Au revoir, Mandriva!

29. Mai 2015

Der französische Linuxdistributor Mandriva wird abgewickelt. Damit endet die Geschichte einer langjährigen kommerziellen Linuxdistribution endgültig, die zu den Pionieren im Bereich Desktop-Linux zählte.

Schon zu Anfang des Jahrtausends bot Mandrake Linux, wie Mandriva ursprünglich hieß, Linuxeinsteigern und -profis einen bequemen Weg, Linux als Alternative zu Windows oder Mac zu benutzen. Neben dem damaligen SuSE-Linux (heute OpenSUSE) war es die einzige große Distribution, die den Desktopeinsatz fokussierte – als Debian noch ausschließlich im Textmodus installiert werden musste, Ubuntu noch in weiter Ferne lag und Red Hat Linux (heute Fedora) eher den fortgeschrittenen Anwender ansprach.

Mandrake-8.1-Installations-CD

Mandrake Linux erkannte eine Menge Hardware ohne Probleme und manuelle Nachkonfiguration und hatte ein übersichtliches Konfigurationszentrum. Als Oberfläche verwendete man ein ähnlich wie Windows konfiguriertes KDE (Einfachklick, einzeilige Taskleiste), für den Unterbau nahm man das RPM-System des Marktführers Red Hat als Vorlage. Quasi Red Hat mit KDE, das war damals ein Alleinstellungsmerkmal. GTK- und KDE-Anwendungen wurden zudem einheitlich gestaltet, so dass ein Desktop wie aus einem Guss entstand.

Damit war Mandrake seiner Zeit voraus, es bot einen vergleichbaren Komfort, wie es heute fast alle gängigen Distributionen ermöglichen, schon Jahre früher. Als andere Distris noch umständlich zu installieren und kompliziert einzurichten waren, konnten auch Linuxneulinge mit Mandrake recht problemlos loslegen, lange bevor mit Ubuntu das Desktop-Linux in Fahrt kam und den Hype auslöste, auf den Mandrake stets gehofft hatte. Doch da war es für Mandrake schon zu spät, denn es hielt zu lange am alten Geschäftsmodell fest, als Mark Shuttleworth sein Ubuntu schon längst gratis verteilte. Mandrake setzte zunächst, wie auch das alte SuSE, auch für den Endanwender weiter auf ein kommerzielles Modell, die „Powerpacks“ gab es im Karton, auf CD und mit Handbuch, zu stolzen Preisen. Nur die abgespeckte Version gab es gratis zum Download – oder wie damals üblich auf Heft-CDs von Linuxzeitschriften.

Der dann einsetzenden Gratiskultur hatte Mandriva nichts mehr entgegenzusetzen. Mit Clubmitgliedschaften wurde ebenfalls versucht, Einnahmen zu generieren. Schließlich setzte man auf Unternehmenskunden, nicht zuletzt seit der Fusion mit Connectiva Linux. Aus den finanziellen Schwierigkeiten kam Mandriva jedoch nie wirklich heraus, die Geschäftskunden nahmen lieber gleich ein traditionelles Enterprise-Linux oder setzten ebenfalls auf Gratis-Linuxe wie Ubuntu oder Debian. Dabei war Mandriva bis zuletzt einem Ubuntu ebenbürtig.

Ausschnitt Hintergrundbild Mandrake 2008.1

Mit der Community verscherzte man es sich zudem, als der Gründer der Distribution geschasst wurde und 2010 die meisten Entwickler, die selbst einen guten Draht zur Anwendergemeinschaft pflegten, entlassen wurden. Die ehemaligen Entwickler begannen daraufhin den Fork Mageia, in der die alten Mandrake-Prinzipien weiterleben sollten. Mandriva suchte sich indes einen neuen Investor und versuchte mit OpenMandriva das Modell und den Erfolg von Fedora bzw. OpenSUSE zu kopieren – die Community mit Unterstützung eine Distribution testen und entwickeln zu lassen und daraus von Zeit zu Zeit ein Unternehmensprodukt, den Mandriva Corporate Desktop/Server, zu generieren.

Somit existieren nun, obwohl Mandriva als Firma untergeht, gleich zwei unabhängige Desktoplinuxe, die an Mandriva anknüpfen: Mageia und OpenMandriva. Während Mageia jedoch gut aufgestellt zu sein scheint und etwa im Jahresturnus eine neue Version herausbringt, kommt OpenMandriva bislang langsamer voran. Auch wenn es nicht mehr so populär ist wie zu alten Mandrake-Zeiten und beide Distributionen in der Fülle des heutigen Angebots leicht untergehen, bietet vor allem Mageia weiterhin alles, was alte Mandrake/Mandriva-Fans an ihren Distributionen schätzten: eine solide Linuxdistribution mit KDE-Zentrierung, guter Gnome-, LXDE- und XFCE-Unterstützung, einfacher Administration und Nutzerfreundlichkeit.

So traurig es ist, Mandriva wird kaum jemand vermissen. Es ist Glück im Unglück für die Linuxwelt, dass OpenMandriva beizeiten in die Unabhängigkeit entlassen wurde und Mageia sich in den letzten Jahren als neue Distribution und heimlicher Nachfolger etablieren konnte.


aus der Kategorie: / Tratsch / Distributionen
(dws)

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Kommentare

Schade ist das natürlich auch für die nun ehemaligen Mitarbeiter, die ja auch ein Dach über dem Kopf haben möchten.

Mitschuld an der Pleite hat meiner Meinung auch die europäische (inkl. französische) Politik. Wenn es um Banken geht ist das Geld schnell da. Gibt es aber eine Möglichkeit nach dem NSA-Skandal die IT-Infrastruktur Europas unabhängiger von anderen Ländern zu machen und gleichzeitig die IT-Wirtschaft zu stärken, dann herrscht Schweigen.
Gerade der NSA-Skandal wäre doch eine gute Möglichkeit gewesen, die europäischen Betriebssystemanbieter zu unterstützen, indem man ihre Systeme in den Stadtverwaltungen, Schulen etc. verwendet und den Support in Anspruch nimmt. Stattdessen frickelt man sich selbst schlechte Mini-Distributionen zusammen, um zu zeigen, dass Linux keine Option ist.

— Daniele · 29. Mai 2015, 19:36

Ja, ist schade drum.

Mandriva hab ich damals, als ich noch jung war, auch gerne genutzt. Trotz RPM.

— isch · 30. Mai 2015, 23:01

Echt Schade. Mandrake Linux 8.1 war mein Einstieg in die Linuxwelt.

— Tadaa · 30. Mai 2015, 23:37

Mir war Ubuntu vor 2012 und ohne Unity lieber, da wurde die Hardware auch gut erkannt auch die Bildschirmauflösung war und ist bei Ubuntu besser als bei manches KDE-Disbri nur der Drucker wurde nicht erkannt, aber dss ist bei vielen Linuxen so! Und bei Mandriva ist es wohl so, daß sie sich nicht auf die neue Zeit eingestellt haben und kurz vor der Pleite gestanden waren und nun mußte leider das Personal verschlankt werden mußte und die jetzigen Entwickler versuchen dahin zu gehen wo sie gebraucht werden oder entwickeln jetzt nur Programme und Handyapps, denn irgendwohin muß für sie Dampfer weiter gehen, dann machen die halt was anderes, nur für die Linuxwelt könnten sie verloren gehen, das ist die eigentliche Tragödie dabei oder sie machen eigene Linuxsysteme mit Werbeflyer drinn, so können sie ihre Kosten decken!!

— · 1. Juni 2015, 16:31

Mandrake Linux wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben: Es war das Linux, wo es bei mir richtig “Klick” gemacht hat.

Der Mythos ist halt, dass Mandrake zum Marktführer RedHat kompatibel war, aber dann noch zusätzliche Sachen wie das Kontrollzentrum, urpmi (Metapaketmanager), NTFS-Resizing etc. gekauft und veröffentlicht hat und von der Cooker-Community unterstützt wurde. Die Cooker-Community gibt es nach wie vor. Cooker ist der Entwicklungszweig von (Open)Mandriva.

Ich möchte noch eine kleine Zusatzanmerkung machen: OpenMandriva arbeitet sehr eng mit dem russischen Distributor ROSAlabs zusammen, die auch die Build-Farm stellen. Mandriva SA hat zusammen mit ROSA die letzte Veröffentlichung (Mandriva Linux 2011) gemacht und sich dann größtenteils auf den Unternehmenssektor zurück gezogen.

Maik · 5. Juni 2015, 19:35

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