Das Ende von Thunderbird?

2. Dezember 2015

Das E-Mail-Programm Thunderbird aus dem Hause Mozilla, das auch für Firefox verantwortlich zeichnet, soll nicht mehr gemeinsam mit Firefox entwickelt werden. Mozilla will sich von Thunderbird trennen. Es bleibt die Frage, ob für das Programm ein neues Zuhause gefunden werden kann.

In der Vergangenheit wurden Thunderbird und Firefox oft als Gespann wahrgenommen, was sie technisch auch waren. Thunderbird benutzte denselben Unterbau wie Firefox; so wie der Fuchs Internetseiten anzeigte, wurden E-Mails von Thunderbird dargestellt. Damit soll nun Schluss sein. Mozilla will sich endgültig von Thunderbird trennen, d. h. es von der technischen Entwicklung des Firefox separieren, nachdem es die Weiterentwicklung zuvor schon eingestellt und das Programm kurzerhand als „fertigentwickelt“ deklariert hatte.

Dabei wurde Thunderbird früher schon einmal ausgelagert, allerdings nur organisatorisch: im Jahre 2007 wurde das Mailprgramm in die neugeschaffene Tochter-Stiftung Mozilla Messaging ausgegliedert, um die Weiterentwicklung zu forcieren, Thunderbird zu einer echten Kommunikationszentrale auszubauen – mit bescheidenen Ergebnissen. Vier Jahre später war Mozilla Messaging bereits am Ende, Thunderbird schlüpfte wieder direkt unter die Fittiche von Mozilla. Die technischen Strukturen im Hintergrund blieben jedoch dieselben. Ein Jahr später kam dann das endgültige Aus, die Weiterentwicklung wurde der Community überlassen. Das Ende von Thunderbird bei Mozilla war indes schon zu erahnen: Auf den Mozilla-Webseiten wird Thunderbird schon seit längerem nicht mehr beworben.

Mozilla ist gewillt, künftigen Entwicklern Hilfestellung zu geben, aber Thunderbird soll auf jeden Fall aus der Mozilla-Umgebung herausgelöst werden, damit Mozilla den Fokus ganz auf die Firefox-Entwicklung legen kann. Das Überleben von Thunderbird scheint damit keinesfalls gesichert, auch wenn es außerhalb von Mozilla fortgeführt werden sollte. Fraglich ist auch, wie sich das neue Szenario auf Projekte wie Seamonkey auswirken wird. Die Seamonkey-Suite könnte somit ebenfalls vor ihrem Ende stehen, wenn Mozilla die Hauptkomponenten Mail und Web nicht mehr wie bisher bereitstellt.

Fehlendes Geschäftsmodell

Es gab noch nie ein Geschäftsmodell für Thunderbird, es war eine Altlast, die nach der Aufteilung der Mozilla-Suite entstand. Damals wurde Thunderbird noch als zu wertvoll angesehen, um es einfach fallenzulassen, doch heute sähe es wahrscheinlich anders aus. Dabei ist Thunderbird nicht nur ein E-Mail-Programm, sondern vereinte und vereint eine Fülle von Kommunikationsanwendungen. Neben einem E-Mailer ist Thunderbird auch Usenet-Client, RSS-Newsreader, Twitter-Client und Kontaktverwaltung. Mit den entsprechenden Erweiterungen lässt es sich sogar zur Terminverwaltung hochrüsten.

Outlook konnte es jedoch nie Paroli bieten, auch weil die Kalenderintegration nie ernsthaft angegangen wurde, und auch unter Linux war die Konkurrenz im E-Mail-Bereich eher groß: KMail, Evolution, Sylpheed oder Claws-Mail sind hier die gängigen Alternativen. Die Plattformunabhängigkeit war lange Zeit der große Vorteil von Thunderbird, es gab kaum ein E-Mail-Programm, mit dem man seine E-Mails sowohl unter Windows als auch Mac und Linux gleich verwalten konnte. Inzwischen haben andere Programme aufgeschlossen.

Hier hat es sich gerächt, dass Mozilla für Thunderbird – wie auch für Firefox – primär die Privatanwender im Blick hat. Professionelle Anwender haben ihr Outlook, Privatanwender ihr G- und sonstiges Webmail – und für Thunderbird bleibt nicht mehr viel übrig. Thunderbird ist mittlerweile ein Nischenprodukt. Die Masse an E-Mail-Nutzern nutzt E-Mail auf unterschiedlichen Kanälen und mobil – und Thunderbird auf dem Smartphone wurde ebenso verpennt wie zuvor lange Zeit die Mobilentwicklung für Firefox.

Dass sich Mozilla nun endgültig von Thunderbird trennen will, ist nachvollziehbar, nicht nur aus technischer, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Zwar gab es auch Versuche, bei Thunderbird mit voreingestellten E-Mail-Dienst-Empfehlungen Einnahmen zu erzielen, doch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch wenn Mozilla mit Thunderbird ein ausgereiftes Produkt hat, das ohne große Konkurrenz dasteht (im Gegensatz zum Zugpferd Firefox), zahlt es sich für Mozilla im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus.

Enttäuschte Community

So nachvollziehbar dies auch ist, so befremdlich ist es gleichermaßen, dass Mozilla nun abermals ein bewährtes Projekt ziehen lassen will. Denn bei jeder Gelegenheit betont die Mozilla-Stiftung ihre Gemeinnützigkeit, die Fokussierung auf die Interessen der Anwenderschaft, die sie von anderen Organisationen unterscheidet. Doch im Interesse der Thunderbird-Anwender war der Abzug aller bezahlter Entwickler sicherlich kaum, und auch die jetzt angekündigte endgültige Herauslösung aus der Organisation wird vielen nicht gerade Freudenschreie entlocken. Allen, die in der Vergangenheit an Mozilla gespendet haben, um auch Thunderbird voranzubringen, werden sich nun gelinde gesagt leicht veräppelt fühlen. Ironischerweise könnte sich durch die endgültige Aufgabe von Thunderbird die Chance ergeben, dass das Programm irgendwann einmal wieder aktiver weiterentwickelt wird – sofern sich ein neuer Heimathafen finden sollte. Für Mozilla zeigt sich jedoch, dass auch hier letzten Endes die kommerziellen und organisatorischen Interessen im Vordergrund stehen – Gemeinnützigkeit hin oder her. Böse formuliert: Unter Gemeinnützigkeit scheint Mozilla eher zu verstehen, unprofitable Projekte an die Gemeinschaft abzugeben.

Für Thunderbird-Nutzer wird sich zunächst jedoch einmal nichts ändern, die Absichten von Mozilla befinden sich in einem sehr frühen Stadium, die Diskussionen um das weitere Vorgehen werden erst jetzt beginnen. Langfristig wird man sich aber schon einmal darauf einstellen können, dass Thunderbird kein Mozilla-Produkt mehr sein wird – und die Zukunft des Programmes ungewiss.


aus der Kategorie: / Tratsch /

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Kommentare

Tja Mozilla halt, der Laden ist mir die letzten Jahre absolut unsympathisch geworden. Aber diese Trauerveranstaltung gabs ja jetzt schon mehrmals: 2007 die Ausgliederung und 2012 die Einstellung der aktiven Entwicklung. Sollen sie ruhig machen, einerseits ist es schade weil Thunderbird so ziemlich der beste E-Mail-Client unter Linux ist, andererseits ist Thunderbird aber auch ein Beispiel einer fetten Anwendung, die zudem unübersichtlich bei den Einstellungen ist.

Von Firefox bin ich vor Monaten weg zu Opera und hoffe auf die erste Finalversion vom Vivaldi-Browser, der einen eigenen E-Mail-Clienten mitbringt und dann tschüss Thunderbird und auf Nimmerwiedersehen Mozilla.

— Bernd · 2. Dezember 2015, 11:12

ich habe vor einiger Zeit trojita entdeckt. Das ist zwar noch in einem frühen Stadium und kann leider noch nicht mehrere Accounts verwalten, wirkt aber sehr vielversprechend. Also eines Tages werde ich wohl dann hoffentlich zu Trojita migrieren können ;)

— · 2. Dezember 2015, 15:17

Sag mir wer will was anderes, aber ich nutze seit langem Evolution, samt App zum abfragen von Mails und bin absolut zufrieden damit. Einst von K-Mail vertrieben, ist Evolution gut Nutzbar, samt Verschlüsselung von Mails und das schon seit Jahren. Diese Browser Anbieter sollen Browser anbieten. Und zwar echte, schnelle und schlanke Browser. Ohne diese Datensammelei die anschließend meistbietend verhöckert wird und nicht mit aufgeblasenen Anwendungen (mit zig Apps für allen möglichen Schnulli) die so viel Ressourcen fressen wie eine ganze Distri.

Egal ob FF, Chromium oder Opera -das ist alles Proprietärer Scheiß.

— Knalltüte · 2. Dezember 2015, 15:38

Nachtrag: … auch Vivaldi ist keine Ausnahme, ist ebenfalls Proprietärer Scheiß!

— Knalltüte · 2. Dezember 2015, 16:16

So übel ist Vivaldi nicht. Immerhin hören diese Modder auf ihre Community und implementieren Features die diese wollen. Erweitertes Cookie Management oder total bewegliche UI Leisten? Kein Problem.

Das ist mehr als man von Opera erwarten konnte und auch Mozilla hat sich die letzten Jahre nicht mit Ruhm bekleckert und genau wie die Operianer statt für ihre Geeks zu sorgen, lieber dem Marktanteil von Chrome hinterhergehechelt und Features gestrichen damit sie ja einen Teil des Kuchens abbekommen.

Da fällt die Wahl einfach wofür ich mich entscheide.
Open Source wie Mozilla die Nutzer ignoriert wegen 180 Grad Wendung der Entwicklungspolitik oder Vivaldi, wo der Nutzer zählt und seine Bedürfnisse.

— Lesnik · 4. Dezember 2015, 17:02

Wollen wir hoffen das es so bleibt, denn meist ändert sich das wenn der Erfolg kommt und zu Kopf steigt. Ich hab so eigentlich nix gegen Vivladi, nur ist unter der Haube der gleiche Schrott von Google wie Opera, Chrome bzw Chromium hat. Alles Proprietäres Zeug wo niemand weiß was mit dem gesammelten Daten alles so passiert. Es wäre schon wünschenswert, das wenigstens FF als s.g. open-source hier anders ran geht. Jedoch tun die das auch nicht, leider.

— Knalltüte · 5. Dezember 2015, 11:40

Das witzige ist ja dass eher die Blink Browser jetzt Anpassungsfunktionen bekommen. Vivaldi, oder Otter-Browser und Qupzilla, die auch eine Art Blink Engine dank der QTWebengine bekommen.

Vivaldi wird seinen Nutzern sicher nicht untreu, da der Boss gesagt hat er wird keinen Ausverkauf zulassen, also keine Deals annehmen wo der “Aktionär” dann schlussendlich bestimmt wohin die Reise geht.

Da von Tezchner ja immer für Anpassungen war und er Opera verlassen hat da dort so ein Ausverkauf stattfand macht er mit Vivaldi den Fehler kein weiteres mal. Den Fehler hat er einmal gemacht und daraus gelernt.

— Lesnik · 6. Dezember 2015, 22:38

http://forums.mozillazine.org/viewtopic.php?p=14431631#p14431631

Es ist immer sehr erhellend wenn man mal die Wahre Meinung von Mozilla zu Open Source und Core contributors präsentiert bekommt. Der Google Groups Post ist sehr lesenswert meiner Meinung nach!

— Coconut · 10. Dezember 2015, 17:48

Komisch, das Mozilla erkannt das sie ein gutes Kalb schlachten, wenn sie Thunderbird freigeben würden, bei der Nutzernachfrage, nur hat Sören H. in sein Blog nicht erwähnt, in sein Artikel wie hoch so eine Nutzerquote sei – jeden will Mozilla sein Baby genannt Donnervogel nicht mehr loswerden, hat Mozilla vielleicht Knetfeder/Pinguinzubebör gelesen(Scherz) oder gab es ein Shitstorm seitens der weltweiten Community (..das glaube eher) siehe hier der Link von Sören Hentzschel:

https://www.soeren-hentzschel.at/thunderbird/thunderbird-erhaelt-unterstuetzung-von-mozilla-um-besser-auf-eigenen-beinen-stehen-zu-koennen/

… tja auf einmal kommt Thunderbird in Mutter Schoß, (Mozilla) Nachtigall ich höre dir trapsen!

@Lesnik

Man weiß ja auch garnicht warum von Tezschner gegangen worden ist, denn von Dumsdorf kann der nicht sein mit sein skandinavischen ASA-Konzern, den Opera war jahrelang erfolgreich und vielleicht ist er gegangen damit keine Schmutzwäsche über ihn gewaschen wird und er hatte die falschen Berater die ihn eintüten wollten und vielleicht hatte sie etwas gegen ihn in der Hand, will mich nicht festlegen und nur sagen es kann viele Gründe geben, warum er gegangen worden ist!

Euer Julikrebs68

Julikrebs68 · 16. Dezember 2015, 07:12

Hallo,

Es gibt doch eine Alternative, bei debian z.B. ist wenn ich mich nicht irre, ICEDOVE im Einsatz, es basiert doch auf Thunderbird! Und als Broeser kommt ICEWEASEL, DAS AUF FIREFOX BASIERT. Ich nutze sowieso lieber Produkte, die aus der Comiunity kommen.

— Detlef Schneider · 17. Dezember 2015, 21:56

https://www.mozilla.org/en-US/thunderbird/45.0/releasenotes/

Und nun gibt es eine neue Version von Mozilla? Wie vereinbart sich das denn nun mit dem zuerst angekündigten “Ende”?

Ich meine, es ist ja gut, dass es weitergeht, nur hinterlässt es einen schalen Eindruck, wenn man trotzdem nichts Genaues weiß…

— armakuni · 15. April 2016, 09:14

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