untergeordnete Rolle.

Es tritt nun also mittelbar doch noch ein, was viele damals bei der Entstehung von Firefox befürchtet haben: Mozilla konzentriert sich allein auf den Browser und lässt die übrigen Programme der Mozilla-Familie mehr oder weniger fallen. Die Mozilla-Suite bestand aus Browser, Mail, Webeditor und Chatprogramm. Davon haben primär nur der Browser in Form von Firefox und Mail in Form von Thunderbird bei Mozilla überlebt. Der Composer wurde aufgegeben, Chatzilla gibt es nun als Erweiterung. Die erste eigene Neuentwicklung, das Kalenderprogramm Sunbird, ist schon längst wieder Geschichte. Lightning, die Kalendererweiterung, kam nie richtig ins Lot, eine Integration in Thunderbird wurde nie erreicht. Die ebenfalls auf Mozillatechnik basierende Anwendung Songbird gibt es nicht mehr für Linux.

Die alte Mozilla-Suite selbst wurde natürlich ebenfalls komplett aufgegeben, sie lebt heute nur deshalb in Form von Seamonkey weiter, weil sich genügend Freiwillige fanden, das Projekt in Eigenregie weiterzuführen. Nun könnte man denken, wenn Seamonkey es geschafft hat, dann könnte doch auch Thunderbird von der Community „gerettet“ werden. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, denn Seamonkey besteht letztlich aus Firefox plus Thunderbird, lediglich mit anderer Oberfläche. Statt auf etwas Bestehendes, beständig Weiterentwickeltes aufbauen zu können, müsste die Community diesmal tatsächlich die gesamte Entwicklungsarbeit leisten.

Nun gut, keine Panik, benutzt man das „ausgereifte“ Programm eben einfach im Jetztzustand weiter. Doch wie das enden könnte, sieht man am einstigen Composer. Nachdem das Projekt bei Mozilla fallengelassen wurde, entwickelte der ehemalige Chefentwickler der Komponente, Daniel Glazman, im Auftrag der Linuxdistribution Linspire daraus das Programm NVU. Auch NVU wurde nach Version 1.0 nicht mehr weiterentwickelt, keine neuen Features mehr hinzugefügt. Die Community sprang ein, führte es unter dem Namen Kompozer fort, was letztlich aber nur Fehlerkorrekturen bedeutete und keine neuen Features brachte. Schon nach kurzer Zeit war NVU unter den meisten Linuxdistributionen nicht mehr lauffähig, nachdem die Entwicklung eingestellt wurde. Auch von Kompozer gibt es zurzeit keine funktionierende stabile Linuxversion.

Davon abgesehen stellen sich für Thunderbird neben der reinen Aufrechterhaltung der Funktionsweise natürlich noch weitere Fragen der Weiterentwicklung. Eine GTK3-Version wird es unter diesen Umständen kaum geben, eine bessere Anpassung in KDE sowieso nicht. Mit „einfach so weiternutzen“ ist es also langfristig nicht getan. Was ist, wenn GTK2 nicht mehr mitgeliefert wird? Dann ist es aus mit der Thunderbirdnutzung unter Linux. Bei dem Entwicklungstempo, das Linux traditionell vorlegt, dürfte die Linuxvariante von Thunderbird in absehbarer Zeit ernsthafte Probleme bekommen. Bei Kompozer und Sunbird hat die Community offensichtlich versagt – aus welchen Gründen sollte es bei Thunderbird funktionieren?

Spannend wird es, wie es mit Ubuntu und Thunderbird weitergeht. Bei Canonical wird man nun fluchen, dass man Thunderbird als Evolution-Ersatz für die LTS-Version genommen hat, denn nun ist es an Canonical, sich um ein funktionierendes Thunderbird zu kümmern, wenn die Entscheidung beibehalten werden sollte. Vielleicht könnte das – ein Engagement Canonicals – sogar eine Chance für Thunderbird sein, unter Linux zuverlässig weiterbestehen zu können.


aus der Kategorie: / Tratsch /

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Kommentare

Wieso sollte Canonical fluchen? Thunderbird läuft in der LTS und da wird auch nix weiter dran verändert, Sicherheitsupdates gibt es ebenfalls weiterhin, ist doch kein Problem.

— stfischr · 12. Juli 2012, 14:18

Ich hoffe eher auf die Dokument Foundation als auf Canonical. Canonical wird wohl kaum an einer KDE oder Gnome integration arbeiten, und auch an einem Windows Metro Port wenig Interesse haben. Auch sonst haben die sich bisher nicht groß in der Pflege von Software hervorgetan, lieber wird fleißig hin und her gewechselt (sei es rhythembox oder fspot). Ich denke bevor die sich thunderbird ans Bein binden, setzen sie lieber auf Evolution oder Claws, oder schließen ein Werbeabkommen mit gmail und intgerieren das in Ubuntu.

LibreOffice dagegen fehlt immer noch ein Outlook pedant, inoffizell wurde statt dessen oft auf thunderbird verwiesen, das diese Lücke allerdings nie wirklich füllen konnte, da es weder eine ausgereifte Kalenderfunktion noch Groupware Funktionalität gab.

Ich habe keine Ahnung, wie viel Aufwand es wäre, den Thunderbird Code in LibreOffic zu integrieren, oder ob es nicht einfacher wäre, etwas ganz neues zu entwicklen, aber meiner Meinung nach wäre die Dokument Foundation als gemeinnützige Stiftung genau der richtige Ort, um dieses Projekt unabhänig und ohne finanziele Interessen weiterzuführen.

— zephir · 12. Juli 2012, 14:26

Das gleiche Thema gab’s doch 2007 schon mal, als Mozilla die TB-Entwicklung ausgegliedert hatte. Auch damals wurde wer weiß was befürchtet und was ist passiert… nix, sondern alles wie gehabt.

Was die Kalender/Groupware-Funktionen angeht sehe ich das nicht so kritisch, denn ich brauche sowas bspw. nicht. Wenn doch, sollte man sowas eher als AddOn realisieren um TB nicht (noch) weiter aufzublähen.

Und bis Mozilla die Entwicklung gegen Null fährt fließt noch viel Wasser Donau, Elbe, Rhein und Main runter ;)

— Stefan · 12. Juli 2012, 15:44

meiner Meinung nach wäre die Dokument Foundation als gemeinnützige Stiftung genau der richtige Ort, um dieses Projekt unabhänig und ohne finanziele Interessen weiterzuführen.

Das wäre in der Tat ein denkbares Szenario, jedoch spricht von technischer Seite dagegen, dass LibreOffice und Thunderbird praktisch keine Schnittmengen haben, Front- und Backend sind grundverschieden – Synergien könnte man hier kaum nutzen, eine Integration in das Officeprogramm erscheint gar unmöglich. Da Mozilla auch kaum die Markenrechte aufgeben wird, wird “Thunderbird” zumindest unter diesem Namen bei Mozilla bleiben.
Gemeinnützigkeit garantiert darüberhinaus nicht zwangsläufig das Überleben eines Projektes, das ist ja gerade das Fatale: Die Mozilla Foundation ist ebenfalls eine als gemeinnützig anerkannte Stiftung, das hat sie aber nicht daran gehindert, die kommerziell agierende Mozilla Corporation zu gründen und Thunderbird aufs Abstellgleis zu schieben.

Pinguinzubehör · 12. Juli 2012, 20:03

Das gleiche Thema gab’s doch 2007 schon mal, als Mozilla die TB-Entwicklung ausgegliedert hatte. Auch damals wurde wer weiß was befürchtet und was ist passiert… nix, sondern alles wie gehabt.

Der entscheidende Unterschied zu damals ist, dass die Ausgliederung nach Mozilla Messaging geschah, um die Entwicklung voranzutreiben. Das klappte jedoch nicht so recht und deshalb änderte sich auch kaum etwas. Nun jedoch passiert das genaue Gegenteil, Thunderbird ist wieder Teil der Mozilla Corporation und die hat beschlossen, dass sich künftig keine Mozilla-Entwickler mehr um die Fortentwicklung kümmern werden.
Vergleichbar ist die jetzige Situation eher mit der Einstellung der Mozilla-Suite und dem Entstehen von Seamonkey. Thunderbird könnte langfristig (!) überleben, wenn sich genügend Freiwillige finden, doch das wird sehr sehr schwer werden.

Was die Kalender/Groupware-Funktionen angeht sehe ich das nicht so kritisch, denn ich brauche sowas bspw. nicht. Wenn doch, sollte man sowas eher als AddOn realisieren um TB nicht (noch) weiter aufzublähen.

Das ist genau das Dilemma: für Privatanwender ist’s egal, doch eine Maillösung ohne oder nur mit hakeligem, optionalem Kalender gewinnt im Firmenumfeld keinen Blumentopf – und zieht somit auch keine Firmen an, die ein Interesse haben könnten, eine Outlook-Alternative voranzutreiben.

Pinguinzubehör · 12. Juli 2012, 20:16

Auch von Kompozer gibt es mitterweile eine Weiterentwicklung: http://bluegriffon.org/

Danke, das hatte ich noch nicht auf dem Radar. Da hat Daniel Glazman die NVU-Weiterentwicklung unter neuem Namen also wieder aufgenommen. Scheint aber weiterhin ein Ein-Mann-Projekt zu sein.

Auch Thunderbird existiert durchaus schon in verschiedenen Reinkarnationen, von Eudora bis Postbox. Wobei Ersteres quasi nur ein verkleideter Thunderbird ist und Letzeres zwar eine Weiterentwicklung, aber kostenpflichtig und für Linux nicht verfügbar.

Pinguinzubehör · 12. Juli 2012, 20:32

> Eine GTK3-Version wird es unter diesen Umständen kaum geben, eine bessere Anpassung in KDE sowieso nicht.

Sobald Firefox auf GTK3 portiert wird, wird es auch relativ schnell eine Thunderbird-Version davon geben. Der Portierungsaufwand von Thunderbird auf GTK3 dürfte gegen Null tendieren. Denn unter der Haube basieren beide Programme immer noch auf Gecko und XUL.

Eine (bessere) KDE-Integration stand bei Mozilla noch nie hoch im Kurs bzw. besaß nie eine große Priorität. Firefox bzw. Thunderbird funktioniert unter KDE gut genug und die kleinen optischen und funktionalen Unterschiede rechtfertigen den Aufwand nicht.

Stefan Glasenhardt · 13. Juli 2012, 00:11

Ich bin aufgrund der aufkommenden Unsicherheit, was die Zukunft von Thunderbird betrifft, auf Claws Mail umgestiegen und habe wieder Zeit, mich um wichtige Dinge zu kümmern, als in Panik zu geraten.

Fred · 13. Juli 2012, 16:06

Für ein vernünftiges MAPI Plugin würde ich locker 50EUR zahlen. Es gibt bestimmt viele Gleichgesinnte, die nicht mit der Produktivitätsbremse Outlook arbeiten wollen. Mozilla sollte ein Crowdfounding-Projekt starten.

Norbert · 14. Juli 2012, 13:41

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