Mach’s gut, Pro-Linux!

31. Mai 2020

Eine Ära geht zu Ende. Ein Nachruf auf Deutschlands schillerndste Linuxnewsseite.

„Es wurde aus dem Chaos geboren, nährte sich vom Chaos und wird irgendwann im Chaos untergehen.“ So antworteten die Macher von Pro-Linux auf die Frage nach einer kurzen Selbstbeschreibung im Interview, das Pinguinzubehör im Jahre 2009 mit ihnen führte. Das ist nun schon elf Jahre her, und zufällig war das Projekt zu diesem Zeitpunkt gerade knapp elf Jahre alt. Es nährte sich elf weitere Jahre, ist nun im zweiundzwanzigsten Jahr und wird jetzt tatsächlich untergehen.

Von Chaos jedoch keine Spur. Das Ende erfolgt geordnet. Als Nachrichtenseite wird Pro-Linux nun nicht mehr fortgeführt, doch das Archiv und einzelne Services bleiben erhalten. Chaos herrscht allenfalls unter den Stammlesern, die sich nun eine neue Heimat suchen müssen.

Pro-Linux hat über die Jahre viel gesehen und begleitet: die Entwicklung von KDE und Gnome, den Ubuntu-Aufstieg, das Aufkommen und Verschwinden von Distributionenen und ganzer Distributionsmodelle. Die Diskussionen unter den Artikeln wurden oft auch derb geführt, und auch schon, als von verrohenden Sitten in sozialen Netzwerken noch nicht einmal die Rede war – weil es noch keine sozialen Netzwerke gab. Doch auch wenn es heftig zur Sache ging, ging es dabei immer um die Sache, und letztlich war das Zusammenspiel von umfangreichen Linuxnachrichten und pointierter Diskussion eine funktionierende Mischung.

Pro-Linux gehörte für Linuxinteressierte zur Frühstückslektüre. Eine Art Heise-Newsticker für Linuxanwender, diese Nische füllte es mustergültig. Auch dieser Autor hier war mal ganz kurz Pro-Linux-Schreiberling und machte auch dort erste hobbymäßige Ausflüge in den IT-Journalismus. Inzwischen ist er tatsächlich Journalist, hat das alte Hobby aber nie aufgegeben. Insofern ist Pro-Linux auf eine gewisse Weise auch für das Entstehen von Pinguinzubehör mitverantwortlich.

Auf 22 Jahre bringen es diese Seiten noch bei weitem nicht, auch nicht ansatzweise auf eine derart hohe Veröffentlichungsfrequenz. Wer selbst regelmäßig schreibt, kann gut einschätzen, welcher Aufwand bei Pro-Linux über all die Jahre betrieben wurde. So etwas lässt sich in diesem Umfang nur durchhalten, wenn man mit Herzblut bei der Sache ist. Das merkte man den Machern auch stets an. Das Portal wurde über die Jahre professioneller, ambitionierter, doch wirkte dabei nie abgehoben. In dieser Form war Pro-Linux etwas Besonderes und stand einzigartig da.

Zuletzt wurden Schwierigkeiten sichtbar, eine Mobilansicht konnte nicht mehr gestemmt werden, und die angestrebte Monetarisierung durch die Nutzer selbst stand sicherlich in keierlei Verhältnis zum betriebenen Aufwand all der Jahre. Das Herzensprojekt endet nun nach über zwei Jahrzehnten aus persönlichen Gründen der Macher – und es wird eine Lücke hinterlassen. Wer und ob sie jemand füllen wird, ist ungewiss.

Mirko Lindner, Hans-Joachim Baader und Mitstreiter dürfen sich zugutehalten, distributionsübergreifend etwas für Linux bewegt und der Gemeinschaft der Anwender einen großen Anlaufpunkt geboten zu haben. Danke für unzählige Jahre Informationssammlung, Anregungen und Diskussionsstoff – und einen schönen publizistischen Ruhestand!


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