Ubuntu goes lila - Warum das neue Ubuntu (Augen-)Karies verursacht

6. März 2010

So wie es aussieht, wird das kommende Ubuntu 10.04 (Lucid) nun doch die Fensterknöpfe wie bei Apple auf der linken Seite haben, statt rechts wie von Microsoft (und bisher recht übereinstimmend Linux) gewohnt. Allerdings ist auch wieder ein wenig Windows-Kopie mit drin, da der Knopf zum Schließen eines Fenster nun anders als die übrigen Knöpfe eine rote Farbe erhält. Ubuntu wird also mit dem künftigen Aussehen sozusagen “das Beste aus beiden Welten” vereinen.

Es wird u.a. kritisiert, dass man dadurch den am häufigsten benutzen Knopf – ebenjener Schließen-Button – nun nicht mehr blind bzw. intuitiv mit der Maus treffen könne (rechte obere Ecke). Doch dies war bei Ubuntu und auch dem originalen Gnome sowieso nie vorgesehen, da man in der oberen Ecke das zweite Panel vorfindet bzw. es aktiviert, falls es automatisch ausgeblendet ist (anders als z.B. OpenSuse oder Linux Mint, die das obere Panel standardmäßig nicht verwenden). Eher trift schon zu, dass man ohne Not eine etablierte und gewohnte Reihenfolge der Knöpfe aufgibt.

Ist übrigens noch niemandem bei der ganzen “Hilfe-die-Buttons-sind-nun-links-Aufregung aufgefallen, dass es im neuen Design überhaupt keine Menüknöpfe mehr gibt? Also z.B. den Firefox-Fuchs im Firefoxfenster oder das Ordnersymbol im Nautilusfenster? Ein ganzes Stück Übersichtlichkeit geht hiermit verloren.

Die neue Anordnung der Fensterschaltflächen bei Ubuntu ist einerseits bemerkenswert, da man dadurch an dieser Stelle die Kompatibilität zum marktbeherrschenden Betriebssystem Windows aufgibt, andererseits war Ubuntu schon immer recht experimentierfreudig und schwamm nicht mit dem Strom: Statt auf KDE (zur Entstehungszeit Ubuntus sehr ausgereift, modern und vielseitig) zu setzen, wurde das minimalistischere und gerade im Umbruch befindliche Gnome zum Standard erkoren (und verhalf diesem dadurch erst so richtig zum Durchbruch in der Linuxwelt, führte es vorher doch eher ein Schattendasein als KDE-Alternative). Statt das ungeschriebene Gesetz der Betriebssysteme zu befolgen, dass Oberflächen in Blautönen gestaltet sein müssen, setzte Ubuntu von Anfang an auf ein sattes Braun (später auch auf Orange).

Doch auf einmal wird Ubuntu mainstreamiger, indem es nun mit dem neuen lilafarbenen Standardhintergrundbild ebenfalls mehr Blau auf den Bildschirm bringt. Das könnte man als langweilig bezeichnen, auf jeden Fall ist es von den bisherigen Hintergrundbildern eines der einfallslosesten. Während Ubuntu 6.06 (Dapper) rauchig-edel daherkam und spätere Version wie 8.04 (Hardy) künstlerisch aufwändige Versionen der namensgebenden Tierpaten als Hintergrund verwendeten, selbst der aktuell schlichte und grellorangene Farbverlauf von Ubuntu 9.10 (Karmic) noch adrett wirkt, sieht der kommende violette Lucid-Lynx-Desktop einfach billig aus: ein abstraktes Bild mit weichgezeichneten Farbklecksen und Linsenspiegelungseffekten, die jeder Anfänger nach etwas Gimp-Einarbeitung ähnlich realisieren könnte – vielleicht entfernt man ja deshalb Gimp aus der Standardinstallation.


Evolution der Ubuntu-Hintergrundbilder: Dapper, Hardy, Karmic – und nun Lucid in violett

Die Farbe ist da fast schon egal, doch auch hier ist der erste Eindruck der Ubuntugemeinschaft recht bestimmt: zu tuntig, zu feminin, zu sehr 80er Jahre. Persönlich erinnert mich die Mischung der bisherigen orangefarbigen Icons mit dem lilafarbenen Hintergrund an eine Sorte von quietschsüßen Weingummi-Schnullis, womit sich auch die Überschrift dieses Artikels erklärt.

Aber man soll sich ja nicht nur mit Oberfläch(lichkeit)en abgeben. Doch leider ist das neue Theme auch technisch ein Rückschritt, denn die Scrollbalken z.B. gehören nicht etwa zu einer neuen Theme-Engine, sondern sind schlicht kleine Extrabildchen, die im Theme-Ordner liegen.

Das wirklich Tragische am neuen Ubuntu-Design ist jedoch, dass alles wirklich sehr gut aussieht: Die neuen GTK-Stile – Menüs und Fenster – sind sehr dezent und elegant in angenehmem Beige, die Scollbalken sehen sehr gut aus (obwohl sie sich natürlich auch wieder an MacOS’ Aqua orientieren), die Symbolik ist bewährt und hervorragend und selbst das Hintergrundbild ist zwar simpel gestrickt, aber vorzeigbar. Erstmals nutzt Ubuntu nun sogar Graphiken hinter den Panels (einst hier kritisiert), die dadurch mehr Struktur erhalten.
Allein – alles zusammen sieht grausam aus, es scheint nichts zusammenzupassen.

Als hätten viele Köche den Brei verdorben. Die Symbole passen nicht zum Hintergrund, der Hintergrund nicht zum Fensterbeige und das Fensterbeige nicht zu den Fensterleisten. Bei “kbps” findet man noch treffendere Worte: der neue Schließenbutton und die orangenen Farbtupfer im Hintergrundbild sähen aus wie Pickel.

Das Beige des dunkleren der beiden Themes entspricht übrigens in etwa dem Farbton des bisherigen Human-Themes. Zusammen mit den orangefarbenen Icons ändert sich beim kommenden Ubuntu also in Wirklichkeit gar nicht so furchtbar viel, wenn man das Hintergrundbild wieder auf orange stellt.


aus der Kategorie: / Tratsch / Distributionen

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Kommentare

Tja, die Diskussion schlägt ja ganz schöne Wellen. Von mir nur zwei Anmerkungen:

Ist übrigens noch niemandem bei der ganzen “Hilfe-die-Buttons-sind-nun-links-Aufregung aufgefallen, dass es im neuen Design überhaupt keine Menüknöpfe mehr gibt? Also z.B. den Firefox-Fuchs im Firefoxfenster oder das Ordnersymbol im Nautilusfenster? Ein ganzes Stück Übersichtlichkeit geht hiermit verloren.

Es stimmt, dass der Menü-Knopf offensichtlich verschwunden ist. Aber schon bei Karmic ist das Anwendungs-Symbol aus den Fensterleisten geflogen: Alle Fenster haben einen einheitlichen kleinen Mini-Knopf für das Fenster-Menü.

Erreichen kann man das Menü übrigens noch über das Kontext-Menü in der Fensterleiste im Panel (was vermutlich die meisten wissen).

Das wirklich Tragische am neuen Ubuntu-Design ist jedoch, dass alles wirklich sehr gut aussieht: Die neuen GTK-Stile – Menüs und Fenster – sind sehr dezent und elegant in angenehmem Beige, die Scollbalken sehen sehr gut aus

Das GTK-Thema wird ja insgesamt eher positiv aufgenommen, mir gefällt es lustiger Weise gar nicht. Das aktuelle Human-GTK-Thema finde ich weitaus eleganter und professioneller. Bein neuen Theme finde ich die Buttons zu deutlich vom Hintergrund abgesetzt, sie sind mir zu dunkel, die Drop-Down-Listen finde ich furchtbar und die ausgefüllten Pfeile bei den Schaltflächen wirken wie Fremdkörper. Zumindest bei dem dunklen Theme hat es ja auch dem verhassten (wenn auch nicht von mir) Braun zu seinem Recht verholfen.

Aber Recht würde ich Dir auf jeden Fall mit der Beobachtung geben, dass einfach vieles nicht zusammen passt. Gerade Fensterdekoration und GTK-Thema: Die dunkle Fensterdekoration ist mit seinem Dunkelgrau eigentlich eher kalt und passt nicht recht zu den warmen Brauntönen im dunklen GTK-Thema. Andersherum ist die helle Fensterdekoration wieder beige und damit wärmer. Das kalte Grau des hellen GTK-Themas passt überhaupt nicht recht dazu.

Naja, sehen wir mal, wie die Diskussion ausgeht.

Fredo · 6. März 2010, 16:54

Einer der ganz wenigen GUTEN Kritiken, die auch ohne großes Geheule auskommt.

— vivalostioz8005 · 6. März 2010, 16:55

Fullack. :|

Schade, der Orange-Ton hat mir immer besonders gefallen. Hardy Heron war so toll, der Reiher ist von meinem damaligen Desktop nicht wegzudenken gewesen.

Das was jetzt kommt, scheint einfach nur ein Abklatsch zu sein von Mac OS X – zumindest in den Kategorien “Hintergrundbild” und “Fenster-Buttons”.

Wenn das so weitergeht, besonders mit dem Software-Center, Ubuntu One und den Music Store (alles Dinge, die die Welt nicht braucht) wird es Zeit für eine neue Distribution.

— · 6. März 2010, 17:04

Hmmm, GNOME im Umbruch? Zur ersten Version von Ubuntu stand GNOME gerade bei der Version 2.08 und war alles andere als im Umbruch. Ausserdem betrachtest du die Situation KDE/GNOME nur mit deutschen Augen.

In Deutschland ist/war KDE recht populär weil Suse damit ausgeliefert wurde. Viele andere Distributionen dieser Zeit lieferten jedoch GNOME als primären Desktop aus. Und somit war GNOME alles andere als “off-Mainstream”. :)

Christoph · 6. März 2010, 17:22

Ich finde das Lila auch schwul sowie, daß immer mehr Farbe verschwindet…
und dieses braun – ich mag braun nicht!
Und den LogIn Bildschirm kann man vom Style nicht mehr ändern grummel

Ich wäre für die AMIGA Fenster Anordnung ;-)

— DIDIOpladen · 6. März 2010, 17:35

Ich verstehe diese Diskussion über das Theme und die Hintergrundbilder nicht. Wenn mir etwas davon nicht gefällt, kann ich es doch in 5 Sekunden ändern.

— · 6. März 2010, 17:58

Sehe ich genauso wie der Vorposter. Das schöne an Linux ist ja das ich alles an meine Bedürfnisse anpassen kann. Man kann einfach das Shiki-Theme installieren ;)

— Zinn · 6. März 2010, 18:27

Dito.
Aber ich muss zugeben dass ich mir die Themes wg. persönlichem Missfallen gar nicht erst so genau angesehen hätte, danke :)

Cywhale · 6. März 2010, 18:43

Christoph, “im Umbruch” ist vielleicht missverständlich, ich wollte darauf hinaus, dass Gnome damals den großen Umbruch gerade erst hinter sich hatte. Die ersten 2.0*-Versionen sahen zwar schon gut aus, konnten aber noch relativ wenig. Gnome ist erst im Laufe der letzten Jahre kontinuierlich und schleichend verbessert worden. Ein paar Beispiele: Man konnte lange nicht einmal das Menü editieren (das Alacarte-Zusatzprogramm kam erst relativ spät), Evolution war gerade erst integriert worden, Nautilus noch recht träge, unflexibel und teils instabil. Vor allem die ganzen Kleinigkeiten, die man heute an Gnome so schätzt, sind erst mit der Zeit hinzugekommen. War der heutige Dateiauswahldialog eigentlich damals schon dabei oder kam der auch erst später dazu?

KDE war in Deutschland/Europa wohl tatsächlich schon immer beliebter als in den USA, was aber hauptsächlich damit zusammenhängen dürfte, dass die großen europäischen Distributionen (SuSE, Mandrake) auf KDE setzten, die amerikanische Red Hat aber (übrigens als einzige der größeren Distris) auf Gnome. Ubuntu als neue südafrikanische Distribution war theoretisch also unbelastet (Debian machte keine Vorgaben) und hätte genausogut auch auf KDE setzen können (das damals im direkten Vergleich zu Gnome ausgereifter und stabiler schien). Ich hatte übrigens den Eindruck, dass früher mehr Distributionen KDE hatten und Gnome eben hauptsächlich nur von Red Hat favorisiert wurde.

Pinguinzubehör · 6. März 2010, 19:01

Stimmt, die Debatte über die Gestaltung ist im Grunde müßig, da man alles selbst festlegen kann. Aber will man das überhaupt? Natürlich kann man sich sein Linux völlig nach eigenem Gusto zusammenstellen – auch optisch. Nur geht dabei der Sinn einer Distribution dann eher verloren. Wenn man weiß, dass man grüne oder blaue Desktops mag, wieso sollte man dann Ubuntu nehmen und nicht gleich Mint, Suse Fedora – oder eben Debian? Was unterscheidet Ubuntu denn großartig von der Konkurrenz? Letztendlich doch nur die Vorauswahl (also die Festlegung von Standardeinstellungen und Programmen bei der Installation) und eben die Marke Ubuntu – die sich durch Farbgebung und Gestaltung bemerkbar macht.

Wieso installieren so viele Linuxnutzer als erstes ein Mac-OS-ähnliches Panel oder Theme? Weil man Apple imitieren will oder weil man alles selbst einstellen kann?

Man kann nicht bestreiten, dass Ubuntu bis jetzt ein herausragendes optisches Erscheinungsbild hatte (obwohl orange-braun natürlich nicht jedermanns Geschmack ist), das seinerseits von vielen anderen Oberflächen imitiert wurde – es gibt Ubuntu-Klone (Human-Theme-Klone) für nahezu alle Fenstermanager! Das wäre sicher nicht passiert, wenn Ubuntu nicht so ein unverwechselbares Desgign geschaffen hätte. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass es diese Ubuntu-Begeisterung der letzten Jahre gegeben hätte, wenn Ubuntu genauso ausgesehen hätte wie Fedora oder Suse. Es war einfach mal etwas anderes, etwas neues Sympathisches. Ich selbst habe mich ursprünglich aus 2 Gründen für Ubuntu entschieden: weil auf Ubuntuusers.de ein freundlicher Umgangston herrschte und weil mir das Konzept, Linux als etwas weniger Technisches, mehr “Humaneres” und Einfacheres darzustellen (eben standardmäßig warme Farben und ein stimmiges, ansprechendes Erscheinungsbild) gefiel.

Das neue Erscheinungsbild ist nicht so schlecht, wie jetzt überall als Ergebnis des ersten Schocks zu lesen ist (selbst wenn es eher eine schlechte Mac-Nacheiferung ist), ich kann mir gut vorstellen, dass es auch viele neue Fans finden wird. Aber ob es imstande ist, den ehemaligen Ubuntugedanken, der so viele für Ubuntu begeistert hat, ebenso zu transportieren wie bislang, das wird sich erst noch zeigen müssen.

Pinguinzubehör · 6. März 2010, 19:26

@DIDIOpladen: “Ich finde das Lila auch schwul” — Bedeutet das für Dich etwas schlechtes, heißt Schwul schlecht? Wenn ja warum? Hast Du etwas gegen Schwule?

Was sollen diese bescheuerten vergleiche?

— Neckreg · 6. März 2010, 22:09

Dankeschön übrigens noch, Fredo, für die Klarstellung – da ich Karmic nicht nutze, war mir diese Änderung (keine Menü-Symbole mehr) entgangen.

Ich kann mich übrigens nicht daran erinnern, jemals den Menüknopf benutzt zu haben, ich bemühe stets das Kontextmenü auf der Fenstertitelleiste. Anderen geht’s vermutlich ähnlich, daher ist es kein großer Verlust. Aber um das vertraute Symbol an sich, das die sonst einheitlichen Fensterrahmen mit dem Programmlogo personalisiert, ist es dann doch irgendwie schade.

Pinguinzubehör · 6. März 2010, 23:11

Dieser “lila ist tuntig” Kommentar ist schon hart. Wer schreibt denn so einen Müll?

— Peter · 9. März 2010, 01:08

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