Warum jetzt noch Firefox?

20. November 2017

Quantum ist da – und Firefox ist wieder konkurrenzfähig geworden – technisch wieder auf der Höhe der Zeit. Doch ein Alleinstellungsmerkmal fehlt. Was der neue Firefox mit einer Zahnbürste gemeinsam hat …

Die Frage aus der Überschrift gerade im Open-Source-Umfeld zu stellen mag ketzerische Züge haben – schließlich war Firefox es, der das einst von proprietären Browsern abhängige Web befreite. Dass Webseiten heute für das Internet und nicht für bestimmte Browserversionen gemacht werden, ist auch das Verdienst von Firefox. Doch diese Zeiten sind vorbei, kein Browser kann sich heute noch Alleingänge leisten.

Die Poweruser und alten Hasen werden ihren Schockmoment bereits gehabt haben: Von den installierten und liebgewonnenen Erweiterungen bleibt oft nicht mal eine einzige erhalten im neuen Firefox. Das Alleinstellungsmerkmal ist erst einmal dahin. Die Möglichkeit, Firefox nahezu unbegrenzt den eigenen Bedürfnissen anzupassen, ist passé.

Alternativen

Alternativen müssen her, doch die sind, wenn es sie schon gibt, in der Regel nicht mehr so mächtig und umfangreich wie bisher. Das ist seitens Mozilla gewollt: Erweiterungen können nicht mehr so tief in die Firefox-Funktionen eingreifen wie bisher. Firefox hat mit seiner alten Oberfläche auch gleich die damit einhergehenden unglaublichen Anpassungsmöglichkeiten durch Dritte entsorgt.

Viele Entwickler umfangreicher Add-ons haben daher das Handtuch geworfen und die Entwicklung ihrer Firefox-Projekte eingestellt. Darunter viele kleine nützliche Helferlein, aber auch größere Projekte, die aus Firefox mehr machten als nur einen Browser. Das war abzusehen. Warum sollten gerade nichtkommerziell tätige Entwickler ihre über die Jahre gewachsenen Projekte auf eine neue technische Basis umstellen, wenn diese am Ende dann doch nicht mehr die Möglichkeiten bietet, die es ursprünglich einmal gab? Die Erweiterungen in Firefox sind qua Design nun das, was sie auch bei Chrome von Anfang an waren: Kleine Ergänzungen vor allem für das Handling der im Browser angezeigten Inhalte, aber kaum noch Änderungen an der Funktionalität des Browsers selbst.

Keine Alternative?

Mozilla steckte in der Zwickmühle: XUL, die alte Oberfläche, war langsam und bremste den Browser aus. Mit der darunterliegenden Technik, der Browser-Engine Gecko, sah es wenig anders aus. Das alte Konzept war immer noch wie für die Jahrhundertwende gemacht. Vor 15 Jahren genial, doch inzwischen zählen andere Dinge. Insofern hätte Mozilla schon längst den Stecker ziehen müssen, um den Anschluss an die Konkurrenz nicht zu verlieren. Geschwindigkeitszuwachs und höhere Stabilität sind die Punkte, die Mozilla erreichen muss und mit dem neuen Firefox auch erreicht.

Stabilität und Geschwindigkeit kommen, Flexibilität und Unabhängigkeit gehen

Das Problem bleibt jedoch: Geschwindigkeit ist nicht der Grund, weswegen sich viele Nutzer Firefox installieren. Das Alleinstellungsmerkmal von Firefox waren nie Stabilität und Geschwindigkeit, sondern Flexibilität und Unabhängigkeit. Gerade das Erweiterungssystem ermöglichte, auch Funktionen zu realisieren, die von Mozilla selbst eben gar nicht vorgesehen waren. Das machte den Browsernutzer zu einem guten Teil unabhängig vom Hersteller, was man beim letzten großen Re-Design beobachten konnte: Wem Australis nicht passte, installierte die entsprechenden Erweiterungen – und hatte seinen gewohnten alten Firefox wieder. Das geht nun nicht mehr.

Firefox gibt nun genau diese Alleinstellungsmerkmale auf, den Fundus an Add-ons, den bislang kein anderer Browseranbieter zustandebrachte. Über die Jahre war es zu einem phantastischen Ökosystem herangewachsen, das für fast alle erdenklichen Wünsche die passende Erweiterung bereithält. Selbst die vor einiger Zeit eingeführten Zwangssignierungen und die Umstellung auf schnellere Entwicklungszyklen haben diese Vielfalt nicht entscheidend ausbremsen können.

Harter Schnitt

Nun aber kam der harte Einschnitt – mit der Abschaffung der alten Erweiterungen wird der größte Teil des gesamten bisherigen Reservoirs an Firefox-Add-ons mit einem Schlage inkompatibel. Wenn die Erweiterungs-Entwickler ihre Erweiterungen nicht neuschreiben, wird die entsprechende Funktionalität künftig nicht mehr bereitstehen. Ob es wirklich so kommt, dass Erweiterungen reihenweise sterben – oder ob die Add-on-Programmierer am Ende doch in den sauren Apfel beißen und zumindest eine ähnlich umfangreiche Erweiterung anbieten werden, das wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Warum noch Firefox?

Damit wäre man wieder bei der Eingangsfrage: Wozu eigentlich noch Firefox? Im neuen Gewand ist er vor allem eine Alternative zu Googles Chrome und dessen Derivaten. Aber er bietet aus Anwendersicht praktisch nichts mehr, was andere nicht auch bieten. Was sind die stichhaltigen Gründe, heute noch zu Mozilla Firefox zu greifen, abseits von entwicklungsphilosophischen Erwägungen?

Leistungsstärke? Sind andere auch. Schnellerer Seitenaufbau und weniger Speicherbedarf? Hat die Konkurrenz schon lange. Neues Design? Nichts Weltbewegendes und erinnert immer noch viel zu sehr an Chrome. Smarte Features? Welche sollen das sein, die man woanders nicht auch findet? Wie will man bei Mozilla Chrome noch übertreffen? Oder ist das Ziel nur noch, eine Alternative zu bleiben? Nur genauso gut zu sein wie Chrome, das wird nicht reichen, um Google die Nutzer wieder abspenstig zu machen. Mit Screenshotfunktion und Pocket-Integration holt man jedenfalls kaum abspenstig gewordene Chrome-Nutzer wieder zurück.

Neuester Firefox aller Zeiten

Ausgerufen wird er von vielen schon als bester Firefox aller Zeiten – die Aufbruchstimmung ist spürbar. Ob es tatsächlich der beste ist, das wird sich auch an den künftigen Nutzerzahlen messen lassen müssen. Bleibt zu hoffen, dass es nicht auch zum größten Nutzerschwund aller Zeiten führt. Denn ob Firefox noch einmal so viele Nutzer begeistern wird wie zu seinen Hochzeiten, bleibt fraglich. Ein bisschen wirkt es, als wäre Firefox 57 die Antwort auf die Frage, die niemand gestellt hat. Unbestreitbar ist der Browser jedoch der neueste Firefox aller Zeiten, es ist der größte Umbruch seit seiner Entstehung, sowohl oberflächlich als auch unter der Haube. So gravierend waren die Änderungen nicht einmal, als die Transformation von der alten Mozilla-Suite zu Firefox erfolgte.

Firefox war bisher das Schweizer Taschenmesser unter den Browsern. Altmodisch, aber für jeden Einsatzzweck das richtige Werkzeug ausklappbar. Der neue Firefox wirkt dagegen wie eine elektrische Zahnbürste. Alles frisch und neu und noch ein bisschen modular – aber die Verwendungsmöglichkeiten sind überschaubarer geworden.


aus der Kategorie: / Tratsch / Browser

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Kommentare

welche Erweiterungen fehlen dir denn konkret? Bei mir ist außer popup-Blocker, httpseverywehere, ghostery und wallabag nichts aktiv und mehr brauch ich eigentlich nicht. Was hattest du denn noch alles laufen?

— MM · 20. November 2017, 14:03

Du hast einen, zumindest für mich den Wichtigsten Punkt unterschlagen:
Quelle: https://www.privacy-handbuch.de/handbuch_21d4.htm
zitat:
Ein kurzer Test zeigt, dass Mozilla damit eine Tracking Wanze fest eingebaut hat, die man deaktivieren sollte.
Zitatende!

Damit hat sich Moziila vom Schutz seiner Anwender verabschiedet. Es gibt keinen Grund mehr Firefox zu benutzen, wenn einem Freiheit vor Überwachung und Demokratische Teilhabe wichtig ist.

— blub · 20. November 2017, 14:26

Ein paar Helferlein fehlen: Active Stop Button, Add Bookmark Here, Add to Search Bar, Cookie Monster, Custom Buttons, FireFTP, Grabmybooks, Loading Bar, Space Next, QuickJava

Pinguinzubehör · 20. November 2017, 14:31

@Pinguinzubehör Oh das sind ja doch so einige :-) Ich glaube einige Funktionen sind aber durch FF selbst ganz gut übernommen worden (?) :
- Add Bookmark Here – mit Stern-Widget und Bibliothek
- Add-to-searchbar – Auf jeder Seite mit OpenSearch-Eintrag automatisch angeboten
- Loading Bar – wird jetzt standardmäßig angezeigt (was mich eher stört wegen dem geflacker ;) )

Das Grabmybooks macht bei mir besagtes Wallabag, vielleicht eine Alternative?
Für Space Next scheint es das hier zu geben: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/find-next-page/

— MM · 20. November 2017, 15:54

Für mich gibt es nur einen Grund, bei Firefox zu bleiben, aber der ist für mich wesentlich: Datenschutz.
Immerhin kann ich bei Firefox viele Nach-Hause-Telefonate abschalten. (Bei Chrome auch?).
Und selbst wenn beide Browser am Ende doch noch Daten “nach Hause” schicken – mir ist es lieber Daten an das relativ kleine Mozilla zu geben, als an einen der vier Datenmoloche (Apple, Amazon, Facebook, Google).

— Mat · 20. November 2017, 18:37

Ich bin mit der ersten Chrome Version gewechselt und wollte vor ein paar Monaten wieder zurück zu Firefox wechseln. Leider war die Geschwindigkeit und die Haptik so mies, dass ich nach einem halben Monat wieder zurück zu Chrome gewechselt bin.
Nun habe ich den neuen Firefox probiert und bin begeistert. Musste nur noch die minimalen Animationen abschalten und nun ist er perfekt. Ich habe auch im Chrome Erweiterungen gehabt, aber sind wir mal ehrlich. Wann benutzt man diese großartig?! Bin da eher misstrauisch, welche Dinge eine Erweiterung wirklich abgreift, wenn sie alles machen darf. Bin eher dafür, dass der Hersteller stärker reguliert und definierte APIs bietet, auch wenn es erstmal Einschnitte gibt.
Schlussendlich will man surfen und das Internet konsumieren und das schnell.
Der Hauptgrund für den Wechsel ist die Privatsphäre Politik von Mozilla. Diese Bemühungen finde ich gut und möchte ich unterstützen. Ein Chrome verfolgt da wohl eher andere Ziele, wenn diese von der Krake kommt. Ziel erfüllt…Nutzer nach 9 Jahren zurückgewonnen.

Viele Grüße
Nedy

— Nedy · 20. November 2017, 19:35

Cookie Monster

Dafür gibt es einige Alternativen.

Ich habe mich ja auch im Blog an den inkompatiblen Erweiterungen gestört. Aber mehr daran, dass man überhaupt mit deaktivierten Erweiterungen konfrontiert wird. Letzten Endes gab es dann doch für alles wichtige Alternativen.

Ich bezweifle sehr, dass mehr als ein minimaler Prozentsatz aller FF-Nutzer keine Erweiterungen mehr verfügbar hatte. Es wurden sehr viele portiert.

Firefox hat immer noch das Alleinstellungsmerkmal, der einzige große und generell mit Webseiten kompatible Webbrowser zu sein, der seine eigene Webengine entwickelt. Und mit der neuen Version gibt es da dann doch positive Performanceunterschiede zu Chrome, die Konkurrenz hat das so eben noch nicht.

onli · 20. November 2017, 20:35

Zitat:
schließlich war Firefox es, der das einst von proprietären Browsern abhängige Web befreite.
Zitat Ende

Nein, korrekt wäre Netscape und nein Mozilla hat den Code mehr oder weniger übernommen aber massiv verändert so das es kein Netscape mehr war und es zum Browser Nr.1 geführt. Ergo haben sie auch das Recht es zum unbeliebtesten Browser zu machen.

Ich muß aber schreiben – das Ding läuft gut trotzdem nutze ich diesen schon lange nicht mehr.

Gruß

— pitt · 20. November 2017, 21:48

Nein, korrekt wäre Netscape und nein Mozilla hat den Code mehr oder weniger übernommen aber massiv verändert so das es kein Netscape mehr war und es zum Browser Nr.1 geführt.

Netcape war selbst proprietär. Der Nachfolger, die Mozilla-Suite, war Netscape nachempfunden und frei, aber erst der Erfolg des Schwesterprojekts Firefox war es, der schließlich das Ende des Quasi-Monopols des Internet Explorers einläutete.

Pinguinzubehör · 20. November 2017, 22:04

Kriege aktuell täglich Post, wieso ich bei meiner Erweiterung OpenDownload² denn den Umstieg auf Firefox 57 “verschlafen” hätte. Ich wünschte, das hätte ich.

Tatsächlich gefällt mir am neuen Firefox nur, dass es endlich einen Standardweg gibt, Tabs vertikal statt horizontal auszurichten. Vivaldi kann das, Chrome kann das noch nicht. Ansonsten ist es spätestens jetzt tatsächlich vollkommen wurst, welchen Browser man verwendet. Alt-Firefoxer behalten (wie ich) wahrscheinlich Pale Moon bzw. dessen kommende Version “Basilisk” im Auge, der XUL und WebExtensions gleichermaßen unterstützen soll, ansonsten sind außer qutebrowser und Vivaldi gerade keine wirklich durchdachten Alternativen im Rennen. Schade eigentlich.

tux. · 20. November 2017, 22:16

Zu Netscape/Mozilla empfehle ich immer ganz gerne die Ausführungen des Netscape- und Emacs-Urgesteins “jwz”: Mozilla war ein erfolgreicher Versuch, Netscape zu trollen.
https://www.jwz.org/blog/2016/10/they-live-and-the-secret-history-of-the-mozilla-logo/

tux. · 20. November 2017, 22:18

Mozilla installiert bei Firefox 57 Neuinstallation bei angeblichen 1-2% das Plugin „Search Shield Study“ mit. Diese Nutzer sind angeblich zufällig ausgewählt.

Ich hab etliche VMs aufgesetzt und mit dem Tor Browser den Firefox 57 heruntergeladen und installiert. Jedes Mal war das Plugin mit installiert.

https://www.kuketz-blog.de/mozilla-untergeschobenes-addon-search-shield-study/

— Anonym · 21. November 2017, 10:36

Ich habe aktuell 11 Erweiterungen am Start und konnte für die eine, für die ich keinen unmittelbaren Ersatz finden konnte, auch eine Lösung gefunden: Die minimale Tab-Breite lässt sich im about:config unter browser.tabs.tabMinWidth einstellen. Problem gelöst.

Dass ich mich ein bisschen mit Alternativen zu meinen Erweiterungen beschäftigen musste, waren mir der Geschwindigkeitszuwachs und die verbesserte Sicherheit (Isolierung der Erweiterungen und das Berechtigungssystem (vorher durften AddOns alles)) definitv wert.

Warum sollte man Firefox nutzen? (nur die wichtigsten Vorzüge, die mir gerade so einfallen, ich will keinen kompletten Browservergleich anstellen)

- er ist deutlich anpassbarer als Chrome (probier mal den Bereich um die Adressleiste herum anzupassen…)
- Mozilla ist mir sympathischer als Google
- die Version für Android kann – im Gegensatz zu Chrome – mit AddOns erweitert werden

Auch sehe ich nicht, dass Erweiterungen die Masse der Nutzer groß interessieren. Technisch unbedarfte Nutzer (das sind etwas 85%, schätze ich mal), interessieren sich nicht für AddOns, diese Gruppe kann man eher mit Geschwindigkeit und Nutzerfreundlichkeit locken.
Außerdem soll die API für AddOns ja noch erweitert werden…

Auch die Argumentation, dass Firefox nun Chrome ähnlicher sehen soll, kann ich nicht ganz nachvollziehen: Mir sieht er eher ein bisschen wie Edge aus.
Allgemein ist mir das Design auch nicht ganz so wichtig, Australis fand ich auch ok.

Julius · 22. November 2017, 23:31

@tux.
Das habe ich auch nicht behauptet. Für Linux sind das aber die beiden Optionen, die quelloffen sind und relativ viele Funktionen bieten (ich nenne es mal „Universal-Browser“) und zudem für alle wichtigen Smartphone-Betriebssysteme verfügbar. Beim Rest fehlt immer irgendetwas.
(Ich muss aber auch gestehen, dass ich nie ernsthaft versucht habe, zu wechseln – habe aber ab und an die Konkurrenz abgeklopft. Ich bin mit FF allerdings im großen Ganzen zufrieden…)

Julius · 24. November 2017, 10:27

Warum jetzt noch Firefox? Die Überschrift erschließt sich mir überhaupt nicht. Passender wäre gewesen: Jetzt erst recht Firefox!

Mich begeistert Firefox weiterhin wegen Mozillas großartiger Lobbyarbeit für uns, die Nutzer, für unsere Interessen und den Schutz unserer Daten, für freie Standards usw. und jetzt zusätzlich auch noch durch die starke Performanz.

Wenn dich nur die weggefallenen Erweiterungen zu deiner negativen Gesamtbotschaft bewegt haben: Erweiterungen sind schon länger ein Randphänomen geworden. Außer ein paar einzelnen nutzte kaum noch jemand.

— jonius · 28. November 2017, 21:39

Also ich war durchaus des öfteren fremd gegangen, aber wie schon so oft beschrieben, finde ich es wichtig, das es Alternativen zu den Browser von Google und Co gibt, und wenn ich ehrlich bin, weniger ist manchmal mehr. Solange mir es nicht verwehrt wird einen Werbe-Blocker zu installieren, ist mir Firefox lieber als der anderer Datengräber!
Und ich glaube, wer Linux einsetzt, der wird lieber auf freie Software setzen, als auf die Kommerziellen.

— Detlef · 1. Dezember 2017, 14:10

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