Pro Vielfalt – das reichhaltige Buffet freier Software

20. Januar 2013

Forken will wohlüberlegt sein. Lieber die eigenen Ambitionen mal zurückschrauben und sich lieber bestehenden Projekten anschließen, damit der Linux-Desktop nicht vollends zerfleddert. Diesen Appell richtet Thorsten Leemhuis gerade an alle im Open-Source-Bereich tätigen Hobby- und Profiprogrammierer. Das klingt vernünftig und entspricht vordergründig dem, was viele Anwender oftmals denken, wenn sie davon hören, dass der 5. Fork gerade zum sechsten Mal aufgegabelt wird.

Schaut man jedoch mal, was passiert bzw. nicht passiert wäre, wenn Programmierer in der Vergangenheit stets nur bei Bestehendem mitgemischt hätten statt Projekte zu forken oder Parallelentwicklungen zu beginnen, dann kommt man doch ins Grübeln.

Hätte Gnome bei KDE mitgemacht, gäbe es heute nur KDE. Hätte Olivier Fourdan bei FVWM mitgemacht, gäbe es jetzt kein XFCE. Hätte PcMan bei XFCE/Thunar mitgemacht, gäbe es heute kein LXDE. Hätten alle bei Blackbox mitentwickelt, wären weder Fluxbox noch Openbox entstanden. Hätten sich alle mit Gnome 3 abgefunden, gäbe es weder Cinnamon noch Mate oder Consort DE. Hätte Mark Shuttleworth nur Debian gesponsert, gäbe es kein Ubuntu. Ohne Ubuntu keine Ubuntu-Ableger. Nicht mal Ubuntuusers.

Viele Entwicklungen entwickeln sich naturgemäß nicht weiter oder erfahren keine große Resonanz. Aber andere Projekte nehmen ihren Lauf, werden zu etwas Größerem als ursprünglich geplant oder übertreffen sogar den ursprünglich Geforkten um Längen in Reichweite oder Bekanntheit. Dabei muss man nicht einmal an Ubuntu denken. Bestes Beispiel: XFCE. Als simples Panel als Ergänzung zu FVWM begonnen, ist es heute ein kompletter Desktop. LXDE wiederum besteht sogar fast zu 100% aus geforkten Anwendungen, die ihrerseits wiederum aus Forks (Openbox statt Blackbox etwa) bestehen. Hätten alle Entwickler stets immer nur bei bestehenden Projekten angeklopft und sich eingebracht, wäre der Linux-Desktop als solcher womöglich tatsächlich weiter, aber da dies auch immer mit einer Einigung auf einen gemeinsamen Nenner einherginge, wäre die Linuxlandschaft heute auch deutlich ärmer an Möglichkeiten. Diese Vielfalt, wie sie bei Linux und Open Source im Allgemeinen möglich ist und auch tatsächlich existiert, wäre nie entstanden.

Aktuell kommt nun die Kritik am 3. Gnome-Fork, an Consort. Doch was ist, wenn Cinnamon und Mate irgendwann in einer Sackgasse enden und Consort sich als der zukunftsträchtigste Weg erweist? Dann wäre eine potentielle Erfolgsstory schon jetzt im Keim erstickt worden. Natürlich liegt es nahe zu sagen, „macht doch lieber bei Mate mit“, doch die Gründe der Macher, es eben nicht zu tun, sind durchaus plausibel: Cinnamon baut auf aktueller Gnome-Technik auf, um Gnome 2 nur nachzubilden, Mate hingegen bleibt bei der älteren Technologie stehen und versucht sie zu erhalten. Consort wiederum will wieder einen Mittelweg gehen. Es nimmt nur die Kernkomponenten des alten Gnome 2 bzw. den Fallback-Mode von Gnome 3, also Fenstermanager, Dateimanager und Panel, und konzentriert sich auf die Weiterentwicklung dieser Module.

Damit wird auf Bewährtes aufgebaut, dies aber in realistischerem Umfang mit einer besseren Zukunftsprognose, als Mate dies derzeit verspricht. Selbst wenn es diese Gründe nicht gäbe – wenn es dieser erneuten Abspaltung irgendwann gelingt, zu einem richtig tollen Desktop zu werden, dann hat sich die abermalige Abspaltung absolut gelohnt. Wenn es nicht gelingt, weil die Manpower fehlt, dann ist das noch längst keine Garantie, dass die Ressourcen in einem Schwesterprojekt besser investiert gewesen wären. Was nicht heißt, dass auseinandergedriftete Projekte zu einem späteren Zeitpunkt auch wieder zusammenfinden können, wie beispielsweise Compiz Fusion/Beryl und Compiz gezeigt haben.

Was durchaus stimmt, ist, dass es für die Anwender schwieriger wird, sich in dem Geflecht von Projekten, Abspaltungen und ihren Anwendungen noch zurechtzufinden. Schon jetzt muss sich ein Linux-Anwender nicht nur für eine von Dutzenden Distributionen entscheiden, sondern auch, ob er diese lieber mit KDE, Gnome, XFCE, Cinnamon, LXDE oder sonstwas betreiben möchte. Und auch bei den einzelnen Programmen hört es nicht auf: Open Office oder Libre Office? Es wird zunehmend verwirrender, je weiter sich eigentlich verwandte Programme auseinanderentwickeln. Aber es ist eine Verwirrung, die nur dann zuschlägt, wenn man sie auch in Kauf nehmen will. Jemand, der sich für Hintergründe nicht interessiert, nimmt einfach das Linux, also etwa ein Ubuntu – und damit das, was ihm der jeweilige „Marktführer“ vorsetzt. Das ist die traditionelle Aufgabe einer Distribution. Wer dann damit nicht zufrieden ist, sucht sich Alternativen – und die hat er dann haufenweise, eben gerade dank der Fork-Willigkeit der Entwicklergemeinschaft.

Dass Entwickler primär ihre Potentiale bündeln, um an etwas großem Ganzen gemeinsam zu entwickeln, das wird ein frommer Wunsch bleiben. Weil es ein theoretischer Wunsch ist, ein Gedankenspiel. Freie Menschen streben mitunter danach, sich frei zu verwirklichen, ihren Ideen ohne Einschränkungen nachgehen zu können, Einschränkungen, die durch die Vorstellungen anderer (in einem gemeinsamen Projekt) durchaus mehr oder weniger hinderlich sein können. Auf diese Weise verderben nicht viele Köche den Brei, sondern jeder kann Küchenchef sein und sein eigenes Süppchen kochen. Für den Anwender bedeutet dies im Ergebnis, sich aus einem reichhaltigen Buffet das für ihn Wohlschmeckendste heraussuchen zu können, statt den zwar größeren, aber auch faderen Einheitsbrei schlucken zu müssen. Wer könnte ernsthaft etwas dagegen einwenden wollen?


aus der Kategorie: / Tratsch / Gnome & KDE

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Kommentare

Consort DE scheint gar nicht so abwegig zu sein wie es zuerst schien. Consort übernimmt die Entwicklung von Gnome-Fallback-Session von Gnome 3, welche dort rausfällt. Aus dieser Sicht ist es keine Spaltung, sondern eine Übernahme.
Consort baut auf den aktuellen Technologien auf und braucht keine 3D-Beschleunigung.

Wozu es allerdings ein weiterer Nautilus Fork braucht weiss ich nicht.

— phiphi · 20. Januar 2013, 15:44

Den Nautilus-Fork braucht es, damit man Consort neben der GNOME-Shell installieren kann. ;-)

— isch · 20. Januar 2013, 16:57

Mit dem Verweis auf erfolgreiche Forks widerlegst du den Appell keineswegs. Denn er sagt ja nicht, dass man gar nicht forken soll – sondern nur, dass das man dieses Mittel nicht so inflationär verwenden sollte, wie es viele in der Linux-Community tun.

Tatsache ist, dass Forken wertvolle Ressourcen verbraucht. Da sollte man sich vorher überlegen, ob der Fork die nötige Unterstützung für Erfolg und ausreichende Alleinstellungsmerkmale hat. Wohlgemerkt: Wenn schon mehrere andere Forks dasselbe “Alleinstellungsmerkmal” haben – also so was wie “ressourcensparende Linux-Distribution” oder “Desktop-Oberfläche wie das gute alte Gnome 2”, ist es eben keines mehr.

“Brute Force” – einfach alles mal auszuprobieren, in der Hoffnung, dass ein paar Erfolge rauskommen – ist wie beim Design von Algorithmen auch hier die einfachste, aber normalerweise nicht die beste Lösung.

— vxv · 20. Januar 2013, 17:38

Hallo alle Miteinander,

wie viel ist denn Vielfalt? Geht es hier um Quantitäten oder auch um Qualitäten? Es erscheint mir ein wenig zu simpel sich ausschließlich auf die “Vielfalt” zu beziehen.

Ich studiere Politikwissenschaft und bin auch dort mit der Forderung nach Vielfalt konfrontiert. Wozu brauchen wir noch politische Parteien, wenn sich Individuen eigenständig in den politischen Prozess einbringen können? Wozu benötigen wir klare Ideologien, wenn sich jeder von allem das Beste heraussucht und ein Diskurs auf klarer Kante nicht mehr möglich ist.

Was hat dies mit dem Blog-Beitrag zu tun? Software-Projekte übernehmen doch auch eine Bündelungs- und Synergiefunktion, es findet eine gewisse Arbeitsteilung statt. Sie definieren eine klare Kante. Werden Projekte zu groß, steigt der Bürokratieaufwand, gewisse Ideen können gar nicht mehr umgesetzt, weil viele Projektteilnehmer überzeugt werden müssen. Das auch die projekt-interne Kommunikation mit wachsender Größe leidet ist auch klar.
-> Ergo: Projekte dürfen nicht zu groß sein um ihr “Produktivitätsmaximum” zu halten.

Wenn Projekte zu klein werden leidet die Bündelungs- und Synergiefunktion, es findet zu wenig Arbeitsteilung statt
-> Ergo: Projekte dürfen nicht zu klein sein um ihr “Produktivitätsmaximum” zu halten.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob eine ökonomische Betrachtungsweise sinnvoll erscheint? Wenn Jemand ein Stück Software entwickelt, dann tut man dies vieleicht nicht unter dem Gesichtspunkt eines “Produktivitätsmaximums”. Ist Pluralität (auch in der Softwareentwicklung) ein Wert, an sich, der unabhängig von jeglicher Nützlichkeit zu betrachten ist?

Oder anders gefragt: gibt es Aktivitäten, die wirklich (wertfrei betrachtet) nicht-nützlich sind?

Es geht wie bei allem in der Natur (und damit auch beim Menschen) um Angemessenheit! Nicht zu viel und nicht zu wenig! – Angemessen halt! Was angemessen ist, bleibt häufig unklar. Der Begriff der Pluralität ist unklar definiert. Dass Individuen (hier Softwareentwikler) ihren Freiraum nutzen wollen ist verständlich. Aber wie bisher geschrieben: wenn alle ihren maximalen Freiraum nutzen, droht jegliche Gesellschaft (Softwareprojekte) zu zerbrechen! Leider ist auch dieser Freiraum unklar definiert.

Ich habe Leemhuis dahingehend verstanden, dass er genau nach der Angemissenheit des Freiraums fragt. Hobbyprogrammierer sollen weiterhin “ihr Ding” machen. Sie sollten aber überlegen, wie eine angemessene Beteiligung bei Großen Projekten aussehen kann. So könnten beide Seiten profitieren.

Es geht also nicht um Individualisierung oder Vergemeinschaftung sondern um sowohl als auch.

Gruß, David Marien

David Marien · 20. Januar 2013, 18:25

Um deine Bildsprache aufzunehmen. Ich glaube, dass man die Karte erst mal sehr genau studieren sollte, bevor man anfängt selbst zu kochen. Viele Projekte werden von Entwicklern gerne unterschätzt.

Auf der anderen Seite, wenn man von einer neuen Idee überzeugt ist und mit den aktuellen Alternativen nicht weiterkommt, sollte man es auch angehen.

Positive und negative Beispiele wird es immer geben. Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden.

Marco · 21. Januar 2013, 00:40

Du schreibst über fork und im Text steht “Hätte Gnome bei KDE mitgemacht, gäbe es heute nur KDE”, Gnome ist kein fork von KDE und von KDE gibt es soweit mir bekannt nur ein Fork.

Gruß

— volrot · 21. Januar 2013, 09:38

Er meinte es wohl so: hätten die Leute, die damals Gnome gegründet haben, sich am KDE-Projekt beteiligt, so gäbe es heute kein Gnome. Denn Gnome entstand meines Wissens später als KDE.

Klar ist Gnome kein Fork von KDE sondern eine eigenständige Desktopumgebung. Er schreibt ja nicht nur über Forks sondern generell über die Vielfalt unter Linux. Insofern ist das Beispiel schon nicht schlecht. Ein ähnliches Beispiel wäre auch KDE und Xfce.

— Rayman · 21. Januar 2013, 13:57

Vielfalt, weil wir in einer Welt der Vielfalt und des Überfluss – und eben nicht in einer Welt der Knappheit leben. Nur unser wirtschaftliches System beruht auf Verknappung um Preise zu stabilisieren, nicht jedoch die Natur. Darwin neu denken, Open Source für alle Bereiche menschlichen Wirtschaftens!
http://band1.dieweltdercommons.de/essays/andreas-weber-wirtschaft-der-verschwendung-die-biologie-der-allmende/

— Dom i nik · 22. Januar 2013, 19:26

@ Dom i nik

Schließen sich Vielfalt und Knappheit absolut aus?

In Ökosystemen haben sich eine Anzahl bestimmter Arten entwickelt, die miteinander vielfältig verflochten sind. Angebot und Nachfrage, Beutetier und Jagttier stehen, wo das Ökosystem funktioniert, immer in einem “knappen” Verhältnis. Es gibt genau so viel Beutetiere und Jagttiere, dass beide Arten langfristig stbil überleben. Die Kosten, wie viel Aufwand ein Beutetier treiben muss um Beute zu erlegen bleiben durch diese Knappheit langfristig gleichhoch. In der Natur gibt es auch keinen Überfluss. Individuen einer Art unterscheiden sich in bestimmten Eigenschaften. Ändern sich Umweltverhältnisse, werden die Individuen einer Art selektiert, deren Eigenschaften am besten zu den neuen Bedingungen passen. Es wird eben keine Eigenschaft “verschwendet”. Es werden solche Eigenschaften ausgebildet, die in ein bestimmtes Varianzspektrum aufweisen. Einer Gazelle wird kein Winterfell wachsen. Vielleicht weisen einige Tiere einen leicht veränderten Körperbau, Stoffwechsel auf. Diese Veränderung ist nur leicht messbar. Sie ist aber da. Es ist alles im Fluss, es ist eben passgenau!

Unser menschliches Problem: Zeitmangel und Eigenwilligkeit! Prozesse in Ökosystemen laufen für Menschen in nicht fassbaren Zeiträumen ab. Wir wollen alles sofort! Wir sind auch nicht so offen für neues wie wir gerne meinen. Es gibt eine Schere im Kopf, ob bei Technologie, Kultur, Gesellschaft.

Gewinnstreben kann auch problematisch werden, ist es aber nicht im Vorhinein! Mehr Quellenoffenheit in Wissenschaft und Wirtschafft ist wünschens- und erstrebenswert. Ob nun der Bäckermeister seine Variation einer Berliner Schrippe offenlegen muss, sollte noch diskutiert werden. Wie ist denn der zusätzliche Mehrwert?

Gruß, David Marien

David Marien · 26. Januar 2013, 17:51

Hätte Torvald das genommen was es zu seiner Startzeit gab dann würde heute niemand über Linux lesen oder schreiben. Oder Er hätte dann über die Lambda-Kalkühl nachgedacht.

Andere Projekte ermöglichen erst einen Fortschritt, Ideen kommen nicht linear ……

— OldWindowsNewLinux · 2. Februar 2013, 18:41

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